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  • DNS II, Kapitel 6, Teil 1

    Femimina gibt schliesslich auf die Wand anzustarren. Sie zieht ihre Beine hoch, sie mit beiden Armen umfassend, verbirgt sie den Kopf dazwischen und schliesst ihre muede gewordenen Augen. Sie atmet die Stille des Raumes ein wie den Duft einer Blume und ihre Gedanken versinken darin. Rinnsale vieler junger Quellen, die in reicher moosbedeckter Erde verloren gehen, nur um sich in klaren unterirdischen Gewaessern zu sammeln. Sie muss da mit reingefallen sein, denn sie findet sich in einem hoelzernen Boot inmitten eines Sees, als sie ihre Augen wieder oeffnet. Die Ruder sind beiseite gelegt, und das Wasser glaenzt silbrig glatt, als sei es tatsaechlich ein Spiegel. Eine warme Sonne streicht ueber ihre Wangen und das Wasser plaetschert vergnuegt, wenn sie sich reckt und streckt. Es ist ein stiller Morgen, grad so, als sei es der Morgen nach einer schlaflosen Nacht, an dem niemand Eile hat, den Tag zu beginnen. Sie gibt sich nur zu gerne dieser Ruhe hin, in den Sonnenstrahlen badend, auf einem See als ihr Spiegel.

    Ein sonderbares Geraeusch beendet die Idylle. Der See ist ploetzlich weg und sie sitzt wieder in ihrem Wartezimmer auf der hoelzernen Bank. Jedoch die Tuer in den Raum steht offen, und die Person auf der Schwelle, die nur kurz verharrt, bevor sie voellig eintritt, so unglaublich oder unmoeglich es auch scheint, ist BABA!

    Femina verharrt regungslos. Sie weiss nicht, was sie davon halten soll. Ist es nun Einbildung, oder ist er es wirklich? Sie verfolgt schweigend, wie er kaum hoerbar ueber den Fussboden geht. Eigentlich spuert sie seine Bewegung mehr, als dass sie ihn hoert, ist er doch barfuss. Mitten im Raum macht er halt, legt sein Buendel ab und beginnt seine Habseligkeiten auszupacken. Ihre Zweifel legen sich. Er ist keine Halluzination, denn alle ihre Sinne nehmen ihn wahr, in logischer Art und Weise und die wenigen Geraeusche, die er macht, sind eindeutig die Folge seiner Aktionen. Nachdem er seine Decke ausgebreitet hat, laesst er sich nieder. Mit ein paar Gesten laedt er sie ein, sich zu ihm zu gesellen. Sie schluepft von der Bank und setzt sich ihm gegenueber. Aufmerksam schaut er sie an, forschend und irgendwie fragend. Seine Augen leuchten dabei, als wollten sie mondlose Naechte erhellen, und dann wieder scheinen sie dunkel und warm, wie die Glut eines abgebrannten Feuers.

    Nachdem er sie neugierig und lange genug betrachtet hat, wendet er sich von ihr ab und anderen Dingen zu. Sie beobachtet ihn schweigend. Er kramt in seinen Habseligkeiten. Aus einer blechernen Dose entnimmt er einige Paeckchen, sein in Stoff gehuelltes Shilom und wickelt alles aus. Bedaechtig mischt er den Inhalt zweier Beutelchen zusammen. Dann stopft er einen Teil davon in seine Pfeiffe, umhuellt das Mundstueck mit einem Stueck Stoff und bietet es ihr an. Sie lehnt dankend ab, nimmt stattdessen die Streichhoelzer und, nachdem er Shiva die Ehre erwiesen hat, gibt sie ihm Feuer.

    Baba‘s Gegenwart bereitet ihr wie immer eine ganz besondere Freude, doch ploetzlich, ohne Anlass oder Warnung, geschieht etwas Unerwartetes. Sie spuert es koerperlich, mit jeder Faser ihres Koerpers, ja mit all ihren Zellen. Sie spuert eine Art Transformation, die auf jeder Ebene ihrer Person so geschwind und unaufhaltsam vor sich geht, dass sie weder Zeit zum Protestieren oder gar zum Reagieren hat. Nicht dass sie das wollte, denn was auch immer geschieht, ist weder unangenehm noch alarmierend. Im Gegenteil! Es ist als fege ein Wind durch sie und ueber sie hinweg, als verwandelten sich schaumbrodelnde und stuermische Gewaesser zu Wellen und Wogen, die sich wenden und drehen, um sich zu formieren, und dann in eine gemeinsame Richtung laufen, geordnet, kraftvoll, und in Harmonie miteinander. Ob gross oder klein, sie sind unterwegs, und wenn auch kein Land zu sehen ist, sie haben ein Ziel. Femina wird sich mit einem Male klar, was sie will und was ihr wichtig ist.

    Suesse Rauchschwaden steigen auf, fuellen allmaehlich den Raum. Sie akzeptiert, dass sie sich auf einem neuen Weg befindet, vom dem es weder ein Zurueck, noch ein Entrinnen gibt. Sie hat eine Metamorphose durchgemacht, die nun ihren Abschluss gefunden hat. Und damit ist ploetzlich alles anders! Ihr Leben, ihre Welt, – nichts ist mehr wie es war, nichts kann dasselbe sein. Auch wenn es nur sie ist, die sich veraendert hat, alles hat sich mit zu aendern. So sieht sie auch Baba mit anderen Augen. Zwar war er ihr immer ein ganz spezieller Freund gewesen, exotisch, raetselhaft, liebenswert; als Beispiel personifizierter Freiheit sogar bewundernswert und verehrungswuerdig. Aber er stellte fuer sie ebenso ein grosses Fragezeichen dar, gab es doch nie Diskussionen oder etwa Lehren, oder gar Antworten auf ihre neugierigen Fragen. Das trug natuerlich zur Intrige bei. Genau das war aber auch der Grund fuer ihre Zuneigung. Sie konnte sich allerdings nie klar werden, w a s sie wirklich fuer i h n empfand. Jetzt hat sie keine Zweifel mehr. Es ist L i e b e ! Eindeutig und ohne Vorbehalt. Und es ist keineswegs die fluechtige Liebe einer Schuelerin, die einen Lehrer verehrt. Nein! Sie ist erwachsen. Sie sind Mann und Frau. Und sie sieht in ihm einen Partner, gleichberechtigt, unabhaengig voneinander, ohne Forderung und ohne Erwartung. Waehrend sie ihn sinnend betrachtet, laechelt sie ueber sich selber, denn sie kann nicht umhin, von ihm zu schwaermen. Er ist ein zu schoener Mann! Er ist perfekt, im wahrsten Sinne des Wortes! Und er ist ganz und gar ihrer Bewunderung wuerdig! Nichts kann daran was aendern! Und doch! Es ist Liebe, die sie empfindet. Sie liebt ihn ohne Einschraenkung, ohne Bedingung, denn da gibt es tatsaechlich nichts an ihm, das sie nicht lieben koennte.

    Phil faellt ihr ein und dessen Frage nach dem Sinn seines Lebens, seinem Wunsch oder Streben nach Vollendung. Wie sehr sie doch sein Unbehagen versteht: Ohne Beweise zu haben ist es grad so, als segle man ohne Kompass auf einem offenen Meer. Im Gegensatz zu Phil, und ihr, Baba braucht keinen Kompass. Er ist ueberall zuhause.

    Und wie steht es nun mit dem Sinn ihres Lebens? Wie steht es damit, dass sie ihrem Leben ein Ende setzen wollte? Und hat sie nicht auch diesen Wunsch nach Vollendung? Ja, durchaus! Sie hat, wenn auch unbewusst, nach einer Art der Vervollkommnung gesucht. In diesem Falle war es zwar nur verlorengegangene Erinnerung gewesen, was den Blick zurueck in die Vergangenheit erforderte, nicht in die Zukunft. Und doch! Auch wenn es nicht das gleiche zu sein scheint, der Blick zurueck ist trotzdem wichtig. Ein vollendetes Bewusstsein hat naemlich keine Gedaechtnisluecken. Aber abgesehen davon! Was war ihr schon uebrig geblieben, sich so ohne ihrer Erinnerung in derart unerklaerlichen Umstaenden, wie diesem Hauses, zu finden! Leider waren ihre Bemuehungen nicht besonders erfolgreich gewesen. Nur, als sie sich zu arrangieren begann, abgelenkt von wundervollen und gluecklichen Erlebnissen, kam ploetzlich die Krankheit. Die hat sie geradezu gezwungen sich den existenziellen Fragen ihres Seins zu stellen. Sie musste also wieder nach Antworten suchen und sie musste erst recht eine Antwort auf die Frage finden: Leben oder Tod? Obwohl von unmittelbarem Interesse sind dabei weder die Vergangenheit, noch die Zukunft, der Mittelpunkt. Alles verblasst in der Gegewart jener ernuechternden Frage: „Sein oder Nicht Sein“, vorallem wenn es Entscheidung und Handlung verlangt. Sie war dieser wahrhaft elementaren Konfrontation keineswegs gewachsen gewesen! Wie ein Erdbebens ist es ueber sie hereingebrochen, von solcher Staerke, dass es die Fundamente ihres bewussten Seins fragmentierte und dessen Saeulen zum Einsturz brachte. Und doch! All diese Zerstoerung gab Phoenix Fluegel. Wohl war ihr existentielles Selbstverstaendnis zusammengebrochen, nicht aber ihr Selbstbewusstsein! Das entfaltete sich!

    Femina ist zudem erstaunt, wie muehelos sie letztenendes ihre Antwort fand. Es ist grad so, als waere sie nie in diesen lichtlosen Abgrund gestuerzt, wo es nicht einmal einen Funken Hoffnung gab. Und obendrein ist die Antwort verblueffend einfach: – Sie hat nur dieses Leben zur Verfuegung, nur diesen Verstand, nur dieses Wissen. Es ist einzigartig, unwiederbringlich und einmalig. Ihre Existenz als Teil des Ganzen, muss ihr Sinn genug sein. Und das ist es auch, egal ob ‚Sein und Nichts‘, ‚Evolution und Nirvana‘ , oder ‚Differenzierte und Undifferenzierte Potenz‘! Sie versteht nun aber auch, was Freiheit ist und was sie ihr bedeutet. Tatsaechlich ist Freiheit alles, worum es hier geht: Frei sein, und Freiheit von allem!

    Das heisst, sie ist nicht frei, wenn sie sich von ihrer Mobilitaet abhaengig macht. Die ist schliesslich nur zweckdienlich. Sie ist nicht frei, wenn sie ihrem Verlangen, das Leben geniessen zu wollen, einen derartigen Stellenwert einraeumt, dass sie lieber nichts von dieser Welt hat, als sich trotz ihrer Krankheit an deren Vielfalt und Schoenheit zu erfreuen. Genauso wenig ist sie frei, wenn sie ihre so hoch geschaetzte Unabhaengigkeit nicht aufgeben kann, weil sie wahrscheinlich die Hilfe anderer brauchen wird. Ihre Unabhaengigkeit zu verlieren, ist fraglos das Schwerste, dass sie sich vorstellen kann. Aber wer weiss! Ihr Verstand kann ihr helfen, solange wie moeglich selbstaendig zu bleiben, und der Tod kommt ganz gewiss, vielleicht sogar unerwartet. Wenn sie letztendes ohne Hilfe auskommen wollte oder muesste, dann kaeme das Ende ohnehin frueher. Was soll sie sich also Gedanken machen! Dem Tod zuvorkommen zu wollen erscheint ihr nicht mehr logisch. Ausserdem! J e t z t hat sie noch all ihre Faehigkeiten! Und was waere wohl logischer, als jetzt erst recht alles zu geniessen, intensiver und bewusster als je zuvor, weiss sie doch nie, ob es nicht das letzte Mal ist! Freilich! Sie kann nicht umhin, ueber den Preis der Freiheit zu lamentieren. Er ist in ihren Augen viel zu hoch, ja exorbitant! Sie seufzt. Baba wuerde dem nicht zustimmen! Er kann alles aufgeben. Er hat ohnehin nichts mehr, abgesehen von den paar Habseligkeiten. Er hat sich sogar seiner Sprache entledigt, egal ob es fuer immer ist, oder auch nicht. ‚Verdammt!!!!‘ faehrt es ihr grollend durch Kopf. ‚Er hat schliesslich Shiva!‘

    Baba setzt das Shilom ab. Sie sieht ihn an. Seine Augen sind fragend waehrend er auf das Shilom deutet. Sie nimmt es ihm aus seiner Hand und waehrend sie den Rauch einatmet schaut sie ihn unentwegt an. Er beginnt zu lachen, ohne einen Laut von sich zu geben, aber sein ganzer Koerper lacht mit ihm. Es springt auf sie ueber und ihr Groll ist wie weggeblasen. Es ist voellig egal, ob Shiva ihn freimacht oder abhaengig. Baba kuemmert sich ohenhin nicht darum. Er lebt, und das ist alles; Freiheit – Unfreiheit, selbst das ist unbedeutend! Und damit kommt sie zurueck zum Sinn ihres Lebens: Es ist nicht Shiva, es ist nicht Allah und nicht Jesus, nicht dies oder das. Es ist einfach nur „Sein“, ihr einzigartiges und einmaliges Sein. Ganz und gar gleich Baba, wenn auch sein und ihr Leben nicht dasselbe sind. Ihr Leben, sein Leben, ja kein Leben ist ein ‚Muss‘. Es ist bloss eine Gelegenheit. Doch jedes ist einmalig.

    Femina‘s Gedanken wandern. Sie kommt wieder auf Phil zurueck, denn ihr Verstand gibt keine Ruh‘, er will reflektieren. Ja, sie glaubt auch an Fortschritt, an ein Ziel, so wie Phil. Es fiele ihr ebenso schwer zu akzeptieren, dass sich nie etwas aendern koennte. Und sie wuerde zu gerne ihre eigene vollkommene Potenz erfahren, so wie Phil. Aber das sind alles nur Wuensche, und tagtraeumen ist nur Zeitvertreib. Doch grad so wie Phil es wichtig fand, Selbstbestimmung und die Freiheit der Wahl zu haben, so ist das auch fuer sie. Da sie aber nicht auf den Kollaps des Universums warten kann, noch bis es sich zu seiner vollen Potenz differenziert hat, verbleibt nur die Gegenwart, und sie selber, die ueber sich und alles, was dazugehoert, entscheiden kann. Und genau das hat sie getan, als sie sich dem Ultimatum, fuer oder gegen Leben, stellte. So gesehen vollzog sie Phil’s Theorie im Kleinformat. Sie ist naemlich, genau betrachtet, ihr ureigenes Universum, das sich, so wie der Kosmos, noch immer entfaltet.

    Sie hat sich also fuer’s Leben entschieden. Und wenn Selbstmord auch nach wie vor eine Moeglichkeit ist, er hat fuer sie keine Qualitaet der Erloesung mehr. Er waere nur eine unvollkommene Loesung ihrer Probleme.

    Ihre Gedanken fliegen fort mit dem Rauch, den sie ausatmet. Es bleibt nichts mehr zurueck, das Melancholie oder Sorge waere. Sie geniesst mit Baba das gesellige Zusammensein. Wie immer, sie verstehen sich auch ohne Worte.

    Baba steckt die Pfeiffe weg. Er nimmt seinen Turban ab, fasst die vielen hervorquellenden Haarstraehnen geschickt zusammen und tuermt sie in einem Knoten hinauf auf seinen Kopf. Dann streckt er die Arme ueber die Knie und schliesst die Augen halbmast. Waehrend sie ihn liebevoll betrachtet, fragt sie sich, wie es moeglich war, dass er sie hier in diesem Zimmer, ja wie er sie ueberhaupt ausfindig machen konnte. Ausserdem, so glaubt sie wenigstens, war es bisher immer nur ein gluecklicher Zufall gewesen, wenn sie sich begegneten. Das hier war kein Zufall! So gluecklich sie darueber auch ist, sie findet es hoechst ungewoehnlich und es erinnert sie natuerlich daran, dass sie sich noch immer in diesem raetselhaften Haus befindet, das seine eigenen Regeln hat und das sie bis jetzt nicht verlassen hat koennen. Oder sollte sich das auch geaendert haben?!

    Femina spuert Bewegung, einen Luftzug, oder etwas, das die Luft in Schwingung versetzt. Es kommt von der Wand, die zuvor als Filmleinwand diente. Da sie sie nicht direkt im Auge hat, wendet sie den Kopf in die besagte Richtung, um sich zu vergewissern; und tatsaechlich, – die Wand ist weg! Stattdessen scheint da eine Buehne zu sein, die ein schwerer blausamtener Vorhang verschlossen haelt.

    Buehnenvorhaenge haben nicht nur den Zweck, dem Zuschauer den Blick auf die Buehne zu verwehren, sie fuellen ihn auch mit Erwartung. Es ist unmoeglich diesem Zauber zu entrinnen, wie jeder Theaterbesucher weiss. Femina setzt sich auch gleich zurecht und wartet gespannt. Sie beobachtet hin und wieder sanftes Rippeln in den Falten, ein Zeichen dafuer, dass hinter dem Vorhang etwas vor sich geht. Und dann ist es soweit, der Vorhang schwingt lautlos auseinander. Ein zweiter Vorhang aus duennem transparentem Material kommt zum Vorschein. Es ermoeglicht einen ersten Blick auf die Buehne, wenn auch nur schemenhaft. Im Mittelteil des Vorhanges findet sich eine Aufschrift:

    S C H A C H S P I E L

    (In 3 Akten)

  • DNS II, Kapitel 5, Teil 4

    Femina fragt sich, ob sie bereit ist, dieses Leben gegen ein anderes, das sie nicht kennt, einzutauschen. Es ist nicht wirklich die Loesung fuer ihr Problem. Auch wenn sie keine Ahnung hat, was aus ihr werden koennte, es ist auf keinen Fall der Ausweg, den sie sich vorgestellt hat oder wuenscht. Dieses Leben zu beenden macht schliesslich nur dann Sinn, wenn damit wirklich alles beendet werden kann, Punkt und Schluss und nichts mehr, was auch immer…….. Verdammt und zugenaeht! Sie wird hin und her gerissen, ist wie der Tennisball, der von einer Seite zur anderen geschlagen wird. Sie findet nicht einmal Gelegenheit sich mit einer Moeglichkeit anfreunden zu koennen, schon fliegt sie wieder auf die andere Seite, in eine andere Ecke.

    Ausserdem, Phil hat nicht wirklich die Frage beantwortet, was e r unter Reinkarnation oder Wiedergeburt versteht. Sie war offensichtlich zu sehr mit ihren eigenen Vorstellungen beschaeftigt gewesen, als dass sie auf seine Meinung bestanden haette. In ihrer jetzigen Lage ist sie allerdings um so mehr daran interessiert. Bleibt nur zu hoffen, dass der Film doch noch etwas davon beinhaltet. Sie kann sich naemlich nicht erinnern, ob oder was er dazu zu sagen hatte.

    Eines steht fest, sie ist nach wie vor im Dilemma und nach wie vor keiner Entscheidung naeher gekommen. Angst vor der Zukunft? Auf jeden Fall! Angst mit Krankheit leben zu muessen, Angst, dass ein anderes Leben noch schlimmer sein koennte! Tatsaechlich waere es viel einfacher an Gott und Teufel zu glauben. Herr seines Lebens zu sein, hat leider seine Schattenseiten, weil nichts, ausser das eigene kleine Selbst unter Kontrolle gebracht werden kann, – und das oft nur mit Muehe, – wenn ueberhaupt.

    Phil’s Stimme unterbricht den Lauf ihrer Gedanken, indem die Diskussion der beiden auf der Leinwand ihren Fortgang nimmt. Auch wenn sie nicht sicher ist, ob es ihr helfen wird, eine Loesung fuer ihr Problem zu finden, es ist ohnehin das Einzige, das ihr uebrig bleibt. Nachdem selbst das Eis sie ausgespuckt hat, was bleibt schon uebrig! Warum also nicht zuhoeren……

    „Mag sein, dass eine Revision alter Lehren notwendig ist, tatsaechlich spielt das fuer mich keine Rolle. Alle Religionen haben an meinen Ueberlegungen Anteil, ob Hinduismus oder Buddhismus oder Indianerkulturen, ganz egal. Religionen schliessen sich naemlich nicht aus, sondern komplementieren sich, und im Vergleich miteinander finden sich die groessten Ueberraschungen. Das Problem mit den Religionen ist ja nicht unbedingt deren Inhalt, sondern nur was der Mensch daraus macht, und das gilt fuer alle Religionen. Ich lasse mich lieber Atheist schimpfen, als dass ich mich mit einer affilieren moechte.“

    Er holt kurz Atem. „Mich beschaeftigt etwas ganz anderes…….“ Er zoegert, faehrt jedoch fort als kein Einwand kommt. „Es ist die Frage von Anfang und Ende.“

    Femina ist irritiert. Sie wundert sich, grad so wie ihre Leinwand Persona. Warum von Anfang und Ende reden, wenn es doch nur das Ewige gibt? Das hatten sie doch grade propagiert!

    Phil laechelt, abwartend, aber da trotz offensichtlicher Verblueffung kein Protest erfolgt, setzt er fort: „Es ist so schwer vorstellbar, dass etwas ohne Anfang sein sollte. Ich kann mir eher etwas ohne Ende vorstellen, aber ohne Anfang? Als Mensch ist man zwar mit dem Konzept von Anfang und Ende vertraut, Zeit, um genau zu sein, nicht aber was das Ewige betrifft. Anfang und Ende sind aber Bestandteil des kontinuierlichen Prozesses, nicht nur was das Sein betrifft. Nur! Das Konzept von Zeit ist rudimentaer in uns verankert, nicht so das Prinzip der Ewigkeit. Das verstehen wir nur theoretisch. Wir erleben nicht Ewigkeit, sondern nur Zeit! Wir werden geboren und sterben, und so wie der Mensch geboren wird, sich entwickelt und stirbt, so wird das Universum geboren, entwickelt sich und stirbt, wie eben alles was das Sein ist. Wissenschaftlich gesprochen heisst das: Der Kosmos beginnt mit dem „Big Baeng, oder Urknall“, hat eine fortlaufende Entwicklung, was er ja tatsaechlich tut, und dann ein Ende, mit einem Kollaps, oder wie das auch immer sein mag. Man spricht von diesem Untergang in allen moeglichen Prophezeiungen, in ernst zunehmenden und nicht ernsten. Aber auch die Wissenschaft nimmt das an. Die ist sich nur noch nicht sicher, wie es vor sich gehen wird. Evolution ist also ein zeitliches Geschehen, ein Charakteristikum des „Seins“. Ewigkeit geht aber darueber hinaus, ist dem Anfang und Ende uebergeordnet. Die Konstante ist das Prinzip. Ewigkeit ist, Zeit ist darin enthalten, hat aber sonst keine Bedeutung. Ewigkeit hat kein davor oder danach, sondern nur ein ist. Zeit ist linear, Ewigkeit wie ein Kreis. Es ist ein Kreislauf. Evolution, in ihrer fortlaufenden Entwicklung mag Ewigkeit simulieren, hat aber eine zeitliche Ordnung, ist daher nicht ewig. „Sein und Nichts“ ist ewig, nicht aber das Sein, noch das Nichts. Interessanterweise, unsere DNS hat nicht nur lineare Ausrichtung, sondern auch eine kreisfoermiige, eine dimensionale Angelegenheit, aber das sei im Moment nur nebenbei bemerkt.”

    „Das ist ungemein interessant, was du da eben gesagt hast. Ich meine beides, aber mir gefaellt besonders das mit der Evolution. Sozusagen, die menschliche Evolution kann man als Kleinformat der universellen sehen, wenn ich dich richtig verstehe!“ Sie ist begeistert. „Was ist da dein Problem? Dass wir uns sovieles nicht vorstellen koennen? Leider, ja. Wir wollen wissen, nicht glauben, nicht wahr? Eigentlich wollen wir noch viel mehr, wir wollen begreifen, nicht nur verstehen, nicht wahr?“ Er nickt und zuckt die Achseln.

    „Ich weiss,“ sagt sie mitfuehlend. „Mir geht es auch oft so. Von dem aber abgesehen, das ist doch genau das, was wir zuvor besprochen haben. Freilich nicht ganz so exemplarisch. Doch finde ich die Vergleiche hoechst interessant und so zutreffend! Ist das alles, wo du ein Problem siehst?“

    Er atmet tief ein und lange aus, fast klingt es wie ein Seufzer: „ Es sind die begrenzten menschlichen Perspektiven, die mich plagen. Vorallem, weil sie ja ungeheure Tragweite und Konsequenzen haben.“ Er schuettelt den Kopf, grad so als wolle er sich von unangenehmen Gedanken befreien und faehrt dann fort: „Vielleicht kommen wir spaeter darauf zurueck. Lass uns vorerst von den evolutionaeren Analogien reden; die haben in gewisser Weise ohnehin damit zu tun. Also, man kann die beiden, universielle und menschliche Fortpflanzung im Sinne des Evolutionsprozesses vergleichen, wobei das fuer mich mehr als nur ein Vergleich ist. Obendrein! Der Mensch an sich spielt nur eine untergeordnente Rolle. Jede organische Lebensform hat das Potenzial und koennte seine Rolle uebernehmen. Aber derzeit ist es eben der Mensch dessen Spezie auf Grund seiner sich entwickelnden intellektuellen Faehigkeiten Dominanz ueber alle anderen Lebensformen erlangen konnte. Mit dieser Entwicklung geschah aber etwas ganz Besonderes. Sie ist naemlich der Grund fuer die Mystifizierung seiner Existenz, denn seine existentiellen Erfahrungen mussten zwangslaeufig auf Grund mangelnden Wissens und Unverstaendnisses gegenueber seiner Herkunft, ja was das Leben schlechthin betraf, zu religioesen und philosophischen Ueberlegungen fuehren. Zuerst wohl primitiv, so wie wir das heute beurteilen, aber mit zunehmender Intelligenz und zunehmendem Wissen veraenderten sich natuerlich auch die Goetter, die er bereit war und vorallem heutzutage bereit ist, anzubeten. Was nicht unbedingt jedem willkommen oder recht ist, – aber das nur so nebenbei!“

    Er haelt wieder inne, ueberlegend, als suche er in seinen Gedanken nach was Bestimmtem, faehrt dann aber mit lauten Ueberlegungen fort:

    „Nun, wir haben vom Intellekt, der Intelligenz des Menschen gesprochen. Das sind geistige Faehigkeiten und wie es scheint, haben die sehr wenig mit Materie zu tun. Lass uns nun, ‚Sein und Nichts‘ mit ‚Materie und Geist‘ ersetzen. Wohlgemerkt! Geist ist nicht Nichts, gradso wenig wie Nichts nicht nichts ist. Geist ist bloss ein feines Substrat der Materie und Nichts ist bloss undefinierbar, wenn du dir unsere Diskussion ueber das Nichts in Erinnerung bringst. Die Evolution des Menschen zeigt uns, dass Materie Intelligenz entwickelt, also Geist hervorbringen kann, indem sie zuerst die soliden Voraussetzungen schafft, und dann, im Laufe der zunehmenden Spezialisierung, das feine Substrat, das die Evolution des Geistes ermoeglicht. Es ist ein kontinuierlicher Prozess des Fortschritts. Wie dieses feine Substrat geschaffen werden kann, ist keineswegs ein „Wunder“. Es ist tatsaechlich zwangslaeufig. Zum Beispiel: Man spricht vom leblosen Stein. Nur stimmt das nicht. Leben ist Bewegung, ja und im Stein sind alle Atome in staendiger Bewegung. Also selbst der Stein hat Leben und in ihm ist ein feines Substrat, das man weder sieht noch greifen kann. Jegliche Materie besteht aus Atomen! Nun, unser Kopf mit seinen Denkprozessen, die in unserem Gehirn ablaufen, ist wie der Stein, indem es Leben gibt.“ Er laechelt. „Ich hoffe, du verstehst, dass ich unseren biochemischen – und elektrischen Prozessen in unserem Gehirn keineswegs ihre hoch qualifizierten Leistungen abspreche. Ich bin ganz und gar fuer’s „Wunder“, vorallem weil es so wirklich wunderbar ist!“ Er zwinkert ihr vergnuegt zu. „Also Geist ist zwar nicht solide Materie, aber dennoch was Konkretes, Geist ist und hat Substanz.“

    Sie unterbricht ihn. „Gib mir einen Augenblick fuer meine Gedanken!“ sagt sie und schmunzelt. „Geist und Gedanken sind also in diesem Sinne nicht frei von Materie. Sie sind also nicht immateriell. Hm, insofern, dass sie Inhalt haben, kann ich natuerlich zustimmen, aber sie sind Substanz? Das musst du mir erklaeren!“

    „Es ist kein Widerspruch,“ sagt er geduldig. „Gedanken sind schliesslich nur durch spezielle biologische Reaktionen, biochemisch, elektrochemisch, molekular und atomar, moeglich; eben Substrat und Substanz des Geistes und der Gedanken. Es ist der Inhalt der Gedanken, der zwar ebenfalls konkret ist, mit dem der moderne Mensch aber hadert, weil dessen Korrelation mit der Substanz noch immer raetselhaft ist. Gedanken hat der Mensch ununterbrochen, und die sind nie leer. Sie sind wie der Fluss, der, oder auf dem Waren transportiert werden. Der Mensch ist nicht faehig, nicht zu denken, zumindest nicht im allgemeinen, er hat keine leeren Gedanken.“

    „Oh,“ sagt sie, „ich kenne genuegend, die nicht denken!“ Sie lachen

    Er faehrt fort: „Wie du siehst, Geist ist abhaengig von Materie, Gedanken brauchen Materie um produziert, manifest zu werden. Grad so gut, wie das Nichts vom Sein abhaengig ist. Wie ich vorhin schon gesagt habe, wenn du dich erinnerst; ich bin Sein und Nichts, denn ich bin Materie und Geist. In diesem Sinne bin ich der Ausdruck des goettlichen Prinzips, traditionell ausgedrueckt heisst das, ich bin Gott.“

    „Hast du jemals versucht, dir das Nichts vorzustellen?“ fragt er

    „Ja,“ antwortet sie mit heftigem Nicken, „sogar des oefteren und es kam meistens mit denselben Gefuehlen, einerseits phantastisch, aber auch ziemlich elementar. Willst du hoeren, wie’s mir dabei ging?“ Er nickt.

    „Es ist am besten, ich beschreibe den Vorgang,“ sagt sie. „Also ich visualierte in Gedanken folgendes: Ich bin das einzige Etwas, umgeben von nichts, absolute Leere, ohne Grenzen, ohne Zeit und schwarz, ohne Farbe oder Licht. Nach einigen Minuten der Konzentration geschah etwas Merkwuerdiges, man koennte sagen, eine Umkehr der Gegebenheiten. Ich fuehlte ich mich kleiner und kleiner werden und gaenzlich ohne Bedeutung, aber einer Gewalt ausgesetzt, zunehmend an Schwere, Dichte, Schwuele und Druck, so dass ich glaubte, explodieren zu muessen. Ich musste das Experiment beenden. Und es ging mir jedesmal gleich, wenn ich es wieder versuchte. Damals ist mir klar geworden, was Einzelhaft in einer Dunkelzelle bewirken musste!“ Sie pausiert, sich in ihren Gedanken verlierend.

    Phil’s Stimme holt sie zurueck: „Ja,“ sagt er, „deine Beschreibung deckt sich mit meinen Gefuehlen. Das Nichts wurde fuer mich in seiner Potenz fuehlbar. Ich hatte in meinem Versuch das Gefuehl, als sei das Nichts traechtig und in dieser Eigenschaft war es omnipotent. Ein Freund sagte einmal zu mir, als wir vom „Big Bang“ sprachen: ‚Wahrscheinlich war da zuviel Nichts.‘“

    „Was fuer ein schoener Gedanke,“ wirft sie ein.

    „Genau,“ sagt er, „aber nicht nur schoen, sondern in meinen Ueberlegungen sehr wohl sinnvoll. Das Nichts als „OMNIPOTENZ“ , oder „Undifferenziertes Sein“, ist vorstellbar, grad so gut wie das Sein als „DIFFERENZIERTE POTENZ“. Die beiden stehen im Verhaltnis miteinander und zueinander. Das Verhaeltnis ist daher flexibel, und aenderbar. Der menschliche Koerper entwickelt sich aus omnipotenten Zellen indem sie sich differenzieren, wie wir wissen, und jede differenzierte Zelle hat eine bedingte Lebenszeit. Die Omnipotenz geht durch Differenzierung in eine spezielle Potenz ueber, sie geht nicht verloren, sie hat sich nur differenziert. Anders ausgedrueckt, – Omnipotenz wird durch Differenzierung blockiert, denn eine spezialisierte Zelle kann nichts anderes mehr sein, als eine spezielle Zelle und braucht den Tod um diese Blockade aufzuheben. Das Nichts differenziert sich in das Sein, und das Sein muss sterben, um wieder das omnipotente Nichts zu werden. Unsere eigenen Koerperzellen tun genau das, sie tun im Kleinen was im Grossen geschieht. Microkosmos- Macrokosmos, hier liegt das Wunderbare!“

    „Phantastisch!“ unterbricht sie ihn. „Lass mich nun ins Weltall fliegen! Indem ich meine Existenz bewusst erlebe, oder besser, erleben kann, erfahre ich, dass ich am kontinuierlichen Prozess teilnehme, dass ich tatsaechlich unsterblich bin, und dass der Tod Befreiung heisst. S o habe ich Ewigkeit noch nie betrachtet!“

    „Na ja,“ bremst er ihre Begeiserung ein, „es ist ja nicht das, was sich der Mensch wuenscht. Er will ja Unsterblichkeit seines gegenwaertigen Zustandes und Freiheit nicht als Befreiung sondern als Freifahrtsschein fuer seinen Hoehenflug.“

    „Leider“, gibt sie zu, „ich taet auch ganz gern ein paar Jahrhunderte leben, mit Hoehenflug, wohlgemerkt!“ Sie lachen, denn selbst Phil haette nichts gegen ein langes Leben, wenn es vorwiegend seinen Wuenschen entspraeche.

    Sie wird wieder ernst. „Ich muss nochmals auf die Potenzen zurueckkommen und was das fuer die Evolution von Kosmos und Mensch bedeuted. Was den Kosmos betrifft sind sich selbst die Wissenschaftler noch nicht einig, wie dessen Zukunft und Ende aussieht, das heisst, seine Differenzierung ist noch lange nicht abgeschlossen und wie ein voll differenziertes Universum aussehen wuerde, bleibt im Moment intelligenten Spekulationen ueberlassen. Was die Evolution des Menschen betrifft, mag es vielleicht leichter zu antizipieren sein: ‚Homo erectus-Homo sapiens-Homo divinus‘ ? Das waere nahestehend, denn der Mensch hat bereits einen extremen Intelligenzstatus erreicht. Er ist im Begriff kuenstliche Intelligenz zu schaffen: Der Meister produziert die Maschine und haucht ihr das Leben ein, indem er ein Abbild seinesgleichen schafft. Zufall oder Replikation? Haben wir den Status des Homo Divinus bereits erreicht und sind daher voll differenziert? Man koennte das annehmen, denn nun muss die Zukunft logischerweise der Tod sein und so wie’s aussieht, der Mensch i s t auf dem Weg der Selbstvernichtung. Er will es Gott gleichtun, aber es kann nur eine schlechte Kopie sein, denn tatsaechlich hat er keine Ahnung was Gott ist und schon garnicht was es heisst, Gott zu sein.“ Sie schweigt nachdenklich.

    Er laechelt sie an. „Mir gefallen deine Gedanken,“ sagt er, „und natuerlich kann ich nur zustimmen. Es ist allerdings ein sehr pessimistisches Bild, was die menschliche Zukunft betrifft, deren Unterggang so gut wie unabwendbar ist. Ausser der Mensch kann sein Bewusstsein erweitern und sein Verhalten entsprechend aendern. Der wirkliche Homo Divinus koennte diese Welt zum Paradies machen, nicht nur fuer sich, sondern fuer alle und er koennte jene Fruechte geniessen, die er jetzt zwar haben will, aber niemals ernten kann, da sie in ungeeignetem Boden wachsen. Er hat das Paradies verloren, indem er den Apfel geniessen wollte, der aber nicht ihm gehoert hat. Nun koennte er seinen eigenen Baum pflanzen, aber in seiner Ignoranz versteht er nicht, welche Erde dafuer notwendig ist.“ Er haelt wieder inne und winkt ab, als sie sich anschickt, das Gespraech aufzunehmen.

    „Ich muss nun doch auf meine Bedenken zurueckkommen, die mich plagen, wie ich zuvor angedeutet habe,“ faehrt er fort. „Gut, dass du so geduldig bist. Ich komme naemlich immer wieder am selben Punkt zum Stolpern, naemlich was die Konsequenz dieses Konzepts fuer mich bedeutet. Ich hadere mit der Konsequenz.“

    „Nein,“erwidert sie, „die Konsequenz bleibt ebenso immer diesselbe. Es spielt schliesslich keine Rolle, ob nur ich oder auch das Universum stirbt. So oder so beginnt wieder alles von Neuem, bloss nicht im selben Mass oder gar in der selben Form, nehme ich zumindest an. Oder verstehe ich nicht, was du mit Konsequenz meinst?“

    „Vielleicht,“ meint er, „aber lass mich erklaeren. Ewigkeit, im Sinne des Sein und Nichts mit kontinuierlichem Anfang und Ende, bedeutet streng genommen, dass sich tatsaechlich nie was aendert. In diesem Sinne ist Wiedergeburt eine Qual, denn wo bleibt der Sinn des Ganzen? Ich kann mich damit nicht anfreunden, denn Sinnlosigkeit, egal ob in der Existenz oder im Tod, ist fuer mich die groesste Qual, die ich mir vorstellen kann. Das Konzept der Ewigkeit macht nur dann einen Sinn, wenn es Fortschritt gibt, das heisst also Wiedergeburt mit Ziel, und Ewigkeit als Ziel.“

    „Trotzdem beginnt nach der Erreichung des Ziels wieder alles von vorne, – es ist derselbe Effekt, oder?“ Sie kann tatsaechlich keinen Unterschied entdecken.

    „Ja,“ sagt er, „das mag schon sein, doch es macht fuer mich einen gewaltigen Unterschied, ob ich im kontinuierlichen Prozess, Fortschritt erlebe, mit einem Ziel, oder eben nicht. Es macht fuer mich nur dann Sinn, wenn sich im Laufe dieses Prozesses ein absolutes Bewusstsein und Verstaendnis entwickeln kann. Intelligenz ist nur eine Sprosse in der Leiter der geistigen Evolution. Wir haben schliesslich nicht nur eine materielle sondern auch geistige Evolution, wobei ich diese nicht von einander trennen kann. Das heisst aber, dass ich irgendwann im Prozess dieser Differenzierung am Ende jenes Ziel erreichen werde, wo es letztlich keinen Unterschied zwischen Omnipotenz und Differenzierter Potenz mehr gibt, denn in ihrer extremen Potenz sind sowohl die eine als auch die andere allmaechtig. Das, oder, nur dann ist es moeglich, ueber Anfang und Ende entscheiden zu koennen.“

    „Sozusagen, man ist Herr ueber Leben und Tod,“ faellt sie ein

    „Korrekt!“ Er sieht ihr Schmunzeln und deutet es richtig. „Ich sehe es nicht als Machthaben, sondern Freiheit haben. Fuer mich ist das Wichtigste, eine Wahl zu haben, mich entscheiden zu koennen. Ich verabscheue es, entschieden zu werden. Wenn also Omnipotenz sich entscheiden kann, ob oder nicht, sie sich differenzieren will, und Differenzierte Potenz, ob sie leben oder sterben will, dann macht das Werden und Vergehen Sinn, ist es doch die Erfuellung des eigenen Wunsches.“

    „Ah, jetzt verstehe ich, was du meinst. Es ist das omnipotente Bewusstsein, und du bist dir nicht sicher, ob du es je erreichen kannst. Es ist aehnlich dem Nirvana von dem die Hindus reden oder der ultimativen Transzendenz im Buddhismus, nicht wahr? Die Christen verschlafen alles, trotzdem werden auch sie wiederbelebt, entweder um fuer immer ins Paradies zu kommen oder in die Hoelle. Fragt sich nur, was mit denen im Fegefeuer passiert. Ehrlich gesagt, die Christen koennen einem leid tun, denn die haben nur ein Leben, um sich zu bewaehren, waehrend Hindus und Buddhisten wesentlich mehr Gelegenheiten haben. Was mich betrifft, ich stimme dir zu, es waere schoen, sich ueber Werden und Sterben entscheiden zu koennen. Im Moment habe ich nur, wenn auch bedingt, Einfluss auf mein Sterben. Bin ja nicht einmal sicher, ob mir nicht der Ziegel auf den Kopf faellt, sobald ich mein Haus verlasse. Na und auf mein Werden hab ich erst recht keinen Einfluss. Bin ja nicht einmal sicher, ob ich in diesem Leben erreiche, was ich erreichen moechte. Deshalb mache ich mir um diese „Konsequenz“, wie du es ausdrueckst, keine Gedanken. Was soll’s! Ich kann nichts aendern. Ich hab keinen Einfluss. Das einzige was fuer mich zaehlt ist nur das Hier und Jetzt. Alles andere hat keine Bedeutung.“ Sie schweigt, wie es scheint mit etwas Trotz und Abwehr.

    Er sieht sie liebevoll an. „Du hast voellig recht,“ sagt er schliesslich mit einem warmen Laecheln in seinen Augen. „Es ist unnoetig, sich zuviele Gedanken zu machen, aber ich bin ein Fortschrittsglaeubiger, davon komm ich nicht weg. Wuerde ich sonst das Anliegen haben, das ich mit meiner Arbeit verbinde? Wuerde ich sonst um meine welke Pflanze besorgt sein? Es ist ein Teil meiner Persoenlichkeit, mein Versuch, mich zu erforschen, meiner Existenz Sinn zu geben. Es ist aber auch der Versuch, das Leiden in meinem Dasein ertraeglich zu machen, es in was Positives umzuwerten. Ich muesste sonst wohl an der Grausamkeit, ja Brutalitaet und Gewalt verzweifeln, die ich in dieser Welt sehe. Sie sind gewisserweise, leider, aber eben mitbestimmende Faktoren auf meinem Weg zum Ziel.“

    Der Bildschirm verdunkelt sich. Feminas Augen verharren wie gebannt, aber da ist keine Leinwand mehr, nur wieder eine einfache Wand. Es herrscht lautlose Stille und der Raum ist nach wie vor leer.

  • DNS II, Kapitel 5, Teil 3

    Freilich, das aendert nichts an der Tatsache, dass sie sich jetzt, alleine in diesem Zimmer, um ihre Existenz Gedanken macht. Auch wenn es troestlich ist, zu wissen, dass es Gleichgesinnte gibt, dass man Verstaendnis findet und dass man Freunde hat, ja dass man auch Liebe und Fuersorge von seinen Nahestehenden erwarten kann und diese sicherlich jede Holzbank in Kauf nehmen wuerden, wuessten oder glaubten sie, dass man sie braucht, Femina ist froh, dass niemand neben ihr sitzt und ihre Hand haelt.

    Sterben muss man alleine, in jedem Fall. Sie wuerde es nicht einmal ertragen, ihre Liebsten traurig zu sehen. Vorallem Pia mag sie nicht weinen sehen. Und Dimitri? Er wuerde sicherlich auch traurig sein, aber sie hatten sich ziemlich entfremdet, sie muessten wohl einiges aussortieren. Doch danach ist ihr im Moment nicht zu Mute. Gordon? Nein! Sie mag ihn nicht in ihre dunkle Welt mit hinein ziehen. Sie kann sich nicht einmal dazu ueberwinden, jene, die sie liebt, mit ihrem Leiden zu konfrontieren oder gar ihre Gedanken zur Diskussion zu stellen. Zuviel Kummer fuer beide Seiten! Emotionen wuerden Amok laufen und jeder in Traenen enden. Es genuegt, ihren Abschied so wenig wie moeglich zu dramatisieren. Schliesslich ist es wichtiger, mit seinen Lieben schoene Zeiten zu verbringen. Fuer‘s Weinen hat man, wie man so schoen sagt, die Trauerzeit.

    „Es ist ganz einfach, nicht wahr,“ hoert sich Femina sagen, „sobald man es wagt das Absolute in Frage zu stellen. Selbst wenn man dabei mit sich selber in Streit kommt. Man ist schliesslich so fest verankert in seinen Traditionen, seinen Normen, gesellschaftlich und persoenlich und auch in dem, was man intellektuelle Erziehung nennt. Es kommt unweigerlich zu Konfrontationen. Ich bin allerdings ein Anhaenger der Wissenschaft, bin also mehr fuer Fakten als Glauben. Aber ist es nicht bezeichnend, dass es auch hier die Dogmatiker gibt und dass Theorien und Hypothesen grad so gut eine Glaubensbasis haben, von der aus operiert wird, oder dass die moderne Physik tatsaechlich mehr Gemeinsamkeiten mit der Philosophie hat, als es dem Wissenschaftler lieb ist?“

    Femina entschliesst sich, dem Filmgeschehen ihre volle Aufmerksamkeit zu widmen. Es hat sich schliesslich bereits erwiesen, dass dieser ‚alte Film‘ wesentlich wichtiger ist als sie urspruenglich und voreilig angenommen hatte. Sie erinnert sich ganz gewiss nicht mehr an die vielen Diskussionen, die sie mit Phil hatte, wohl aber, dass es deren viele gab. Nicht einmal jene, am Tag ihrer ersten Begegnung war ihr in Erinnerung geblieben. Eines war auf jeden Fall unvergessen, naemlich, dass sie Phil von Anfang an ungemein attraktiv fand. Sein Intellekt war fuer sie naemlich grad so unwiderstehlich gewesen, wie es das Licht fuer den Nachtfalter ist.

    „Aber wie erklaerst du die vielen offenen Fragen? Wie kann alles aus dem Nichts kommen?“

    „Nun,“ sagt er, „es ist vielleicht am besten, ich nehme ein Beispiel aus der Kosmologie um das Konzept zu demonstrieren. Du hast doch bestimmt von einem Phaenomen gehoert, das man das „Schwarze Loch“ nennt. Ich bin durchaus kein Kosmologe, aber das macht nichts. Ich weiss genug, und es hilft mir wenn ich einfache Vergleiche ziehe. Es macht alles weniger kompliziert. Wie der Name es urspruenglich in bezeichnender Weise beschrieb, das Schwarze Loch war schwarz und ein Loch, sinnbildlich gesprochen, ohne Licht und ohne Inhalt. Was es aber wirklich war, ist weit davon entfernt, denn es ist nur deshalb schwarz, weil aus ihm kein Licht entkommen kann und es ist kein Loch, sondern es hat Materie, wenn auch so klein und so komprimiert, aber so voll von Energie, wie das keiner der sichtbaren Himmelskoerper es hat. Das Schwarze Loch ist also kein Loch und nicht nichts, sondern ist ein Bestandteil des Kosmos, war es all die Jahre, auch wenn man es nicht sehen konnte. Und so ist das mit dem unendlich kleinen Punkt vor dem Urknall, mit dem die Schoepfung begann. Er ist praktisch ein Nichts und doch war alles darin enthalten, was sich jetzt als unser Universum in all seiner Vielfalt und mit all seinen Lebensformen darstellt. Der Einfachheit wegen und weil wir sicher spaeter darauf wieder zurueckkommen, ziehe ich es vor, dieses Nichts als Potenz zu bezeichnen. Also das Schwarze Loch hat und ist Potenz. Aber erst recht hat und ist der Punkt Potenz in dem der ‚Urknall‘ stattfand . Ausserdem! Wenn es das Sein gibt, m u s s es auch das ‚Nicht Sein‘ geben, sowie wir eben die sichtbaren Planeten und Sterne haben und Schwarze Loecher. Man muss naemlich immer einen Vergleich haben, sprachlich wie bildlich. Ohne dessen koennte schliesslich keiner verstehen was man meint. Niemand wuerde wissen, was Nacht ist, haette man nicht den Tag, nicht wahr? Alles hat also ein Gegenteil. Selbst die Elementarteilchen unseres Kosmos haben ihre Antiteilchen. So nimmt man auch an, dass es die sogenannte „Schwarze Materie“ gibt, was aber bis jetzt noch nicht nachgewiesen werden konnte. Das ist aber sicher nur eine Frage der Zeit, grad so gut wie es mit dem „Schwarzen Loch“ war. Offensichtlich haben wir es immer mit 2 Dingen zu tun: Wo Licht ist ist auch Schatten. Wir haben es also praktisch mit einem dualistischen Weltbild zu tun, speziell, was Schoepfung und erst recht was das Leben selber betrifft. Adam und Eva sind folglich ein Symbol dessen, es demonstriert sich als Zweigeschlechtlichkeit. Wir haben also das Sein einerseits und andererseits das Nichts, was sich, sprachlich abstrahiert, als ein Zweigebilde oder als eine Einheit mit zwei Seiten, ausdruecken laesst. Das eine kann nicht ohne dem anderen sein. Die Frage von Sein oder Nichtsein ist theoretisch, praktisch gibt es nur das Sein u n d Nichtsein, oder einfacher ausgedrueckt, „Sein und Nichts“.

    „Aber damit sagst du doch, dass alles Sein ist, denn das Nichts ist schliesslich nicht nichts! Das kann ich nicht akzeptieren. Nichts ist nichts!“ Sie ist irritiert.

    Phil laechelt nachsichtig. „Nun, s’ist also doch nicht so einfach, das Absolute zu entthronen!“ Er zwinkert ihr zu, faehrt aber gleich wieder fort: „Ich habe bereits gesagt, dass das ‚Nichts‘ Potenz ist. Es ist zwar nicht nichts, ist jedoch eine voellig andere Art von Sein. Zum Beispiel kann man am Beginn des Urknall oder im Schwarzen Loch keinerlei bekannte Massstaebe, Regeln oder physikalische Gesetze zur Anwendung bringen. Es ist Potenz ohne jene Grenzen. Potenz die wir vom Sein kennen hat Grenzen, denn sie hat Mass, alles im Sein ist messbar. Unser Sein kommt aus dieser unmessbaren Potenz, dem „Nichts“ und unser Sein endet im „Nichts“, grad so wie ein Stern implodiert und zum Schwarzen Loch wird. Man ist sich derzeit allerdings nicht sicher, wie unser Universum enden wird, nur dass es enden wird. Es mag implodieren oder dissipieren, in jedem Fall wird es wieder zu Nichts, oder eben Potenz, das ein neues Sein in sich hat, angefuellt vom Alten, schwanger mit Neuem. E S ist ein Kreislauf, ein Perpetuum Mobile, ein Werden und Sterben, ein Kommen und Gehen, mit allen Formen, all seiner erstaunlichen Einzigartigkeit, unter staendiger Aenderung oder modifizierter Wiederholung. Das Sein ist in seiner Endlichkeit der Erhalter des Nichts und das Nichts ist in seiner ungeheuren Potenz, Schoepfer des Seins. Nicht Gott dreht dieses Rad, sondern die Goettlichkeit liegt im Prinzip. Du, ich, das Universum, alles Sein und das Nichts sind Bestandteil dieses Prinzips. Jeder Stein, jede Zelle ist Goettlichkeit, ist Gott, oder der Ausdruck des Goettlichen, um genau zu sein. Wie heisst es so schoen: Wir sind Kinder Gottes? Der Mensch wurde aus Erde, laut Bibel Lehm, geschaffen. Tatsaechlich ist Materie und speziell die Erde der Brutkasten allen Lebens. Es folgt dem prinzipiellen Aspekt des Seins.“

    „Aber wo ist der Anfang?“ fragt sie, obwohl sie ihm generell zustimmt, sie will seine Meinung hoeren. Sie kann sich nicht vorstellen, dass sie in allem einer Meinung sind, und in manchem ist sie sich selber nicht klar. Tatsaechlich! Er hat ihr ganz gewiss geholfen, das Nichts besser zu verstehen. Doch was haelt er vom Beginn oder Ende?

    „Es gibt keinen Anfang, es gibt kein Ende. Das ist es, was wir uns unter Ewigkeit vorstellen muessen. E S ist ewig! W I R sind ewig. Nur der Zustand aendert sich.“

    “Nun, du aenderst nur die Definition von Gott”, wirft sie ein, unbefriedigt.

    Er laechelt amusiert. “Allerdings. Mir geht es ja nicht darum, Gott zu entmachten. Ich entmachte hoechstens die Hueter der herkoemmlichen Tradition. Ich sehe mich ja nicht als Atheist, nur andere sehen mich so.”

    „Ja, damit bin ich sehr einverstanden,“ sagt sie versoehnt, „ Das macht Sinn und ich muss dir recht geben. Tatsaechlich deutet alles darauf hin. Allerdings mit dem Wir habe ich Schwierigkeiten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich als Person ewig bin. So geht es wohl vielen Menschen. Ausserdem faellt es mir schwer den Menschen als etwas Goettliches zu sehen, so wie er ist, oder besser, so wie er sich auffuehrt. Freilich, das ist wahrscheinlich der Grund. Er kann seine Goettlichkeit nicht wahrhaben, oder annehmen. Es klingt nach Ueberheblichkeit, einerseits, und andererseits, wo bleibt die Macht, die man damit verbindet. Gott, so wie man ihn allgemein versteht, ist schliesslich allmaechtig, nicht wahr? Davon kann der Mensch aber nur traeumen, obwohl er natuerlich mit allen Mitteln versucht, sich jedwede Macht anzueignen. Er ist aber tatsaechlich so machtlos, wie die Ameise, die er auf seinem Spaziergang zertritt. Er imitiert Gott, weil er Gott als separierte Groesse sieht, extern von ihm selber. Und er sucht Gott, kann ihn aber nicht finden, denn es gibt diese personifizierte Gottheit nicht, die ihn, so wird ihm gelehrt, zwar erschaffen, aber sonst sich selbst ueberlassen hat. Er sucht daher an den falschen Orten und wuerde nie in sich selbst auf Suche gehen. Es ist aber nur eine Dimension des Verstandes, die ihm derzeit fehlt, und es ist nicht unbedingt seine Schuld. Eine weitere Evolution des Geistes ist also notwendig geworden. Wie alles, er ist ein Werk fortlaufender Evolution Bleibt allerdings nur zu hoffen, dass er sich nicht vorher selber ausrottet. Intelligenz ist schliesslich nur ein Aspekt des geistigen Potentials. Er kann, ja er muss zu dieser Entwicklung beitragen, will er weiter bestehen. Diese fehlende Dimension ist es aber, die die Menschen zu Glaeubigen macht. Und in deren Folge werden sie zu Potentaten, Henkern und Geknechteten, abhaengig, groessenwahnsinnig und verzweifelt.“ Phil hat ihr aufmerksam zugehoert, aber bevor er sich zu etwas aeussern kann, faehrt sie auch schon wieder fort, mit einer Frage: „Dann glaubst du also an Wiedergeburt?“

    Anstatt zu antworten, fragt er zurueck: „Glaubst du daran?“

    „Ja und nein“, sagt sie. „Es kommt wohl darauf an, was man unter Wiedergeburt versteht. Ich fuer meinen Teil glaube an die Wiederkehr, in dem ich ins Nichts heimkehre und irgendwann ins Sein zurueckkataputiert werde, in welcher Form das auch immer sein mag. Ich glaube nicht an Wiedergeburt in meiner Spezifitaet. Vielleicht ist das der Fall, …….als Zusammentreffen aller moeglichen Umstaende, ich kann es nicht ausschliessen, aber es scheint mir leichter, eine Nadel im Heu zu finden, als mich wieder zu errichten. Abgesehen davon, es geschaehe ohnehin ohne mein derzeitiges Bewusstsein. Einerseits faende ich es grossartig, waere das der Fall, gaebe es doch soviele phantastische Moeglichkeiten, die ich vielleicht wahr nehmen koennte. Andererseits, s’ist eine scheussliche Idee, koennte ich doch in einer anderen Existenz schlimmer dran sein, als mit meiner jetzigen. Aber das sind fuer mich bloss Gedankenspiele. Wiederkehr heisst fuer mich nur Teilnahme am staendigen Werdegang, ohne formale Forderung.“ Sie kommt ins Schwaermen. „Ich koennte mir tausende von Dingen vorstellen und noch mehr, was ich sein moechte und was nicht. Theoretisch koennte ich zum Hexenjaeger, oder zum Stein werden, zum Mozart oder zur Wolke. Freilich, diese Unendlichkeit macht mir aber auch Angst. Und dann wieder nicht, ist es doch nur ein anderes Leben, so oder so, schoen oder nicht schoen, – es dauert nur eine Weile, ist an sich nicht ewig.“

    Sie haelt kurz an, offensichtlich sich erinnernd, dass sie besser zum wesentlichen Gespraech zurueck kommt, bevor sie Phil langweilt. „Nun, wir haben zuvor vom Zufall gesprochen. Ich kann wohl annehmen, du stimmst mir zu, wenn ich sage, dass der Zufall eine enorm grosse Rolle spielt, was unsere Existenz betrifft. Vorallem wenn ich an die chaotischen Zustaende nach dem Urknall denke. In diesem Chaos gab es alle Arten von Moeglichkeiten, von Konstellationen, von Kombinationen, Auslese und Formationen. Wenn auch eingebunden in und an das grundlegende Prinzip, das sich in und durch die Gesetze der Materie manifestiert, es ist durchaus auch ein Spiel des Zufalls, mit Ergebnissen, die gewiss mehr als beeindruckend sind. Wahrscheinlich gerade deshalb, nicht wahr? Es ist die Basis oder der Prozess von Kreativitaet. Und die Kreativitaet unserer Schoepfung ist schliesslich so unfassbar, ja phantastisch, Worte reichen nicht aus, das Ausmass dieser Kreativitaet zu beschreiben. Aber nicht weil ein Solo Kuenstler am Werke war, sondern weil der Prozess als solcher goettlich ist. Also nicht alles ist Zufall, aber der Zufall spielt eine grosse Rolle. Ich sehe mich selber in gewisser weise als Produkt des Zufalls. Da waren tausende von Spermien auf dem Weg zum Ei; mein Vater hat meine Mutter befruchtet, nicht eine andere Frau. Zufaellig bin ich in diese Verbindung hineingeboren worden. Andere Rasse, andere Kultur oder Lebensumstaende, es gaebe mich nicht. Sogar was die genetischen Anlagen betrifft, ich koennte grad so gut andere koerperliche Merkmale oder auch geistige Kapazitaet haben. Die Missgeburt gefaellt mir als zufaelliger Misserfolg ebenfalls besser, als die Vorstellung, jemand war mit Absicht grausam.“

    Phil hat waehrend ihrer langen Rede amuesiert zugehoert. Hin und wieder hat er zustimmend genickt, hat aber keine Anstalten gemacht sie zu unterbrechen. Jetzt hakt er allerdings ein: „Was ist dann aber nicht Zufall? Ausserdem hast du schon recht, wie du frueher sagtest, nicht alles mag Zufall sein, was also solcher erscheint. Aber was ist dann was?“

    „Nun,“ sagt sie, „ich wuerde nicht von Zufall sprechen, wenn ein Soldat an der Kriegsfront vom Feind erschossen wird. Er ist ja nicht zufaellig im Krieg. Wohl aber sehe ich es als Zufall, wen die Kugel trifft. Oder, da ist eine neue Insel aufgetaucht, weit und breit nichts wie Ozean, und doch, irgenwann schwemmt die Stroemung Samen an und wenn die Bedingungen richtig sind, gibt es da ploetzlich Gras und Palmen oder sonstiges Gewaechs, und irgendwann sogar Getier. Zufall, ja, jedoch genauso bedingt, wie der Tod des Soldaten im Krieg.“

    „Genau! Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen. Es gibt also eine Basis auf der der Zufall sich entfalten kann, doch die Basis ist die Voraussetzung und die ist kein Zufall. Das heisst dann konsequenterweise, dass da ein Schema, ein Muster oder eine Direktive vorhanden sein muss, die diese Basis schaft, nicht wahr? Wie erklaerst du dir das?!“

    Sie zuckt mit den Schultern und ihre Stimme klingt unsicher: „Ich weiss nicht…… Ich weiss es nicht! Ich kann nur vermuten und ich muss mich dabei an das halten, was mir mein Verstand mit seinem Wissen erlaubt.“

    Er nickt. „Das ist ein wesentlicher Punkt. Ein Inselbewohner, der noch nie vom Urknall gehoert hat, muss logischerweise ein anderes Konzept von seinem Dasein haben als du oder ich. Bleiben wir aber im Bereich unseres Wissenstandes. Ich bin der Meinung, dass wir es mit einem „Komplexen System in Aktion“ zu tun haben, das ist die Matritze oder wie vorhin erwaehnt, das grundsaetzliche Prinzip, das an sich selbsterhaltend ist, und sich durch seine Aktionen stetig erneuert. Um ganz simpel zu sein, es ist wie die Autobatterie, die sich durch das fahrende Auto selber aufladet. Chaos wird sich immer richten und jede Ordnung wird disorganisiert. Es ist Bewegung, mit der alles beginnt, im weitesten Sinne mit Leben assoziiert, und es ist der Stillstand, mit dem alles endet, assoziierbar mit dem Tod. Nur ist weder das eine noch das andere das Ende des Prinzips, denn es besteht nicht aus Sein oder Nichtsein, sondern E S i s t ‚Sein und Nichts‘, ist. Das entspricht den Lehren von ‚Gott ist‘; Er hat keine Vergangenheit und keine Zukunft, Er ist also ‘Alles’ und ist immer ‘gegenwaertig’. Die Frage, was kommt zuerst; das Huhn oder das Ei, ist also voellig sinnlos, das eine bedingt schliesslich das andere, aber beides existiert in der Welt der Materie und Zeit, muss also sterben.“

    Sie lacht. „Es ist schon erstaunlich, wie der Bibeltext mit deinen philosophischen Interprationen im Rahmen deiner Theorie harmonisiert. Begriffe wie Ewigkeit, Allgegenwaertigkeit, Unsterblichkeit oder Unendlichkeit, sie sind so verstaubt und doch so universell. Ausserdem! Es sieht fast so aus, als sei die Bibel von einer Intelligenz geschrieben worden, die viel zu frueh in der menschlichen Geschichte auftrat und der Inhalt musste daher der vorherrschenden unentwickelten Geisteskapazitaet angepasst werden. Seine Interpretationen ebenfalls, leider aber entsprechen diese auch dem intellektuellen Niveau der Tempelhueter. Hoechste Zeit also, dass die Auslegung der Texte revidiert wird. Aber das mag wohl fuer alle traditionellen Ueberlieferungen gelten. Fuer mich steht fest: Ein neuer Konsensus muss her. Es ist unvermeidbar, ja sogar zwangslaeufig. Ich fuerchte allerdings Schlimmes…….tatsaechlich das Schlimmste!“

    Beide schweigen, verfolgen offensichtlich ihre eigenen Gedanken.

    Femina ist froh, denn es gibt ihr Gelegenheit, die ihren zu ordnen und nuetzlich zu machen. Auch wenn diese Diskussion wenig mit ihren Gefuehlen zu tun hat, im Moment empfindet sie jedenfalls vorwiegend eines: Dankbarkeit. Sie dankt dem Haus fuer diesen Raum, sie dankt ihrem Verstand fuer diesen Film, ein Dokument kollektiver Erinnerung, und sie ist dankbar fuer die Zeit, die ihr zur Verfuegung steht. Es gibt ihr die Gelegenheit, die essentiellen existenziellen Fragen zu klaeren, um sich letztendes entscheiden zu koennen, fuer oder gegen, leben oder sterben.

  • DNS II, Kapitel 5, Teil 2

    Phil’s Stimme holt Femina aus ihren Gedanken: „Nun, wenn wir schon nicht an Schicksal glauben und wir tatsaechlich keine Nachweise oder irgendwelche Anzeichen haben, die das Auftreten einer Krankheit grundsaetzlich verstaendlich machen, dann kann es nur eine Erklaerung geben: Es ist Zufall dass Krankheit auftritt, Zufall, dass sie die eine Pflanze und nicht die andere befaellt, Zufall, dass sie gerade zu jenem Zeitpunkt auftritt und nicht zu einem anderen. Auch wenn wir die offensichtlichen Ursachen kennen, nicht jeder kriegt schliesslich die Grippe, nur weil es eine Epidemie gibt. Warum also kriegt sie der eine, nicht aber der andere?! “ Er haelt kurz an, faehrt aber gleich wieder fort, ohne auf einen etwaigen Einwand zu warten. „Freilich, die Zufallstheorie hat ihre Luecken! Ausserdem mag sie zu Leichtsinn oder gar Resignation fuehren, wenn man es vom Standpunkt des Menschen aus betrachtet. Obwohl man die Wahrscheinlichkeit und Moeglichkeit akzeptiert, niemand glaubt natuerlich, dass er selber erkranken koennte. Nur andere werden krank, nicht wahr, und man ist geradezu schockiert, wenn es einen selber trifft. Andererseits! Schicksal, als Ursache, laesst sich, wenn man schon krank ist, wahrscheinlich leichter ertragen, denn man kann damit seinem Leid einen Sinn geben und sich in gewisser Weise seiner Eigenverantwortlichkeit entledigen.“

    Der bis jetzt schweigsame Mitarbeiter unterbricht ihn: „Aus dir spricht die reinste Gottesverleugnung! Du machst doch das Leben zu einem Wuerfelspiel, Pech fuer den einen, Glueck fuer den anderen, wahllos und ohne Regel oder Kontrolle!“ Er wendet sich an sie, in der Hoffnung eine Verbuendete zu finden: „Glaubst du, es ist Zufall?“

    „Ja,“ sagt sie, „auch wenn nicht alles Zufall ist , was als solcher erscheint, aber generell gesehen, heisst die Antwort ja. Ich glaube ganz sicher nicht an eine Vorherbestimmung oder an eine Gottheit, die meinen Schicksalsfaden spinnt. Das heisst aber nicht, dass ich deshalb „gottlos“ bin, oder sein muss.“ Sie konnte nicht umhin, zu seiner Bemerkung Stellung zu nehmen, denn seine Schlussfolgerungen fand sie einfach unakzeptabel.

    Er sieht sie nachdenklich an. Sein Gesicht erscheint nun in Grossaufnahme. Es ist, als richte er seinen Blick an sie, Femina, im Raum. Schliesslich fragt er, langsam und betont: „Wie viele unheilbar Kranke kennst du, und wieviele von ihnen glauben an Zufall als Ursache ihrer Krankheit? Oder glauben sie mehr an Schicksal?!“

    Die Frage kommt so unmittelbar von der Leinwand, dass Femina auf ihrer hoelzernen Bank zusammenzuckt als habe sie einen Peitschenschlag erhalten. Heisse und kalte Schauer jagen ueber ihren Ruecken und in ihren Ohren beginnt es zu rauschen, als wuerde Wasser zum Sieden gebracht. War sie zuvor im Eis festgefroren, jetzt ist sie dem Feuer ausgesetzt. Der Sturm in ihrem Kopf ist daher keine Hilfe. Er wirbelt durch ihr Gehirn und Logik und Verstand und alle Gefuehle tanzen wild durcheinander, ohne Kontrolle und so maechtig, dass ihr Koerper Schweissausbrueche hat. Ein Bruchteil von Verstand ist grade noch faehig ihr den Rettungsring zuzuwerfen, bevor das Feuer gewinnt: ‚Atme‘, ruft er, ‚blas das Feuer weg von dir. Du musst dich auf deine Atmung besinnen! Es hat schliesslich keinen Wert der Panik zum Opfer zu fallen!‘ So konzentriert sie sich denn auf ihren Atem, auf jeden Atemzug. Sie hoert auf seine Geraeusche, wie sie die Luft durch die Nase zieht und dann wieder durch ihren Mund laut und lang und nachdruecklich ausatmet. Sie muss sich zwingen, solange auszuatmen wie sie nur kann, und zu warten, bis sie den naechsten Atemzug nehmen muss. Langsam zeigt sich Erfolg. Das Einatmen wird langsamer und weniger tief und das Ausatmen endet in laenger werdenden Pausen. Die Stuerme legen sich, das Feuer ebbt aus, Stille beginnt sich auszubreiten, ihr Atem macht keine Geraeusche mehr.

    Sie kann nun in Ruhe fragen, ‚warum diese Panik? Wozu diese Angst? Am Ende steht ohnehin nur der Tod!‘ Offensichtlich!!! Sie will n i c h t sterben! Und schon garnicht durch ihre eigene Hand. Auch wenn man weiss, dass irgendwann sein Leben enden wird, es sich selbst zu nehmen ist eine wesentlich andere Angelegenheit. Sie will, ja sie muss, eine bewusste Entscheidung treffen, keine unueberlegte. Denn in diesem Fall kann man schliesslich nichts rueckgaengig machen. Sie hat es immer bedauerlich gefunden, wenn Menschen sich im Zustand der Verzweiflung das Leben nahmen. Andererseits ist sie der Meinung, dass die Verantwortung fuer sein Leben jedem Einzelnen gehoert, ganz und gar und ohne Einschraenkung, solange jedenfalls, wie er faehing ist, Verantwortung wahr zu haben. Sie kennt nur wenige Faelle, die in klarem Bewusstsein Hand an sich legen, wohl aber viele, die im Tumult und in der Verwirrung ihrer Gefuehle, oder ihrer Situation, keinen anderen Ausweg sehen. Sie will ganz gewiss nicht desgleichen tun.

    Wie steht es nun mit ihrer Antwort auf die Frage, Schicksal oder Zufall, nun, da sie selber eine unheilbar Kranke ist? Sie hat sich sehr wohl gefragt; warum gerade ich, warum ueberhaupt? Ist es Pruefung, ist es Bestimmung, war alles fein saeuberlich als Paket in ihre Wiege gelegt? Hatte Dimitri doch recht behalten? Oder, gab es wirklich jenen Potentaten, der da gibt und der nimmt?

    Sie hoert im Echo ihrer Gedanken immer wieder: Nein, nein, N E I N ! ! Sie kann und will trotz ihrer verzweifelten Lage nicht gegen ihren ureigensten Instinkt handeln! Sie glaubt nicht an Supermann, nicht an Schicksal oder Pruefung oder aehnlichen Wahnsinn! Es waere nur eine Luege zu sich selbst. Sie glaubt an Zufall, wie auch immer, obwohl, wie sie schon sagte, nicht alles Zufall ist, was als solcher erscheint. Es mag Zufall sein, dass sie in diesem Haus gelandet ist, es ist aber kein Zufall, dass es zu ihrer Krankheit gefuehrt hat. Genau betrachtet, – Schicksal, Zufall, – das ist ohnehin nebensaechlich! Es geht nur darum, ob sie ihr Leben in Siechtum verbringen kann oder nicht. Damit reduzieren sich jegliche Fragen auf jene grundsaetzliche: Leben oder Tod?

    Femina war, mit wenigen Ausnahmen, grundsaetzlich fuer das Leben. War es doch aussergewoehnlich, phantastisch, mysterioes, ja ein Wunder, vom Beginn, wenn man den Weg der Evolution zurueck verfolg, bis zur Zukunft, wenn man dessen Potential bedenkt. Das scheinbar Unbekannte lag im Zuvor und Danach. Es ist aber Wissen, das sie durchaus besass, zu dem sie bloss keinen Zugang finden konnte, hatte sie doch ihr Bewusstsein und jegliche Orientierung verloren; war sie doch von Amnesie geplagt gewesen, bis jetzt jedenfalls. Nun hat sie Zugang, wie es scheint, durch das Tor zum Hades. Das Tor hat sich aufgetan, wenn auch nur spaltweit, aber eben genug. Es erlaubt ihr den Blick in die Tiefe, ihrer und aller Erinnerung. Und es ist ihr nicht einmal mehr so wichtig! Es bringt ihr weder jubelne Freude noch voellige Erleichterung. Alles verliert an Bedeutung, wenn es um die Entscheidung von Tod oder Leben geht. Selbst das Haus, in dem sie gefangen ist, und auch wenn es Anteil an ihrer Krankheit hat, es ist zweitrangig. Freilich, so widersinnig es auch sein mag, sie muss ihrer Krankheit dankbar sein. Hatte sie sich nicht geschworen, nach ihrem Bewusstsein, ihrem Wissen, zu suchen, als sie sich ploetzlich ohne dem in einer voellig fremden Welt zurecht finden musste? Tatsaechlich hatte sie die Suche immer mehr vernachlaessigt. Nicht nur weil es zu muehsam war, sondern auch weil sie keinen echten Fortschritt machte und letzten Endes, weil sie ohnehin gluecklich sein konnte, auch ohne es. Die Krankheit hat sie offensichtlich in die Realitaet zurueck katapultiert, und sie hat noch mehr zu Stande gebracht; sie hat ihr essentielles Wissen wieder bewusst gemacht: Sie kam aus dem Nichts, sie ist Materie, ein Produkt von Kraeften, und in diesem Sinne der Traeger des undefinierten Potentials, das a l l e m als Basis dient, und a l l e m uebergeordnet ist. Haengen geblieben in einer drei dimensionalen Welt, mit der vierten Dimension sich oeffnend und vielen anderen noch immer fehlend, sie ist in einer Sackgasse gelandet, ist, sozusagen, ein evolutionaeres totes Ende, dem sie aber ihren Willen aufdrueckt, auf diese, oder jene Weise.

    Sie laesst ihren Kopf auf die Lehne sinken. Augenlider geschlossen, sie sind schwer wie Stein. Leere zieht auf vor ihren Augen, es troestet sie umso mehr. Aus dem Nichts zu kommen und in Nichts zurueck zu kehren ist troestlich. Ihr Sein freiwillig aufzugeben, faellt ihr trotz allem schwer. Damit ergeben sich wieder Fragen, vor allem und erneut, ‚warum wohl‘, wovor hat sie Angst und was verliert sie schon?

    Ihr faellt der Satz ein, den man immer bereit hat, um jemandem zuzureden: ‚Man muss ueber sich selbst hinauswachsen, dann hat man erst sein Ziel erreicht‘, grad so, als sei das Leben ein Wettbewerb oder gar eine Olympiade. Ambitionen sind schon recht und gut, aber sind sie wirklich die Muehe wert? Der Krueppel wird zum Meisterathleten in der ihm verbliebenen Disziplin. Der vom ‚Schicksal‘ so boes bediente, zum Vorbild, und Musterbeispiel fuer Verzagende,…… Jedem das Seine, kann sie da nur sagen und sie gratuliert den Helden von Herzen, denn sie verdienen durchaus ihre Bewunderung; aber ihr persoenlich geht es nicht um eine Meisterleistung, auch wenn man das allgemein als wuenschenswert sieht oder gar erwartet. Will s i e das? N E I N ! ! !

    Sie weiss um die Einmaligkeit ihres Lebens, aber als welkes Pflaenzlein? Das ist ein Albtraum, aus dem sie besser erwacht! Diese Einmaligkeit und Unwiederbringlichkeit ihres Lebens ist freilich d i e Huerde, die sie zu ueberwinden hat. Sie ist der Meinung, dass jedes Leben wertvoll ist, einschliesslich ihres, trotz Krankheit. Sie schuldet sich selbst, es nicht leichtsinnig wegzuwerfen, schon garnicht, weil es eben die leichtere Loesung zu ihrem Problems zu sein scheint. Der leichte Weg mag nicht unbedingt die beste Wahl sein.

    Was aber haelt sie von den religioesen Theorien, die alle eine Art Leben nach dem Tod propagieren und in jedem Fall Selbstmord ablehnen, und ausserdem mit allen Arten von Strafen drohen, falls man es doch wagt? Koennte da doch was Wahres dran sein? Sie schnaubt veraechtlich, will jedoch diese Gedanken nicht einfach ignorieren, sondern sie sehr wohl einer naeheren Betrachtung unterziehen. Schliesslich hat jede Religion ihre Weisheiten, und sie schaetzt alle dementsprechend. Leider, und das ist wohl der Grund ihrer Ablehnung, steht dagegen deren Schwachsinn, der ebenfalls propagiert wird. Sie ist nun einmal der Atheist, was soviel wie ‚ohne Gott‘ sein heisst, aber nur, weil sie keiner bestimmten Religion angehoert. Man m a c h t sie ‚gottlos‘. Sie ist daher, und sie stimmt zu, ein Existentialist, aber auch da nicht im selben Sinne, wie es diverse Philosophien auslegen. Sie ist also weder noch, oder sowohl als auch, und das in jedem Falle. Tatsaechlich fuehren diese Gedanken zu nichts, das ihre Entscheidung welcher Art auch immer, beeinflussen koennte. Die Meinung anderer bringt sie nicht weiter.

    Und damit bleibt wohl nur noch eine Frage, naemlich die, welchen Sinn sie ihrem Leben zuschreibt. Nun, wenn sie tot ist, weiss sie ohnehin nichts mehr von ihren Taten, egal wie gut sie auch waren! Sie sind nicht der Sinn ihres Lebens. Der Sinn ihres Lebens ist abhaengig von der Gesundheit ihres Koerpers! Wenn dieser nichts taugt, muss sie ihn abstreifen, so wie man sich eines ausgedienten Schuh’s entledigt. Sie will niemandem zur Last fallen, sie will niemandem dankbar sein muessen; sie will helfen, nicht geholfen werden. Sie will die Welt erleben, nicht in ihrem Stuebchen mit Geraeten, die ihr eine virtuelle Realitaet liefern, waehrend sie sich aber kaum mehr fortbewegen kann. Der Sinn ihres Lebens liegt im Lieben und Geben, nicht hassen und nehmen, im Glueck, nicht Leid, im Positiven, nicht im Negativen, welcher Art auch immer.

    Freilich! Sie hat bis jetzt ihre Krankheit nur von einer Seite gesehen, naemlich, wie zerstoerend sie ist. Sie mag jedoch einen ganz anderen Sinn haben, wie sich schon erwiesen hat! Moeglicherweise koennte ihre Krankheit Ergebnisse oder Erkenntnisse bringen, die sie sonst nie erlangen wuerde? Also doch ein Krueppelheld? Ehrlich gesagt, der Preis dafuer scheint ihr viel zu hoch. Wie hat Jesus gebetet: „Mein Vater, lass den Kelch an mir voruebergehen!“ Sie kann sich dem nur anschliessen, wenn auch nicht im gleichen Sinne.

    Die Stimmen von der Leindwand dringen wieder in ihr Bewusstsein, wahrscheinlich weil sie nun lauter sind als je zuvor.

    „Es ist absolut laecherlich, Schoepfer und Schoepfung ableugnen zu wollen. Auch wenn man Gott nicht gefunden hat, als man in den Weltraum vorstiess, – kannst du wirklich die Frage beantworten, woher alles kommt? Ist dir die ‚Causa Prima‘ kein Begriff?!“ Das Gesicht des Mitarbeiters ist geroetet, in seinen Augen funkelt es, zornig aber auch triumphierend. Er vermeint, ein unwiderlegbares Argument zu haben, denn bis jetzt hat noch niemand die ‚primaere Ursache‘ der Schoepfung erklaeren koennen. Fuer ihn ist es der Beweis fuer die Existenz Gottes.

    Phil antwortet nicht sogleich. Tatsaechlich ist die ‚causa prima‘ nicht zu entkraeften, egal wie weit die Wissenschaft Schoepfung und deren Ursprung erklaeren kann. Selbst die „Urknall“ Theorie kann nicht alle Fragen beantworten. Aus dem ‚Nichts‘ kommt nichts, – das ist nach wie vor verankert in all den Gehirnen, vor allem jenen, die laterales Denken nicht kennen. Selbst wenn die alten Goetter ungemein an Glaubwuerdigkeit eingebuesst haben, die neuen Goetter der Wissenschaft sind, wenn auch glaubwuerdig, nicht grade unfehlbar. Und die Wissenschaft bestaetigt die causa prima insofern, dass alles sein Mass hat, selbst der unbeschreiblich kleine Punkt, der mit dem Urknall die Schoepfung in Gang setzte. Er ist also nicht wirklich nichts.

    Phil antwortet schliesslich: “Tom, ich will mich nicht mit dir streiten. Es steht dir frei, zu glauben, was du willst. Aber du musst mir dasselbe zugestehen. Was ich jetzt sage, und bitte hoere mir gut zu, sollte meine Einstellung klaeren: – Ich nehme mir die Freiheit Ueberlieferung, Dogma und gegebene wissenschaftliche Lehren in Frage zu stellen. Ich bin allen sehr verbunden, aber ich erlaube mir, das propagierte Absolute zu hinterfragen und das Relative auf die gleiche Ebene zu bringen, wie es das Absolute immer fuer sich beansprucht hat, wenn auch ungerechterweise, wohl gemerkt. Damit eroeffnen sich neue Perspektiven. Ich mag dabei durchaus einige Illusionen verlieren, aber sich nicht am Gegebenen fest zu klammern ist stimulierend, zumindest fuer mich. – Ich glaube nicht, dass wir beide viel erreichen koennten, wuerden wir weiter diskutieren.“

    Tom’s Erregung legt sich. „Entschuldige,“ sagt er, „ich weiss. Es ist besser, wir hoeren auf. Mir faellt es tatsaechlich schwer, zu akzeptieren, dass meine Ueberzeugung eben nicht fuer alle gueltig ist. Vielleicht koennen wir ein anderes Mal wieder darauf zurueckkommen.“ Mit einem Zwinkern in den Augen verabschiedet er sich.

    Femina erinnert sich, wie froh sie gewesen war, dass Tom sie allein liess. Phil’s Meinung interessierte sie, nicht Tom‘s. Tom war fuer sie ‚establishment‘, Phil war ‚avant-garde‘. Er hatte ihr Schweigen auch richtig gedeutet, wie sich zeigte. „Nun, du hast nicht viel von dir gegeben,“ sagt er. „Du teilst wohl nicht die Meinung meines Kollegen, oder?“

    Sie nickt. Brennend an Phil’s Ansichten interessiert, sie wollte ihn in ein entsprechendes Gespraech verwickeln. Das beginnt man natuerlich am bestens mit einer recht offenen Frage.

    Langsam und jedes Wort betonend, fragt sie daher: „Was g l a u b s t d u ?“ Die Frage ist zu komplex, um sie einfach beantworten zu koennen. Es genuegt schliesslich nicht, zu sagen, ich glaube an einen Gott oder ich glaube nicht.

    Er sieht sie nachdenklich und schweigsam an, als ueberlegte er, ob er sich tatsaechlich auf ein solches Gespraech mit ihr einlassen wollte. Dann sagt er, offensichtlich bereit, sich ihr mitzuteilen:

    „Nun, ich bin ein sogenannter Atheist, oberflaechlich gesehen, – zumindest in der Bedeutung, dass ich keiner bestimmten Glaubensrichtung angehoere. Ich habe meine persoenliche Lebensphilosophie. Es ist meine Art zu glauben. Freilich ist es mehr als Glauben fuer mich. Ich bin von meiner Philosophie ueberzeugt und es ist fuer mich nur eine Frage der Zeit, wann sich meine Ansichten durch Fakten belegen lassen. In diesem Sinne bin ich nicht viel anders als jeder Glaeubige, der davon ueberzeugt ist, die Wahrheit zu kennen.“

    Sie ist ungeduldig und fragt erneut: „Nun, an was glaubst du?“

    Da ist wieder dieser forschende Blick, aber dann antworted er doch, mit einem verschmitzten Laecheln: „Ich glaube an mich!“

    Femina erinnert sich, welche Erleichterung und Freude sie damals empfunden hatte. Mit einem Laecheln erwidert sie: „Das habe ich fast erwartet. Aber bitte fahre fort, ich will mehr wissen. Wie sieht das praktisch aus?“

    „Nun,“ antwortet er, „ich bin Schoepfung und ich bin Schoepfer. Ich bin mein Gott, oder auch anders ausgedrueckt, ich b i n Gott.“ Sein Laecheln vertieft sich, sein Blick wandert in die Ferne und Stille liegt darin.

    So ist es mit ihr. Sie ist ebenso still. Es tut so gut, Menschen um sich zu haben, die diesselbe Sprache sprechen. Es tut so gut, wenn man Seinesgleichen begegnet. Auch wenn die Uebereinstimmung nicht vollkommen sein kann, man bewegt sich auf der gleichen Ebene. Phil war Partner, nicht Gegner. Sie beide sind bemueht Antworten zu finden, ohne jedoch das Beduerfnis zu haben, ihre Meinung anderen aufzwingen zu wollen. Sie wusste nun, er war einer der ihren, vom gleichen Schlag. Und das kam so unerwartet, und es war so willkommen. Es gibt Femina auch jetzt wieder das Gefuehl einer besonderen Geborgenheit. Sie war und ist nicht alleine.

  • DNS II, Kapitel 5, Teil 1

    In die Stille der zu Eis gewordenen Welt draengt sich ein Knacken. Es mag eine Weile vorhanden gewesen sein, ohne Femina’s Aufmerksamkeit zu gewinnen, im Glauben, dass es ohnehin nur vom Eis kommen konnte. Doch nun ist es laut genug und ist auch keineswegs mehr selten oder gar nur ein einzelner Ton. Da ist ein Gemisch unterschiedlicher Geraeusche und da sind Spuren von Bewegung, fluechtig und leichten Fusses, doch genug, um ihrer Sinne habhaft zu werden. Sie vermeint Risse und Spruenge in all dem Eis wahrzunehmen, grad so, als wolle es seinen starren Griff aufgeben.

    Femina reagiert nicht. Sie kann warten. Was auch immer passiert, sie ist im Wartezimmer und das ist alles, was man da tut: warten. Und so hoert sie denn dem Knistern und Knacken zu und folgt den sich bildenden Wunden im Eis, wie sie sich ausbreiten und es mit einem Netzwerk von Tunneln und Graeben zu fragmentieren beginnen.

    Allmaehlich wird ihr klar, dass die Aenderungen im Eis nicht vom Eis verursacht werden. Das gibt nur Antwort auf Vorgaenge, die unter der Eisdecke in der kalten Stille des lichterlosen Meeres vor sich gingen. Das Meer ist naemlich nicht tot, sein Wasser ist nur kalt, und in seinen ungeahnten und unerforschlichen Tiefen hat es ein Eigenleben und seine Quellen von Waerme. In stetem Fluss und mit unbeirrtem Drang steigt diese auf, durch die Kaelte und unter schierem Druck an Kraft verlierend, in kaum wahrnehmbare winzige Blaeschen gepresst. Eines nach dem anderen, manchmal anneinander gereiht wie feine Perlenschnuere, sie finden ihren Weg nach oben, bis der eisige Plafond sie in ihrer Reise hindert. Wenn auch nur langsam, jedoch unaufhaltsam, mit neuen vereinten Kraeften, graben sie sich ihre Tunnel durch das Eis, das in seiner Dicke und Haerte schier undurchdringlich erschienen war.

    Allerdings! Das ist Femina ganz und gar nicht recht, zwingt es sie doch zurueck in ihr eigenes Leben. Sie wuerde aber lieber im Eis verharren bis es ihr den letzten Atemzug nimmt. Sie will nicht, dass das Eis sie freigibt. Sie will keine Waerme mehr. Sie will weder Licht, noch Leben. Sie will nur sterben; jetzt, nicht spaeter. Jedoch, wie sie sieht, es gibt kein Erbarmen. Der Tod kennt Mitleid nicht. Er spuckt sie aus, als sei sie eine unreife Frucht, die ihm nicht mundet.

    Das Knacken und Knistern wird lauter. Es sind jedoch andere Geraeusche, denn sie kommen vom Raum. So oeffnet sie ihre Augen und bemerkt Bewegung in der gegenueberliegenden Wand. Die ist aber keine Wand mehr, sondern ist zu einer Filmleinwand transformiert worden. Es erscheinen auch schon die ersten Bilder, zuerst verschwommen, dann schaerfer werdend, grad so, als wuerde jemand den Fokus einstellen.

    Es laeuft ein Film, mit wundervollen Bildern von Pflanzen aller Art, aufgenommen in einem riesigen Glashaus. Die Kamera streift durch die vielen verschiedenen Abteilungen und Raeumlichkeiten, die weitlaeufig und grosszuegig angelegt sind. Von der einfachen Kartoffel, bis zur exotischen Blume, alles scheint in dieser Anlage seinen Platz zu haben. Sogar Labors befinden sich hier, in denen die Gartenspezialisten am Werken sind und wo auch Forschung betrieben wird.

    Es kommt ihr bekannt vor. Allerdings war sie in vielen botanischen Gaerten gewesen und Anlagen dieser Art, denn sie liebt Pflanzen. Meistens bevorzugte sie Glashaeuser und Gaerten mit Blumen und ornamentalen Gewaechsen, obwohl das voellig ungerechtfertigt war. Doch die Schoenheit einer Orchidee betoert eben mehr, als es das schoenste Gemuese bewerkstelligen koente. Das liegt wohl daran, dass das eine Futter fuer die Seele ist, und das andere eben nur Nahrung fuer den Leib.

    Sie wird mehr und mehr sicher, dass sie dieses Treibhaus kennt. Es war ein sehr interessanter Besuch gewesen, was vorwiegend dem Spezialisten zu verdanken gewesen war, der sie damals durch die Anlage fuehrte. Dr. Phillip Marsh! Ja, sie erinnert sich sogar an seinen Namen. Er wusste so viel, und er hoerte sich gerne reden, aber er war ein Fachmann, aus dem die Liebe zu seiner Arbeit und seinen Gewaechsen sprach. Er verstand es, ihr seine Welt zu eroeffnen, so wie sie es noch nie zuvor betrachtet hatte. Er fand in allem etwas Besonderes und seine Begeisterung war ganz und gar ansteckend gewesen. Sie mochte ihn, und wie sich im Laufe ihrer Unterhaltung herausstellte, gab es dafuer auch noch andere Gruende.

    Zwei Personen kommen ins Geschehen. Die eine Person ist tatsaechlich Phillip Marsh, die andere sie selbst. Sie sind in die Betrachtung einer Pflanze vertieft, die einzugehen drohte. Femina erinnert sich, dass dies zu einer interessanten Wende im Gespraech gefuehrt hatte. Der Film zeigt also ein Erlebnis aus einer laengst vergangenen Zeit. Begraben unter den Schichten vieler Jahre, wie ein Fossil im Sediment, wird eine in Stein geschriebene Geschichte wieder belebt, auch wenn sie in einem anderen Zeitalter statt gefunden hat. Ja, sie erinnert sich an diese Exkursion und an Phillip, den Pflanzenexperten, der, so stellte ich heraus, ein Gleichgesinnter war, kulturell gesehen. Er gehoerte naemlich der gleichen Volksgruppe an, wie sie und war nur als Auslandsexperte fuer ein bestimmtes Forschungsprojekt, an dem das Zentrum arbeitete, engagiert worden. Sie hatten also Anlass zum Feiern und fuer eine zeitlang taten sie das denn auch. Es ist allerdings lange her, und zum Feiern hat sie jetzt ganz gewiss keinen Grund.

    Der Film war bis jetzt ohne Ton gelaufen, doch nun hoert sie seine und ihre Stimme, wie sie sich ueber die Pflanze unterhalten. Bittere Enttaeuschung ueberkommt sie. Sie hatte gehofft, etwas Neues zu sehen, etwas, das ihr helfen koennte, oder wenigstens etwas, das sie vergessen liess, warum sie ueberhaupt hier in diesem Zimmer sass. Ein alter Film? Wie sollte ihr das Vergangene schon nuetzlich sein! Selbst jenes Gedaechtnis, nach dem sie sich so gesehnt hatte, ist ihr im Angesicht des wartenden Todes nicht mehr wichtig. Tot ist tot! Sie braucht weder Erinnerung, noch Gedaechtnis. Als Toter hat man schliesslich keine Beduerfnisse mehr.

    Ihr Leben, so wie sie es jetzt kennt, ist zu Ende! Auch wenn es, wie zum Hohn, gerade jetzt passiert, wo sie sich langsam damit anzufreunden begonnen hatte, und erst recht, nachdem Zwiespalt durch Zweisamkeit ersetzt, sie soetwas wie Wonne und Glueckseligkeit erleben liess. Jetzt, wo sie darueber hinwegsehen konnte, dass sie nach wie vor gefangen war, in einem Haus, das scheinbar einen Ausgang hatte, der aber keiner war, und das bloss mit ihrem Verstand spielte. Nicht nur, weil es ihr den ominoese Ausgang in die Freiheit vorgaukelte, sondern weil alles im Haus truegerische Spiele spielte. Und es hoert nicht auf, nicht einmal jetzt! Sie hat schliesslich keine Garantie, selbst wenn sie das Haus verlassen, oder sie sich den Ausgang erzwingen koennte, dass ihre Krankheit damit auch im Haus zurueckbleiben wuerde. So gesehen ist es gleichgueltig, wo sie dahinsiecht. Als Kranke ist ihr Leben nicht lebenswert, drinnen oder draussen. Nur der Tod kann das aendern. Sie braucht ganz gewiss kein Gedaechtnis mehr….. Aber…., vielleicht ist es tatsaechlich nur das Haus, das sie krank macht, und sobald sie es verlassen hat, ist sie wieder heil und gesund….. So spielt das Haus noch immer seine Spiele, nichts ist eindeutig, nichts ist gewiss. Wie kann da ein alter Film schon nuetzlich sein!

    Femina hoert Phil’s Stimme: „Die Pflanze stirbt! Ich muss sie ins Labor bringen. Wir sind schliesslich ein Zentrum, wo man Forschung betreibt! Leider wird das dieser Pflanze wenig nuetzen! Ich glaube, sie ist von einer dieser Krankheiten befallen, die ohne offensichtliche Ursache auftreten und gegen die wir bis jetzt noch keine Mittel gefunden haben.“

    Er inspiziert einige Blaetter ganz genau, wendet sich dann ihr zu und sieht, dass sie ein wenig verloren seiner Untersuchung beigewohnt hatte. Er faehrt daher erklaerend fort: „Falls es dich interessieren sollte, du kannst mitkommen. Mein wissenschaftliches Interesse liegt in der Erforschung von Krankheiten und deren Elimination. Leider ist die Pflanze fuer mich nicht nur ein praktisches Problem, obwohl irgendwann, da bin ich ganz sicher, werden wir ein Gegenmittel finden. Doch mich plagt die Frage, wie es moeglich ist, dass Krankheit ueberhaupt auftritt, selbst wenn alle Vorkehrungen und Vorsichtsmassnahmen und die besten Bedingungen geschaffen worden sind, die man unter derzeitigem Wissen eben schaffen kann. Daher ist die kranke Pflanze fuer mich eher ein philosophisches Problem, derzeit wenigstens, was mich mehr frustriert, als mir lieb ist. Selbst der Samen der Pflanze hatte ganz und gar keine Makel, nicht einmal im genetischen Material konnte ich einen Fehler entdecken! Und ich habe persoenlich dafuer gesorgt, dass sie optimale Bedingungen zum Aufwachsen hat! Also, wie kommt es, dass sie trotzdem erkrankt ist?!“

    Er nimmt den Pflanzentopf und schickt sich an, in sein Labor zu gehen, waehrend er sie fragend ansieht. Sie hoert sich sagen, dass sie sehr interessiert waere. Aber Feminas Gedanken schweifen vom Geschehen auf der Leinwand ab.

    Ja, nun ist sie selber eine kranke Pflanze, ein medizinisches und philosophisches Problem. Freilich! Sie hat keine Ahnung, ob ihre Erbanlagen oder Gene zur Verantwortung gezogen werden koennen, hat man sie doch noch nie untersucht. Wozu auch! Sie war nie wirklich krank gewesen, und da sie ohnehin keine Ahnung von ihrer Herkunft hat, waere es natuerlich moeglich, dass sie mit irgendwelchen vererbbaren Konditionen belasted war, – bloss,- ihre Krankheit ist nicht bekannt dafuer. Die faellt in einen ganz anderen Bereich, naemlich in den Bereich eines uebereifrigen Abwehrsystems, das sich gegen den eigenen Koerper richtet, selbstverstuemmelnd und selbstzerstoerend. Also ist sie, Femina, ein philosophisches Problem, oder zutreffender ausgedrueckt, ein biologisch- philosophisch- psychiatrisches Problem.

    Femina haelt inne. Ihre Gedanken sind nichts wie Karusselle, rund und rund und rund geht es. Immer diese Fragen auf die sie keine Antwort geben kann. Warum und wieso? Warum gerade ich, warum gerade jetzt, warum ueberhaupt? Und ist es wirklich nur das Haus, das sie krank macht? Sie sieht ein, dass das keineswegs die einzige Ursache sein kann. Es ist schliesslich ihr Koerper! Nicht alles kann daher vom Haus abhaengen! Um diesem Karussel zu entkommen, wendet sie sich lieber dem Geschehen auf der Leinwand zu.

    Sie passieren ein Labor, voll von Geraeten und Glasbehaeltern, Instrumenten und Mikroskopen. Mehrere Weisskittel sind in ihre Arbeiten vertieft und haben keinen Blick fuer sie beide. In einer Nische mit vielen Regalen bemerkt sie eine Anzahl von Toepfen mit Pflanzen, die sie noch nie gesehen hat. Manche scheinen eher merkwuerdig, ja sogar deformiert, zu sein. Sie weiss nicht, was sie davon halten sollte, aber Phil sieht ihren Blick und klaert sie auf: „Experimente. Versuche, neue Wege zu gehen. Es ist nicht mein Fachgebiet, und ehrlich gesagt, ich bin nicht unbedingt davon begeistert. Ein Kollege ist der Leiter dieser Abteilung.“

    „Heisst das, dass du nicht weisst, was er macht? Findest du es gerechtfertigt, ich meine moralisch gerechtfertigt, was er tut? Manche der Ergebnisse schauen eher erschreckend aus,“ fragt sie perplexed.

    Sie muss wohl eine Wunde Stelle beruehrt haben, denn er erwidert kuehl: „Es gibt keine moralische Frage, wenn man Forschung betreibt! Letztlich ist das Ergebnis das Wichtigste. Man kann immer eine moralische Rechtfertigung finden. Und genau betrachtet ist jede Art von Forschung unmoralisch. Moral ist eine Frage von Gut und Boese, keine Frage der Wissenschaft. Der Forschende ist, generell gesehen, immer unmoralisch, denn die Moral beurteilt das Bestehende, das er aber durch seine Forschung in Frage stellt und zu veraendern sucht. Selbst wenn seine Forschung kein positives Ergebnis ergab, so ist das kein Grund, es moralisch zu bewerten. Es heisst nur, dass der gegangene Weg nicht erfolgreich war und dass eben ein anderer Weg gefunden werden muss. Nein, nein! Moral ist nicht das Anliegen der Wissenschaft.“

    Sie fand das ganz und gar nicht in Ordnung. Sie hoert sich sagen, dass sie das schrecklich faende und dass sie sehr wohl gemerkt habe, dass er sich „fuer Leben“ einsetzte, nicht gegen es. Findet er denn, dass im Namen der Forschung alles gerechtfertigt sei?

    „Es ist ein Dilemma“, gibt er zu. „Ich kann es nicht wegleugnen, oder gar aendern. Es ist wahrscheinlich eine rein persoenliche Angelegenheit, naemlich was das eigene Gewissen dazu zu sagen hat. Denn auch wenn es die ethischen Richtlinien gibt, nicht jeder Forscher wird sich daran halten wollen. Und es ist natuerlich auch eine Frage der oeffentlichen gesellschaftlichen Moral, was man der Forschung erlaubt, zu tun, oder was man sich von ihr erwartet, oder, womit man sie auch beauftragt.“

    Er deutet auf die welke Pflanze: „Mich schmerzt es grad so gut, dass ich kein Gegenmittel fuer ihre Krankheit habe, als es mich schmerzt die deformierten Pflanzen von nebenan zu sehen. Und doch koennen diese unter Umstaenden jenes Resultat bringen, das ich nur zu gerne jetzt zur Verfuegung haette, um mein armes Gewaechs zu retten.“

    Ihre Aufmerksamkeit laesst wieder nach. Das Fuer und Wider von Moral ist nicht der Grund, warum sie hier in diesem Zimmer sitzt. Sie hoert die Stimmen weiter argumentieren. Hin und wieder hoert sie Worte wie ‚das Gute, oder das Ueble, Verantwortungslose, sogar Rettung der Menschheit, und Nutzen zum Wohle der Gesellschaft,‘ es scheint eine recht weitlaeufige Unterhaltung geworden zu sein. Allerdings! Im Augenblick waere sie sehr dankbar, koennte die Wissenschaft ihre Krankheit eliminieren. Und sie wuerde nicht fragen, wie sie zu den Mitteln gekommen ist. Sie ist also nicht moralischer als Phil oder jene Wissenschaftler, die sich ueber ethische Prinzipien hinwegsetzen. Und sie nicht besser, nur weil sie ihnen die Arbeit ueberlaesst, aber sehr wohl von den Ergebnissen profitiert. Tatsaechlich und genau genommen, ist das Heute aus der ‚Unmoral‘ von gestern entstanden und die Moral von heute, hat morgen keine Bedeutung mehr. Sie muss zugeben, dass die Diskussion ueber Moral sehr wohl ihre Aufmerksamkeit verdient und sei es nur, um sich ihre Sterbestunde zu erleichtern, in dem sie ‚reinen Tisch‘ mit sich selber macht.

    Auf der Leinwand ist eine andere Person aufgetaucht, einer der Mitarbeiter Phil’s. Er bekommt den Auftrag, die welke Pflanze in Obhut zu nehmen, das heisst, sie zu beobachten und Untersuchungen anzustellen, um alles und jedes noch so winzige Detail zu notieren und mit anderen Werten zu vergleichen. Vielleicht gibt es einen Hinweis, einen Fingerzeig, etwas Unerwartetes. Auch nur das Hinzufuegen dieser Daten zu den alten, ist wertvoll genug, um die ganze Maschinerie der Forschung in Gang zu setzen, denn selbst das sinnlosest erscheinende Resultat ist in seiner Gesamtheit wichtig.

    Femina spuert die harte Lehne in ihrem Ruecken. Ja, es ist eine unbequeme Bank, aber noch unnachgiebiger ist ihr Verstand. Sie wird sich bewusst, dass ihre einstmals vertretene Ansicht ueber diverse wissenschaftliche Projekte nicht mehr gilt. Wie oft hatte sie sich ueber manche dieser Projekte lustig gemacht oder hat sie abgelehnt oder sich auch aufgeregt. Wie oft glaubte sie, Gelder seien besser humanen Zwecken zuzufuehren, als unnoetige Forschungsideen zu unterstuetzen oder gar grausame Experimente an Tieren zu finanzieren. Freilich! Das Anliegen human zu sein, hat sie auch jetzt noch, das aendert sich nicht, nur hat sich ihre Perspektive voellig geaendert und schlimmer noch, sie muss nun das Dilemma wahrhaben, von dem sich Phil ebenso wenig distanzieren konnte, er als Mann der Wissenschaft, sie als Kranke. Unendliche Traurigkeit steigt in ihr hoch. Sie ist nicht sicher, wem ihre Traenen gelten. In ihnen liegt jedenfalls ein grenzenloses Mitleid und tiefe Dankbarkeit fuer alles Leben, das ihretwegen sein eigenes verloren hat.

    Sie wetzt unruhig auf der Bank hin und her. Die Bank wird keineswegs bequemer, und die Traenen rollen weiter, denn Femina ist voll von ihnen. So lenkt sie denn ihre Aufmerksamkeit wieder der Leinwand zu.

    Sie passieren die Samen- und Bepflanzungsabteilung, deren Vorstand Phil ist. Voll mit Toepfen und Behaeltern, auf dem Boden, in Regalen, von den Waenden und Balken haengend und mit niedlichen Beeten dazwischen, ueberall gibt es neue Setzlinge und frische junge Pflanzen. Femina’s Augen tauchen in das tiefe Gruen. Es ist, als waere selbst das Licht, ja die Luft von gruener Farbe. Sie vermeint, sogar hier und jetzt in diesem Augenblick, den frischen erdigen Geruch von damals einzuatmen.

    Er fuehrt sie in ein Nebenzimmer, das eigentlich sein Buero ist, aber selbst da hat er ueberall Glaeser und kleine Flaschen und Traeger, gefuellt mit verschiedenen Fluessigkeiten, Erdgemischen und Samen, alles fein saeuberlich beschriftet und geordnet. Der Rest des Raumes ist voll mit Buechern, Zeitschriften und Akten, aber alles in peinlichster in Ordnung. Wahrscheinlich findet er selbst im Dunkeln immer alles was er braucht. Mag sein, in dem seine Arbeit Systematik und Uebersicht erfordert, dass es seine Persoenlichkeit praegt, doch wahrscheinlicher ist, dass nur organisierte Menschen fuer diese Art Arbeit geeignet sind. Ein Chaote koennte wohl auch ein Treibhaus besitzen, nie aber Forscher sein. Femina erinnert sich, dass sie Phil’s Ordnungsliebe sympathisch gefunden hatte. Sie mochte seine Sachlichkeit. Er war naemlich kein unnuetzer Pedant und schon gar kein ‚verwirrter Professor‘ oder nur borniert und in sich selbst vernarrt.

    Sie hoert sich fragen, ob er die Samen selektiere, die er verwendet.

    „Nein“, sagt er. „Ich sehe sie mir an und notiere ihre Merkmale und Anlagen, aber ich mache generell keine Auslese. Ich bin naemlich der Meinung, dass es prinzipiel weder gute noch schlechte Samen gibt, sondern nur gute oder schlechte Bedingungen, die das Gedeihen foerdern oder verhindern. Natuerlich, wenn ein offensichtlicher Defekt im Genmaterial vorhanden ist, ist das Ergebnis vielleicht nicht das beste, aber selbst dann, ist es nicht immer eine aussichtslose Angelegenheit. Wir haben festgestellt, dass Anlagen nicht unbedingt eine Voraussage zulassen, oder das Endresultat bestimmen. Groesse, Schoenheit oder makellose Innenstruktur ist keine Garantie fuer spaetere Qualitaet. Umgekehrt, ein weniger vollkommener Samen, kann hoechst eindrucksvolle Ergebnisse bringen. Es ist gewisserweise sehr ueberraschend, denn manchmal habe ich Samen zum Wachsen gebracht, ohne grosse Erwartungen zu haben. Und dann wieder, gibt es die Enttaeuschungen, so wie eben die welke Pflanze, die wir gerade gesehen haben. In ihrem Falle bleiben offene Fragen. Was ist passiert? War es Anlage, oder schlechte Umweltbedingungen? Beides schien optimal!“

    In die nachfolgende Stille hoert sie sich sagen: „Aber du glaubst doch, dass sie einer Krankheit zum Opfer gefallen ist. Das liegt doch ausserhalb deiner, ja fast aller Kontrolle!“

    Er schuettelt vehement seinen Kopf: „Das glaube ich eben nicht! Ich muss mich damit nur zufrieden geben. Ich habe keine nennenswerten Beweise, mit denen ich aufwarten koennte, obwohl ich davon ueberzeugt bin, dass es Krankheit nur deshalb gibt, weil man ihre Ursache nicht kennt. Sobald man diese aber kennt, kann man optimale Bedingungen schaffen, die das Auftreten der Krankheit verhindern, oder zumindest kann man dann die Mittel finden, die den Kranken heilen, oder wenigstens den Krankheitsverlauf beeinflussen. Elimination von Krankheit mag natuerlich auf verschiedenen Wegen erreicht werden, und mag eine Kombination von Massnahmen erfordern, aber es waere unsinnig zu behaupten, dass es immer Krankheit geben wird, nur weil es immer Krankheiten gegeben hat.“

    Femina erinnert sich, dass sie damals eher Mitleid mit ihm hatte, als dass sie ihm zustimmen konnte. Sie fand, dass er einen feinen Grat wanderte, eine solche Ansicht zu vertreten. Ohne wissenschaftliche Daten und Beweise war er leichte Beute fuer die Bluthunde, die Idealisten wie ihn, verfolgen, und in Stuecke reissen, sobald sie ihrer habhaft werden. Bestenfalls hielt ihn die Gesellschaft fuer verrueckt, und die Kollegen fuer einen harmlosen Traeumer. Er konnte wahrscheinlich nur ueberleben, weil jeder wusste, dass sie ihm fachlich nicht gewachsen waren.

    Ein Mitarbeiter erscheint. „Wir haben einen Schnitt angefertigt,“ sagt er zu Phil, waehrend er zum Mikroskop geht und den mitgebrachten Glasstreifen einschiebt. Die beiden Maenner beugen sich ueber das Geraet und unterhalten sich angeregt. Schliesslich wendet sich Phil ihr zu.

    „Es ist, wie ich angenommen habe. Schau hinein und ich werde dir dann zum Vergleich den Schnitt einer gesunden Struktur einlegen.“ Waehrend sie seiner Aufforderung folgt, faehrt er fort: „Siehst du die Unebenheiten in den Zellmembranen? Anstatt glatter Waende fehlen Segmente. Das ist der Grund, warum die betroffenen Zellen keinen normalen Stoffwechsel mehr haben und langsam aber sicher absterben.“ Er schiebt den anderen Schnitt ein. Sie nickt zustimmend.

    Er schuettelt nur resigniert den Kopf und wiederholt sich: „Wie ist es bloss moeglich, dass diese Krankheit auftreten konnte?! Sag ja nicht Schicksal!“

    Seine Stimme war ploetzlich scharf und bestimmt. Das kam voellig unerwartet.

    Sie hoert sich sagen: „Das habe ich garnicht in Betracht gezogen. Aber du musst zugegeben, es ist ein Argument. Wie ich sehe, hat man dir diese Antwort schon oft genug als Loesung angeboten, nicht wahr?“

    Er nickt. „Wenn ich mich damit zufrieden geben wuerde, waere ich nicht Forscher sondern Priester, oder was auch immer.“

    Er schiebt ihr einen Stuhl zu und sie setzen sich. Der Mitarbeiter brachte auf Phil’s Bitte eine Kanne Tee und Tassen. Er setzt sich zu ihnen. Offensichtlich war ihm die Gelegenheit eine kleine Arbeitspause einlegen zu koennen, ebenfalls willkommen.

    Es war Femina, die die Unterhaltung begann: „Ich glaube, es wird immer Kranke geben, und immer Krankheiten, egal wie die Bedingungen sind. Du, ich und andere moegen Krankheit vielleicht nicht als Schicksal sehen, aber fuer mich ist Krankheit der Ausdruck einer Situation. Es mag nur einen einzelnen Organismus betreffen, oder mehrere. Das inkludiert die Menschheit im weiteren Sinne. Zum Beispiel kann Krankheit der Ausdruck einer Epoche und deren Gesellschaft sein. Freilich, in jedem Falle entsteht sie auf dem Boden unguenstiger Bedingungen, wie die Pest im Mittelalter, oder die Tuberkulose, die vorwiegend und haufenweise waehrend der industriellen Revolution auftrat, weil die Staedte fuer die anwachsende Bevoelkerung weder genug, noch gesunde Quartiere hatte. Oder in unseren Zeiten, wo Krebs, Kreislauf-, und andere SYSTEM-erkrankungen massenweise auftreten. Ich glaube, Krankheit ist nicht nur ein Zeichen eines fehlerhaft arbeitenden Organismus, sondern ist auch ein Zeichen einer fehlerhaft arbeitenden Gesellschaft, in diesem Sinne und in jedem Fall, eben ein Zeichen kranker Systeme. Krankheit ist Warnung schlechthin, naemlich, dass die Harmonie im Koerper, oder, in der Gesellschaft gestoert ist und dass man diese wieder herstellen muss, um die Krankheit los zu werden. Darum hat man ja auch den Schmerz. Der ist die reinste Sirene. Der Leidende wird einfach gezwungen, etwas zu unternehmen. Ich bin durchaus und sehr wohl deiner Meinung, Phil, dass man Krankheit unmoeglich macht, wenn der Organismus in idealen Bedingungen lebt. Nur! Wann ist das schon der Fall! Ich sehe zumindest drei Gebiete, in denen sich Stoerungen entwickeln koennen, wobei diese natuerlich in Beziehung zueinander stehen. So kann in der Umwelt, oder diese selber, die Ursache sein, die einen Koerper krank macht; oder das Problem liegt im Koerper; oder in der Zone, wo der Austausch zwischen diesen beiden erfolgt und gestoert ist. Aber der schwaechste Punkt ist fuer mich der Mensch selber. Zu oft habe ich gesehen, dass Menschen sich krank machen, bewusst oder unbewusst. Und wie oft habe ich gesehen, was der Lebenswille des Einzelnen bewirken kann. Kranke, denen man kaum eine Chance auf Ueberleben gibt, schaffen es. Andere, die durchaus Chancen auf Genesung haben, sterben entgegen aller Erwartungen.“ Sie haelt kurz inne, um gleich fortzufahren: – „Freilich, wie das mit Pflanzen ist, da habe ich keine Ahnung. In diesem Bereich bist schliesslich du der Experte. Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass eine Pflanze sich selber krank machen koennte.“

    Femina wendet ihren Kopf von der Leinwand ab. Wuerde sie heute diese Diskussion haben, – welch ein Unterschied waere das! Theorie und Praxis! Welten liegen dazwischen, – und so voll gepackt mit Leid und Verzweiflung. Wie leicht laesst sich’s ueber Dinge reden, wenn man davon nicht betroffen ist.

    Aber sie ist ganz gewiss froh, auf etwas hingewiesen worden zu sein, das Sinn ergibt und einer genauen Betrachtung bedarf. Sie muss ihre eigene externe und interne Welt einer Untersuchung unterziehen, vorallem dort, wo sie aufeinander treffen und es zu „Grenzstreitigkeiten“ kommen kann, grad so, als seien zwei Kulturen nicht faehig, friedlich miteinander zu leben.

    D a r u m sitzt sie hier in diesem Zimmer. Es ist ein Warteraum. Es ist nicht ihr Sterbezimmer. Zum Teufel auch mit dem Haus! Mag es seine Spiele spielen wie es will! Nichts ist mehr wichtig! Das Hier und das Jetzt ist alles was zaehlt. Jetzt sitzt sie hier drin, um zu reflektieren. Und, sollte es nach wie vor die beste Loesung sein, der Tod kommt bestimmt, selbst wenn sie es ist, die die Sense schwingt.

  • DNS II, Kapitel 4, Teil 2

    Femina fragt sich, ob Adam und Eva den Verlust des Paradieses jemals so hart gefunden haben, wie sie. Die beiden hatten, im Gegensatz zu ihr, doch keine Ahnung was sie erwartete. Sie aber ist wieder dort wo sie vor dem Paradies gelebst hat, dort, wo die Realitaet dem Leben mit Gitterstaeben Grenzen setzt, anstatt mit Palmenblaettern; wo Zwiespalt und Zweifel regieren und wo Harmonie und Frieden wenig Gelegenheit zur Entfaltung haben. Sie hat ihre Freiheit nicht gefunden, trotz all dem Glueck, das sie erleben konnte. Es war nur ein anderer Raum im Haus, und sie ist nach wie vor darin gefangen.

    Mit ihrer Rueckkehr begann die Suche nach einer Unterkunft. Sie hatte Glueck, denn sie fand ein Haus, schneller als erwartet. Es wird ihr und Gordon eine angenehme Bleibe sein, waehrend sie ihren Verpflichtungen nachkommt und Gordon den Hausmann spielt. Es liegt etwas ausserhalb der Stadt und ist gross genug mit zwei Etagen und einer Mansarde unter dem Dach, was ihr, separiert von allem, als Arbeiszimmer sehr willkommen ist. Eigentlich ist es mehr als das, denn, obwohl sie keine Erklaerung hat, scheint ihr die Moeglichkeit, sich zurueckziehen zu koennen, wichtig. Fairerweise, auch fuer Gordon gibt es ein Zimmer, in dem er ungestoert sein kann. Sie haben zudem genug Raeume fuer den gemeinsamen Gebrauch, und ein extra Gaestezimmer. Also da ist reichlich Platz, so dass man sich nicht auf die Zehen tritt, auch wenn es Besuch geben sollte. Da es ausserhalb der Stadt liegt, abseits von allem Geschehen, ist auch die Miete niedrig genug, selbst wenn sie allein dafuer aufkommen muesste. Ja, sie hat Bedenken. Auf der Insel hatte sie schliesslich immer noch ihre eigene Huette, und Gordon war Allister’s Gast. Doch jetzt ist eben alles anders. Wer weiss, wie sich das Zusammenleben mit ihm gestaltet. Ausserdem schaetzt sie, mehr denn je, ihre Unabhaengigkeit, nach ihrem letzten Erlebnis mit Zweisamkeit. Sie hat wohl noch andere Bedenken, aber die lassen sich leichter beiseite schieben. Was die Zukunft betrifft, sind es doch immer nur Spekulationen.

    Sie vertieft sich in ihre Arbeiten, waehrend sie auf Gordon wartet und macht grosse Fortschritte. Als er schliesslich eintrifft, hat sie sich einen ziemlich guten Vorsprung geschaffen, so dass sie sich um die Einhaltung des festgelegten Termins nicht sorgen braucht.

    Das Wiedersehen zerstreut Femina‘s Misstrauen. Sie fuehlen sich sofort wieder, und unmittelbar, verbunden, grad so, als haette es tatsaechlich nie eine Trennung gegeben. Und in seinen Augen spiegeln sich die Wasser des Atolls. Sie braucht nur hinein zu tauchen, und sie ist wieder dort, wo Himmel, See und der weisse Palmenstrand das Universum waren. Kein Wunder also, dass sie abermals eine grossartige Zeit miteinander verbringen. Und wie gut, dass sie in seiner Abwesenheit so produktiv gewesen war, denn ihre Arbeit ist in den Hintergrund verdraengt worden. Schifahren im Winter, – die Berge sind nicht weit, Reisen im Sommer, – in Gegenden, die ihnen beiden fremd sind, – das ist nun einmal viel interessanter, als hinter Buechern zu sitzen. Freilich, sie muss ihren Arbeit schon beenden, denn ihre Ersparnisse schwinden dahin und irgendwann soll sich ihr Studium sehr wohl auch praktisch auszahlen. Vom Interesse allein kann man schliesslich nicht leben.

    Doch derzeit ist alles gut. Femina beginnt tatsaechlich zu glauben, dass ihr Glueck unabhaengig davon ist, was ihre grundlegenden Umstaende betrifft, hat sie doch weder ihr Gedaechtnis wiedererlangt, noch einen Ausgang aus dem Haus gefunden. Sie hat schon lange nicht mehr versucht, diese ungeloesten Probleme weiter zu verfolgen. Sie hat kein Beduerfnis, sie sieht keinen Grund. Wozu denn! Das unzugaengliche alte Wissen hindert sie nicht am Leben, noch daran, neues Material anzusammeln; ihr Gehirn hat offensichtlich Platz fuer beides. Und sie war schon lange nicht mehr im Gang. Wozu auch! Sie weiss, dass das Haus nach wie vor existiert, doch hat es offensichtlich und grad so gut, Platz genug, um ihr Leben darin zu verbringen. Mag sein, sie hat kapituliert, mag sein, sie ist zu gluecklich mit dem was sie hat, so dass es keinen Anlass gibt, etwas aenderes zu wollen. Doppelsinn und Zwiespalt bestehen nach wie vor, doch sei’s drum, man kann sich an alles gewoehnen. Vorallem, wenn man gluecklich ist.

    So koennte man meinen, dass die Glueckswoge Femina noch immer hoch oben haelt. Oberflaechlich betrachtet ist es auch so, doch haben sich die Boten eines Unheiles still und leise an sie herangemacht. Die ersten Versuche, ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen, schlagen fehl. Femina macht sich keine Gedanken, sind es doch nur Kleinigkeiten, die sich immer leicht aufklaeren lassen. Dann treten schlechte Traeume auf, die sich trotz Erwachens nicht leicht, oder gar schnell, abschuetteln lassen. Das ist sehr wohl ungewoehnlich. Auch wenn sie sich nicht an den Inhalt des Traumes erinnern kann, eine dumpfe bruetende Bedrohlichkeit bleibt wie eine Decke auf ihrem Gemuet liegen unter der sich die Schwermut einzunisten versucht. Eine Zeit lang kann der Morgen mit seinem Licht die trueben Stimmungen vertreiben, so dass Femina noch immer keinen Anlass sieht, diesen Vorkommnissen auf den Grund zu gehn. Aber das war nur der Anfang. Albtraeume beginnen sie zu quaelen. Manchmal faehrt sie im Schlaf hoch, oder weint ohne aufzuwachen, so dass Gordon sie des oefteren wecken muss, um sie zu beruhigen. Meist sind es Traeume wo man sie verfolgt, und sie schafft es nicht, zu entkommen. Ihre Beine sind zu schwer, oder ein Abgrund tut sich auf und die Meute ist im Begriff sich auf sie zu stuerzen. Der Horror im Traum ist schlimm genug, aber nun sind die Aengste auch bei Tag auf ihren Fersen. Sie spuert ein Lauern in ihr, das sie nicht erklaeren kann. Noch koennte das jemand anderer. Selbst mit Gordon darueber zu reden ist sinnlos. Er meint, es seien nur schlechte Traeume, die schon wieder vergehen wuerden, so sang und klanglos, wie sie aufgetreten sind. Er nimmt sie zwar immer zaertlich in seine Arme, und er versteht es auch, sie zu troesten, aber es ist ihr klar, dass er ihre Gefuehle nicht nachvollziehen kann. Niemand koennte das. Gefuehle gehoeren einem allein; man kann sie nicht teilen, man kann sie nicht weitergeben, man kann sie weder jemandem erklaeren noch hinreichend beschreiben und sie weiss nur zu gut, auch Gordon, der sie ganz sicher liebt, kann niemals ihre Gefuehle empfinden. Sie muss wohl oder uebel allein damit fertig werden. Unter all den Ueberlegungen, auf der Suche nach Gruenden fuer ihre Angstgefuehle, kommt sie zum Schluss, dass das Vertriebenwerden aus dem Inselparadies, nur der Anfang einer Sturmwelle war, die sie nun einzuholen begonnen hat, um ihr die Rechnung fuer vergangene Freuden und andauerndem Glueck zu presentieren. War sie nicht der Meinung gewesen, dass sie in diesem Haus niemals gluecklich werden koennte? Nun da sie es ist, muss sie dafuer wohl bezahlen.

    Die naechste traurige Nachricht laesst nicht lange auf sich warten. Gordon muss fort. Seine Anwesenheit bei sich zu Hause ist unbedingt erforderlich. Es trifft sie hart. Sie empfindet diese Trennung wesentlich schwerer als er, denn sie sieht eine Endgueltigkeit darin, waehrend er, auch wenn er sie ungern zuruecklaesst, nur eine befristete Trennung sieht. Er hat keinen Zweifel, dass er bald wieder zurueck sein wuerde. Sie sagt dazu nichts. Es ist ein Abschied, so oder so, und sie wird wieder ueber die gluehenden Kohlen laufen. Was danach erfolgt, ist fuer sie kaum vorstellbar. Es weckt in ihr wenig Interesse, derzeit jedenfalls.

    So bleibt Femina allein zurueck. Ihre Ersparnisse sind ebenfalls beim Auslaufen. Sie nimmt daher einen Job im Gastgewerbe an, wo die Trinkgelder reichlich sind und wesentlich mehr einbringen als das Gehalt. Es erlaubt den Lebensstandard fortzufuehren, den sie will. Nicht dass sie derzeit viel braucht. Sie kniet sich naemlich wieder vehement in ihre Schreibarbeit. Der Endspurt ist hart, aber sie schafft es schneller als erwartet und mit Erfolg. Ein paar Wochen spaeter erhaelt sie den Brief mit der Bestaetigung und dem Datum fuer die offizielle Feier, die in solchen Lehranstalten ueblich ist, mit allem Pomp und Gefasel. Allerdings wird sie Pia und Dimitri dazu einladen, denn sie ist sicher, dass sie sich darueber freuen.

    Sie hat freilich Anlass zum Feiern, aber aus wesentlich anderen Gruenden; und so organisiert sie eine Party, laedt Kollegen und alte Freunde ein, und spart nicht an Kosten, was die Zutaten betrifft, um dem Fest die Ehre zu geben, die es verdient. Fuer sie ist es eine Art Auferstehung, ein Fruehlingsfest, ein Wiedererwachen zum Leben, hatte sie doch in den vielen langen vergangenen Wochen ein richtiges Einsiedlerleben gefuehrt. Von einer Arbeit in die andere, den Kopf in Buechern und die einzigen Leute mit denen sie Worte austauschte, waren die Gaeste des Hotels gewesen, die sie bediente. Sie freut sich auch, dass sie nun wesentlich interessantere Einnahmequellen erschliessen kann.

    Die Party ist in vollem Schwung. Es ist reiner Zufall, dass sie sich neben dem Telefon befindet, als es laeutet. Gordon ist an der Strippe, der natuerlich all die Musik und Stimmen hoert, trotzdem sich das Telefon nicht gerade in den Raeumen mit dem groessten Getriebe befindet. Sie klaert ihn auf. Er freut sich und gratuliert ihr. Ausserdem glaubt er, in absehbarer Zeit wieder bei ihr sein zu koennen. Sie will im Moment nicht wirklich darauf eingehen, denn mit Abschluss ihrer Studien, besteht keine Notwendigkeit, dass er zu ihr kommt. Sie koennte durchaus ihm folgen. Sie schlaegt daher vor, dass sie ein andermal darueber reden, wenn sie mehr Ruhe dafuer haetten. Er kann ihr nur zustimmen. Er fragt sie aber, ob sie noch immer die Albtraeume habe.

    „Das ist besser geworden,“ sagt sie wahrheitsgetreu, denn tatsaechlich hat sie sie weniger oft gehabt, und jegliche Aengste oder dunkle Stimmungen hat sie mit Arbeit verdraengt.

    „Da bin ich aber froh,“ toent es aus dem Hoerer und sie kann seine Erleichterung fuehlen, auch wenn er tausende Meilen weit weg ist. „Siehst du, ich habe recht gehabt!“ sagt er befriedigt.

    Es erleichtere sie auch, antwortet sie, verschweigt aber, dass nicht alles so ist, wie es sein sollte und dass die undefinierbaren Aengste im Schatten ihrer Gefuehle auf der Lauer liegen wie hungrige Loewen im hohen Steppengras.

    „Ich komme bald,“ sagt er zum Abschied und schickt ihr einen Kuss durch die Leitung.

    Sie kehrt zur Party zurueck, mischt sich unter die Tanzfreudigen und Gruppen, die lautstark diskutieren, und schliesst sich jenen an, die wie die Schmetterlinge von den einen zu den anderen wandern oder sich am Buffet zusammenfinden, um dem Alkohol eine Grundlage zu geben, so dass er nicht zu schnell zu Kopf steigen kann. Femina geniesst alles in vollen Zuegen. Sie ist allerdings vorsichtig mit dem Alkohol. Sie will ihm nicht zum Opfer fallen, denn nach solanger Abstinenz haette er ein leichtes Spiel mit ihr.

    Doch die Nacht endet fuer Femina tragisch, und es hat nicht das geringste mit Alkohol zu tun. Sie findet naemlich heraus, welches Ungeheuer sie verfolgt, was das Unbekannte ist, das sie nicht loswerden konnte. Die Ursache ihrer Aengste hat einen Namen: K r a n k h e i t !

    Niemand war anwesend, als sie sich im Badezimmer die Haende waschen wollte und ploetzlich stuerzte. Es gab keinen Anlass, kein Hinderniss, das sie zu Fall haette bringen koennen. Es waren einfach die Beine, die nachgaben. Sie knickten weg, als seien sie Stelzen, denen jemand ohne Vorwarnung einen Fusstritt versetzt hat, so dass sie zu Boden fielen. Sie kann nicht aufstehen und wie sie so auf dem Boden sitzt, fallen ihr diverse andere Vorfaelle ein. Sie erinnert sich, wie sie reagiert hatte, naemlich vorwiegend mit Frustration, gab es doch immer Erklaerungen, wie ungeschickt oder zu muede oder ueberarbeitet sie war. Jetzt allerdings steht fest, sie hatten eine ganz andere Bedeutung. Dieser Sturz ist naemlich nicht das erste mal, dass ihr Koerper streikt: Dinge waren ihr aus der Hand gefallen; sie hatte hin und wieder Sehausfaelle, wenn auch nur sehr sporadisch und kaum mehr als Augenblicke, grad so, als waeren die Augenlider Jalousien, die man dicht macht, aber dann gleich wieder oeffnet. Selbst die Doppelbilder, die sie immer sehen konnte, waren von anderer Qualitaet. Sie traten waehrend ihrer Studien auf, wenn sie etwas las oder schrieb. Worte und Saetze betreffend, nicht Inhalte! Alles macht ploetzlich Sinn, selbst die Albtraeume. Die hatten die Funktion der Warnung, da sie sich und ihrem Koerper nicht jene Aufmerksamkeit schenkte, die erforderlich war und die sich offensichtlich nicht ohne Protest uebersehen lassen wollte. Ihr Unterbewusstsein benutzte die Traeume, nicht nur um sie zu warnen, sondern um ihre Aufmerksamkeit zu erzwingen. Was selbst dann nicht erfolgte. Auch wenn das Unterbewusste versucht sich Gehoer zu verschaffen, das Bewusste mag es nicht unbedingt hoeren wollen. Femina muss nun eingestehen, es war ihre Schuld, denn genau das hat sie getan. Sie hat nicht hingehoert, sie hat nicht hinhoeren wollen! Sie hat sich gewehrt, liess sich lieber von Aengsten quaelen, denn Aengste und Albtraeume sind leichter zu ertragen, als das Wissen, dass man einen kranken Koerper hat. Wozu ist ein Motor gut, der nicht laeuft! Er ist mehr wert auf dem Schrotthaufen. Das ist die Realitaet.

    Der Anfall ist auch diesmal nur voruebergehend. Sie kann wieder aufstehen und weitergehen. Aber der Schock bleibt. Femina verlaesst die Party und zieht sich in ihre Mansarde zurueck. Wenn man sie brauchen sollte, wird man sie schon finden. Manche werden ohnehin lieber hier schlafen, als sich betrunken ans Steuer zu setzen. Und sie wird am Morgen ganz bestimmt besser faehig sein, ihre Gefuehle zu kontrollieren, als jetzt, wo sie nicht anders kann, als sich in ihre Hoehle zurueckzuziehen, so wie der verletzte Hund, der seine Wunden leckt. Doch sie weiss, dass noch so viel Lecken ihrer Krankheit nicht Herr zu werden ist, nicht dieser Krankheit jedenfalls. Der Tod hat sich bei ihr heimlich eingenistet und jetzt greift er nach ihr; er laesst sich nicht laenger verleugnen. Aber nicht schnell will er sie haben. Nein, nein! Sieh nur, wie hoehnisch er lacht! Ein Stueck nach dem anderen will er sich von ihr nehmen. Und sie? – Was kann sie schon dagegen tun?! – Nichts! – Denn fuer diese Krankheit gibt es keine Medizin! – Das, was es gibt, kann hoechstens das Elend verlaengern, – und wem ist damit schon gedient!

    Es ist dieses Haus, es ist dieser Bau! Hier drin gibt es kein echtes Glueck. Es ist alles nur Schein. Katzengold! Ja, und jetzt muss sie eingestehen, sie hat sich, traurigerweise, taeuschen lassen! Und letzten Endes hat sie recht behalten, Welt der Illusion! Das Wahre laesst sich darin, wenn ueberhaupt, nur schwer finden. Damit steht fest:

    S i e m u s s r a u s !!! R a u s a u s d i e s e m H a u s !!! R a u s a u s d i e s e m B a u !!! R a u s , n i c h t s w i e r a u s !!!!

    Sie eilt ueber den kalten Steinboden des langen Ganges. Vor der Stahltuere, mit dem Leuchtschild „EXIT“ darueber, macht sie halt. So oft sie hier auch schon gestanden hat, das Tor oeffnet sich nicht. Auch jetzt nicht. Das Raetsel um den Mechanismus ist ungeloest. Doch jetzt muss sie hinaus, will sie hier drin nicht ganz langsam verrecken. Wieviel Zeit bleibt ihr fuer des Raetsel’s Loesung? Wer weiss das schon! Sie darf aber keine Zeit verlieren. Sie muss raus, noch bevor das langsame Sterben beginnt, das ihr mit seinem quaelenden Spiel letztendes jede Moeglichkeit der Flucht nehmen koennte.

    Verzweifelt untersucht sie das Tor und seine unmittelbare Umgebung wieder und wieder, ohne Erfolg. Es gibt nur zwei Moeglichkeiten: Entweder bricht sie das Tor mit Gewalt auf, oder sie findet sich ein fuer alle Mal damit ab, dass es kein Entkommen gibt, ausser wenn die Krankheit ihren Koerper konsumiert hat.

    Sie laesst sich vor der Tuer nieder. Sie weiss nicht, was sie tun sollte. Im Haus bleiben, einfach aufgeben? Doch im Haus zu bleiben,… – selbst der Gadanke ist unertraeglich. Ein langsamer Tod ist das schlimmste, das sie sich vorstellen kann. Sie kann nicht warten, bis die Krankheit sie aufgefressen hat! Wenn schon warten, dann lieber hier, vor dem Tor. Vielleicht hat sie zu wenig Zeit vor dem Tor verbracht, vielleicht hat es einen Zeitmechanismus? Das ist allerdings nicht sehr troestlich, denn wer weiss wie lange sie warten muesste. Sie ueberlegt daher, welche Werkzeuge sie braucht und heranschaffen muss, mit denen sie das Tor aufbrechen koennte. Sie muss es ohne jede Hilfe tun. Niemand wuerde ihr helfen, das ist gewiss. Aber das Aufbrechen mag garnicht so einfach sein. Nicht doch! Sie kann das Tor aufsprengen! Wie und mit was laesst sich ganz sicher herausfinden, auch wo sie das Material erstehen kann. Sie fuehlt sich etwas erleichtert, gibt es ihr doch die Zuversicht, dass sie hier drin nicht dahin siechen wird muessen.

    Waehrend sie auf die Tuer starrt, geht es in ihrem Kopf rundum. Rastlos kreisen die Gedanken. Da hat sie sich brav angepasst, hat sich sogar mit dem Haus abgefunden. Und jetzt, wo sie eigentlich gluecklich gewesen war, wird es zur Folterkammer, grad so, als wollte es ihr beweisen, dass sie ausgeliefert ist, ohne Macht, ohne Hilfe, ein Spielball jener Kraefte, die sie gefangen halten.

    Ein eiskalter Gedanke taucht ploetzlich auf, grad so als haette er in namenloser Tiefe unter einer dicken Eisdecke gelegen, in die ihr rotierender Verstand ein Loch gefraest hat und ihn zum Aufsteigen zwang. Er ist aber keine Hilfe, macht alles noch viel schlimmer: Sie mag wohl die Stahltuere aufbrechen und dem Haus entkommen koennen, doch kann sie sich damit ihrer Krankheit entledigen?

    Es ist mit einem Male so still um sie und still ist es in ihrem Kopf. Das ist wohl der Vorbote des grossen Schweigers.

    Ein Knacken hinter ihr laesst sie zusammenzucken. Sie dreht sich um und sieht eine unauffaellige weiss getuenchte Tuer, die aufgesprungen ist und eine Handbreit offensteht. Sie steht auf und schaut hinein. Es ist ein grosser Raum, ganz in weiss, selbst der Fussboden ist weiss gestrichen. An der linken Wand steht eine braune Holzbank. Sie hat sogar eine Lehne. Trotzdem sieht sie nicht sehr bequem aus; steht da, wie ein grosser brauner Mund in einem weissen Gesicht, das keine Augen und keine Nase hat. Femina geht hinein, drueckt die Tuer hinter sich ins Schloss und setzt sich auf die Bank. Da ist es also, ihr Wartezimmer! Warten auf das Morgengrauen, warten auf den Glockenschlag. Noch ist es Nacht und der Henker schlaeft, aber das Warten hat fuer sie begonnen und hoert nicht mehr auf. Sie froestelt. Ihr ist so schrecklich kalt. Die Leere des Zimmers starrt sie an, wie der Blick eines gebrochenen Auges, und in dieser Stille stirbt jeder Hilferuf, – drum bleiben ihre Lippen geschlossen. Und doch ist sie dankbar fuer diesen Zufluchtsort. Sie muss wieder nachzudenken beginnen. Sie braucht die Ruhe, sie braucht Besinnung, hat sie doch alle Kontrolle ueber sich verloren, und das kann ihr nicht die Loesung der Raetsel bringen.

    Lange Zeit starrt sie vor sich hin, alle Sinne haben sich nach innen gekehrt, als seien sie bleischwere Anker in den Untiefen eines lichtlosen Meers. Sie verharrt, regungslos. Aber es kommt n i c h t s hervor, keine Stimme, die ihr etwas erklaert, kein Gedanke, der ihr weiterhilft. Die Hoffnung hat sich davon gemacht, laesst sie zurueck wie ein leeres Schneckenhaus. Sie verliert langsam den Bezug zur Zeit. Kaelte rinnt durch ihren Koerper, bis sie nichts mehr empfindet. Zu Eis gewordene Fluesse, zugefrorene See.

  • DNS II, Kapitel 4, Teil 1

    Sie ist an ihrem Strand, von dem sie getraeumt hatte. Seit Wochen schon, doch hat sie es aufgegeben, die Tage zu zaehlen. Warum auch, ist sie doch rundum gluecklich. Sie geniesst jede Minute, sei es im Schatten der Palmen zu liegen, mit dem Blick auf das tuerkisblaue Meer, oder sich im Wasser zu tummeln, oder mit den Fischen um die Wette zu schwimmen. Ihre Haut hat bereits eine goldbraune Farbe. Ihre Haare sind heller geworden, gebleicht von Sonne und Meer. Ein strahlender Tag folgt dem anderen. Rund um sie ist nichts wie Wasser, weisser Sand und Palmen, von denen sich manche weit ueber den Strand beugen und einige sogar ueber dem Wasser zu liegen kommen, mit ihren Blaetterkoepfen grade noch hoch genug darueber, so dass sie nicht nass werden.

    Es war garnicht einfach gewesen, hierher zu kommen. Tagelang hing sie am Hafen herum, auf der Suche nach einem Boot, das sie zu einem der kleinen Atolle bringen wuerde, die besiedelt waren. Aber bereits dort, zwischen all den dunkelhaeutigen Menschen, dem Fischgeruch und dem Getuemmel, wie es ein so kleiner Hafen eben mit sich bringt, und trotz aller Sprachschwierigkeiten, – sie fuehlte sich von Anfang an, und rundum, wohl.

    Sie erinnert sich an einige Erlebnisse im Hafen und laechelt, speziell bei jenem, das sie schliesslich in der Folge zu dieser Insel, ihrem jetzigen Aufenthaltsort brachte. Da sass sie auf den Treppen zu dem kleinen Teehaus, oder besser Huette, an der Mole, wo sie jeden Tag auf eines der Fischerboote von einem der Atolle wartete, das ihr jemand empfohlen hatte, – umsonst, wie schon so oft. Es war bereits wieder Mittag geworden, ohne dass sie ein Boot auftreiben konnte. Sie hatte mehr als genug Zeit, sich um ihr leibliches Wohl zu kuemmern und war noch nicht bereit dem Hafen bis zum naechsten Morgen den Ruecken zu kehren. Daher begann sie einen Brief zu schreiben. Aber kaum hatte sie die erste Zeile beendet, umringten sie auch schon ein paar Neugierige, und immer mehr kamen hinzu. Grosse Kinderaugen, interessierte Fischermaenner, und alle lachten sie und verfolgten begeistert ihrer Schreiberei. Da war ein Puffen und Stossen rund um sie und sich reckende Haelse, und das Sing-Sang der fremden Sprache. Sie hat den Brief zu Ende geschrieben, unter allgemeinem Applaus. Sie muss jetzt noch lachen, so komisch fand sie ihre Situation. Ein Fischer zog sie schliesslich am Arm, und bestand darauf, dass sie mit ihm mitkommen sollte. Er deutete auf das Teehaus und nach einigem Straeuben folgte sie ihm, vorallem weil alle so froehlich lachten. Da war sie nun in diesem kleinen Teehaus, alles nur Fischermaenner darin. Man setzte sie auf eine kleine Bank und liess sie allein; der Fischer, der sie dazu ueberredet hatte, geselligte sich zu den anderen Maennern. Eine rundliche Einheimische erschien und stellte vor sie Tee und Suessigkeiten, angehaeuft auf mehreren Tellern, alles kleine Happen in verschiedenen Farben und Formen. Die Frau forderte sie auf zuzugreifen, so wie die Maenner auch. Naja, das tat sie denn auch unter allgemeiner freundlicher Ermunterung. Es waren Kokosnussbaeckereien und was die Baeckerin oder die Baecker da zubereitet hatten, war einfach koestlich.

    Femina setzt sich auf. Das Meer gefaellt sich in Streifen, vom dunkelsten Blau bis zum glasigsten Gruen, so wechseln sie einander ab. Die ueber das Wasser haengenden Palmen faechern ihre Blaetter im sanften Wind.

    Sie hat im Teehaus nichts bezahlen muessen. Man hat ihr nur freundlich, und unter froehlichem Lachen, zugewinkt, als sie gehen wollte, und eine Bezahlung strikt abgelehnt. Was soll sie sagen! Dieses Volk hat ihre Seele im Sturm erobert. An diesem Tag fasste sie den Entschluss, der sie hieher brachte. Sie wuerde am naechsten Morgen, das naechstbeste Boot nehmen, das auslief, egal wohin es auch immer segelte. Die Boote verliessen den Hafen immer nur in den fruehen Morgenstunden, um in die Atolle zu kommen. Die Atollbewohner, Fischer, mit wenig Ausnahmen, besitzen nur Segelboote simpelster Art. Was der Wind nicht an Arbeit leistet, muessen sie selber tun, und das heisst auch, die Stroemungen zwischen den Atollen zu ueberwinden. Abgetrieben zu werden konnte den Tod bedeuten. Zu manchen Atollen dauert die Reise Tage, zu anderen Stunden, und immer abhaengig vom Wind. Die Boote sind fuer die Fischer daher auch Lebensraum, aber bequem sind sie deshalb noch lange nicht. Sie sind nicht fuer soetwas ausgestatted, da die meisten Reisen nur bei Tag gemacht werden, doch fuer einen Notfall haben sie sich vorzusorgen.

    Sie springt jedenfalls am naechsten Morgen, wie beschlossen, in das naechste auslaufende Boot. Nach kurzem Palaver mit dem Bootsfuehrer ist die Sache perfekt, sie kann mit ihnen mitkommen. Es war ein hoechst ueberraschender Erfolg, denn keiner von ihnen verstand die Sprache des anderen. Aber warum auf etwas warten, das keineswegs besser sein konnte, was auch immer sie jetzt ansteuerte? Mit diesen freundlichen Fischern kann der Unterschied nicht gross sein, egal auf welchem Atoll sie lebten! Die Maenner im Boot waren auch ganz herzlich zu ihr und richteten ihr einen schoenen Platz ein. Das Boot hatte Baenke entlang den Seiten und ein paar quer von einer zur anderen, einen Mast und Ruder, die unter den Baenken verstaut waren. Eine kleine schattenspendene Ueberdachung befand sich an einem Ende und Netze, Seile und Saecke lagen ueberall nietlich abgesichert rundum. Es gab keinen Raum, an den man sich zurueckziehen koennte, sollte es regnen oder stuermen, und es gab nur ein Segel, und das war keineswegs neu, sondern hatte viele Reparaturen. Doch tat es seinen Dienst. Voll geblaeht von einem stetigen Wind glitt das Boot durch kleine Wellen und die Stimmung aller an Bord war entspannt und froehlich. Sie gaben ihr getrockneten Fisch zum Essen, was ihre eigene Versorgung war und kochten Wasser fuer Tee auf einem kleinen Kerosinoefchen. Kokosnussschalen, poliert und glatt geschliffen dienten als Tassen, die sie dann fein saeuberlich einsammelten und zur Reinigung in einem Netz ins Wasser haengen liessen.

    Es war nur eine lange, aber unvergessliche, Tagesreise, bis sie die kleine Insel erreichten, auf der sie sich nun wohnlich niedergelassen hat. Und sie hat ihre Entscheidung noch keine Stunde bereut. Im Gegenteil! Sie hat nicht vor, jemals wieder von hier wegzugehen.

    Das Atoll ist so klein, dass man es ganz leicht in weniger als einer Stunde umrunden kann. Ueberall hat es den feinsten weissen Sand, der wie ein Band die von Kokospalmen bedeckte Insel einsaeumt, aber auch den Boden der Lagune bildet und dem Gruen und Blau des Wassers eine makellose Klarheit verleiht. Im Inselinneren, vorallem in seiner Mitte, wo die Bewohner ihre Palmenhuetten haben, wachsen einige Straeucher und Buesche, wovon ein paar riesige Blueten tragen, die die Frauen gerne als Haarschmuck verwenden. Es ist das winzigste Dorf, das man sich vorstellen kann, eher eine Ansiedlung, nicht mehr als zwanzig Huetten, in dem die Fischer mit ihren Familien wohnen und von denen einige leer stehen um als zusaetzliche Quartiere zu dienen, fuer alle, die Herberge brauchen, jene Fischer vorallem, die zu fernen Atollen reisen.

    Jedes Haus hat einen kleinen privaten Garten an seiner Rueckseite , den ein Zaun aus dichten Palmenblaettern von den Wegen und oeffentlichen Plaetzen abgrenzt, die von den Einwohnern frequentiert werden. Es herrscht immer reger Verkehr, denn das Leben spielt sich vorwiegend im Freien ab und es gibt staendig nachbarliche Besuche. Da ist genug Platz fuer jede Familie, denn die Huetten sind nicht nahe beieinander, sondern eher ueber die Insel verstreut. Jedoch keine der Huetten befindet sich am Strand. In welchem Heim man auch immer sein mag, es ist immer nur ein kurzer Weg bis zum Wasser, hoechsten 15 Minuten, wenn man schon den laengsten Pfad nehmen will.

    Das Atoll liegt an einer Seite direkt am Riff, mit einem Band von etwa 20 oder 30 dreissig Metern in Breite, aus farbenpraechtigsten Korallen, von dem es dann unmittelbar in die Untiefe offenen Meeres abbricht. Die andere Seite, innerhalb des Atollringes, ist eine Lagune, die das grossartigste Swimmingpool formt, das man sich nur wuenschen kann und das die perfekten Plaetscherfreuden bereitet. Jeden Tag, wenn sie zum Meer geht, muss sie also eine Entscheidung treffen, naemlich, wonach es sie geluestet: Schnorcheln und tauchen, oder sich im klarsten Wasser baden. Beides ist unuebertreffliches Vergnuegen, wobei die Unterwasserwelt zu den echten Weltwundern gehoert. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Wasserwunderwelt, mit Fischschwaermen von winzig klein bis riesengross, in den abenteuerlichsten Farben und Mustern. Gestreiftes und Gepunktetes auf einem Kleid zu tragen, das wagen nur Unbekuemmerte, aber hier ist mit noch so viel Phantasie der Wirklichkeit nicht nahe zu kommen. Die Korallen und alles andere Getier und Leben sind von atemberaubender Buntheit und Vielgestalt. Sie sieht Delfinschwaerme und Schildkroeten, Riesenrochen und Monsterfische, und obwohl es von Haien wimmelt, ist ihr das voellig egal, – die haben naemlich sowieso die Qual der Wahl, bei diesem Futterangebot. Warum sollte da einer grade sie verschlucken wollen! Nein, nein! Nichts kann sie von dieser Zauberwelt fernhalten!

    Ueberhaupt! Freiwillig bringt man sie von hier nicht fort! Ein kleines Maedchen aus dem Dorf kennt erstaunlicherweise ein paar Woerter aus Femina’s Sprache. Sie ist ein suesses Ding und versucht ihr stets und ganz ernsthaft die lokale Sprache beizubringen. Sie zeigt ihr auch, wie man am Strand nach Muscheln sucht und wo man die schoensten findet. Nachmittags liegt Femina jedoch am liebsten im weissen Sand unter den Palmen, ganz nahe dem Wasser, dem herrlichsten Wasser der Welt. Nirgendwo ist es so klar, nirgendwo so tuerkisgruen. Nirgendwo koennte es schoener sein!

    Und dazu kommen noch diese Menschen, die grad so wundervoll sind. Was muss sie mit ihnen lachen! Dass sie neugierig sind, ist ihr ja im Hafen schon aufgefallen, aber dass sie soooo neugierig sind, hat sie nicht erwartet, denn sie stecken ihre Nase in alles, ob Maennlein oder Weiblein. Keine Tasche, kein Buendel, keine Dose, kein Buch, das sie nicht genau inspizieren, auch ohne ihr Wissen und in ihrer Anwesenheit, wie sie immer wieder feststellen muss. Sie besitzt zwei Buecher, eines ist ueber die Erstbesteigung eines Achttausenders, mit vielen Bildern darin, das andere ein Yogabuch, mit Bildanleitungen fuer praktische Uebungen. Ueber diese Bilder machen sie sich immer wieder in Gruppen her. Sie koennen stundenlang zusammensitzen und diskutieren; oder, vorallem die Kinder, machen die Uebungen nach und verrenken sich hoffungslos ihre Glieder. Sie haben den groessten Spass dabei, und so geht es Femina, sie kann nur mit ihnen mitlachen.

    Selbst in der Nacht scheinen die Bewohner nie alle zur selben Zeit zu schlafen. Manchmal, glaubt sie sich allein unter dem Sternenhimmel, wenn sie zum Strand spaziert, aber das ist ein Trugschluss. Irgendjemand ist immer auf, um den anderen von ihren Unternehmungen zu berichten. Man weiss immer alles ganz genau.

    Sie liebt es auch, in den heissen Naechten vor ihrer Huette zu sitzen und den sternfunkelnden Himmel zu betrachten. Sie bleibt dabei allerdings selten allein. Es finden sich immer ein paar Wache, die ihr Gesellschaft leisten. Die Frauen kommen dann meist mit ihren grossen Wasserpfeifen und rot glueht es im Dunkeln auf, wenn sie daran ziehen. Ueberhaupt, diese Menschen sind von einer bezaubernden Schoenheit, aber ganz besonders die Frauen. Sie scheinen zeitlos zu sein in ihrer strahlenden Exotik, und selbstbewusst sind sie auch. Femina nennt sie die Tropenkoeniginnen, die Orchideen des Atolls. Und die Maenner muessen sich um sie sehr bemuehen.

    Aber die Neugierde dieser Leutchen ist damit noch lange nicht erschoepft, dass sie mit ihr die Nacht unter dem Sternenhimmel verbringen. Nein, die Neugierde macht auch vor ihren intimsten Angelegenheiten nicht halt. Da sie sich natuerlich am Brunnen im Garten hinter ihrem Haus waescht und wie es ueblich ist, eine entfernte Ecke als ‚gewisses Oertchen‘ benutzt, indem man seinen Abfall mit einem Stock in der Erde verscharrt, ist sie immer irgendwelchen Augen ausgeliefert. Auch wenn sie die Beobachter nicht sieht, sondern sie nur am Palmenblaetterzaun rascheln oder fluestern hoert. Na ja, sie hat sich daran gewoehnt. Die Inselbewohner sind in diesen Dingen nicht genierlich, und sie kann ihnen nichts veruebeln, denn sauber sind sie allemal, von innen und aussen.

    So fliegt die Zeit dahin. Das Wetter hat sich allerdings ein wenig veraendert, was jedoch keineswegs ein Problem ist. Im Gegenteil! Es gibt nun mittaegliche und abendliche Wolken. Zu Mittag bringen sie Regen. Es giesst in Stroemen meist eine Stunde lang. Der Schauer ist so dicht, dass man meinen koennte, die ganze Welt bestuende nur aus dieser Insel und Wasser, Wasser ueberall. Doch die Sonne leckt danach gierig jede Pfuetze auf und bricht am Horizont das abziehende Wetter in die farbenpraechtigsten Regenboegen, sodass bald alles wieder so aussieht, als habe es nie einen Wasserguss gegeben und als habe man sich das alles nur eingebildet.

    Die Wolken am Abend scheinen nur eine Aufgabe zu haben, naemlich die Sonnenuntergaenge ganz besonders bewundernswert zu machen. Beinahe jeden Tag geht sie zum Strand, um diesem Schauspiel beizuwohnen. Jeder Untergang ist anders; glutrot und lila, orangen gold und Schwefelgelb. Sanft schwingen die Palmenwedel ueber einem Wasser, in dem sich der Himmel eitel spiegeln kann und bei dem man des oefteren nicht mehr weiss, ob es nicht doch aus rotem Gold besteht. Waehrend des Sonnenunterganges laesst man sie allein. Sie hat sich nur einmal diesbezueglich auessern brauchen, als sich jemand zu ihr setzen wollte. Seidem respektiert jeder ihr Beduerfnis, zu diesem Zeitpunkt des Tages, allein sein zu wollen.

    Es gaebe sovieles ueber diesen Ort zu erzaehlen, denn es ist ein Paradies, nahezu vollkommen. Aber wer hat schon von einem vollkommenen Paradies auf Erden gehoert? Sie nicht! Und dem ‚beinahe‘ gebuehrt auf jedem Fall die Zehnernote, auch wenn ihr dabei die Mosquitos und andere vielbeinige kleine Ungeheuer einfallen. Was haben die sie schon maltraetiert! Eigenartigerweise, oder dem Himmel sei Dank, an den Strand verirrt sich kaum eines dieser Biester. Sie bevorzugen, im Busch und in den Huetten auf ihre Opfer loszugehen. Einmal, bei einem Spaziergang zum Strand, als die Daemmerung einsetzte, hat sie eine kleine allerliebst aussehende Stechmuecke bei sich aufsitzen lassen, auf ihrem Oberarm, um genau zu sein. Sie liess sie aufsitzen, weil sie eine solch drollige Muecke noch nie gesehen hatte. Sie war gestreift wie ein Zebra und hatte grosse schwarze glaenzende Kugelaugen, leider voll Begier, wie sie gleich feststellen musste. Dieses niedliche kleine Luder hat naemlich verdammt hart zugestochen. Im Reflex hat sie das Biest am Saufen ihres Blutes gehindert, aber der Arm schwoll an, sekundenschnell und der lokale Schmerz blieb ihr einige Tage zum Andenken erhalten. D a s hatte sie sich von der suessen kleinen Muecke nicht erwartet, allerliebst ja, aber ein kleines Monster durchaus.

    Zwei andere Weisse sind auf die Insel gekommen, Allister und Gordon. Wie sich herausstellt ist Allister schon lange im Atoll und will eine junge Einheimische heiraten, waehrend Gordon, sein Freund, nur bei im zu Besuch ist. Das erklaert nun auch die Sprachkenntnisse der Kleinen. Femina hatte sich gewundert, doch konnte sie der Sache nicht auf den Grund gehen, eben wegen der Sprachbarriere.

    Die beiden bewohnen ein Haus, nur ein paar Ecken weiter von ihrer eigenen Huette. Sie bereichern Femina’s Aufenthalt natuerlich sehr, denn Allister erzaehlt ihr viel von diesen Menschen und dem alltaeglichen Leben auf diesen Inseln, mit vielen erheiternden Episoden dazwischen, die er erlebt hat. Ihre eigenen Erfahrungen koennen seine Erlebnisse nur bestaetigen.

    Zu Gordon entwickelt sich eine Affaire. Na ja, er ist ein attraktiver Mann. Gross, mit breiten Schultern und schmalen Hueften, braungebrannt und trotz wohlgeformter Muskel, kein Muskelprotz. Er hat zwar eine Glatze, aber sein Gesicht ist interessant, und seine grossen irridescent gruenen Augen sind einfach sensationel. Tatsaechlich waren es seine Augen, die sie vom ersten Augenblick an faszinierten. Sie sind wie das Meer, das die Insel umgibt, mit all seinem tuerkis blauen Gruen und glasklarem Blau.

    Dem neugierigen Voelkchen bleibt natuerlich nichts verborgen und sie freuen sich ungemein. Gibt es ihnen doch viel zum Palavern und haufenweise Gelegenheit, ihre taeglichen Arbeiten mit Gelaechter aufzulockern. Denn arbeiten tun sie gemeinsam, sowohl die Frauen mit haeuslichen Pflichten, als auch die Maenner, die neben dem Fischfang, Muscheln und Korallen polieren und phantasievollen Schmuck herstellen, den sie dann im Hauptatoll zu verkaufen suchen.

    Die Glueckswoge schwappt Femina also hoch hinauf. Sie kann nur hoffen, dass sie da oben bleiben kann. Die Beziehung zu Gordon verdichtet sich. Sie stecken nun schon die ganze Zeit zusammen und es wird ihnen bald klar, dass sie sich eigentlich nicht mehr trennen wollen, obwohl sie darueber wenig reden. Derzeit jedenfalls.

    Doch Femina’s Hoffnung im Zustand der Glueckseligkeit verharren zu koennen, erfuellt sich leider nicht. Das Inselvolk hat einen neuen Regenten bekommen, und dieser duldet keine Fremden in seinem Land. Femina und Gordon muessen gehen. Allister ist ausgenommen, denn er hatte den Glauben des Landes bereits angenommen, um heiraten zu koennen. Es berechtigt ihn zum Bleiben.

    So traurig Gordon und sie auch immer sind, sie koennen ihren Aufenthalt hier nicht verlaengern. Es gibt allerdings keine Diskussion, was sie beide betrifft. Sie wollen zusammenbleiben. Doch praktische Gruende zwingen sie zur Trennung. Er muss seine Angelegenheiten wahrnehmen und sie die ihren. Da sie offiziell verschiedenen Laendern angehoeren, und obwohl sie keine Bedenken hat, ihm zu folgen, will sie nun doch zuerst ihr Studium ein fuer alle mal abschliessen, bevor sie weitere Reisen unternimmt. So beschliessen sie, dass er ihr folgen wuerde, zumindest solange es notwendig sein sollte. Aber auch das kann nicht unmittelbar organisiert werden. Abgesehen von persoenlichen Huerden, soweit es Gordon betrifft, gibt es die behoerdlichen auf ihrer Seite, zu ueberwinden.

    Wie dem auch sei, vorerst muss sich Femina durch den Tumult ihrer Gefuehle manoevrieren. Wie sie dieses Abschiednehmen hasst! Von beiden, Insel und Gordon! Es ist absolute Endgueltigkeit was das Atoll betrifft, aber auch die Trennung von Gordon faellt ihr nicht leicht. Sie nennt es ‚ueber gluehende Kohlen laufen‘, und Endgueltigkeit ist auch hier eine nicht zu verleugnende Realitaet. Nichts, rein garnichts, sowohl vom einen als auch dem anderen, kann diesen Abschied erleichtern oder gar versuessen.

  • DNS II, Kapitel 3, Teil 3

    Wie damals, obwohl es dafuer keine Erklaerung gibt, die Glueckswoge, die sie durchstroemt, findet weder in ihrem Koerper noch in ihrem Verstand eine Barriere, und laesst sie glauben, die Zeit stuende still. Baba ist, wie immer, barfuss. Sein von der Sonne gebleichter Lungi ist um die Huefte geschlungen, mit einem Ende ueber einer seiner Schultern; seine Haare stecken unter einem Turban von derselben Farbe, aus dem ein paar Straehnen hervorschauen. Sie sind von hellem Braun und nur ein winziger Hinweis auf die Fuelle seiner ‚dreadlocks‘, die, wenn frei zu fallen erlaubt, weit ueber seinen Ruecken reichen.

    Sie ist verrueckt nach seinem Haar, obwohl sie es nie beruehrt hat. Trotz der filzigen Dichte der Straehnen ist es nicht glanzlos. Es hat ausserdem hellere Anteile, die wie Goldlichter zwischen dem Braun aufleuchten, so dass der Eindruck entsteht, als sei da eine seidige Weichheit, und die fest gedrehten kordelartigen Straenge erinnern mehr an Locken als rauhe Straehnen. Die Sonne hat seiner Haut, im Gegensatz zum Lungi, Farbe gegeben, er ist aber keineswegs braun gebrannt.

    Erneut muss sie feststellen, was fuer ein schoener Mann er ist. Hohe Stirn, schoen geschwungene Augenbrauen, gerade Nase und ein voller Mund, das Gesicht eine eigenartige Kombination von Weichheit und Maennlichkeit. Seine Gesichtszuege sind durchaus markant, aber frei von Haerte oder gar Brutalitaet, wie das so manche gutaussehende Maennergesichter aufweisen. Doch was ganz besonderes sind seine Augen. Sie koennen alles sein, – waermende Feuer, ein stiller See, oder schwarze mondlose Naechte.

    Meist traegt er die Haare hochgetuermt, zusammengerollt zu einem Knoten auf seinem Kopf, aus dem ungezaehmte Straehnen auf die Schultern fallen, aber manchmal oeffnet er die unter Kontrolle gehaltene Haarpracht, so dass sich die fest gedrehten Locken dann wie Kaskaden eines maechtigen Wasserfalles ueber Brust und Ruecken ergiessen. Es veraendert sein Gesicht, grad so, als wandere Zeit in die entgegengesetzte Richtung, in dem es die maennliche Reife verliert und jugendliche Zuege widerspiegelt, mit vergnuegten Augen und ansteckender Froehlichkeit. Ach was, genug der Schwaermerei! Er ist Baba, er ist Sadhu. Er kann alles sein, jung oder alt, dies oder das.

    Er steht nach wie vor da, abwartend, in seiner Rechten, Messingkaennchen und Wanderstock, zu seinen Fuessen ein Buendel, das tatsaechlich eine Decke ist, in dem er seine wenigen Habseligkeiten transportiert. Sie steht auf, geht mit ausgebreiteten Armen auf ihn zu, ihn willkommen heissend und mit der Einladung sich zu ihr zu gesellen. Waehrend sie auf ihn einredet und dies mit diversen Gesten begleitet, antwortet er mit lautlosem Lachen. Es fuellt sein ganzes Gesicht, doch bleibt es ohne Ton, denn Baba ist stumm. Er hat sich irgendwann zum freiwilligen Schweigen entschlossen. Sie weiss, dass manche Sadhus selektive Stummheit waehlen, fuer eine bestimmte Zeit, oder manche sogar fuer immer. Obwohl sie einige wenige Informationen ueber Baba herausfinden konnte, generell ist es so gut wie nichts. Es ist ihr schon garnicht oder in irgendeiner Weise damit geholfen, dass er sehr wohl schreiben kann, um sich verstaendlich zu machen, denn sie sprechen nicht nur eine andere Sprache, sondern selbst die Schrift, deren sie sich bedienen, ist von voellig anderer Art. Mit einem Wort, das Wort ist nutzlos, weder gesprochen noch geschrieben. Sie mussten andere Methoden der Verstaendigung finden und offensichtlich gilt das immer noch. Sie kann sich nicht erinnern, dass das ein Problem gewesen waere, doch Konkretes kann man damit nicht herausfinden, ist es doch unmoeglich eine Unterhaltung zu fuehren oder gar einen Gedankenaustausch zu betreiben. Freilich, das ist wohl der Sinn eines solchen Unternehmens, wenn man die Sprache aufgibt, – zudem, viel unnuetzes Geplapper bleibt einem damit erspart.

    Eigenartigerweise bringt sie die Einseitigkeit des Gespraeches im Moment in Verlegenheit, obwohl Baba sie zu verstehen scheint, denn er setzt sich, wie gewuenscht, mit ihr nieder. ‚Was jetzt,‘ faehrt es ihr durch den Kopf. ‚Ich kann ihm nicht einmal etwas anbieten!‘

    Sie schaut ihn an, hebt die Handteller hoch und zuckt mit den Schultern. Er lacht nur, deuted auf sein Buendel, oeffnet es und rollt seine Habseligkeiten vor ihr aus. Da ist keine Wolke mehr in ihrem Kopf. Sein Lachen vertreibt sie alle. Aber noch etwas anderes wird ihr ploetzlich klar, grad so, als haette ein Paket gefuellt mit Erinnerung seinen Weg in ihr Bewusstsein gefunden: Ihre Verlegenheit ist darauf zurueck zu fuehren, dass sie sich viel zu lange auf die Sprache als das wichtigste Verstaendigungsmittel verlassen hat. Ohne sie muss sie sich wieder der anderen Faehigkeiten bedienen, wie in diesem Fall, Gefuehle und Sinne. Da wo sie herkommt, ist Koerpersprache kein Problem! Sprache ist schliesslich nur eine Erweiterung seiner Kommunikationsweisen. Sie ist jedoch ein wenig eingerostet, hat sie die koerperliche Sprache doch lange nicht benutzt, und wenn schon, dann eben nur selten, und, ohne sich dessen bewusst zu sein.

    ‚Oh, Baba!‘ jubelt ihr Herz in Dankbarkeit. Wenn das nun kein Grund zum Feiern ist; – zuerst, dieses unerwartete Wiedersehen, und dann, dass er ihr ein Stueck ihrer Erinnerung als Geschenk mitgebracht hat. Obendrein glaubt sie nun auch zu wissen, wie der Ring funktioniert. Ganz bestimmt bedarf es keiner speziellen Faehigkeiten, sondern nur seiner Bereitschaft, seinen Sinnen und Gefuehlen freie Hand zu lassen, nicht dem Verstand und seinen Konditionen, Grundsaetzliches ist gefragt, nicht Spezialisierung! Zudem kommt noch die Freude, dass der Raum der Antennen zu ihr gehoert wie das Atmen und vielleicht ist er sogar ein anderer Weg aus dem Haus.

    Gluecklich schaut sie Baba zu wie er ein Shilom baut. Er bietet ihr an, es zu beginnen, aber sie lehnt ab. Ihre Lungen wuerden dem nicht gewachsen sein. So nimmt er es denn und fuehrt es an seine Stirn in kurzer Besinnung. Erst dann ist er bereit und sie gibt ihm Feuer. In tiefen Atemzuegen bringt er den Inhalt zum Gluehen und die aufsteigenden Rauchschwaden sind aromatisch suess. So feiern sie zusammen und geniessen das Miteinander. Was brauchen sie mehr! Sie beide jedenfalls garnichts!

    Ein junger Mann gesellt sich zu ihnen. Er kommt ihr irgendwie bekannt vor, aber er versichert ihr, dass er sie noch nie gesehen habe. Das ist ihr des oefteren passiert, dass sie glaubt, jemandem bereits begegnet zu sein, obwohl es sich dann herausstellt, dass es unwahrscheinlich so sein konnte. Wie auch immer! Es bringt sie bloss zurueck zur oft gestellten Frage, ob, oder wann sie wohl ihr Gedaechtnis zurueck bekommen wird. Es scheint ein recht muehseliges und zeitraubendes Unterfangen zu sein. Stueck fuer Stueck gehts voran, doch mit fruchtlosen Intervallen dazwischen. Sie haelt inne. Jetzt ist nicht der Augenblick vor sich hin zu lamentieren. Nicht in Baba’s Gesellschaft, und nicht in Gegenwart dieses netten jungen Typs, der ununterbrochen auf Baba einredet, obwohl er ganz dieselben Probleme mit der Verstaendigung hat. Aber das bekuemmert ihn wenig, denn er demonstriert mit Gesten und in der Tat mit seinem ganzen Koerper, was er sagen will. Baba amuesiert sich koestlich und sie kann sich dem nur anschliessen. Ob er jemals still sein mag oder still sitzen kann?

    „Ich geh nach Somnia“, sagt er zu ihr und deutet mit dem Daumen ueber seine Schulter. Dort hat sie diese fernen Konturen gesehen, wo sie nicht sicher war, was sie waren.

    „Somnia?“ wiederholt sie und denkt angestrengt nach. Ihre Computer arbeiten fieberhaft. „Ist das in Anarkie?“

    Er nickt. „Aber du weisst ja, ob ich hinkomme, steht auf einem anderen Blatt. Hast du mitgekriegt, was die letzte Meldung war?“

    Sie ist ein wenig unsicher, mit dem ‚weisst ja‘ und ‚letzter Meldung‘, aber sie kann nur annehmen, dass er damit die letzte beeindruckende Ringaktion meint, die sie miterlebt hat, ohne allerdings zu verstehen, worum es sich handelte. Sie schuettelt daher verneinend den Kopf.

    „Holocaust,“ sagt er nur

    „Ph,“ erwidert sie, „na und wenn schon…..!“

    Das hoert er aber garnicht gerne und er sieht sie schraeg an.

    „Musst du denn nach Somnia?“ fragt sie deshalb ablenkend.

    Er setzt ein traeumerisches Laecheln auf und antwortet weich: „Muessen eigentlich nicht, aber ich treffe dort wahrscheinlich jemanden………..“

    Sie laesst ihn weitertraeumen und schaut zu Baba. Er kauert gemuetlich, den Kopf auf eine Hand gestuetzt, auf der Erde. Seine Augen glaenzen vergnuegt. Seine Stille tut ihr so gut, sie ist grad so ansteckend wie des anderen Redefluss. Was fuer eine wunderbare Nacht! Ueber den Himmel wandern unaufhaltsam die bunten Bilder und die laue Luft ist gefuellt mit Klang. Baba ist wie der stille Hafen, der dem seefahrenden Volk Rast gewaehrt und sie ist mittendrinnen, ihr Boot sicher angelegt.

    „Bist du schon einmal in Somnia gewesen?“ fragt er

    Sie schuettelt langsam, aber verneinend den Kopf, sagt aber dann ehrlich: „Ich weiss nicht.“

    Er schaut sie verdutzt an, faehrt jedoch ohne zu fragen fort: „Ich war des oefteren dort. Ich find’s total super. Es ist ein richtiger meeting-joint. Ein langer Weg, weil die Stadt wie eine Fata Morgana vor dir herlaeuft, aber ich kann dir garantieren, es lohnt sich.“

    Somnia, Somnia! Ihr Gehirn arbeitet angestrengt. Das Wenige, das es in diesem Zusammenhang ausgespuckt hat, ist aber alles, was rauskommt. So ein verdammter Dickschaedel, ihr Schaedel. Was hat man von einem Safe, an den man nicht ran kann, auch wenn er einem gehoert. Und ihr Gehirn ist ein Fleckerlteppich, so schoen bunt, bloss mit vielen Loechern.

    „Und du meinst, Holocaust ist angesagt?“ fragt Femina nun doch auf das andere Thema zurueckkommend. Tatsaechlich ist es ihr im Moment voellig egal, ob die Welt untergeht oder sie mitsamt dem Haus in die Luft fliegt. Was soll sie sich ueber den Holocaust aufregen, schon garnicht zu einem Zeitpunkt, wo sie sich rundum gluecklich fuehlt.

    Der junge Mann nickt. Er heisst uebrigens Ian, und ist ein Wellenreiter, wie sich herausstellt, naemlich dann, als er seine Sachen zu ihnen heruebertraegt, einschliesslich eines Surfbretts. Er habe das immer bei sich, sagt er. Mit dem Surfbrett nach Somnia! Sie lacht Traenen. Baba hat so ein Brett noch nie gesehen und inspiziert es neugierig. Ian klaert ihn auf, wofuer es gut ist, auch wenn das ein wenig dauert. Als er schliesslich versteht, lacht er begeistert. Sie neckt Ian, doch er nimmt es ihr nicht uebel. Er ist ein sonniger Typ, baut lieber ein Shilom, als sich aufzuregen.

    „Und Holocaust?“ fragt sie schliesslich wieder.

    „Ich tu, was ich kann,“ sagt er und wirft ihr wieder diesen schraegen Blick zu. Aber sie lacht nur und zieht an seinem Shilom.

    „Hoer mal,“ faehrt er fort, „hast du das ernst gemeint, dass du nicht weisst, ob du in Somnia warst? Einmal sehen genuegt, das wuerdest du nicht vergessen!

    Sie zuckt mit den Schultern: „Eines Morgens bin ich aufgewacht,“ sagt sie, „und ich wusste nichts mehr. Weder wer ich war, noch woher ich kam, oder gar, wohin ich sollte. Ich tappe noch immer im Dunkeln, aber ich mache Fortschritte.“ Sie haelt einen Moment inne, um gleich wieder fortzufahren, „- recht gute sogar. Aber mir geht es so wie dir, – ich tu was ich kann. Ob du oder wann du nach Somnia kommst, ist ungewiss, nicht wahr? Ob ich unter den gegebenen oder zeitlichen Umstaenden mein volles Gedaechtnis wieder erlange, ebenso.“

    Er nickt und ist mit einem Male durchaus ernst: „Das muss ganz schoen arg sein, so ploetzlich ohne Orientierung…….“

    „Wie gesagt, ich mache Fortschritte, aber ja, es war arg“. Sie zoegert. „Es ist eigentlich noch immer arg. Nur, so glaube ich wenigstens, habe ich mich daran gewoehnt. Aber sag einmal, wie ist das mit dir, – du bist doch auch in diesem schrecklichen Bau, aus dem man nicht raus kann. Laesst dich das kalt?“

    „Schrecklicher Bau?“ wiederholt er. „Was fuer ein schrecklicher Bau? Ich bin auf dem Weg nach Somnia. Ich bin in keinem Bau!“ Er versteht nicht, wovon sie spricht.

    „Du bist also frei, kannst dich entscheiden, wie du willst, kannst tun und lassen, was du willst? Keiner kann dich aufhalten, abhalten oder gar zu etwas zwingen?“

    Da ist wieder dieser schraege Blick. „Natuerlich,“ sagt er, „du etwa nicht?“

    Sie schuettelt den Kopf. Ihr ist ploetzlich zum Heulen.

    „Nur nicht verzagen,“ meint er troestend, „das wird sich schon aufklaeren. Wie eine Gefangene siehst du mir eigentlich nicht aus. Und im Augenblick befindest du dich ganz sicher nicht in Gefangenschaft. Frag Baba! Der wird dir bestaetigen, du bist sowenig gefangen wie er oder ich.“

    Sie schaut zu Baba und das bringt sie zum Lachen. Ihn fragen? „Das waere garnicht so einfach,“ meint sie schliesslich. Ian stimmt ihr grinsend zu.

    „Du weisst, was ich meine,“ sagt er. „Baba, ein Gefangener? Niemals! Aber ich weiss, dass du derzeit arm dran bist, in deiner Situation. So ohne Referenzen hast du es sicher schwer. Kannst nicht einmal wissen, auf was oder wen du dich verlassen kannst.“ Er taetschelt ihre Haende und ist voll Zuversicht: „Du machst das schon, da bin ich sicher! Du bist nicht der Typ, der hilflos ist, oder der aufgibt, nur weil was schwierig ist. Und fuer eine Gefangene siehst du mir verdammt strahlend aus!“

    „Ach,“ meint sie, „mir geht es ja nicht schlecht, oder besser gesagt, einmal so und einmal so. Einmal oben, einmal unten. Du kennst doch die Wellen besser als ich. Mehr brauch ich dir wohl nicht zu erklaeren.“

    „Tja, ich versteh dich ganz gut,“ sagt er, aber seine Augen sind bei den Worten ueber die Wellen schwaermerisch weit geworden, bringt es ihn doch auf sein Lieblingsthema, das Surfen. Und schon beginnt er von seinen Abenteuern zu erzaehlen, schildert Ritte und Stuerze mit theatralischer Begeisterung und Darstellung. Baba und Femina sind sein Publikum und sie amuesieren sich koestlich dabei.

    Sie hat voellig auf die Sendeanlage vergessen, nicht aber Ian, denn ploetzlich springt er auf und kuendigt an, dass er unbedingt in den Ring muesse, denn da kaeme eine Meldung herein von einem Kuenstler, den er total bewundere. Er nennt seinen Namen, aber Femina hat von ihm noch nie gehoert. So bleibt sie denn auch bei Baba, waehrend sich Ian in den Ring begibt. Niemand kann ihr mehr sagen als Baba, auch wenn er, so wie jetzt, seine Lotusposition einnimmt und in Meditation versinkt. Sie setzt sich ebenfalls gerade und verschraenkt ihre Beine unter sich, obwohl sie nicht vor hat, zu meditieren. Sie laesst sich bloss von Baba’s Stille anstecken und von seiner sonnigen Waerme einhuellen. Sie fuehlt sie nicht nur, sie kann den goldenen Schein, der ihn umgibt sehen, der an Intensitaet zunimmt, je groesser die Stille in ihm wird.

    Bildet sie sich wirklich nur ein, eine Gefangene zu sein? Moeglicherweise hat sie einen anderen Ausgang aus diesem Haus gefunden. Und Dimitri? Hat er nicht gesagt, Menschen kommen und gehen? Sie haette sich bloss mehr mit diesem Haus beschaftigen muessen, anstatt sich der Gehirnwaesche auszuliefern. Sie hat schliesslich nur versucht, durch das als Ausgang bezeichnete Tor zu gehen, anstatt alle anderen Tueren aufzumachen. Mea culpa, mea culpa! Es tut ihr ploetzlich sehr leid, dass sie Dimitri und Pia Kummer gemacht hat. Freilich, sie kann Dimitri nicht voellig vergeben. Sich als Meister ueber sie aufzuspielen war nicht notwendig gewesen! Doch in seiner Welt konnte er wohl nicht anders handeln, und er ist ganz gewiss kein boeser Mensch. Aber der Zwiespalt der Gefuehle fuer ihn bleibt, doch hat es weniger Bedeutung. Fuer Pia hat sie nur eindeutige Gefuehle. Sie sind das Echo dessen, das Pia so reichlich ausgesandt hat. Und doch, ohne Zweifel, sie liebt beide. Moegen sie ihr allen Kummer vergeben!

    Ian kommt zuruck und laesst seiner Begeisterung freien Lauf. „Ich steh auf diesen Typ. Er ist ein Genie, eine echte Inspiration. Seine Musik geht unter meine Haut und was er zu sagen hat, und wie er es sagt, einfach bewundernswert!“ Er nennt wieder seinen Namen. „Bist du sicher, du hast noch nie von ihm gehoert?

    Nein, sie hat nicht, zumindest, sie kann sich nicht an einen solchen Namen erinnern. Sie war allerdings nie besonders scharf auf Namen. Wenn ein Name gerufen wird, ist er Schall, wenn er geschrieben steht, ist er ein Wort. Worte und Laute sind Symbole. Man muss wissen, was sich mit ihnen verbindet. Tatsaechlich bilden sie ein raffiniertes System, wenn man bedenkt, wie schoen die Nachtigall singt oder wie die Whale im Meer sich ueber die Distanzen hinweg verstaendigen und erst recht der Mensch, mit allen seinen Reden und Buechern,- man kann nur, staunen, wortlos, denn das bedarf keiner Worte. Und doch, Worte sind, ja Sprache ist, ein Werkzeug, ohne dem sich der Verstand schwer tun wuerde. Also der Name dieses Kuenstlers sagt ihr garnichts, sie ist aber durchaus bereit, sich von Ian aufklaeren zu lassen, nur ob sie sich je an seinen Namen erinnern wird, kann sie nicht sagen.

    Und so berichtet Ian denn auch, was ihn so begeistert. Er versteht es, Femina’s Interesse zu wecken und dem Namen Sinn zu geben. Aber mehr noch beeindruckt sie Ian. Er ist wie ein uebermuetiger Wirbelwind, ganz gewiss ein Typ, dem sie gerne in die Arme faellt. Sie laechelt still in sich hinein. Und Somnia? Ph! Somnia ist dort und sie sind hier. Kein Grund, sich Gedanken zu machen.

    Baba ist in Meditation versunken. Hin und wieder wirft sie einen Blick auf ihn. Sie betrachtet ihn gerne, wenn er so still ist und sie ihm so nah. Sie beschliesst jedoch, selber in den Ring zu gehen, wie sie es sich ja vorgenommen hatte. Ian kommt mit. Er bestaetigt, dass Vibrationen der Schluessel zum Verstaendnis und die Basis sind, wie die Anlage funkitioniert. Er gibt auch zu, dass es durchaus der Uebung bedarf, das System zu meistern und dass manche besser damit umgehen koennen als andere, aber generell sei es keine Schwierigkeit, man muesste tatsaechlich nur seine Sinne schaerfen und die Wirkung der Vibrationen vorurteilslos ihren Weg finden lassen, dann ist man in jedem Fall faehig zu empfangen. Um zu senden bedarf es der selektiven Eigeninitiative, muesste man doch die Vibrationen erzeugen. Auch kein Problem, generell, meint er, denn es sei wie in der Musik, man muss nur die Noten kennen. Und die Noten? Sind die ein Problem? Keineswegs, meint er. Aber sie solle sich einfach zuerst einmal in den Ring setzen und empfangen, ‚der Rest entwickelt sich, zwangslaeufig,‘ versichert er. Also wie sie sich’s gedacht hat: Probieren geht ueber Studieren und Erfahrung ersetzt den Unterricht. Doch was ist mit dem gruenen Licht? ‚Auch kein Problem,‘ sagt er, ‚es ist der Wunsch, ohne dem man sich ja nicht in den Ring setzen wuerde, der sich als gruenes Licht projeziert.‘

    Sie ist beeindruckt und ja es ist phantastisch, aber umso mehr, weil es eigentlich so einfach ist. Freilich, sie fuehlt sich im Moment benachteiligt. Ihre Erfahrungen sind schliesslich nicht griffbereit, nur die juengsten stehen ihr zur Verfuegung. Aber vielleicht kann sie altes Wissen auffrischen, allein durch die erforderlichen Aktionen, denen sie sich jetzt aussetzt. Und damit schreitet sie hinein in den Ring und laesst sich an einem der leeren Plaetze nieder.

    Unmittelbar durchlaeuft sie eine Sensation von Staerke und Gerichtetheit, als wollten alle ihre Zellen eine aufrechte Haltung einnehmen. Sie sitzt mit verschraenkten Beinen und ihre Wirbelsaeule streckt sich kerzengerade, keineswegs steif oder unangenehm, doch von einer Nachdruecklichkeit, als seien alle Muskeln daran beteiligt. Ihre Augen schliessen sich und ohne ihr Zutun wandert ihr Blick nach innen. Licht durchstroemt sie und jede Zelle ihres Koerpers scheint sich in ihr Bewusstsein draengen zu wollen. Sie haengen aneinander wie die Waben der Honigbienen, mit Zellwaenden klar und translucent wie feines Glas, gefuellt mit klarer Fluessigkeit oder Wasser, in dem kleinste Partikel schweben, eingehuellt in glatten Membranen als seien sie Pakete, die auf den Versand warteten. Sie fuehlt sich schwerelos, mehr als Koerper von Licht, wenn auch nicht von gruener Farbe, sondern aller Farben, vom einfachen weissen Licht bis zum Regenbogen und allen moeglichen Kombinationen. Mit dem Eintritt der Klangbilder in ihren Koerper, veraendern sich die Farben und die Zellwaende, ja die Zellen vibrieren und diese setzen andere in Bewegung. Es entstehen Wellen beschraenkt auf einem Platz, andere setzen sich fort, in diese oder jene Richtung, aber letztlich enden sie alle im Gehirn. Dort sind die Aktionen ganz besonders intensiv. Jede Schwingung, jede Welle wird fein saeuberlich weitergeleitet und findet ihren Platz, aussortiert und zugeordnet. Hat sie den Ring phantistisch gefunden, das Gehirn begeistert sie noch mehr. Sie hat es noch nie auf diese Art und Weise erlebt und obwohl es so klein ist im Vergleich zum Rest ihres Koerpers, hat Alles darin Platz.

    Sie findet bald heraus, dass sie sich bloss auf das Geschehen zu konzentrieren braucht, um spezielle Informationen zu erhalten. Ian hat recht, man muss es geschehen lassen. Konzentration ist aber nicht nur den passiven Vorgaengen dienlich sein auch den aktiven. Es ermoeglicht den Schritt von Initiative zur Mobilisation. Das heisst, mit Hilfe der Konzentration koennen Meldungen in beiden Richtungen laufen, aus dem All ins Gehirn und umgekehrt. So kann sie aufnehmen und senden. Vorerst muss sie sich mit den einfachsten Vibrationen vertraut machen, aber im Moment ist sie voellig zufrieden damit. Der Rest ist Uebung und das bedarf der Zeit, die sie jetzt nicht aufbringen will, da sie diese zu gerne mit Baba verbringt.

    Sie kehrt daher wieder zu ihrem Platz zurueck. Doch da liegen nur mehr Ian’s Sachen herum. Baba ist weg. Sie setzt sich enttaeuscht nieder, ihren Abstecher bereuend, der schliesslich auch spaeter haette erfolgen koennen. Doch trotzdem sie einen Moment lang mit Traurigkeit hadert, mit Baba ist das schon so eine Sache. Es besteht immer nur eine unmittelbare Beziehung. Wenn er weg ist, schafft sie es nicht, sich ein klares Bild darueber zu machen, was er ihr eigentlich bedeuted. Auch diesmal nicht. Er ist fort und mit ihm die Bezueglichkeit, ohne die sich nicht nur ihr Verstand schwer tut, sondern eben auch ihre Gefuehle.

    Sie bleibt nicht lange allein, denn Ian kehrt ebenfalls zurueck. Er fegt ueber sie hinweg und wirbelt ihre Gedanken fort. Spaziergang im Wind! Fliegende Blaetter, bunte Drachen und Muetzen und Huete und alles, was nicht fest gebunden ist, gehoeren zu seinem Spiel.

    „Wo ist Baba?“ fragt er schliesslich. „Ist er weg?“ Sie nickt.

    „Ah ja,“ meint er nur und fragt gleich weiter: „Na und du? Was hast du vor?“

    Sie betrachtet ihre blasse Haut am Unterarm. „Ich geh irgendwohin, wo die Sonne scheint, irgendwohin, wo das Meer tuerkisblau ist und der Strand aus weissem Gold. Dort werde ich hingehen.“ Sie laechelt, denn sie sieht dieses Bild vor ihren Augen.

    „Mmh ja, das klingt verlockend,“ meint er. „Und Holocaust?“

    Jetzt ist sie es, die ihm einen schraegen Blick zuwirft

    „Ich tu, was ich kann,“ sagen sie beide gleichzeitig.

    Darauf koennen sie nur noch lachen. Verdammt, sie sind von der gleichen Art, als seien sie Geschwister. Die weitere Unterhaltung geht um die Bodenstation und deren Funktionen und Eigenheiten. Sie sind sich einig, dass die Anlage im Prinzip sehr einfach ist. Aber wie immer, wenn es an Selbstvertrauen mangelt, kann selbst das Einfachste zur Huerde werden, verleitet es doch zum aufgeben, bevor man ueberhaupt erst angefaengen hat.

    „Es ist verrueckt, wenn man zu sich selbst kein Vertrauen hat,“ sagt er.

    „Leider,“ widerspricht sie, „ist es mehr als das. Es ist eine Katastrophe, und die waehlt man ja nicht freiwillig!“

    Er schaut sie sinnend an und gibt ihr schliesslich recht. Er faehrt dann aber fort mit Aeusserungen, die sie hoechst fragwuerdig und widerspruechlich findet:

    „Letztlich bestimmt jeder selbst, was er will und, ueber Nichts und Alles. Was du tust oder nicht tust, ist ohnehin immer nur fuer dich wichtig, und ob du es nun willst oder nicht, Es passiert einfach, so oder so.“

    Femina schaut ihn empoert an. Was redet er da!? Er sagte doch, er sei nicht gefangen, koenne tun und lassen, was er will und keiner rede ihm drein!

    Er sieht ihren Blick und deutet ihn richtig: „Nein, nein, ich bin nicht gefangen! Ich habe nur nicht mein Gedaechtnis verloren, so wie du,“ sagt er.

    Trotzdem! Das moechte sie jetzt schon genauer wissen! Einerseits redet er von Selbstbestimmung, und dem stimmt sie zu, aber andererseits, – egal, was er macht, es passiert ohnehin, ob er es will oder auch nicht????

    „Dann kannst du doch nicht von frei sein reden! Dann gestehst du doch ein, dass es die Freiheit nicht gibt und dass du sie nicht hast! Damit sagst du doch, es gibt sie nicht, die absolute Freiheit. Nicht einmal ueber sich selbst, oder?“

    „Nein, nein,“ wehrt er ab. „Die absolute Freiheit gibt es, nur d i e habe ich nicht! Trotzdem kann ich jederzeit tun, wie und was ich will! Ich kann mir nur die Situation, oder besser, diverse Umstaende, nicht aussuchen. Aeussere Umstaende finde ich vor. Ich kann sie zwar beeinflussen, aber ich kann sie mir nicht unbedingt aussuchen, oder sie bestimmen!“

    „Na und w e r bestimmt das?“ fragt sie spoettisch und zuckt veraechtlich mit den Mundwinkeln. Er ist wohl auch durch eine Gehirnwaesche gegangen, grad so wie sie. „Na, – wie heisst er denn, d e i n Gott!“

    Er sieht sie belustigt an und macht mit seinen Armen weitausholende und weit umfassende Bewegungen und deutet zum Schluss auf sich. „Hier, rund um, alles, mich inklusive, das ist Gott. Und wenn du schon eine Bezeichnung willst, nenne es Existenz, oder das „Sein“.

    Sie schweigt und er unterbricht sie nicht einmal. Sie muss zugeben, es macht eigentlich Sinn, was er gesagt hat. Denn tatsaechlich, ob es regnet oder schneit oder ob die Sonne scheint, es gibt Umstaende, die man sich weder aussuchen noch bestimmen kann, und so ist das mit vielen Dingen. Aber was man mit dem diversen Wetter dann macht, bleibt einem selber ueberlassen. Man kann den Spaziergang im Regen geniessen oder stocksauer im Kaemmerlein sitzen. Tatsaechlich hat man die Freiheit zu waehlen, wie auch immer die Umstaende sind. Und sie mag seine Definition von Gott, denn sie findet die Natur und alles darin, das einzig Machthabende, das ueber sie bestimmen kann.

    Versoehnlich laechelt sie ihn an. Er betrachtet sie aufmerksam und neugierig fragt er: „Siehst du manchmal Doppelbilder?“

    Sie bejaht ueberrascht. „Wie kommst du darauf?“

    „Weil ich dich fuer eine aus ewigen Gesellschaft halte. So wie ich einer bin. Wir koennen Schein und Wirklichkeit in einem sehen, oder besser, wahrnehmen.“

    Sie atmet erleichtert auf, grad so, als habe man ihr den sprichwoertlichen Stein vom Herzen genommen. Sie hatte sich wegen dieser Doppelbilder schon Sorgen gemacht. Und wenn sie auch nicht viel mit der ewigen Gesellschaft anzufangen weiss, Ian scheint sich dessen recht sicher zu sein und er gibt ihr bereitwillig Auskunft.

    Hm, interessant und irgendwie recht aufschlussreich, was er so erzaehlt von einem Volk, das staendig unterwegs ist, weil es kein eigenes Land besitzt und seinen Buergern, die durch Raum und Zeiten wandern, und deren Heimat der Kosmos ist. Einiges kommt ihr sehr bekannt vor, vielleicht auch nur deshalb, weil es ihre Zustimmung findet, und es koennte durchaus sein………, aber………

    Sie ruft sich selbst zur Ordnung. ‚Warum nicht!‘ sagt sie sich. ‚Es waere falsch, sofort nein zu sagen, nur weil sie ihre Zweifel hat.‘

    „Ich geb dir einen guten Rat,“ faehrt Ian fort. „Du darfst das Relative nicht so schmaehlich zur Seite schieben. Es ist naemlich genauso absolut, wie das Absolute relativ ist.“

    Ah, er ist wirklich nett und er versucht ihr ehrlich zu helfen. Doch sie wissen beide ganz gut, nur die eigenen Erkenntnisse zaehlen, – d i e muss sie aber erst, oder, wieder finden. Man kann ihr schliesslich alles moegliche erzaehlen. Sie will nicht glauben, sondern wissen. Ian schmunzelt vor sich hin, waehrend er noch ein Shilom baut, ‚zum Schlafengehen‘, meint er. „Damit flieg ich meinen Traeumen voraus“, sagt er lachend.

    So geht es auch Femina, als sie sich zur Ruhe legt.

    Sie schaut in einen Himmel ohne Sterne, aber farbige Klangbilder ziehen ueber ihn hin. Waehrend sie auf der warmen trockenen Erde liegt, eilen ihre Gedanken fort, grad so wie die Leuchtzeichen ueber ihr.

  • DNS II, Kapitel 3, Teil 2

    Femina weiss nicht, wie lange sie geschlafen hat. Lange genug jedenfalls. Sie ist noch immer im Flur, aber der ist wieder dunkel, bis auf die mueden Lampen mit ihrem mueden Licht. Es ist ihr auch recht kalt. Ueber den Steinboden fliesst kuehle Luft, wenn auch nur wie unregelmaessige Atemzuege, es ist genug, sie froesteln zu lassen. Sie folgt den sanft schwingenden Lampen in ihrem Hin und Her. Die haben keine neue Botschaft: Sie ist alleine, ueber sie wird immer noch bestimmt und alles hat zwei Seiten.

    Wie hat Dimitri sie genannt? Ein egoistisches Miststueck. Ist der Kaefig nicht golden genug? Wie kann sie Dimitri erklaeren, dass sie leidet, weil sie sich ausgeliefert fuehlt und weil sie wehrlos ist. Im Innersten ihrer Seele liegt eine tiefe Traurigkeit. Nach ihrem Gedaechtnis suchend, mangelt es ihr an Vertrauen und Selbstsicherheit, und der Zweifel ist nunmehr ein staendiger Begleiter. Freilich, ihr Wille ist ungebrochen. Er treibt sie voran, er haelt sie am Leben. Bloss, mit dem Existieren allein ist es ja nicht getan und die Gehirnwaesche hat gruendliche Arbeit geleistet.

    Sie steht auf. Ihre Glieder sind steif vor Kaelte. ‚Also dann nichts wie los‘, sagt sie sich. Der zittrige Koerper hilft ihr, sich gegen die Kaelte zu wehren und erleichtert ihre Wahl, naemlich fuer welche der Tueren sie sich entscheiden soll, mit welcher sie das hausinterne Forschen beginnen will. Es ist ihr kalt, – was ist naheliegender, als nach was Warmen zu suchen. Sie geht den Korridor entlang, betastet ein paar Tueren, bis sie auf eine trifft, die ihre Sinne aufmerken lassen.

    Femina inspiziert sie neugierig. Es ist eine ganz einfache, schmucklose Tuer. Kein Hinweis auf etwas Vielversprechendes, auch nicht bei naeherer Betrachtung, aber so wie sie sich anfuehlt, erlaubt es genug positive Assoziationen. Das Holz, dunkel gebeizt, von solider Gediegenheit, fuehlt sich glatt an und warm, wie weicher Samt auf blosser Haut. Es gibt auch keine Metallklinke, sondern nur einen runden gedrechselten Holzknopf mit sanften Rillen, der sich in ihre Hand schmiegt und den kalten Fingern einen wohlig warmen Griff erlaubt. Sie gibt ihrem Gehirn Zeit, all die Eindruecke zu sammeln. Hoeren kann sie allerdings nichts, auch wenn sie ihre Ohren hie und da fest ans Holz presst. Hoffnung, dass sich hinter dieser Tuer was Gutes befindet, kann sie natuerlich immer haben, und da ihre Sinne positive Signale liefern, kann sie sogar etwas Positives erwarten, aber leider sind die beiden keine Garantie. Sie wird die Tuer schon aufmachen muessen, um sich Gewissheit zu verschaffen. Dass sie zaudert ist nicht unbegruendet, schliesslich ist in diesem Haus nichts eindeutig oder sicher. Sie muss also ihren Sinnen vertrauen, wem sonst, liefern sie doch die Daten, die der Richter fuer sein Urteil braucht. Und damit dreht sie den Knopf. Die Tuer schwingt auf, leicht und geraeuschlos, ohne etwaigen Widerstand.

    Warme Luft schlaegt ihr entgegen und naechtliche Dunkelheit. Auch wenn sie vorerst nicht viel sehen kann, die Luft ist leicht und angenehm, wie eine warme Sommernacht. So tritt sie denn ein und die Tuer faellt hinter ihr ins Schloss, sanft und lautlos, ohne Nachklang, ohne Zeichen von Endgueltigkeit. Ein Gefuehl der Weite ueberwaeltigt sie und weil die Kaelte sie noch immer im Griff hat, laesst sie sich zu Boden gleiten. Sie muss ihrem Koerper Zeit geben, sich der Kaelte zu entledigen, und ihren Augen die Gelegenheit, sich an die Dunkelheit zu gewoehnen. So verharrt sie vorerst mit geschlossenen Augen, doch ihre Sinne sind hellwach. Sie verspuert Vibrationen, sowohl von der Luft, die ihre Haut beruehrt, als auch durch den Boden, auf dem sie sitzt. Es sind angenehme Gefuehle, die dadurch ausgesloest werden. Hin und wieder vermeint sie Klaenge zu hoeren, fein und unbestaendig, aber durchaus rein und von einer Frequenz, die ihre Zellen in Schwingung bringen. Und sie glaubt, in der Sommernacht hat jemand Fackeln entzuendet, denn die Dunkelheit ist unbestaendig, ja sie vermeint, hin und wieder unstete Lichter durch ihre geschlossenen Augenlider tanzen zu sehen. Waehrend sich ihr Koerper langsam erwaermt, scheint auch ihre Neugierde zu erwachen, und so oeffnet sie ihre Augen.

    Die Eindruecke bestaetigen sich; sie ist nicht einem Zimmer gelandet. Sie sitzt tatsaechlich auf warmer trockener Erde, und vor ihr liegt weites Land. Ueber allem spannt sich ein nachtblauer Himmel. In der Ferne sieht sie eine metallisch gruen schimmernde Kuppel, die sich hoch hinauf in sein wundersames Blau draengt und sich kreisfoermig ueber ein ausgedehntes Stueck Land woelbt. Farbiges Leuchten taucht darueber auf, und flackert ueber den Himmel, als gaebe es Polarlichter oder Wetterleuchten, doch ist es weder das eine, noch das andere. Es ist ein Schauspiel ganz besonderer Art, aber gar ein bisschen zu phantastisch. ‚Wie waer’s mit naechtlicher Fata Morgana?‘ spoettelt sie und kneift sich in die Wange. Ein uralter Trick, hilft ganz bestimmt, wenn man wissen will, ob man wach ist oder traeumt. Aber es hat schon seine Richtigkeit, sie traeumt nicht, sie ist, ganz und gar, wach.

    Femina steht auf. Was immer sie von hier aus sieht, gefaellt ihr, und da will sie hin. Mit kraeftigen Schritten eilt sie voran, auf einem Teppich aus trockenem Gras, das das zielstrebige Wandern zum angenehmen Erlebnis macht. Je naeher sie dieser Kuppel kommt, desto phantastischer wird die Nacht und alles, was drin ist. Ueber den Himmel in seinem naechtlichen Firmament wandern, tanzen und gleiten in wechselnder Anzahl leuchtende Farbbilder, die die unterschiedlichsten Formen haben. Manchmal formen sie Muster, dann sind es wieder Zeichen, oder bizarre Konstellationen, und sie geben Klaenge ab, oder folgen Klaengen, sind in jedem Fall mit Klang verbunden. Sie tauchen auf, aus dem Blau der Nacht und streben zur Kuppel, und umgekehrt, steigen aus der Kuppel hinein in den Himmel, wo sie dann in die Ferne wandern, bis sie ueber dem Horizont verschwinden.

    Je naeher sie kommt, desto mehr vibriert die Luft und desto klarer hoert sie die Toene. Es sind tatsaechlich leuchtende Klangbilder, die durch die Luefte schweben, wie schillernde Seifenblasen, die Klein und Gross erfreuen. Die entzueckten Rufe der Kinder sind hier wohl nicht zu hoeren, aber die Klaenge in ihren einfachen und klaren Toenen, sind nicht nur wundersam anzuhoeren, sondern haben jene Qualitaet, die jeden Aether und allen Kosmos durchdringen. Sie sind fuehlbar, und wie es scheint, haben sie mit den Farben und deren Intensitaet eine unmissverstaendliche Verbindung. Sie wirken aufeinander, machen das Klingen lauter oder die Farben leuchtender und laufen wie die Wellen an ihren Strand, an diesen oder jenen, in diese oder jene Richtung. Manchmal gibt es gar viele, die die blaue Nacht fuellen. Man koennte dann meinen, da waere ein riesiges Vogelhaus mit Scharen bunter und wundersam singender Voegel. Es ist eindeutig, dass die Lichtkuppel eine spezielle Bedeutung hat, denn dorthin strebt alles und von dort geht alles aus. Sie ist wie ein Organismus, der in Farben atmet und in Klaengen spricht. Manchmal bleiben Himmel und Erde still und die Nacht dunkel, doch die Kuppel leuchtet stetig in ihrem gruen phosphorisierenden Licht, wenn auch nicht immer in gleicher Intensitaet, doch nie von grosser Unterschiedlichkeit.

    Je naeher sie ihrem Ziel kommt, desto mehr Einzelheiten kann sie wahrnehmen. Nicht dass ihr das Klarheit verschafft! Am Horizont, im Hintergrund der Kuppel, zeichnen sich Konturen ab, vielleicht eine Ansiedlung, vielleicht auch nur Berge oder eine ferne Gebirgskette. Der Lichtdom ist auch kein solides Gebilde, sondern tatsaechlich nur Licht, gruen phosphorisierendes Licht, das von weitem wie eine lichtgefuellte Glaskuppel erscheint. Es beleuchtet einen weiten Kreis ebenen Graslandes, dessen Umfang jedoch aus einem weitem, klar definierten Ring besteht, in dem Femina unspezifische Silhouetten wahrnimmt, die aber mehr Bewegung als Gestalt haben. Es koennten Buesche, Baeume, aber auch Saeulen oder Masten, ja sogar eine Art Lichtpfosten sein, die im sich staendig aendernden Lichtspiel, Bewegung vortaeuschen. Sie vermutet allerdings, der Ring ist der Lichtspender und wahrscheinlich sogar verantwortlich fuer die Lichtspiele. Ja tatsaechlich, es gibt nur eine Schlussfolgerung: Das ganze ist eine Sende und Empfangsanlage! All diese Klangbilder, die da wogen und ebben, in einem sonst stillen Himmel, all diese Farbentoene, die da kommen und gehen, grad so, as sende jemand Rauchsignale in den leeren Raum und Schallwellen in waessrige Tiefen, – es ist eine Sende- und Emphangsstation, vielleicht sogar, oder auch, eine Relais-, Transformations- und Nachrichtenzentrale!

    Als sie noch naeher herankommt, mehr oder weniger bereits im Schein des Lichtes befangen, ist sie aber erst recht verbluefft. Logik reicht hier nicht aus, weder fuer eine Erklaerung, noch als Beweis, ob sie es mit Wirklichkeit zu tun hat, und nicht doch nur mit Illusion, die sich aufloest, sobald man danach greift. Oder vielleicht hat sie eine Halluzination, die sie glauben laesst, da sei Realitaet, wo es keine gibt.

    Der arme Verstand kann garnicht anders als dem Zweifel freie Hand zu lassen. Wie dem auch sei, ihre Schlussfolgerung ist schon richtig. Es ist eine Sende- und Empfangsstation! Nur, sie besteht nicht aus Radiotuermen und Metallantennen, sondern aus Menschen! Menschen sind der Ring, viele Menschen, viele, viele Reihen von Menschen. Sie formen, wie Gliederketten, wenn auch nicht immer vollkommen geordnet oder regelmaessig, den Umfang des Kreises, den Femina, nun in seiner Naehe, laengst nicht mehr in seiner gesamten Ausdehnung sehen kann. Es spricht jedoch nichts dagegen, vom kleinen Ausschnitt, auf das Gesamte zu schliessen, hat sie sich doch aus der Ferne einen Ueberblick schaffen koennen.

    Die Reihen des Ringes moegen sich wohl aendern, ebenso die Anzahl der Glieder, abhaengig davon, wieviele Menschen sich im Ring befinden. Es herrscht naemlich ein Kommen und Gehen, ein Warten und Verweilen, welchen Regeln das auch immer folgen mag. Sobald sich die Menschen aber niederlassen, strahlt von ihnen ein gruenes Licht aus, grad so, als haetten sie Scheinwerfer, die sie entweder einschalten, oder die eingeschaltet werden. Sie koennten freilich auch selber die Lichtquelle sein, sowie die Leuchtkaefer, die in den warmen Sommernaechten in Schwaermen durch die Luefte tanzen, und mit ihrem Gefunkel den Zauber der Sterne auf die Erde holen.

    Femina verliert die Geduld mit ihren grauen Zellen. Sie setzt ihren Weg fort, schneller als zuvor, und macht erst wieder Halt, als sie unmittelbar am Ring anlangt. Sie ist schon lange nicht mehr alleine. In zunehmendem Masse musste sie sich ihren Weg durch die Menge der Menschen suchen, die sich im Umfeld der Anlage aufhielten. Da gibt es Gruppen, einzelne Personen, so wie sie, und da ist ein staendiges Wandern vom oder zum Kreis. Das Aussenfeld des Ringes scheint eine Ruhezone zu sein. Einige der Anwesenden haben sich bestens versorgt, mit Decken und sogar Proviant, nicht so wie sie, die nur sich selbst mitgebracht hat. Bevor sie sich aber naeher mit den Leuten befasst, will sie die Aktionen im Ring beobachten.

    Im Ringinneren sind alle Teilnehmenden nahe genug beieinander, um sich die Haende geben zu koennen. Die meisten sitzen mit verschraenkten Beinen im Lotussitz, mit ihren Ruecken nach draussen, den Gesichtern nach drinnen gewandt, und mit geschlossen Augen, so scheint es jedenfalls. Von ihnen steigen Luftschwaden auf, aehnlich dem Atem in kalten Naechten, doch von feinerer Konsistenz und in farbiger Transparenz. Wie Girlanden gleiten diese entlang der Innenseite der gruenen Lichtkegel. Je hoeher sie steigen, desto mehr nehmen sie Gestalt an, bis sie sich schliesslich zu jenen Leuchtformen zusammenfinden, die sich dann aus dem gruenen Lichtfeld losloesen, um ihre Wanderung im weiten Himmel zu beginnen. Die Klaenge, die sie begleiten scheinen ebenfalls von den im Kreis Sitzenden durch Summen und Raunen, aber auch einfachem Chorus und Chants, produziert zu werden. Die Klangbilder, die vom Himmel, also von aussen, ins Leuchtfeld eintreten, bahnen sich ihren Weg nach unten, entlang der gruenen Strahlen auf deren aeusseren phosphorisierenden Oberflaeche, bis zu den Koepfen im Ring, wo sie in deren Hinterseite und Nacken ploetzlich verschwinden. Die gruenen Lichtstrahlen dienen also, ganz einfach ausgedrueckt, wie eine Strasse, dem Nachrichtenverkehr; und jeder im Kreis ist Sender und Empfaenger.

    Nicht immer sind alle gleichermassen aktiv, und schon garnicht alle Ketten. Manchmal sind es nur Sektionen, manches mal sogar nur einzelne Menschen, dann wieder sind es viele Gruppen in den diversen Reihen. Der Ring ist wie ein Schaltbrett mit vielen bunten Knoepfen, die in unterschiedlicher Anzahl und Kombination aufleuchten. Sie waere gerne ein Vogel, um sich das Ganze von oben anschauen zu koennen. Allerdings gibt es keinen Hinweis, der erklaeren koennte, warum nicht der ganze Kreis mit Menschen gefuellt wird. Auch nicht, wie es kommt, dass im Kreisinneren klares Weisslicht scheint. Es ist grad so, als gaebe es eine gruene Kuppelwand, deren Dimension wechseln kann und die sich, wie eine Barriere zwischen Tag und Nacht draengt, mit dem naechtlichen Blau draussen und dem transparenten Weiss des Tages drinnen.

    Es scheint auch, dass die Menschen durchaus miteinander kommunizieren, wenn auch nicht unbedingt mit Worten. Alles weist darauf hin, dass dies einerseits durch direkten Kontakt geschieht, wie durch Haendegeben, aber auch durch die anderen Sinne. Damit sind alle der Teilnehmenden sowohl Transformer, als auch Vermittler oder Ueberbringer. Vielleicht sind einige mehr qualifiziert, als andere, aber tatsaechlich ist die Staerke der Anlage abhaengig von der Anzahl der aktiven Glieder. Jedes einzelne Glied ist wichtig, denn das gruene Licht kommt von allen und ist als grundlegendes Element, der Traeger der Funktion.

    Was die Farbklaenge bedeuten, oder welche Nachrichten sie bringen, ist ebenso wenig ersichtlich, zumindest soweit es Femina versteht. Das Schauspiel von Farbe und Klang ist aber ein Erlebnis, das sie tief beruehrt. Sehnsucht kommt auf, gefolgt von vielen anderen Gefuehlen. Sie wirbeln wie der Wind durch enge Schluchten. Ach du arme Seele, wie gehst du bloss mit dir um! Warum so bange, warum so verwirrt? Du kannst doch fuehlen, aufnehmen und weitergeben grad so gut. Und du kannst ganz gewiss teilnehmen! Das willst du doch, in den Ring gehen, oder nicht? Und warum auch nicht! Was brauchst du denn? Eine amtliche Bestaetigung, eine behoerdliche Genehmigung? Ganz gewiss nicht! Du bist dir bloss selber nicht gut genug! Aber da ist niemand, der dich hindert, keiner, der Anordnungen gibt. Du kannst tun und lassen, was du willst! Seelchen schuettelt mitleidheischend den Kopf. Es ist doch so allein und hat nicht einmal eine Taschenlampe bei sich, schon gar keinen Scheinwerfer! Das ist das Problem! Aber dafuer hat Femina kein Verstaendnis. Unsinn! Es ist bloss der Zweifel, der staendig Unruhe stiftet. Er hat zwar seinen Wert, aber seine Dominanz ist nicht angebracht, schon garnicht, wenn er sich zum Eigenfeind macht. Freilich, das mit dem Alleinsein und der Hilflosigkeit stimmt, doch das sind Gefuehle, die sich aendern koennen. Ja, arme Seele, dein Leiden existiert, aber du musst darin nicht ertrinken.

    Ihre Gedanken werden unterbrochen. Der Himmel ist in Aufruhr geraten. Er lichtert und flackert und leuchtet bunt auf, wie ein riesiges Feuerwerk erhellt es die Nacht. Turbulente Klaenge und Wirbel von Toenen wetteifern miteinander als wollten sie ungeteilte Aufmerksamkeit. Die Menschen im Kreis reichen sich die Haende. Ein tiefes Raunen kommt auf, und das gruene Licht wird stark und hell. Die Koerper beginnen zu pulsieren. Das Crescendo von Farben und Klaengen, laesst Femina’s Herz heftig schlagen. Auch wenn sie keine Ahnung hat, worum es geht, es muss wichtig sein, denn alle rund um sie eilen in den Ring, neue Ketten formen sich und schliessen sich fest zusammen. Alle Aktionen synchronisieren sich. Man koennte meinen, da ist ein Meer mit all seinen Wellen und Wogen.

    Femina’s Herz scheint mit dem Kreis verbunden zu sein. Es fuehlt dessen Puls und schlaegt in dessen Rythmus. Es ist allerdings ausgeschlossen, sich vom Geschehen zu isolieren, denn Boden und Luft vibrieren, und die Sinne werden bombardiert, als seien sie in einem Meteoritenschauer. Nachdem sich die Erde wieder beruhigt und die Signale am Himmel nur mehr vereinzelt auftauchen, lichtet sich auch der Ring. Viele der Leute kehren zurueck, andere wandern hinein in die Nacht. Das Senden und Empfangen geht aber weiter, vorallem das Senden, mit gesteigerter Intensitaet. Die einzelnen Klang- und Leuchtgebilde scheinen besonders stark, und die begleitenden Toene haben eine Urkraft, die mehr als nur das Gehoer anspricht. Es ist nicht einmal notwendig, den Vorgaengen volle Aufmerksamkeit zu schenken. Licht und Schall bahnen sich ihren Weg, unabhaengig, und durch alles, und Integration erfolgt muehelos.

    Femina entfernt sich ein wenig vom Ring und laesst sich nieder. Ihr Interesse wendet sich ihrer unmittelbaren Nachbarschaft zu. Sie hat kein Verlangen, weiter zu ziehen. Ganz im Gegenteil. Sie wird in den Kreis gehen, irgendwann spaeter, auch wenn sie nicht verstehen sollte, worum es geht. ‚Probieren geht ueber studieren,‘ sagt sie sich. Doch zuerst will sie die Menschen ein bisschen naeher betrachten, die da grade vom Ring gekommen sind. Auch wenn sie alleine ist, so wie einige andere auch, niemand wirft ihr tadelnde oder mitleidige Blicke zu, niemand belaestigt sie mit Neugier oder unwillkommener Konversation. Es sind durchaus unterschiedliche Leute. Manche tragen gutes Schuhwerk, andere sind barfuss, da gibt es Frauen in Hosen und Maenner in Sarongs. Manche sind weisshaeutig, andere dunkel. Es ist ein Gemisch von Menschen verschiedener Herkunft und aller Altersstufen. Femina fuehlt sich rundum wohl zwischen ihnen. Ja, so wohl wie schon lange nicht. Egal, ob Fata Morgana, Illusion oder Halluzination, es ist wirklich eine laue, phantastische Sommernacht, und es waere unverzeihlich, dieser den Zauber zu nehmen.

    Ihr Blick faellt auf eine Gestalt, die unmittelbar in ihrer Naehe Halt gemacht hat. Ein Laut des Entzueckens entfaehrt ihr. Es ist Baba! Er hier? Ausserordentlich, aber eine hoechst willkommene Ueberraschung! Sie lachen sich zu. Er steht gelassen da, abwartend. Sein Lachen, ja er selber, ist genauso, wie es, wie er war, damals, als sie ihm zum ersten Mal begegnete, auf einem Treck in den Bergen, dem ersten, um genau zu sein, und dem viele andere folgten.

  • DNS II, Kapitel 3, Teil 1

    Femina muss sich abfinden, dass sie dieses Haus noch immer nicht verlassen kann. Freilich gibt sie die Hoffnung nicht auf. Um aber ihre Zeit nicht mit Frustration zu verschwenden, beschliesst sie, diese mit Dingen zu fuellen, die sie interessieren. Ihr Wissensdurst ist ungestillt und somit schreibt sie sich in eines der hoechsten Lehrzentren ein, die wissenschaftlich orientiert sind, aber kritisches Denken erlauben und tatsaechlich auch foerdern. Die Vortragenden kuemmern sich wenig darum, welches Privatleben die Studierenden fuehren, solange sie die jeweiligen Ideale der gewaehlten Ausbildung verfolgen und durch rigorose Pruefungen bestaetigen. Das erleichtert Femina ungemein, kann sie doch ihren Geist fliegen lassen, ohne ihn in ein bestimmtes Format pressen zu muessen.

    Zum Leben hat sie nicht viel. Pia unterstuetzt sie so gut sie kann. Dimitri haelt sein Wort, er hat genug von ihr und will nichts mit ihr zu tun haben. Sie laesst es dabei bewenden, auch nachdem sie ihre amtliche Selbstaendigkeit zuerkannt bekommt. Die Zeit der Gehirnwaesche ist damit amtlich bestaetigt aber, offiziell, beendet worden. Sie kann nun unabhaengig von ihren beiden Freunden leben.

    Femina bezieht eine kleine Wohnung nahe der Lehrstaette und nimmt gelegentlich Arbeit an, um ihren Unterhalt aufzubessern. Aus Studiengruenden erhaelt sie auch die Bewilligung fuer auswaertige Reisen. Das hebt ihre Stimmung natuerlich ungemein. Endlich! Mit neugewonnener Freiheit laesst es ihren Kaefig ertraeglicher erscheinen. Man gibt ihr sogar eine Legitimationskarte und ein Stempelbuch fuer etwaige Auslandsbesuche, das sich auch sehr schnell mit vielen fremden Stempeln fuellt. Sie hat derzeit tatsaechlich keinen Grund sich ueber ihr Leben zu beklagen, denn trotz wenigen Geldes, hat sie eine hoechst interessante und schoene Zeit, und auch Erfolg, was ihre Studien betrifft.

    Nach einer Weile des Schweigens, groesstenteils natuerlich durch Pia’s vermittelnder Aktionen, sind auch die Beziehungen mit Dimitri wieder hergestellt worden. Das Verhaeltnis ist nicht gerade herzlich, aber sie haben sich soweit versoehnt, dass sie zumindest miteinander reden und jedem Streit aus dem Weg gehen. Sie geben sich damit zufrieden, dass man verschiedener Meinung sein kann, ohne dem anderen seine eigene aufzwingen zu wollen. Dass sie von ihm keine Hilfe erhielt, war natuerlich von Vorteil, hat er doch damit jegliche Kontrolle ueber sie verloren. Sie ist ihm aber dankbar, dass er sie ueberhaupt gehen hat lassen, ohne die Behoerden auf sie zu hetzen, wozu er damals nicht nur berechtigt, sondern sogar verpflichtet gewesen waere. Er ist nach wie vor ein Mann der Kontrolle, aber sein Herz ist gut und das ist wohl die Hauptsache. Inzwischen weiss sie, vieles geht auf Pia’s Kosten, doch diesbezueglich kann sie mit Pia nicht reden. Auch wenn diese offensichtlich darunter leidet, sie wird nichts aendern. Ihr Herz ist so voll mit Liebe, dass es nur Selbstlosigkeit kennt. Femina hat daher den Entschluss gefasst, sich bloss nicht einzumischen. Sie hat ihnen und sich selbst schon genug Probleme gemacht. Pia hat natuerlich einen ganz besonderen Platz in ihrem Herzen, aber auch Dimitri hat seinen Platz, wenn auch nicht so bedeutend.

    Femina hat viele neue Leute kennengelernt. Sie hat jedoch nach wie vor keine echten Freunde, denen sie bedingungslos vertrauen wuerde, und sie lebt gerne alleine, trotzdem Wohngemeinschaften billiger kaemen. Ihre Selbstaendigkeit und Unabhaengigkeit sind ihr heilig. Doch dann trifft sie einen jungen Mann, der ihre Meinung aendert. Was fuer ein himmlischer Typ! Gross, von sportlicher Figur, mit einer blonden Loewenmaehne, blauaeugig, und obendrein intelligent, und von einer selbstsicheren Arroganz, die seinesgleichen erblassen laesst und das andere Geschlecht wie ein Magnet anzieht, sie miteingeschlossen.

    Sie lieben sich heiss, und weil er berufstaetig ist, beschliessen sie, eine gemeinsame Wohnung zu nehmen, um bloss keine Zeit zu versaeumen, die man um sovieles besser miteinander verbringen koennte.

    Das Zusammenleben aendert die Beziehung zu Himmel und Hoelle, und endet schliesslich im Desaster. Er leidet naemlich an Eifersucht. Obwohl er fuer sich selbst die Freiheit beansprucht, mit anderen Frauen zu flirten, sie darf ihren maennlichen Bewunderern kein Laecheln schenken, ohne dass er aggressiv darauf reagiert. Er legt durchaus Wert darauf, dass sie so attraktiv wie moeglich ist. Er geht mit ihr sogar in die Modehaeuser, um die elegantesten Kleider fuer sie zu erstehen und alles was dazugehoert. Er traegt selber auch nur das Beste und selbst seine Jeans sind Designer Ware. Sie sind tatsaechlich ein attraktives Paar und gesellschaftlich sehr bewundert. Es gibt auch keine Langeweile zwischen ihnen, egal ob sie alleine sind, oder sich mit seinen Freunden, oder ihren Bekannten treffen. Sie haben beide einen weiten Gesellschaftskreis mit so vielen verschiedenen Arten von Menschen, dass es diesbezueglich keine Bevorzugung gibt, in welchem Kreis man sich bewegen moechte. Doch sie hat bald genug davon, seine Trophaee zu sein, die sein anderweitiges Flirten dulden, aber seinen Zorn ertragen soll, wenn er glaubt, sie tut desgleichen, ob das der Fall ist oder auch nicht. Sie ist ziemlich sicher, dass er keine Affairen hat, obwohl sie es nicht ausschliesst, doch das ist nicht der Grund, warum sie die Beziehung beendet. Sie kann seine Doppelmoral nicht ertragen. Ausserdem ist sie nicht mehr davon ueberzeugt, dass er sie liebt, und, wichtiger noch, ihre Gefuehle haben sich geaendert. Er hat seine Anziehungskraft auf sie verloren. Sie schaetzt seine Person durchaus, aber fuer Liebe reicht es nicht aus. Liebe ohne Konditionen kann sie fuer ihn nur empfinden, wenn er nicht ihr Lebenspartner ist.

    Das Ende ist dramatisch. Es bestaetigt ihre Vorahnungen, dass er unter Umstaenden ‚durchdrehen‘ koennte, allerdings nicht ganz in diesem Ausmass, wie sich zeigt. Sie ist mit Absicht und auf Grund ihrer Befuerchtungen nicht alleine mit ihm, als sie ihm schliesslich ihren Entschluss mitteilt, die Beziehung beenden zu wollen. Einer seiner Freunde ist zu Besuch, und der kommt ihr zu Hilfe, als die Situation tatsaechlich eine hoechst unerwartete und gefaehrliche Wende nimmt. Ihr Geliebter, nachdem er ihr anfangs keinen Glauben schenkt, aber schliesslich ihre Entschlossenheit wahrnimmt, steht naemlich auf, geht in die Kueche und kehrt mit einem der grossen Fleischmesser zurueck. Er ist weder erregt, noch sieht er sie an, aber in seinen Augen liegt eine Leere, ja ein Abgrund, so tief und schwarz, kein Licht koennte diesen durchdringen. Sein Gesicht ist blass und regungslos. Kein Wort entkommt seinen Lippen. Es ist, als haette ihn alles Leben verlassen. Sie schaudert, waehrend sein Schweigen nach ihrem Herz greift und es so maechtig zusammendrueckt, dass sie von ihrem Sessel hochschnellt, als haette sie einen elektrischen Schlag erhalten. Er hingegen setzt sich nieder, legt das Messer vor sich auf den Tisch und starrt es an, als ueberlegte er kalten Blutes, wie er es am besten verwenden koennte. Femina stuermt zur Tuer und ruft hoechst aufgeregt nach seinem Freund. Dieser kommt auch sofort aus seinem Zimmer und stuerzt, hoechst alarmiert, an die Seite seines Freundes. Er bemaechtigt sich sofort des Messers und uebergibt es Femina, um es ausser Reichweite zu bringen. Dann setzt er sich zu seinem Freund und auf ihn einredend, versucht er ihn in ein Gespraech zu verwickeln, um ihn ins Leben zurueck zu bringen.

    Femina laesst sie alleine. Sie packt ein paar Sachen zusammen. Fuer‘s erste wird sie sich ein Hotelzimmer nehmen. Unfaehig, zu denken oder gar zu fuehlen, sie agiert automatisch, als habe ihr Gehirn auf Selbststeuerung umgeschalten. Nicht nur ihr Ex hat einen Schock erlitten! Trotzdem, bevor sie geht, versichert sie sich noch, dass man keine Hilfe von ihr braucht. Es scheint, die Situation ist einigermassen unter Kontrolle. Sie hoert sein Schluchzen, sieht aber nicht sein Gesicht, da er mit dem Ruecken zur Tuere sitzt. Sein Freund hat einen Arm um seine Schultern gelegt und gibt ihr mit einem Blick zu verstehen, dass ihre Anwesenheit nicht erforderlich ist. Sie teilt den beiden ihr Vorhaben mit und verabschiedet sich, bis auf weiteres, – und fuer immer.

    Mit Maennern, scheint’s, hat sie kein Glueck. Vielversprechend am Anfang, aber nichts fuer laengere Zeit. Glueck? Gibt es das ueberhaupt? Hier wahrscheinlich nicht. Gluecklich war sie ganz sicher irgendwann, aber das ist lange her und war auch ganz woanders. Vielleicht liegt ein Fluch auf ihr? Nicht doch! Ganz sicher ist es dieses Haus. Alles was damit zusammenhaengt ist in seinem unsichtbaren Netz gefangen und damit an seine Existenz gebunden.

    Sie beschliesst, auf Reisen zu gehen. Diesmal fuer laengere Zeit, denn sie hat keine Verpflichtungen, die sie einhalten muesste. Ihre Studien sind praktisch abgeschlossen und die Arbeiten, die ausstehen, sind nicht an ihre Anwesenheit gebunden. Obendrein, sie hat nicht einmal eine eigene Bleibe.

    Im Flur brennen immer die Lichter, ob es Tag ist oder Nacht. Im Tageslicht sind sie nicht mehr wie gelb leuchtende Punkte. Sie sitzt im Gang und kann sich, wie immer, nur wundern. Da glaubt sie diesen zu kennen, doch gibt es immer wieder Unerwartetes. Er ist zwar staendig zugig und der Steinboden kalt, aber im Tageslicht, so wie jetzt, ist er durchaus freundlich und sogar ganz huebsch. All die verschiedenen Tueren und wie es scheint, all die verschiedenen Welten darin! Allerdings, Femina findet, nichts ist sicher. Selbst die Tueren sind nicht immer gleich, oder gar ihre Anzahl. Mit Ausnahme der Stahltuere, die ist immer diesselbe und nach wie vor verschlossen. Auch die Milchglasfenster sind nie anders, unmoeglich nach draussen zu sehen. Und unveraendert ist ihr Wunsch, das Haus verlassen zu wollen. Daran aendert auch die Tatsache nichts, dass sie dieses Haus nicht einmal ausgeforscht hat. Auch nicht, dass das Draussen vielleicht garnicht so erstrebenswert sein mag, wie sie hofft. Die Suche nach ihrem Gedaechtnis treibt sie an, das sie, so glaubt sie wenigstens, hier drinnen nicht finden kann. Denn egal, wo sie auch hingeht, sie landet da, wo sie ist, – im Flur mit seinem kalten Steinboden.

    Warum ist ihr Schaedel bloss so dickschaedlig? Warum spuckt er nicht aus, was hinter seinen Knochen verborgen liegt, wo sie doch so notwendig alle ihre Erinnerungen braucht, alle Informationen, ohne die sie sich so verloren fuehlt. Aber den Schaedel stoeren ihre Vorwuerfe nicht. ‚Stur wie der Hornochse‘ ist er. Er laesst drinnen zwar ihre Gedanken fliegen, aber das, was sie will, taucht darunter nicht auf. Bei Hornochse fallen ihr wieder die Maenner ein. Die Assoziation ist nicht unberechtigt, aber sie vergleicht sie lieber mit einer Schachtel voll mit Pralinen. Verlockend, verheissend, doch weiss man nicht, womit sie gefuellt sind, und wie sie schmecken werden.

    Sie umfasst ihre angewinkelten Knie, Kopf obendrauf. Wenn sie aus diesem Bau schon nicht raus kommt, kann sie wohl nur eines tun, – sich mit ihm befassen, intensiver vielleicht, als sie es bisher tat. Im Moment jedoch ist ihr nicht nach Aktion zumute. Sie ist muede, zu muede um aufzustehen und eine dieser Tueren zu oeffnen. Bis jetzt haben sich diese eher angeboten, als dass sie selber die Initiative ergriff. Sie hat keine Ahnung, mit welcher Tuer sie am besten beginnen soll. Wer weiss, was sie damit anrichtet! Manche Tueren bleiben vielleicht besser geschlossen, oder? Ach was! Der dumme Kopf hat nichts davon, sich mit dummen Aengsten zu plagen. Nach wie vor gilt, sie hat nichts zu verlieren. Ihr Leben ist ohnehin nicht viel wert. Ist sie doch bloss gefangen, und nach wie vor ohne Erinnerung.

    Sie schliesst die Augen. Sie ist so muede. Was soll die Eile! Die Tueren laufen ihr nicht davon. Sie fuehrt ihre Gedanken entland der Bildergalerie von ihren Reisen. Sie sieht Berge, in denen sie gewandert ist, sie sieht das tuerkisblaue Meer. Sie sieht Almenwiesen und Schneegestoeber, Staubfontaenen und Tropenpracht. Und sie sieht in lachende Augen und froehliche Gesichter, egal welcher Farbe sie sind. Und so gleitet sie sanft vom Wachen in den Schlaf. Warum von Haesslichem traeumen, es genuegt, dass es existiert. Sie hat nicht einmal Grund, ungluecklich zu sein,oder? Das redet sie sich nur ein! Die Traeume sagen ihr, was wahr ist. Die Wirklichkeit verraet sich am Schein. Doch der Schlaf verhindert sorgsam alles, was sie in seiner Welt stoeren koennte. Er haelt sie liebevoll in seinem Arm. Dort ist es warm, und still, und die Zeit verliert sich darin.