Buch Category: Buch Kapiteln

  • DNS II, Kapitel 8

    Femina kann sich nicht erinnern, wie lange sie am Ort des Vergessens gewesen war und auch nicht, wie oft sie von einem Bewußtseinszustand in einen anderen verfiel. Alles war unwirklich, verschwommen, ein unscharfes Bild, aufgenommen von einer nicht so recht funktionierenden Kamera. Aber sie war nicht alleine. Rocky ist an ihrer Seite, ob sie aus dem Schlaf erwacht, oder dämmernd in einen anderen verfällt, er ist immer da. Er gibt ihr gutes klares Wasser zu trinken und, als sie langsam mehr Details wahrzunehmen beginnt, bemerkt sie, daß er ihr manchmal auch aus einem zu einer Tüte geformten grünen Blatt, eine kleine Menge grünen Saftes einflößt. Sie wird sich auch bewußt, daß sie längst nicht mehr in der schwarzen Stille einer Höhle liegt, sondern Zwielicht um sie herrscht, voll mit Geräuschen, über einem steten, dumpfen Donnerollen, das Luft und Boden leicht vibrieren läßt. Sie versucht immer öfter ihre Augen offen zu halten, was sie anfangs allerdings nicht lange verträgt. Es ist das Licht, das sie besser fühlt, als sie es zu sehen vermag, denn es schmerzt ihre Augen. Sie glaubt manchmal sogar, Wilson habe sie nun doch in seine Gewalt gebracht und daß er sie nun quäle. Vielleicht will er sie einfach blind machen. Sie versucht des öfteren hochzuspringen, um davonzulaufen, doch dazu ist sie zu schwach. Sie rollt dann den Boden entlang, nicht wissend in welche Richtung sie eigentlich fliehen könnte, aber da ist dann wieder Rocky an ihrer Seite und versichert ihr, daß Wilson sie nicht gefunden habe. Immer wieder beruhigt er sie, wenn sie in ihrer Verwirrung nicht weiß, was Traum, oder wirklich ist. Immer wieder sagt er, sie seien sicher und sie solle nur schlafen, solange sie es nötig hätte. Er wäre immer in ihrer Nähe, sie brauche nur etwas mehr Zeit und etwas mehr Kraft, um sich an Licht und Nahrung zu gewöhnen, und, daß sie sich ganz gewiß auf etwas Schönes freuen könne.

    So wie ihr Wachsein zunimmt, also ihr Wirklichkeitssinn zurückkehrt, so hört sie auch immer mehr vertraute, nicht nur verwirrende und alarmierende Geräusche. Da ist ein Surren und Summen von Insekten und Bienen, ein Flattern und Schlagen von Flügeln, Gezwitscher und Vogelgesang. Seltsamerweise lassen sie lästige Insekten in Ruhe. Aber vielleicht ist sie nur derart blutlos geworden, daß sie selbst für diverse Blutsauger keine gute Nahrungsquelle ist. Sie stellt fest, daß ihr Bett aus Moos und Farnen besteht und, wenn das Zwielicht zur Nacht wird, sorgt Rocky für ein kleines Lagerfeuer, das sie trotz kühler Luft warm hält. Nur ihre Haut ist ihr so fremd, als gehöre sie ihr gar nicht. Sie ist aschgrau und fühlt sich seltsam glatt an, als sei sie keine wirkliche Haut, sondern ein hauchdünner Film aus Schmierseife, oder gebrauchtem Wachs.

    All diese Wahrnehmungen sind natürlich Zeichen ihrer Genesung. Auch ihr Wohlbefinden ist keine Einbildung, sondern verbessert sich mit jedem Tag. Sie kann nun neben Wasser allerlei andere Säfte trinken, aus Pflanzen und Beeren, wie Rocky sagt. Er gibt ihr zunehmend kleine Mahlzeiten, Breiartiges aus Wurzeln und Knollen, die er täglich zubereitet und oft mit allerlei Grünzeug vermischt. ‚Ähnlich wie Gemüse‘, meint er lächelnd. Sie ißt Früchte, die sie nicht kennt, ja noch nie gesehen hat, ihr Appetit wird immer größer, sowie die Portionen, die sie nun geradezu heißhungrig verschlingt und, ihre Körperfunktionen haben sich normalisiert. Rocky hat ihr sogar eine Art Plumpsklo gemacht. Etwas zurück im Tunnel, wo es Felsspalten im Weg gibt, hat er eine geeignete gefunden, über der er mit kleinem und größerem Gestein einen zweckdienlichen Sitz errichtet hat. Es ist nur für sie, denn er selber kann jederzeit die Höhle, ihre derzeitige Wohnstätte, verlassen. Das tat er ohnehin jeden Tag, um für frisches Wasser und Nahrung zu sorgen. Im Gegensatz zu ihr war er dazu fähig, war auch nie am Ende seiner Kräfte gewesen, nur, wie er später zugibt, zunehmend schwächer geworden. In den ersten Tagen ihrer Rettung, mußte er sie zu ihrem ‚Örtchen‘ tragen. Allerdings war sie derart dehydriert gewesen, daß es sich nur wenige Male als nötig erwies. Unterstützung beim Gehen brauchte sie schon länger. Sich ihrer Hilflosigkeit und Abhängigkeit von ihm jedoch recht bald bewußt werdend, war heilsam. Es gab ihr einen Energieschub, grad so, als würde man eine tote Batterie durch ein Starterkabel zu neuem Leben erwecken, um sie danach am Laufen zu halten, ein Auftrag, dem ihr Lebenswille nur allzu gerne nachkommt. Freilich ändert das nichts an der Tatsache, – Rocky ist ihr Lebensretter, ihr Schutzengel. Er hat sie nicht nur durch, sondern auch aus dem Niemandsland geführt und ist nach wie vor, dank seiner Kenntnisse als Ureinwohner dieses Landes, unentbehrlich. Obwohl auch er nicht wirklich weiß, wo sie sind, noch, wie es weitergehen soll, ohne ihn wäre sie natürlich auch jetzt verloren. Ihr Verstand sagt, Rocky ist ein außergewöhnlicher Mann. Ihr Herz weiß, er ist ein ganz besonderer Mensch.

    Sie bemerkt, daß er ihr Schlaflager, wenn er es erneuert, immer weiter nach vorne Richtung Höhlenausgang verlegt, wo auch er sein Lager hat. Ständig weist er sie an, Muskelübungen zu machen, sich so viel wie möglich zu bewegen. Er will ihre Flucht baldigst fortsetzen. Ihre Mithilfe, nicht Hilflosigkeit, ist mehr als gefragt. Er rechnet mit vielen Herausforderungen, die sie sich, wahrscheinlich naiverweise, nicht einmal vorstellen kann.

    Obwohl sie Erinnerungslücken hat, vieles kommt nun doch zurück; auch, daß sie in der Anfangsphase ihrer Rettung nackt gewesen war, was sie damals natürlich nicht bekümmerte, wußte sie doch nicht einmal, ob sie nicht ohnehin schon tot war. Als sie sich ihrer Blöße bewußt wurde und Rocky fragte, ob sie nicht etwas zum Bekleiden hätte, übergab er ihr auch gleich alles, das er aus ihrem Gepäck rausgesucht und mitgenommen hatte, als sie gehunfähig geworden war und er sie tragen mußte. Ihre Frage, warum sie überhaupt nackt gewesen war, beantwortete er nur mit Achselzucken und einem kurzen Kommentar. ‚Das sei letzendes das praktischste gewesen.‘ Außerdem mußte er immer mehr Dinge auf dem Weg zurücklassen, allein schon, um mit seinen Kräften sparsam umzugehen. Er habe sie aber erst wirklich völlig entkleidet, als sie in der rettenden Höhle gelandet waren. Sie sah schnell ein, daß er nur getan hat, was getan werden mußte. Abgesehen davon war ihr Schamgefühl ohnehin unnötig. Rocky war nicht nur homosexuell, sondern ist auch völlig Oliver ergeben, der Liebe seines Lebens, wo es kein Wenn und Aber gibt. Sie war also nie sein Interesse gewesen, sondern ist nur jemand, der seine Hilfe braucht.

    Was Rocky aus ihrem Rucksack rausgesucht hatte, ist wirklich nur das Notwendigste, doch den Umständen entsprechend ist es mehr als genug. In dieser vergessenen Welt isolierter Abgeschiedenheit könnte sie sich eigentlich auch mit einem Feigenblatt begnügen. Der Rest ihrer Habe ist jedoch, verstreuten Brotsamen gleich, auf dem Weg durch das Labyrinth, im Berginneren zurückgeblieben. Wo genau, das weiß nicht einmal Rocky. Später, als sie ihn fragte, ob er nicht auch ans Aufgeben gedacht habe, sagte er nur ‚Nein! Aufgeben war keine Option. Nicht er bestimme sein Ende, die Natur bestimme das für ihn.‘

    Sie erfuhr dann auch, was es mit ihrer Haut auf sich hatte. Rocky hatte sie mit einem selbst hergestellten ‚Schutzmittel‘ gegen Insekten eingerieben. ‚Er brauche es nicht oft, sagte er, da er, hier aufgewachsen, sowas wie eine natürliche Abwehr entwickelt habe. Aber es würde von ihnen allen verwendet. Jedes Kind lernt, es herzustellen. Es gäbe oft Mückenplagen, die ihnen zusetzen würden. Und es schütze nicht nur vor Mücken, sondern helfe auch gegen Kälte,‘ fügte er noch hinzu. Tatsächlich braucht man nur Asche und Wasser, das man zu einer Paste verarbeitet, mit der man sich dann einreibt. Er hatte natürlich, wie immer, recht, auch was den Kälteschutz angeht, denn, trotzdem sie sich in der Trockenzeit befinden, sind die Nächte hier feucht und, wenn schon nicht kalt, so doch unangenehm kühl. Sie sind zudem im Landesinneren, in den Bergen und obendrein in dichtem Regenwald. Sie hat nie unter Kälte gelitten, nicht einmal, als sie nackt war, aber auch jetzt nicht, trotz spärlicher Bekleidung. Das Feuer, das Rocky jeden Abend anfacht, ist auch nicht all zu groß. Sie lernt die Paste selber zu machen und verwendet sie immer wieder, wenn auch spärlicher und nur auf der bloßen Haut. Die Mücken summen zwar immer gierig um sie rum, aber stechen tut sie keine. Sie zieht es vor, sich einzureiben, statt mehr anzuziehen, denn das muß ja auch gewaschen werden, was derzeit noch immer Rocky erledigt. Nicht, daß sie viele Kleidungsstücke zur Auswahl hätte. Außer einem dünnen Wollpullover, ihrer Daunenjacke, neben 2 singlets, einer leichten Sommerhose und einem Sarong, das ist auch schon alles, was sie an Kleidung besitzt.

    Sie erfuhr auch, warum Ger Rocky zum Zeitpunkt ihres Zusammenbruchs nur wenig helfen konnte. Er hatte nämlich genug mit seinem Bruder zu tun. Gegenseitige Hilfe beschränkte sich also auf Notsituationen, die sich ohnehin mehr und mehr häuften. Oliver‘s Zustand war schließlich schon seit Beginn ihrer Flucht, auf Grund seiner Körperverletzungen, nicht grade gut gewesen, aber die geistige Verwirrung, im Rahmen zunehmender Delirien, machten ihn unberechenbar und manchmal schlichtweg gefährlich. Femina gab sich damit vorerst mal zufrieden. Erst als ihre eigene Genesung fortschritt, wurden ihr die Fragen, was Ger und Oliver betraf, wichtig. Sie wollte, nein, mußte wissen, warum sie mit Rocky alleine war. Er gab ihr daraufhin eine kurze Zusammenfassung der Ereignisse: ‚Ger hätte seinen Bruder nur mit großer Mühe aus der „Unterwelt“ bringen können. Oliver versuchte sich ständig von ihnen zu trennen. Femina vermutete sogleich, daß das nicht nur aus Gründen zunehmender Verwirrung geschah, sondern auch aus seelischer Verzweiflung und er eigentlich gar keine Rettung wollte. Wie auch immer! Letzendes hatte er keine Lichtblicke mehr, sondern verfiel in ein permanentes Delirium, unzurechnungsfähig, orientierungslos, geplagt von Paranoia und Gedächtnisverlust. Zuletzt konnte er nicht einmal mehr seinen Bruder erkennen. Es blieb Ger nichts anderes übrig, als ihn so gut wie möglich, zum Bündel verschnürt, den Weg entlang zu führen, oder auch streckenweise zu tragen. Femina ist geradezu dankbar, daß sie das alles nicht mehr bewußt miterlebt hat. Es mußte der reinste Horror gewesen sein. Nachdem sie trotz aller Probleme dem Berginneren entkommen und in dieser Höhle gelandet waren, und sich mit lebensrettendem Wasser versorgen konnten, wurden ihre erschöpften und kaputten Körper vom längst fälligen Ruhebedürfnis übermannt. Sie alle verfielen ausnahmslos, so schien es zumindest, in einen tiefen Schlaf, von dem es dann allerdings ein böses Erwachen gab: Oliver war nicht mehr bei ihnen. Ihr verzweifeltes Rufen blieb unbeantwortet. Er war auch nicht ins Freie gerannt, wie sich Rocky sogleich vergewisserte. Was das bedeutete, ließ keinen Zweifel zu. Ger wollte natürlich gleich wieder in den Berg zurückgehen, eine völlig unlogische Reflexreaktion, war er doch selber zu erschöpft und obendrein planlos. So hörte er dann doch auf Rocky, der ihm vorschlug, sich erst mal auszuruhen. Oliver würde in seinem Zustand sicher nicht weit kommen. Zudem, ob, wie und wer weiß in welchem Zustand Ger ihn finden würde und ihn dann auch noch versorgen zu müssen, wahrscheinlich sogar gegen dessen Widerstand, das wäre kein Rettungsversuch, sondern schlichtweg aussichtslos. Rocky würde mit ihm auf die Suche gehen, sobald Femina erst mal versorgt war und sie sich selber ein wenig erholt hätten. Freilich könnte auch Ger bei Femina bleiben und er, Rocky würde auf Suche gehen, aber auch er brauche eine Rast, um wieder zu Kräften zu kommen. Ger stimmte halbherzig zu, wollte aber die Suche nicht Rocky überlassen. Und leider hielt er es auch nicht lange aus, ging also schneller wieder in den Berg zurück, als vernünftig schien. Wohl mit Wasser im Notgepäck, sowie den dehydrierten, vakuumverpackten Mahlzeiten, die sie ohne Wasser nicht mehr konsumieren konnten, aber vernünftigerweise auch nicht weggeworfen hatten. ‚Leider sei das nun doch schon mehr als ein paar Tage her,‘ meinte Rocky abschließend und schwieg.

    Femina sah natürlich, wie bekümmert er war. Als sie ihn zu trösten versuchte, winkte er ab. Freilich! Es war schließlich sie, die ihn hinderte, mit Ger auf Suche zu gehen. So nahm sie denn seine Hände und drückte sie ganz fest und inniglich.

    „Ist schon gut,“ meinte er gleich: „Eines nach dem anderen. Wir haben noch Zeit ein wenig zu warten und was wird, werden wir schon sehen. Es gibt ohnehin viel zu tun. Du mußt erst mal raus aus der Höhle, dich ans Sonnenlicht gewöhnen, und ja, ins normale Leben zurückkehren. Du mußt stark genug werden, denn noch sind wir nicht im sicheren Hafen, bloß aus der unmittelbaren Gefahrenzone.“ Sie ließ es dabei bewenden. Was könnte sie dem schon beifügen!

    Ihre Unruhe wächst. Immer weniger kann sie ertragen, alles und jedes Rocky zu überlassen und beginnt damit, Arbeiten zu übernehmen. Manchmal glaubt sie mehr ein Hindernis zu sein, doch zeigt er nie auch nur die kleinste Geringschätzung. Im Gegenteil! Er ist geduldig mit ihr. Überhaupt erledigt er alles mit Sorgfalt und Umsicht, fast stoisch könnte man sagen. Wie er ein Desperado sein konnte, wird ihr immer rätselhafter.

    Er läßt sie jetzt tagsüber alleine in der Höhle zurück. Was er macht, darüber hat sie ihn wohl befragt, er sagt aber nur, daß er dabei sei, sich um ihren weiteren Fluchtweg zu kümmern und für ihre anderwärtigen täglichen Bedürfnisse zu sorgen. Schließlich gibt sie sich damit nicht mehr zufrieden und besteht darauf, daß er über Pläne und Vorhaben mit ihr spricht.

    Er schaut sie nachdenklich an. „Okay!“ sagt er dann: „Wir werden klettern müssen, um von hier weg zu kommen. Wir sind nämlich in einem Senkloch. Wie tief es ist, kann ich nicht sagen, aber du wirst viel mehr Muskelkraft brauchen, als du es derzeit hast. Fang also an zu trainieren. Es gibt genug Wurzelstränge an den Wänden, die sich für diverse Übungen eignen. Abgesehen davon, um diese unsere Höhle zu verlassen, mußt du ohnehin klettern. Der Höhlenausgang liegt in einer Felswand ungefähr 15 bis 20m vom Boden. Das heißt, um rein oder raus zu kommen, muß man klettern. Das heißt aber auch, deine Augen müssen wieder fähig werden, sich den unterschiedlichen Lichtverhältnissen anzupassen. Zu fallen und dich verletzen, wär‘ wohl das Letzte, das wir brauchen können.“

    Sie verbringt ihre Zeit nun vorwiegend am Höhleneingang und hält sich an einen von ihr erstellten Plan für all ihre Aktivitäten; ob häusliche Routinearbeiten, Muskeltraining, oder Pausen, auch die sind miteingeplant. Ihre Disziplin lohnt sich, denn sie kommt schneller voran, als sie zu hoffen gewagt hatte. Ihre Muskeln stärken sich, ihre Konzentrationsfähigkeit wird immer besser und erst recht ihre Sehkraft. War die Höhle anfangs mit einem Vorhang aus grellem Licht verschlossen, ist dieser nur mehr ein Schattenspiel aus mildem Grün, wo am oberen Teil sogar etwas blau zu sehen ist. Es gibt noch andere Vorteile, denn je näher sie dem Ausgang ist, desto lauter und lebendiger wird auch alles rund um sie. Hin und wieder wagen sich sogar kleine Vögel und Schmetterlinge etwas weiter in die Höhle rein, doch vorwiegend finden sie sich vor, oder im Eingang ein.

    In ihren Pausen sitzt Femina also auf dem mit Moos und Gräsern bewachsenen Boden des Höhlenzuganges, vor allem, um ihre Sinne zu stärken, wie zum Beispiel im Licht so viele Details wie möglich zu finden, bevor ihre Augen zu tränen beginnen, oder sich auch immer mehr an all die Geräusche zu gewöhnen, die auf sie einströmen. Sie kann diese nun sogar ‚abschalten‘. Das konnte sie in den ersten Tagen ihrer Rettung, wo Realität und Verwirrung ineinander übergingen, nicht, so erinnert sie sich wenigstens. Da gab es nebst Vertrautem auch viel Beunruhigendes und manchmal wurde alles geradezu unerträglich, weil es einfach nie aufzuhören schien. Das hat sich nun grundsätzlich geändert. Sie empfindet nichts mehr als unerträglich, höchstens als überwältigend; und nichts ist mehr bedrohlich. Stimmt! Es kann schon laut werden, doch sie muß ja nicht hinhören. Langweilig ist es jedoch nie. Ganz im Gegenteil! Sie lauscht eigentlich gerne und genießt die Fülle, wie sie das noch nie zuvor in ihrem Leben getan hat. Ihr Stillsitzen ist also keine wirkliche Pause, sondern bloß eine andere Art von Aktivität.

    Sie lächelt. Sie freut sich auch immer über die kleinen Besucher, die anflattern und ohne Scheu um sie herumhüpfen. Kleine tschirpende, zum Schalk aufgelegte Federbällchen sind sie, in allerlei Mustern und Farben und mit wißbegierigen Augen. Richtig neugierig sind sie, könnte man meinen, so wie sie um sie herumhopsen und sie bezwitschern. Für Femina sind sie einfach beste Unterhaltung. Sie werden auch immer zutraulicher und, manchmal, auch dreister.

    Heute verirrte sich ein wundersamer Vogel zu ihr rein; der Körper samtdunkel schwarz, mindestens so groß wie ihre Hand, mit wunderschönen Schwingen, die mit einem breiten türkis, blaugrün schillernden Band versehen sind, das quer über den Rücken von Flügel zu Flügel und dann entlang deren Konturen verläuft, als sollten diese besonders leuchten, um ihre Pracht zu vertiefen. Allerdings fliegt dieser Vogel irgendwie ganz anders wie ein Vogel. Es ist einerseits ein Schwingen, dann wieder ein Flattern und die irisierenden Farben funkeln dabei wie das türkise Licht in einem schwarzen Opal. Kein Laut ist zu hören. Es bewegt sich nur die Luft, deren sanfte Wellen Femina‘s Haut berühren. Fasziniert verfolgt sie seinen Flug bis er sich, nicht weit von ihr, auf einem aus einer Felsspalte hervorragenden Wurzelstrang niederläßt. Erst jetzt sieht sie, daß es kein Vogel ist, sondern ein Schmetterling. Was für ein wundersames, zauberhaftes Geschöpf! Muß wohl aus dem Paradies selber gekommen sein. Er hat sich sicherlich verirrt und ist nun verwirrt, denn was könnte er in dieser Höhle ohne viel Pflanzen und Sonnenlicht schon finden! Sie starrt auf ihn und rührt sich nicht. Sie will ihn nicht beängstigen. Aber da hebt er auch schon wieder ab, umflattert sie und dann entschwindet er, fliegt gradewegs hinaus ins Licht, zu dem, was auch immer draußen auf ihn wartet. Oh mei! Es war ihr, als hätte er ihr eine Botschaft überbracht: ‚Mach dich bereit, es ist an der Zeit! Geh durch‘s Licht! Folge mir hinaus in die Sonne!‘

    Als sie mit Rocky zusammensitzt und ihm begeistert davon erzählt, sieht er sie gedankenvoll an und nickt schließlich zustimmend. Auch er glaubt, daß es zumindest ein Zeichen, oder eine Einladung war, sich endlich aus der Sicherheit der Höhle zu begeben.

    „Ich würde allerdings lieber dabei sein, wenn du dich dazu entschließt“, sagt er. „So wie ich dich kenne, wirst du dich nicht grad in Geduld üben, trotzdem ich dir genau das rate. Deine Augen sind sicher noch nicht schnell genug, um sofort auf Licht und Schatten zu reagieren. Ungeduld kann also teuer werden. Abgesehen davon, auch wenn es hier keine großen Wildtiere gibt, vor denen du dich in Acht nehmen müßtest, du mußt sehr wohl aufpassen, wohin du greifst, wohin du trittst, oder gar auf was. Kleingetier, wie Spinnen, Skorpione und natürlich Schlangen, große, wie kleine, gibt es sehr wohl. Viele davon sind giftig und werden sofort attackieren, sollten sie sich in Gefahr glauben. Die Vegetation ist dick und der Boden voller Wurzeln, auch auf dem Weg zum Wasser, den ich bereits ein wenig ausgetreten hab. Du mußt außerdem beim Klettern in blättrige Wurzelstränge greifen, da kann sich schon einiges darin verstecken. Langsam sein, heißt hier, bedächtig sein.“

    Über diese Gegebenheiten haben sie noch nie gesprochen, ist jetzt aber unumgänglich. Wieder betrachtet er sie eingehend. Er hat schon recht. Sie will nicht länger festsitzen, aber auch nicht, von seiner Anwesenheit abhängig sein. Er hat ohnehin genug anderes zu tun. Zudem zieht sie es vor, ihren ersten Abstieg allein zu machen. Da kann sie sich Zeit lassen ohne sich unter Druck zu fühlen, wie auch immer eingebildet das sein mag. Sie versichert ihm, daß sie sich strikt an seine Anweisungen halten würde; er müsse ihr nur genau sagen, worauf sie zu achten habe.

    „Na gut“, meint er und fährt fort: „Der Abstieg hat drei Abschnitte entlang vernetzter Wurzel und losen Lianen. ich hab‘ Stränge so verbinden können, daß sie wie eine Art Strickleiter funktionieren Die erste findest du auf der rechten Seite der Höhle. Sie ist die längste von Dreien. Keine Angst! Nichts ist wirklich schwierig zu handhaben. Sie sind nicht unsicher, nur teilweise etwas lose. Wie du den Abstieg beginnst, zeig ich dir am besten. Laß uns das vielleicht noch heute, bevor wir schlafen gehen, tun. Die beiden anderen Leitern sind ziemlich gleich lang, aber kürzer als die erste. Es ist etwas umständlich, die Tritte zu finden, denn du kannst nicht sehen, wo die sind. Du mußt also vieles erfühlen. Das ist das eigentlich Schwierige. Doch ein paar Mal rauf und runter, damit hat’s sich. Freilich, das erste Mal……., es wär‘ mir lieber, ich wär‘ dabei. Na ja, ….“, er macht eine kleine Pause. Dann beginnt er zu lächeln, als sähe er etwas Erfreuliches. „Ich hab‘ dir bereits angekündigt, daß etwas Schönes auf dich wartet. Du wirst mir ganz sicher recht geben.“ Mehr will er nicht sagen, da hilft auch ihr Drängen nichts. „Nein, nein! Laß dich überraschen!“ Er schweigt, nur sein Lächeln vertieft sich.

    So schön das klingt, ihr wird nun doch bang. Wie sicher ist sie, daß ihre Muskeln sie nicht in Stich lassen? ‚Ein Schritt nach dem andern‘, fällt ihr ein. ‚Eine Schlaufe nach der anderen‘. Zeit hat sie ja und Angst war noch nie ein guter Lehrer. Mit, oder ohne Rocky, ihre Angst muß sie schon selber überwinden.

    „Wegen dabei sein wollen…. Kommt drauf an, wie lange du mich allein läßt,“ unterbricht sie plötzlich das Schweigen.

    „Hm, ja, allerdings,“ meint er etwas überrascht. Er überlegt kurz, um dann fortzufahren: „Allein bist du ja nie wirklich. Ich bin in Hörweite, würde dein Rufen oder einen Schrei sicher hören. Ich hab nämlich einen Weg gefunden, der uns von hier wegbringen kann. Das heißt, es ist ein Schacht. Der Zugang zu ihm liegt zwar hinter dem Wasserfall, aber mein Gehör ist ziemlich gut. Ich muß die Kletterroute allerdings erst sichern, so gut und auch so schnell ich eben kann. Ohne Hilfe ist das natürlich mühsam. Nur, hier können wir nicht bleiben, denn die Regenzeit steht vor der Tür, so daß wir uns besser auf den Weg machen. Wenn wir uns also die Arbeit teilen könnten, wäre das enorm hilfreich. Der Schacht ist anfangs eng und geradezu senkrecht, aber er erweitert sich nach oben und wenn auch nach wie vor steil, so doch nicht mehr schnurgrade. Man kann sogar einen kleinen Fleck Himmel durch das Ast- und Blättergewirr darüber erspähen. Du wirst später schon sehen, was ich meine. Die riesigen Bäume, die hier überall wachsen, kennst du ja schon. Wir schauen von unserer Höhle aus ja direkt in die grüne Kammer ihres Blattwerks hinein. Der Schacht ist allerdings relativ lang und erfordert solides Klettern, zumindest bis zur Hälfte, wo er sich dann zu erweitern beginnt und den restlichen Aufstieg wahrscheinlich auch leichter machen wird. Ich kann nur hoffen, daß Ger und Oliver bald zurück sind.“

    Das ist das erste Mal, daß er sich fast hoffnungsvoll äußert, was die beiden betrifft. Sie nickt nur, fragt aber nicht weiter. Es liegt auf der Hand, daß es nicht einfach sein wird, diesen Schacht hochzuklettern und dann erst recht im Dschungel vorwärts zu kommen, wenn alles wassergetränkt ist. Umso wichtiger ist also, daß sie hilft, so gut sie eben kann.

    Sie ändert erneut ihre Tagesroutine und findet, daß der Tag nicht genug Stunden hat. Haushaltspflichten, vor allem das Zubereiten der Mahlzeiten, ist mit den zur Verfügung stehenden Utensilien gar nicht so einfach. Viele der Wurzeln, Knollen und Samen müssen geschält, zerstampft, oder zerkleinert werden. Das braucht seine Zeit, ebenso das Sortieren der Samen. Vieles legt sie zum Trocknen aus, um einen Vorrat für später zu haben, wenn sie sich wieder auf den Weg machen. Was auch immer Rocky mitbringt und ihr aufträgt zu tun, er erklärt ihr genau, wie und was zu machen, oder zu vermeiden ist. Trotz der Mühseligkeit, nur wenig „Werkzeug“ zu haben, vorwiegend aus Stein bestehend, nebst vereinzelten Sachen, die Rocky aus ihrer ohnehin notdürftigen Campingausrüstung retten konnte, sie gewöhnt sich schneller daran, als sie zu Beginn befürchtet hatte. Es ist nun geradezu ein Vorteil daß sie von Küchenangelegenheiten wenig verstand, denn nichts von modernen Gepflogenheiten ist hier gefragt. Sie lernt viel mehr was Anderes, Interessanteres, ja Nützlicheres kennen, vor allem aber, daß Einfachheit nichts mit Primitivität zu tun hat. Das Wesentliche ist dabei, daß es nichts gibt, das nicht zu schätzen wäre. Dazu zählt sie auch einen Topf, den sie glücklicherweise in Besitz haben. Er ist nicht zu groß, nicht zu klein, grad richtig für jegliche Kocherei. Er verdient fraglos einen Ehrenplatz. Das meiste der übrig gebliebenen Campingausrüstung hat natürlich Ger mitgenommen, als er zurück in den Berg ging. Er brauchte es mehr als sie. Ihnen fehlt es hier ohnehin an nichts, dank Rocky natürlich. Er beeindruckt Femina jeden Tag auf’s Neue. Durch ihn versteht sie nun, was es heißt, mit der Natur verwachsen zu sein. Er ist der wahre Sohn der Mutter Erde, die er offensichtlich liebt, respektiert und in Ehren hält. Wohin auch immer sie ihre Flucht geführt hat, Femina findet, daß sie in Hülle und Fülle lebt, sogar besser als je zuvor, meint sie. Alles aus ihrem alten Leben, verblaßt zur vagen Erinnerung, scheint voll unnötiger Dinge gewesen zu sein. Vielleicht war dieses alte Leben ohnehin nur ein Traum gewesen; vielleicht sogar nur ein Albtraum. Freilich, dagegen spricht Etliches. Und es gibt auch Etwas, das sie beschwert, das sie jedoch nicht benennen kann. Obwohl sie glaubt, sowieso schon alles im Bergesinneren zurückgelassen zu haben, dieses Etwas, dieses nicht erklärbare Schwere, ist unweigerlich vorhanden. Es verflüchtigt sich zwar immer schnell und meist bleibt nichts davon in ihren Gedanken, aber es kehrt auch immer wieder zurück. Wie dem auch sei, ob Traum oder Wirklichkeit, beide verschwimmen gewöhnlich ineinander und fließen gemeinsam fort in irgendwelche nebulosen Gefielde, in die sie nicht vorzudringen vermag, oder vielleicht auch nicht vordringen will. Sie empfindet es als befreiend; mehr braucht es nicht zu sein. So ist es auch mit allem anderen. Sie verspürt weder Sehnsucht, noch hat sie Bedürfnisse und weder Vergangenheit, noch Zukunft sind wichtig. Sie ist einfach glücklich, läßt ihre Gedanken wie einzelne Wolken über einen blauen Himmel ziehen, die immer spurlos irgendwohin verschwinden, so wie sie von irgendwoher erschienen sind.

    Abends am Feuer besprechen sie vorwiegend Praktisches, oder es geht ums Vermitteln von Wissen, Rocky’s Wissen, um genau zu sein. Er regt ihre Neugierde, was ihn und seine Kultur betrifft, ungemein an. Allerdings hält sich das Reden in Grenzen. Sie beide genießen es nämlich, still am Feuer zu sitzen. Femina empfindet es wie die Eintrittskarte zu einem täglich stattfindenden Abendkonzert zu haben. Stille gibt es hier nämlich nie, im Gegensatz zum Berginneren, wo sie echte, ja nahezu vollkommene Stille erlebt hat. Dort konnte sie Stille nicht nur hören, also sinnlich wahrnehmen, sondern sie mit, nein, durch ihren Körper, spüren. Es war natürlich keine Totenstille, nur eine tiefe Stille, denn es gab sehr wohl Geräusche, jedoch so selten und so subtil, daß jedes, amplifiziert wurde, was dann ihr ganzer Körper wahrzunehmen vermochte. Hier draußen dagegen gibt es nur stille Momente, die ebenfalls subtil sind, aber kaum wahrgenommen werden können, weil zu viele Stimmen und Geräusche sie grad so schnell verschlucken, wie eine Schwalbe im Flug Mücken fängt. Die Welt hier draußen ist eine laute Welt. Indem Rock das abendliche Feuer nun auch immer am Höhlenausgang anlegt, nennt sie es ihren Logenplatz, der beste von allen für ihr Konzert. Sie genießt es ungemein im sanft wärmenden Schein des Feuers zu sitzen und den Tag ausklingen zu lassen.

    Ihren Augen tut die Dunkelheit ohnehin gut. Sie sieht nun sogar im Dunkeln besser als sie das je zuvor konnte, und das ohne Schmerzen, wie es in zu grellem Tageslicht noch immer vorkommt. Abgesehen davon ist kein Abend wie der vorige, kein Abendkonzert ist dasselbe, aber immer findet es in festlicher Atmosphäre statt, unter intensiv leuchtenden Sternen, die manchmal durch das Blätterdach windgefegter Baumkronen blinken, als hätten sie sich verirrt. Vor allem aber durch das Geflitter und Gefunkel von Millionen von Glühwürmchen, die in Schwärmen durch die Nacht tanzen. Nur der Mond scheint ein wenig launenhaft zu sein. Sie hat ihn bis jetzt noch nie gesehen. Freilich, auch die Sonne hat sie noch nie wirklich gesehen. Beide verraten ihre Anwesenheit nur durch ihr Strahlen.

    Femina’s Vorfreude beginnt bereits mit der Dämmerung, wenn das Getümmel des Tages abnimmt, das sie, trotz wiedergewonnener Kräfte, ermüdet. Für eine Weile wird es dann tatsächlich auch stiller. Femina empfindet es grad so, als höre sie der Welt beim Ausatmen zu. Vor dem nächsten Atemzug gibt es eine kleine Pause, die kurzfristig etwas Ruhe bringt, mehr jedenfalls, als das davor und danach möglich ist. Sie scheint dazu zu dienen, den Konzertsaal einer letzten Inspektion zu unterziehen, bevor man dem Publikum die Tore öffnet. Paradoxerweise, oder wahrscheinlich gerade deshalb, wirkt die Dämmerstunde auf Femina animierend. Es schürt nämlich ihre Erwartung und Freude auf die geheimnisvolle Welt der Nachtgeschöpfe, mit denen sie obendrein mehr gemeinsam zu haben scheint, als sie das je in Erwägung gezogen hat. Wie in den Höhlen nimmt sie nach wie vor alles nicht nur mit einem, sondern mit allen Sinnen wahr. Das heißt, sie hört und empfängt alles in Vibrationen und sie versteht nun auch, daß, genau genommen, alle Wahrnehmungen immer nur Vibrationen sind, auf die nicht nur sie, sondern alle Organismen reagieren; und alle, im Laufe fortschreitenden Wachstums, schon allein aus praktischen Gründen, bauen sich ein Wahrnehmungssystem auf, mit speziellen Sinnen, die als hoch effiziente Empfangsstationen dienen. Das ist höchst rationell, erklärt aber auch, warum sie sich abends müde fühlt, denn trotzdem sie dem lärmenden Geschehen des Tages nun weniger Aufmerksamkeit schenkt, als sie das aus der Stille des Berginneren kommend nicht verhindern konnte, alle diese Vibrationen, bewußt oder nicht, sind ja vorhanden und strömen kontinuierlich auf sie ein, so daß ihr Körper irgendwann gar nicht anders kann, als mit Ermüdung darauf zu reagieren. Die Dämmerung ist, so gesehen, eine ‚Verschnaufpause‘ und eine Phase der Umstellung im Verlauf täglicher Zyklen. Nur ist ihre derzeitige Neugierde auf die nächtliche Welt einfach zu groß, um dem Verlangen ihres Körpers nachzugeben. Er muß doch ein wenig länger auf seine Rast warten, als er sich das wünscht.

    Die synchrone Arbeitsweise ihrer Sinne mit ihrem Intellekt wird ihr allerdings auch noch anderwärtig klar gemacht, nämlich durch ein Wort, das Hören und Sehen verbindet: Geräuschkulisse! Es läßt ihre Gedanken nicht mehr los. Wie wißbegierige Kinder begnügen sie sich nicht mit einer Antwort, sondern fragen munter weiter. Besser, sie gibt gleich nach. Hörbares und Kulissen sind in der Bühnenwelt zu Hause. Sie schaffen das Ambiente, die Atmosphäre. Sie sind auch nichts Permanentes, sondern immer austauschbar. Die Bühne der Natur macht genau dasselbe, nur sind es dort Klangbilder. Auch sie schaffen und bestimmen die Atmosphäre, sind nichts Permanentes, sondern austauschbar, aber nun im Sinne eines laufenden Geschehens, nicht als ein Akt der Willkür. Was dabei entsteht, ist immer ungewiß, denn es gibt keinen Künstler, der kontrolliert, oder überhaupt Kontrolle haben könnte. Alles bewegt sich, kontinuierlich und unberechenbar. Es ist ein interaktives Theater, wo nichts Routine ist, weder das Scharren der vielen Füße, oder das Schwingen und Flattern der vielen Flügel, noch das Rascheln und Raunen von Bäumen und Blättern. Auch nicht das Gezirpe, Gesumm, und Gequake der großen wie kleinen Gesellschaften, die sich miteinander unterhalten, egal wie nah, oder fern, sie einander sind. Dazwischen gibt es dann noch die einzelnen Stimmen, oder auch ein Rufen. Manches davon klingt sehnsüchtig, anderes klingt, als wären es Warnsignale. Der Höhepunkt sind natürlich die Sänger. Das gesprochene Wort scheint hier nicht zu existieren. Dafür gibt es die musikalische Sprache, wo jede Information, jedes Gespräch, jede Unterhaltung aus Tönen besteht, deren spezifisches Vibrieren die Stimmung schafft und Gefühle auslöst. Allerdings! Dasselbe gilt für Worte, also auch für die menschliche Sprache. Sie wundert sich, wie Tiere darauf reagieren. Femina selber empfindet manche Sprachen als wohlklingend und andere nicht. Es ist also ein subjektives Empfinden und das wird wohl bei Tieren nicht anders sein. Schade, daß sie deren Art zu kommunizieren nicht versteht. Ob, oder was, die kunstfertigen Sänger einander mitteilen, oder ob sie aus Freude echte Lieder singen, das wird sie wohl nie herausfinden. Sie glaubt allerdings, sie tun beides. Nur für Femina sind es eben Melodien, bezaubernd, erstaunlich, tief berührend, oder einfach etwas, das sie aufhorchen läßt. Aber daß Fragen und Antworten über den Äther fliegen, davon ist Femina überzeugt. Über welche Distanzen, das bleibt ihr natürlich ebenso verborgen. Wie so vieles andere mehr, weiß sie doch nicht einmal, ob, oder was, sonst noch so um sie vorgeht, weil es, zumindest im physiologischen Sinn, für sie nicht wahrnehmbar ist. Eines steht jedoch fest, die Welt präsentiert sich ihr in Klangbildern, harmonisch oder auch nicht, und auch nur gemäß ihrer Wahrnehmungsfähigkeit. Sie hält inne: Schluß mit all den unersättlichen Gedanken! Warum nicht einfach den Abend genießen, das ist doch der springende Punkt.

    Wenn sie schlafen gehen, bringt Rocky die verbleibende Glut ins Höhleninnere, wo sie dann bis zum Morgen weiterglost, bevor er sie neu anschürt. Er, und jetzt auch sie, sorgen immer dafür, daß die Glut nicht ausgeht. Und wenn sie sich schließlich zur Ruhe legt, verfällt sie sogleich in ungestörten Schlaf, aus dem sie mit dem ersten Licht auf ihrer Haut erwacht. Nie erinnert sie sich an Träume, sollte sie überhaupt welche haben. Sie weiß nicht einmal, ob sie wirklich geschlafen hat. Vielleicht ist das Wachsein der Traum und die Zeit des Schlafes eine andere Wirklichkeit, oder wahre Realität, an die sie sich eben nicht erinnern kann. Ohne handfeste Beweise zu haben, vermag sie es nicht zu sagen. Gewiß ist, daß ihr Körper ruht, ja ruhen muß. Er bedarf der Regeneration; er folgt dem natürlichen Zyklus der stofflich greifbaren Materie aus der er gemacht ist. Sie ist schließlich ebenfalls ein Kind der Erde, also Materie, die natürlich auch ihr eigenes Bewußtsein hat. Das ist aber, trotzdem es zu ihr gehört, nicht alles, oder gar ihr Gesamtbewußtsein. Das hat sie als subjektives Erlebnis, und nachweislich, erfahren, indem sie ihren Körper hat schlafen gesehen, während sie durch ihren Wohnraum ging, um einen verlegten Gegenstand hervorzuholen, den sie verlegt hatte und danach an einem geistigen Problem arbeitete, das sie tagsüber ohne Erfolg beschäftigt hatte, aber nach einer Lösung verlangte. Beides konnte sie in diesem bizarren Wachzustand erledigen. Sie wußte, wo der Gegenstand war und durch ihre Arbeitsnotizen blätternd löste sich das Problem weiters nachdenken zu müssen. Sie fand diesen Zustand höchst amüsant, sah sogar ein wenig ihrem Körper beim Atmen zu. Da sie aber nichts weiter mehr zu tun hatte, überließ auch sie sich wieder während, so wie ihr Körper dem tiefen Schlaf. Das Erlebnis war natürlich tiefgründig und von enormer Tragweite. Ihr Geist war nämlich so wach gewesen, wie sie es sonst nur mit ihrem Körper im Wachzustand, kannte. Damit war ihr jedoch klar geworden, daß sie mehr als „nur“ Erdenstoff ist. Im Alltag freilich ist ihr Körper der Boss. Er sorgt für ihr Überleben und mit seiner Hilfe kann sie sich ihrer existentiellen Manifestation, im Sinne bewußten Seins und sinnlicher Wahrnehmung, auch tatsächlich erfreuen. Aber ihre immaterielle, geistige Natur hat eine andere Dimension. Integriert im Körper, und bewußt, wie unbewußt, zusammenarbeitend mit ihm, sie kann sich erst dann so richtig entfalten, wenn die Materie sich erschöpft und Zeit zum Regenerieren nimmt, oder, sie wissentlich freigibt, so daß ihr Geist frei fliegen kann. Ihr feinstoffliches Substrat, also der sogenannte Geist, lebt eben nach anderen Bedingungen und entfaltet sich nur bedingt, wenn die festen Strukturen der Materie ihren Zugriff nicht lockern, oder aufgeben wollen. Dankbar ist sie jedoch beiden, Körper wie Geist, denn beide dienen ihr bestens, was dieses Leben angeht. Ob, oder was ihr Geist tut, oder vorhat, das kann sie derzeit nicht sagen. Sie weiß nur, er ist im Wachsen. Seine Kapazität ist noch lange nicht erschöpft. Er muß allerdings seinen Weg durch unbekanntes Territorium finden.

    Rocky ist immer vor ihr auf. Sie läßt ihn meist gehen bevor sie aufsteht. Doch heute will sie ihn die Leiter runterklettern sehen und er ist bereits gehbereit. Sie springt hoch, hat sogar den Drang ihm zu folgen, ist aber dann doch vernünftig genug, nur seinen Abstieg genau zu beobachten, anstatt kopflos ihrem Drang nachzugeben. Er soll ungehindert seine Arbeit tun und sie will erst mal was essen und erledigen, was nötig ist, bevor sie sich selber ans Klettern macht.

    Sie bereitet immer einiges für die Mahlzeiten am nächsten Tag vor, speziell das Frühstück. Es besteht generell aus allerlei Samen, zermahlen und zerstampft. Mit frischem Kräutertee, den Rocky jeden Morgen auf dem neu geschürten Feuer brüht, können sie beide unabhängig voneinander ihr Frühstück so zu sich nehmen, wie es ihnen paßt, als Brei, oder zur Suppe aufgegossen, mit Beeren, oder Früchten vermischt. Inzwischen kennt sie die Mengen, die genug für sie beide sind. Damit können sie gleich nach dem Aufstehen, schnell und ohne viel Aufwand, was Warmes zu sich nehmen. Ob Brei oder Suppe, beides ist ungemein sättigend und schmackhaft obendrein. Die anderen Mahlzeiten sind leichter, enthalten mehr Kräuter und anderes Grünzeug oder Knollen, die Rocky jeden Tag mitbringt und die dann in ihrem Topf gekocht, geröstet, oder roh, mit oder ohne dem Samengemisch, gegessen werden. Es mangelt also nicht einmal an Vielfalt und weil eigentlich alles umgehend verarbeitet und verzehrt wird, gibt es kaum Mitesser, wie unersättliche Ameisen, oder anderes Getier.

    Femina nimmt ihren Brei und läßt sich draußen vor der Höhle knapp am Felsrand nieder. Sie fühlt sich wesentlich zuversichtlicher, seit sie gesehen hat, wie Rocky den Abstieg macht. Noch herrscht Zwielicht. Feuchte Luft liegt wie ein dünner Schleier auf Ästen und Bäumen, in die sie gradewegs hineinschaut. Winzige Tropfen hängen von den Blättern. Gras und Gestein spiegeln naß.

    ‚Das ist eine glitschige Angelegenheit, wenn ich jetzt aufbreche‘, fährt es ihr durch den Kopf. Sie verschiebt ihren Abstieg auf später, wenn der Morgentau verschwunden ist. Während sie ißt, hört sie auf die morgendlichen Stimmen, die immer mehr und lauter werden. Blasse Schleierfahnen steigen aus der Tiefe hoch. Sie werden dichter und verwandeln sich vor ihren Augen zu Schwaden, bis sie ihr als Nebel den Ausblick nehmen. Die Welt wird plötzlich formlos. Selbst der Boden auf dem sie sitzt, verliert seine Konturen, so daß sie vermeint, sie würde schweben. Bald wird sie nicht mehr wissen, wo sie war. Aber auch das vergeht so schnell, wie es entsteht. Helles Licht breitet sich aus und durch die Blätter fallen schräg und blaß einige Sonnenstrahlen. Sie wärmen die Luft zunehmend auf. Trotzdem wird es ein wenig dauern, bis sie die Nässe aufgesaugt haben. Sie geht daher zurück in die Höhle, um ein paar Hausarbeiten zu erledigen.

    Es ist Mittmorgen als sie mit dem Abstieg beginnt. Sie vermeidet den Blick nach unten und konzentriert sich auf das Notwendige. Hand- und Fußhalterungen zu finden ist tatsächlich kein Problem, außer daß sie Geduld braucht. Rocky hat großartige Arbeit geleistet. Sie kann allerdings nur hoffen, daß sich etwaiges Kleingetier, von ihr gestört, schnellsten davonmacht. Das Tasten fällt ihr jedoch leichter als visuell nach Halt zu suchen, denn das Blattgewirr spielt mit Licht und Schatten tatsächlich trickreiche Spiele. Sie muß schon aufpassen, um sich nicht zu vergreifen. Das ganze macht ihr aber auch Spaß. Erst recht die Vorstellung, daß sie bald wie ein Klettertier die Felswand rauf und runter klettern wird, als sei es das natürlichste auf der Welt. Dann wird sie ihre Aufmerksamkeit auch jenen Dingen widmen können, die sie jetzt leider vernachlässigen muß, nämlich den unsagbar prächtigen und wunderschönen Bündeln und Kaskaden von Blumen und Blüten, die über Felsnasen hängen, aus Spalten und Rillen der sonst glatten Felswand wachsen, oder sich um Lianen schlingen. Manche, exotisch duftend, haben zwischen den holzigen Strängen Fuß gefaßt, mit den eigenen Wurzeln darin verstrickt ganz ohne Erde. Vieles kann sie nur im begrenzten Blickwinkel registrieren und oberflächlich betrachten, oder ihr Geruchsinn verleitet sie zum Innehalten. Obwohl alles ihre Neugierde herausfordert, eilt sie doch weiter. Sie will erstmal nach unten, um dort auf weitere Entdeckungsreise zu gehen.

    Endlich auf festem Grund, findet sie sich umgeben von dicken Baumstämmen. Einige haben eine rauhe Rinde, andere sind aalglatt, als hätten sie ihre grad verloren, ein paar andere sind mit Moos und Flechten bedeckt. Dazwischen sieht sie vereinzelte Farnbäume und Palmen aus dem dichten Untergewächs wachsen. Alles strebt nach oben, manches in Höhen, die sie nicht einmal abschätzen kann. Selbst von ihrer Höhle aus kann sie die Kronen der Baumriesen davor nicht wirklich sehen.

    Sie folgt einem schmalen Pfad durch hüfthohe Farne, der auf eine Lichtung zuführt. Es ist, als ginge sie durch eine grüne Passage, an deren Ende es die Offenbarung gibt. Sie hört auch wieder alle Geräusche, die während ihres Abstiegs geradezu verstummt waren, jetzt aber umso eindringlicher auf sie einströmen. Das stete dumpfe Rollen, das sie im Gedärm des Berges nicht nur gehört, sondern auch gefühlt hatte, ist auch wieder da und weckt jene Erinnerungen in ihr, die sich offenbar tief in ihr Gedächtnis eingegraben haben, entstanden, noch bevor sie in jenen Zustand verfallen war, der nun als leerer Raum in ihrem Gedächtnis existierte. Sie spürt Luft und Erde grad so vibrieren, wie damals. Rocky vermutete natürlich, daß es irgendwo einen Wasserfall gab, aber es wurde nicht weiter darüber gesprochen, denn vermuten kann man alles Mögliche. Freilich, sie haben letzendes Wasser gefunden. Ihr war egal, ob Wasserfall oder nicht. Dass es überhaupt Wasser gab, um sie am Leben zu halten, das war ihr das Wichtigste. Nun ist sie aber doch sehr neugierig, schon allein deshalb, weil es neben diesem Grollen auch noch ein Rauschen gibt, das mit einem heiteren Gegurgel und Geplätscher einhergeht, und Rocky immer wieder angedeutet hat, daß sie sich auf was speziell Schönes freuen könne.

    Sie beschleunigt ihren Schritt, nur um gleich an seine Warnung erinnert zu werden, besser auf den Boden zu achten. Ihr Fuß verfängt sich nämlich und sie landet mit ausgestreckten Armen und Beinen in feuchtem Blattgewirr unter Farnwedeln. Es ist zwar eine weiche Landung, aber sie schnellt gleich wieder hoch, denn Rocky hatte sie ja vor der giftigen Bevölkerung gewarnt, die sich nun wahrscheinlich aus Schreck über die plötzliche Störung, zum Angriff rüstet. Sie kehrt also doch lieber zurück zum bedächtigen Schritt für Schritt und, Augen auf den Boden.

    Es ist ohnehin nur ein kurzer Weg und schon steht sie am Rande der Lichtung. Von der ihr gegenüberliegenden hochragenden Felswand ergießt sich aus mindestens 20m Höhe, über eine uneinsehbare Felslippe, ein spektakulärer Wasserfall. Sein Wasser landet in einem relativ großen, nahezu runden Becken, stirnseitig von einer glatten schwarz glänzenden Felswand eingesäumt, mit einigen wenigen Überhängen, von denen ebenfalls Wasser sprüht. An den anschließenden Seiten liegen und türmen sich unterschiedlich große, dicke und dünne Felsplatten, die in runde Rücken übergehen und wieder abflachen, bis sie an beiden Seiten einer relativ weiten Öffnung enden, aus der das Wasser in mehreren kleinen Kaskaden in ein zweites, tiefer liegendes kleineres Becken fließt, aus dem dann gurgelnd ein kleiner Bach über kieseliges Gestein läuft, der aber rasch zwischen Pflanzen und niedrigem Gebüsch verschwindet, so daß sie seinem weiteren Verlauf nicht folgen kann. Sie kann aber auch sein Geplätscher nicht lange hören. Wohl kommt aus der Tiefe ein dumpfes Grollen. Es legt nahe, daß es noch einen anderen Wasserfall gibt, der im Berginneren Wasser sammelt, und dann mächtig geworden, in die Tiefe donnert, was das dumpfe Grollen und Vibrieren erst wirklich erklären könnte. Aber rundum, wohin sie auch blickt, sieht sie Felswände. Da ist kein Tal, auch keine Schlucht. Sie sind, wie Rocky gesagt hat, in einem Senkloch, zwar größer als man damit gewöhnlicherweise assoziiert, doch von hohen Felswänden umgeben, nahtlos und unbegehbar, wie es einem Senkloch entspricht. Das kann nur durch Wasser entstanden sein und das vor ewig langer Zeit. Sie ist auch sicher, daß dieses Loch samt seiner Lichtung nicht von oben gesehen werden kann, auch nicht, würde man über die Berge fliegen. Es war ursprünglich sicher eine große Höhle gewesen, deren weicheres Gestein vom Wasser so lange ausgenagt worden war, bis schließlich alles einbrach und nur das Felsskelett übrigblieb. Das Geröll wurde dann langsam, aber stetig, klein gerieben und weggespült, ein Prozess ohne Ende, der auch jetzt noch stattfindet, hier, sowie in anderen Bereichen dieser Berge, das nimmt sie jedenfalls an. Der nächste Schritt, nämlich der der Vegetation, begann dann alles Nackte zu bekleiden und alle Leere auszufüllen.

    Femina kann sich nicht sattsehen an der Idylle. Die Lichtung ist groß genug für ein paar Palmen, kleinere Bäume und allerlei Gebüsch. Die Äste sind voller Beeren, Früchte und Blüten, wo große und kleine Schmetterlinge, Bienen und allerlei Insekten reichlich Nahrung finden. Und natürlich sind da auch unzählige Vögel, jeglicher Größe und buntester Art. Auch die essen sich satt, versammeln sich in kleineren Gruppen, rundum und hoch oben in den zahlreichen Baumkronen. Ansässige, so wie Besucher, die vielleicht sogar wie nach einem festen Stundenplan in Scharen kommen, sie sorgen für reichlich Getriebe, weil für alle der Tisch gedeckt ist. Stille gibt es da wahrlich nicht. Es ist eher wie ein Schulhof voller Kinder in der Mittagspause.

    Sie springt über runden Kiesel, und klettert über Steine und Steinrücken hinauf zum ersten Becken, entledigt sich ihrer ohnehin spärlichen Kleidung an einer leicht zugänglichen Stelle, um in die grünen Fluten zu tauchen. Das Wasser ist kalt, aber weich wie Seide. Was für ein Freudentag, was für eine Wonne, was für ein Tag der Erneuerung! Nicht nur ihre Haut jubelt. Sie jubelt, mit jeder Zelle, auf jeder Ebene und in jeder Dimension. Sie erfreut sich auch am Grün des Wassers, dessen Intensität zur Mitte hin wechselt, was nur bedeuten kann, daß es dort am tiefsten ist. Das bestätigt sich auch, als sie darauf zuschwimmt, denn zuerst kann sie den Boden klar ausmachen, doch weiterhin, sich der Mitte nähernd, verschwindet der Grund unter ihr. Sie schwimmt auf den Wasserfall zu, der das ruhige Gewässer in Wellen schlägt, die aber nicht von übermäßiger, oder gefährlicher Stärke sind, so daß man besser Distanz wahrt, oder den Wassereinfall überhaupt vermeidet. Es bestätigt natürlich, daß es nicht dieser Wasserfall sein kann, der den Berg nicht ruhen läßt. Wahrscheinlich befinden sie sich in einem Bereich der Bergkette, das ein wasserreiches Höhlensystem birgt, oder sogar eines ist, und sie stehen zumindest am Rand eines solchen. Möglicherweise gibt es noch andere Senklöcher und ihres ist vielleicht nur eines von vielen, wenn auch ein altes, denn wer weiß, wie lange es gebraucht hat, diese idyllische Welt zu erschaffen. Sicher, Rocky mag mehr wissen, und sie wird ihn natürlich fragen, aber sicher ist auch, daß eine Flucht im Inneren der Berge ihr Ende gefunden hat. Sie sind auf eine Barriere gestoßen, mit deutlicher Warnung, ihren weiteren Weg nicht mehr dort zu suchen. Offensichtlich hat Rocky das längst erkannt. Wie dem auch sei, sie widmet sich jetzt doch lieber dem Vergnügen, sich im Wasser zu aalen und das Paradies zu genießen. Nur Narren würden es nicht tun, verstehen sie doch nichts von Dingen wie Vollkommenheit, Einmaligkeit, oder gar, warum es keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit gibt, sondern alles immer nur Möglichkeiten sind, die jedoch jedem eine Gelegenheit zur Verfügung stellen, die er nutzen kann, oder auch nicht. Sie jedenfalls weiß genau, wie sie ihre nutzen will.

    Sie schwimmt, taucht, schlägt vergnügt Purzelbäume, prustet und sprüht Wasserfontänen. Sie erzeugt mehr Wellen, als der Wasserfall das schafft, so daß die Libellen eiligst hin und her schwirren, um mehr über das neue Spiel herauszufinden. Die Sonne wirft sogar Gold- und Silbermünzen durch das löchrige Dach hoch über ihnen, sparsam zwar, doch sorgt es für ein kurzlebiges Funkeln und der Wasserfall leuchtet auf. Er hat aber sonst keinen Regenbogen.

    Als Finger und Haut schrumpelig werden, verläßt sie das Wasser. Die Luft ist warm und so sind die runden Rücken der Steine. Sie setzt sich neben ihre Sachen und wartet geduldig bis sie abtrocknet, bevor sie sich anzieht. Sie bleibt aber auch dann still vor sich hinlächelnd und geradezu bewegungslos sitzen, um sich weiter aufzuwärmen. Sie tut es den kleinen Echsen gleich, die sich auf dem Gestein rund um sie einfinden. Ein Gefühl der Einheit mit allem durchströmt sie. Sie spürt Leben in allem, selbst im Stein, auf dem sie sitzt. Sie spricht auch mit allem, ohne Worte zu sagen und alles spricht zu ihr. Sie hört Musik, Klänge, die über allen Lauten schweben. Alles verschmilzt zu einem einzigen Gefühl der Liebe, reine Liebe, nichts als Liebe, Liebe, aus der alles entsteht, alles wächst, alles ist. Sie ist die Urkraft, sie ist Genesis, sie selbst ist das Leben, das sich entfalten kann.

    Einer der großen bunten Schmetterlinge flattert auf sie zu und läßt sich auf ihrem Kopf nieder. Sie spürt seine Fühler auf ihrer Stirn und lacht, denn sie versteht, er will sie kennenlernen und wissen, ob sie genießbar ist. Ein großer grüner Papagei setzt sich neben sie, käkelt sie neugierig an während er sie beäugt und dann an ihrem T-Shirt zupft. Er ist offensichtlich erstaunt, welch komische Federn sie hat. Er käkelt noch mehr in Gelächter und schon kommen andere seinesgleichen angeflogen, wahrscheinlich um herauszufinden, was ihn so amüsiert.

    Sie weiß nicht, wie lange sie so dagesessen hat, als sie Rocky von der linken Seite des Wasserfalles, nicht all zu weit von ihr, hervortreten sieht. Gewandt, ja geschmeidig und lautlos wie eine große Katze, bewegt er sich über die Felsrücken auf sie zu, verschwindet kurz, nahe einer Stelle über ihr, in die sie nicht einsehen kann, nur um dann seinen nackten braunen Körper wie einen Pfeil kopfüber ins Wasser tauchen zu sehen. Prustend und sprudelnd, grad so wie sie zuvor, kommt er hoch, und taucht immer wieder unter. Er winkt ihr fröhlich zu. Nach einer Weile schwimmt er ans Ufer und verschwindet hinter den riesigen Steinen. Ihr fällt die Geschichte von Adam und Eva ein. Zu dumm, daß die beiden Wonne erst dann verstehen konnten, nachdem sie aus dem Paradies vertrieben worden sind. Es wäre ihnen viel erspart geblieben. Andererseits, ohne das Gegenteil zu kennen, gibt es das Wertschätzen nicht.

    Rocky läßt sich an ihrer Seite nieder. „Hab ich dir zu viel versprochen?“ fragt er nach einer Weile.

    Sie sieht ihn erstaunt an. „Nein,“ sagt sie dann mit einem breiten Lächeln: „Es ist noch viel schöner, als du es je mit Worten hättest beschreiben können.“

    Er nickt und schweigt wieder.

    „Müssen wir wirklich weg von hier?“ fragt sie schließlich. „Ich will nicht mehr zurück in eine Welt, die mir so fremd geworden ist, wie sich Tag und Nacht fremd sind. „Du hast mir doch schon so vieles beigebracht. Glaubst du nicht, ich könnte auch allein hier überleben, falls du lieber gehen möchtest? Ger und Oliver sind auch noch nicht zurückgekommen. Glaubst du nicht, ich könnte sogar eine große Hilfe sein? Ich bin glücklich hier. Selbst die Möglichkeit eines frühen Todes schreckt mich nicht ab. Die Natur ist um mich, in mir, ich bin eins mit ihr. Das kann ich nur hier finden, nirgendwo sonst. Hier bin ich glücklich. Weder will ich, noch brauch ich mehr. Kein Mensch will mehr als glücklich sein. Es ist doch geradezu unmöglich da draußen in dieser anderen Welt überhaupt zu erkennen, was glücklich sein eigentlich heißt. Hier ist es so leicht zu verstehen, denn man hat das Glück in sich. Hier man muß man dem Glück nicht nachjagen. Hier ist es einfach eine Selbstverständlichkeit.“

    „Ach Femina,“ sagt er, nimmt ihre Hand, tätschelt sie liebevoll. Als sie sich ihm zuwendet, schaut er sie sinnend an und fährt fort: „Du fürchtest den Tod nicht mehr, hast dich doch grad erst aus seiner Umarmung befreit. Doch nun fürchtest du die Welt, mehr als dir gut tut. Nun hast du Angst, dich in ihrem Netz zu verfangen und befürchtest, du könntest dem nicht entrinnen.“ Er läßt sie wieder los, wendet sich schweigend dem Wasser zu. Sie tut desgleichen.

    Eigenartig wie tiefgrün das Wasser plötzlich ist, wie wenig Sonnenlichter durch das Laubdach fallen, wie laut der Wasserfall spricht und wie viele Stimmen zu schweigen beginnen. Das Wort Angst hallt in ihrem Kopf wie ein Echo, das von einer knöchernen Wand zur anderen geschickt wird, aber irritiert die Ruhe sucht. ‚Angst?‘ Da hat er recht. ‚Vorm Leben?‘ Damit allerdings nicht. Obwohl ihre Gedanken sich im Hin und Her nicht wohl fühlen, letzendes versteht sie doch, was er gesagt hat. Auch wenn sie kein Bedürfnis nach der Welt da draußen hat, ein Leben von Angst gesteuert, macht Glück flüchtig und abhängig von Umständen. Was glücklich macht, bestimmen dann Äußerlichkeiten. Selbst das Paradies hier ist dann nicht mehr als ein idyllischer Zufluchtsort, also ein beglückender Umstand, der sich aber, wie alle Umstände, verändert, ja verändern muß. Das ist dann kein glückliches Leben, sondern nur eine Illusion desselben. Sie seufzt.

    Was für ein lächerliches, ja geradezu grausames Spiel die Angst mit ihr spielen möchte! Sie will sie aufhalten, irreführen, will Stillstand statt Aktion. Sie gaukelt ihr tatsächlich vor, nur im Stillstehen ein glückliches Leben haben zu können. Was aber möglich ist, sein kann und sein wird, geschieht so oder so, also mit, oder ohne Angst. Die ist zwar als Instrument wichtig, wenn es nämlich ums unmittelbare Überleben geht, aber als Wahrsager ist sie völlig untauglich.

    Allerdings gibt es sehr wohl einen Grund, wo ihre Angst angebracht ist. Wilson ist eine ernste Gefahr. Auch wenn er vielleicht glaubt, sie seien tot, seine Spitzel sind überall, denn er, als der eigentliche Beherrscher und Machthaber dieser Gegend, kontrolliert alles, Land und Leute. Sie hält inne. Nein, nein, sie will kein neues Gedankenkarussel! Wilson ist eine Gefahr, gar keine Frage, aber das ist kein Grund, sich schon jetzt in Möglichkeiten zu verlieren, die garnicht eintreten müssen. Punkt um und basta!

    Ihre Gedanken lassen sie trotzdem nicht in Ruhe, was nur bedeuten kann, daß noch immer etwas in ihr nach Klarheit sucht. Ist es vielleicht eine Schuldfrage, nämlich, warum sie sich überhaupt in dieser Situation befindet? Nicht doch! Sich vom Leben treiben lassen, keine Wurzeln mehr schlagen, das hat sie gewollt, und daß sie hier gelandet ist, ist doch ein gutes Resultat, nein, mehr als das, denn hier ist sie ja tatsächlich glücklich. Ah, Wurzel schlagen! Ist das der wunde Punkt? Allerdings; das ist schließlich auch ein Stillstehen, nur aus einem anderen Grund wie Angst haben. Warum aber sollte sie zurück in ein Leben wollen, in dem es mehr Häßliches wie Schönes gibt, mehr Zwietracht wie Liebe und wo Dummheit Einsicht ersetzt? Da ist das Angsthaben vor der Welt draußen doch nur logisch, und das Hierbleiben und Wurzel schlagen einfach die beste Lösung. Ach was! Angst haben, Wurzel schlagen, eins ist wie das andere. Vielmehr geht es ums LOSLASSEN KÖNNEN. Das ist der wunde Punkt!

    Eine Welle der Energie steigt plötzlich in ihr hoch. Sie vermag nicht zu sagen, ob es aus dem Boden, dem Stein, auf dem sie sitzt, kommt, oder von ihr selbst; es ist einfach da und drängt mit einer ungemeinen Stärke ihre Wirbelsäule hoch. Sie richtet sich auf, ihr Rücken grade wie eine Kerze. Sie greift nach Rocky’s Hand und drückt sie. Beide lachen schallend auf. „Komm,“ sagt er, „sammeln wir noch ein, was wir brauchen, bevor wir es uns daheim gemütlich machen.“ Sie hat keine Fragen mehr. Mit jedem Atemzug, in jedem Augenblick lebt sie, ohne einem Zuvor, oder einem Danach. Es ist! Und das ist mehr als genug.

    Er zeigt ihr, wie man aus Farnen und Palmenfonds eine Tragtasche macht. Die relativ weichen, aber starken Stängel werden zu einem langen Henkelband verflochten, das man sich über die Stirn stülpt und das dann über den Hinterkopf nach unten verläuft, wo der Bauch der Tasche auf dem Rücken frei beweglich hängen kann. Damit hat man seine Hände immer zur Verfügung, für was auch immer man sie braucht; wie in ihrem Falle nicht nur zum Sammeln von Früchten, sondern auch mit voller Tasche rauf zur Höhle klettern zu können. Sie ist natürlich weniger geschickt als er, so daß er ihr den Rest der Arbeit abnimmt, als er mit der seinen fertig ist. Das Ganze ist einfach und praktisch, denn trotzdem die Größe der Taschen bescheidenen erscheint, ihre Bäuche dehnen sich, so daß man viel mehr damit transportieren kann, als man glaubt.

    Femina sammelt Früchte, Beeren und Samenkerne, natürlich unter Rocky’s Anweisung, wie es sich eben für einen Lehrling gehört. Manches ist so unscheinbar, daß sie nie auf den Gedanken kommen würde, es könnte auch für sie wertvolle Nahrung sein, nicht nur für Vögel, oder anderes Getier. Manche der schrumpeligen Körner sind nußartige Leckerbissen. Das gleiche gilt auch für die Früchte. Einige sehen verlockend aus, andere riechen einladend, aber nicht alle halten, was sie versprechen. Die Unscheinbaren schmecken hingegen oft sensationell. Aber würde sie sie ohne Kenntnis zu essen wagen? „Was der Bauer nicht kennt, ißt er nicht,“ hat ihre Großmutter immer gesagt und weigerte sich des öfteren, zu essen, was man ihr aus der Stadt mitbrachte. Freilich ändert sich das schnell, sollte man am Verdursten und Verhungern sein. Wenn das Ultimatum Tod oder Leben heißt, setzt der Verstand aus. Da fragt man nicht mehr, sondern verschlingt, ansehnlich oder nicht. Sie kann sich lebhaft an eine Situation erinnern, wo sie vor Durst alles getrunken hätte. Dabei war sie noch nicht einmal am Verdursten gewesen! Ein Strauß Lychees hat sie damals vor einem fatalen Fehler bewahrt. Ihre Flucht durch den Berg war diesbezüglich viel dramatischer gewesen, doch ihr Gedächtnis ist gnädig; es fehlt ihr diesbezüglich jede Erinnerung.

    Während Rocky auf Brennstoffsuche geht, beginnt sie nach eßbaren Knollen zu graben. Das scheint auch Gedanken freizusetzen. Sie fragt sich, ob, oder welches Kraut ihre Genesung so schnell ermöglicht hat, kommt aber zum Schluß, daß es wahrscheinlich insgesamt der unverdorbenen Nahrung zu verdanken ist, die sie hier zu sich nehmen kann. Sie ist das sprichwörtliche Elixier, das sie stärkt, nicht nur körperlich, sondern auch geistig und seelisch. Eigentlich trägt alles dazu bei, das neue Wissen, mit dem sie gefüttert wird, Pflanzen, die sie mit gesunden Nährstoffen versorgen, und auch die Abgeschiedenheit von der großen weiten Welt. Sogar die Stille, ja die völlige Auflösung der gewohnten Realitäten im Berginneren ist daran beteiligt, als Voraussetzung für ihre wundersame Auferstehung. Tatsächlich war und ist alles Erlebte eine Bereicherung, aber erst ist in diesem Senkloch, unberührt, sich selbst überlassen, spürt sie die machtvollen Kräfte der Erde durch ihren Körper laufen, wie sie das noch nie zuvor erlebt hat. Sie ermöglichen ihr Grenzen zu überschreiten, die sie bisher als existentielle Barrieren fraglos hingenommen und für unüberschreitbar gehalten hat, die aber nun flexibel und passierbar geworden sind. Sie geht über Schwellen, die als Tabu dienten, selbsterrichtet, aber auch indoktriniert und die damit das erdgebundene Leben an seine Realität ketteten und dessen Dominanz als naturbedingt erscheinen ließen, so daß es sie abhielt, durch das stets offene Tor in den Raum der ‚Immateriellen Existenz‘ zu treten, ohne Zweifel, oder Angst zu haben, dabei etwas zu verlieren, Schaden zu erleiden oder gar, das Falsche zu tun. Es ist ein Schritt in jene Freiheit, die durch Ignoranz verborgen bleibt, weil diese vorgaukelt, ihr geistiges Wesen würde ohne Verbindung parallel zur festen Materie verlaufen, obwohl sie Hand in Hand miteinander gehen. Für den Verstand ist es paradox, denn er sieht den Schritt zur Seite machen als sinnlos an. Er sieht ‚Ausweiten‘ nicht als FORT-schritt, er denkt linear; er schreitet FOR-wärts. Laterales Denken ist für ihn schlichtweg eine Aberration, die ihn von seinem Weg abbringt. Der Verstand wehrt sich daher. Es fällt ihm obendrein schwer, zu akzeptieren, daß er nur für einen Teil ihres Wesens zuständig ist, nämlich für das Materielle, also was greifbar und damit „wirklich“ ist. Aber, was er als Realität empfindet ist beschränkt, und streng genommen, eine Illusion, die er selber mitaufgebaut hat und nach der er sich nun richtet. Der Verstand muß und wird immer ablehnen, was er, im wahrsten Sinne des Wortes, nicht ‚begreifen‘ kann. Ihr armer Verstand hat also ein Dilemma: Er versteht sich als Herrscher, ist es aber nicht. Dazu kommt, daß neben ihm der Wille wandert, der Gefährte aus der ‚freien Welt‘. Sie sind nicht dasselbe, noch haben sie dieselben Aufgaben, oder Ziele. Der Verstand sieht Willen als Störenfried, der sich nicht an jene Regeln hält, die er ihm vorschreibt. Sie gehen daher nicht immer Hand in Hand, sondern gehen nebeneinander und liegen sich dabei in den Haaren. Es geht aber um Co-Existenz. Sie müssen nämlich miteinander leben.

    Femina inspiziert die Knolle, die sie grad ausgegraben hat. Sie ist groß, prall und fühlt sich gesund an. Lächelnd legt sie sie zur Seite und beginnt nach der nächsten zu graben.

    ‚Die größte Produktivität kommt also durch Zusammenarbeit,‘ überlegt sie weiter. Das bestätigt sich schon in ihrer Grabarbeit, denn würden Arme und Hände, Verstand und Wille, ja der ganze Körper nicht zusammenarbeiten, gäbe es für ihr heutiges Abendessen nur wenig zu essen, wenn überhaupt eine Mahlzeit. Das kann man natürlich physiologische Bedingung nennen, doch psychologisch gesehen ist es eine friedliche Co-operation. Folglich läßt sich sagen, nur der Friede ermöglicht progredientes Leben, da es sich produktiv entfalten kann. Sie lächelt in sich hinein. Ihre Gedanken amüsieren sie. Mal sehen, was sie noch so auf Lager haben. Ah, Arbeitsteilung! Sie funktioniert natürlich auch am besten, wenn sie im friedlichen Sinne erfolgt. Das sieht man im Rahmen jeder Beziehung, auch beim Verstand und Willen. Tatsache ist, daß der Verstand sich der Wirklichkeit annehmen muß, während der Wille die Aufgabe hat, auf Suche zu gehen. Das heißt, der eine bestellt die Felder, während der andere neue sucht, zum selben Zweck, oder für was Innovatives. Streit behindert sie in ihrer Arbeit, macht sie nicht nur unproduktiv, sondern auch noch verärgert. Es wäre also effektiver, wenn sie Vernunft walten ließen. Freilich! Das erfordert Selbstdisziplin, oder besser noch, und bevorzugterweise, Eigenkontrolle. Nur sind die kein Geburtstagsgeschenk, sie erfordern erst recht Arbeit. Zugegeben, Disziplin, Einsicht und sich selbst gegenüber ehrlich sein, ist extrem harte Arbeit, lohnt sich aber immer. Und wenn es um Arbeitsteilung und um Kompromisse schließen geht, das Zurück zum Verhandlungstisch ist besser, als in den Krieg zu ziehen! Dort verliert man nämlich oft mehr als nur Arm und Bein.

    Aber was hat es mit der Kontrolle auf sich? Immer und überall kommt sie ins Spiel. Man diskutiert sie, man fordert sie, man strebt nach ihr, man bewertet sie, entweder als etwas Gutes oder Schlechtes. Einig ist man sich jedoch nur darüber: Ohne Kontrolle geht garnichts.

    Sie hört Rocky rufen. Er meint, sie sollten sich langsam auf den Weg machen. Sie ruft zurück, daß sie nur noch diese Knolle fertig ausgraben wolle, um dann am Bach alles sauber zu waschen. „Okay,“ kommt es zurück. „Kein Problem! Will nur sagen, wir haben sicher mehr als genug eingesammelt.“

    Femina überlegt kurz, ob es sich lohnt, auch diese letzte Knolle noch auszugraben. Sie hat tatsächlich genug und die ist obendrein noch eine recht große. Da sie aber bereits halb freiliegt, entschließt sie sich doch für‘s Ausgraben. Sie versucht auch, ihren Gedankenstrom wieder aufzunehmen, aber das gelingt ihr nicht mehr so recht. Der Strom ist nun eher ein unruhiger Bach. Wo war sie stehen geblieben? Ach ja, Kontrolle! Oder Wille? Wie auch immer! Vielleicht ging alles nur um Zwiespalt und ums Recht haben, weil sich der Verstand einbildet, ihm gehöre die Kontrolle, während der Wille sich einbildet, er brauche keine. Dabei hat keiner unbedingt recht, noch liegen beide unbedingt falsch; der Verstand soll ja Grenzen setzen und der Wille Grenzen in Frage stellen. Aber genau darin liegt des Pudels Kern, keiner soll sich über den anderen, oder alles und jedem hinwegsetzen. Vor allem läßt sich der Wille gern zum Glauben verleiten, er sei (all)mächtig. Er ist nämlich prinzipiell ein fordernder Geselle. Der Verstand hat daher durchaus recht, ihm Schranken zu setzen, was diesen wiederum dazu verleitet, sich als den (all)mächtigen Richter zu sehen.

    Femina schüttelt die Erde von der ausgegrabenen Erdfrucht. PH! Sie schüttelt anscheinend auch einige Illusionen aus ihren Gedanken. Die schmiegen sich nämlich gern an und fließen dann unbemerkt mit im Strom. Illusionen! Es ist wirklich leicht auf sie reinzufallen, weil sie solch unauffällige Reisebegleiter sind.

    Sie inspiziert die Knolle. Die ist was Spezielles. Sie ist nahezu perfekt gerundet mit einer feinen glatten Schale. Da ist kein Wurm drin. Illusionen sind auch glatt und glänzen schön, aber die Haut ist porös und der Wurm ist immer drin. Es ist einfach notwendig, sich dieser gedanklichen Parasiten zu entledigen. Sie gaukeln Klarheit vor, schaffen aber nur Chaos, und das nicht nur für den Einzeln, sondern, so paradox es auch scheint, für ganze Gesellschaften. Verstand und Willen sind wie zwei Hunde an einer Leine, die den Besitzer spazieren führen, und einmal dahin, dann wieder dorthin ziehen. Der Leinenführer glaubt nur, die Kontrolle zu haben, weil er die Illusion als Tatsache verkennt. Illusionen verzerren also die Wirklichkeit. Damit läßt sich die Wahrheit verleugnen; und damit geben sie dem Zwiespalt freien Lauf. Das ist fatal, denn es macht den Frieden zur Fata Morgana.

    Sie wischt das Prunkstück von Knolle sauber, soweit sie das mit ihren erdigen Händen überhaupt kann, wischt sogar wesentlich länger, als es wirklich nützlich ist. Sie scheint mit ihren Gedanken an einem Punkt hängen geblieben zu sein, der sie festhält und ihr wichtig ist: Frieden! Obwohl der für jeden und alles wichtig ist, scheint es damit nie zu klappen. Irgendwo auf der Welt gibt es immer Krieg. Die Ursache dafür liegt natürlich auf der Hand, sichtbar für alle, will man nur wirklich hinschauen. Es ist der Zwiespalt, der den Boden verseucht, auf dem der Krieg zu Hause ist und wachsen kann. Es beginnt aber bereits bei sich selber. Wer kennt das nicht, mit sich selber im Streit zu liegen? Und weil Jede Gesellschaft aus einzelnen Menschen besteht, kann keine Gesellschaft friedlich sein, wenn schon der Einzelne unfähig ist, mit sich selber Frieden zu schließen! Dazu kommt noch: In Frieden leben heißt nicht, unter, sondern in Kontrolle sein. Es heißt Eigenverantwortung und Selbstkontrolle haben, nur dann kann man in Frieden leben, mit sich und als Gesellschaft. Grundsätzlich ist in Frieden leben wollen eine ganz natürliche Angelegenheit, da alles und jedes, sowohl im Kosmos, wie in der Zelle, nach Ausgleich und Gleichgewicht strebt, also den Zustand der Ruhe sucht, in dem der Energieverbrauch am geringsten ist. Das Wort Friede ist das geistige Synonym für Gleichgewicht, vom Menschen sprachlich definiert, differenziert, aber inhaltlich nicht verstanden. Nun! Das Streben nach Frieden, sprich Gleichgewicht, ist auch für das organisches Leben unumgänglich. Organisches Leben ist schließlich kein Fertigprodukt, sondern eine Entwicklungsreise. Das Fundament dafür ist die Homöostase, die, im erweiterten Sinn, der physiologische Ausdruck desselben kosmischen Prinzips des Gleichgewichts ist. Jeder Physiker wird bestätigen, daß der Kosmos immer den Zustand des geringsten Energieverbrauchs sucht, und jeder Mediziner weiß, daß seine Patienten nur überleben können, wenn das dynamische Gleichgewicht, (Homöostase) sichergestellt ist.

    Sie hört auf, die Knolle zu reinigen und lacht. Reiner wird die Knolle nicht werden, egal wie lange sie weiterreibt. Aber auch ihre Gedanken sind dabei blitzblank geworden. Dankbarkeit durchflutet sie. Die Dominanz bindender Strukturen ist zu Ende. Ihr Körper ist nicht mehr Herr, sondern Gefährte. Sie fühlt sich frei, wie nie zuvor. Sie hat keine Wünsche, kann ihre Seele baumeln lassen, und dem Körper die Euphorie seiner Existenz gönnen, alles im Bewußtsein, daß es sich immer nur um Zustände und Umstände handelt, wie das existentiell eben zwangsläufig ist. Sie hat ihren Frieden gefunden. Vielleicht nicht für immer, doch derzeit voll und ganz.

    Sie sammelt die Knollen auf und eilt zum Bach, wo sie alles säuberlich wäscht. Jetzt erst glänzt die große Knolle richtig schön in ihrer tief weinroten glatten Schale. Rocky bestätigt, daß es eine besondere Erdfrucht ist, keine gewöhnliche Knolle und nicht leicht zu finden. Unter seinen Leuten ist sie hochgeschätzt. Sie wird nicht nur frisch gegessen, sondern auch konserviert, für besondere Anlässe bereit gehalten. Er lacht und freut sich jetzt schon auf das Essen.

    Sie klettern hoch. Halben Weges hält er inne und lauscht. Er signalisiert ihr, dasselbe zu tun, denn etwas sei anders. Er ist nicht sicher, ob es von ihrer Höhle kommt oder von etwas in deren Nähe. Sie soll jedenfalls auf der nächsten Felslippe halt machen und auf sein Zeichen warten, bevor sie weiter klettere. Er will erst herausfinden, was vor sich geht. Sie klettern nun mit besonderer Sorgfalt weiter. Das gilt mehr für sie als Rocky, denn er bewegt sich ohnehin wie eine Katze.

    Während sie sich auf dem schmalen Grasstreifen niederläßt und wartet, klettert er weiter. Angespannt horcht sie auf etwaige fremde Geräusche, vernimmt aber nicht mehr, als die üblichen Laute und jene kaum hörbaren, die Rocky verursacht. Bald hört sie auch die nicht mehr. Kurz darauf ruft er sie auch schon, doch mit einem Ton in der Stimme, der sie höchst neugierig macht. So schnell sie kann folgt sie ihm nach. Noch halben Weges, hört sie eine andere Stimme, schwach, aber eindeutig: GER! Ger ist zurück! Eine Flut gemischter Gefühle bemächtigt sich ihrer. GER IST ZURÜCK! Mit Oliver? Was ist mit Oliver?

    Mit allen ihr zur Verfügung stehenden Kräften eilt sie weiter. Was auch immer sie oben erwartet, das wird sich gleich zeigen. Nur eines steht fest: Alles hat sich schlagartig verändert. Erhofft und erwünscht, doch auch verbunden mit Wehmut. Ihr Leben hier kann nicht mehr dasselbe sein. Es ist zu Ende. Es war einmal……….

  • DNS II, Kapitel 7, Teil 1

    Hoehlenforscher kennen den Effekt absoluter Finsternis und Stille und wie sich das auf Geist und Gemuet auswirkt. Gaebe es die Sinne nicht, man koennte grad so gut suspendiert in einem Vakuum leben, in dem Zeit und Raum keine Bedeutung haben und das Leben selber eine andere Gestalt annimmt. Es ist den Sinnen zu verdanken, dass der Verstand den Faden zur Realitaet nicht verliert, denn die Grenzen zwischen dem, was ist und was nicht, sind unstet und ungenau. Wirklichkeit und Traum, an sich separate Zustaende, verschmelzen und vermischen sich, grad so wie die Farben eines Aquarells, oder die Toene einer Windorgel. Der Verstand ist allerdigs immer auf die Sinne angewiesen. Nur so kann er mit der Realitaet umgehen, in deren Rahmen er lebt, an die er sich anpassen muss und schliesslich gewoehnt, so dass das Alltaegliche zur Routine wird und in Effekt seine Arbeitsleistung steigert und seine Pflichten erleichtert. Das Sensorium ist unbestritten fuer a l l e Lebewesen das wichtigste Instrument, um den Anforderungen der Umwelt nachkommen zu koennen, nicht nur koerperlich, sondern eben auch geistig und natuerlich erst recht, emotionell. Ohne Gefuehle geht naemlich garnichts! Nur so kann der Verstand sein Equilibrium bewahren; andernfalls wuerde er die ploetzlichen und voellig unvorhersehbaren Situationen des Lebens, wie auch das Schwinden seines Wirklichkeitsinns in einer ihm ungewohnten und fremdartigen Hoehlenwelt, nicht verkraften. Er wuerde in der Tat verloren gehen, oder sich, gelinde gesagt, „verrueckt“ machen.

    Das Aufloesen, oder Verschmelzen der Grenzen, ist nicht unbedingt unangenehm, nur ist es wechselhaft und unbestaendig in Charakter, was natuerlich verwirrend ist und erst recht zur geistigen Verunsicherung beitraegt. Den Prozess der Anpassung, wie hier, vom Leben ueber, zum Leben unter der Erde, koennte man als das Zusammenlaufen zweier Fluesse sehen, wo beide mit ihren eigenen Farben und Qualitaeten nebeneinander einherlaufen, bis sie sich schliesslich integrieren und zu einem neuen Fluss werden, mit voellig neuem Charakter, aber ohne offensichtlichen Hinweis darauf, dass seine Elemente aus zwei verschiedenen Quellen stammen. Nur wenn sich der Verstand dazwischen draengen kann und die Grenzen demarkiert, ist es moeglich, den Zustand des Wachtraeumens, oder den Prozess der Assimilation durchzustehen, ohne dabei seine Identitaet, und somit den Bezug zu seiner urspruenglichen Existenz, einzubuessen. Das allerdings ist nicht unbedingt, und schon gar nicht immer, wie man glauben moechte, willkommen. Es ist jedoch unbedingt notwendig, sonst wuerde naemlich das Anpassen nicht erfolgreich sein und kein Hoehlenforscher wuerde jemals heil aus den Tiefen auftauchen koennen, ja vielleicht nicht einmal wollen. Abgesehen davon, Hoehlenforscher gehen nie ohne entsprechende Vorbereitungen und Absicherung in ein Hoehlenterrain, bekannt oder auch nicht. Zu evident sind diese (und natuerlich andere) Gefahren.

    Wie lange sich Femina und Genossen, Fluechtende wohlgemerkt, nicht Hoehlenforscher, in dieser unterirdischen, licht- und lautlosen Welt verborgen gehalten haben und darin herumgeirrt sind, ist Femina laengst nicht mehr bewusst. Sie hat auch aufgegeben, sich etwas zu wuenschen, oder zuviele Gedanken zu machen, da diese nur im Irrgarten ihrer Gefuehle landen und Unruhe stiften. Sie begnuegt sich damit, einen Schritt vor den anderen zu setzen, automatisch, rythmisch, alles, wie auch immer beschaffen, in kleinste Abschnitte zerlegend. Oft genug glaubt sie sich allein auf einem langen, einsamen Weg, dessen Ende nicht abzusehen ist und der obendrein bloss ein imaginaeres Ziel hat. Es geht dabei immer nur voran, immer nur in eine Richtung, aber wohin es geht ist ungewiss, – sie koennte grad so gut, ohne sich dessen bewusst zu sein, im Kreis laufen. Und immer ist es Nacht, eine nicht endenwollende, pechschwarze Nacht, schwaerzer noch wie jene ohne Mond und Sterne; und es ist so still, dass sie selbst das Knistern und Rieseln von Staub und Erde hoert, zwischen Stein und Felsenspalten. Sie sind Eindringlinge, ein fremdartiger Organismus in dieser stillen, schwarzen und einsamen Welt. Sie sind Kreaturen aus einer anderen Existenz, die den Hoehlenbewohnern, falls es hier ueberhaupt welche gibt, wie bizarre Unwesen erscheinen muessen, die mehr Angst hervorrufen, wie neugierig machen, so dass sie sich lieber verborgen halten, bis sich diese ‚Ungeheuer‘, hoffentlich ohne Schaden anzurichten, wieder entfernen. Allerdings mag es hier wirklich keine Lebewesen geben, und wenn schon, dann sind diese ganz sicher grad so fremdartig fuer sie, wie sie den anderen erscheinen. Eingehuellt in Licht, durch ein Seil miteinander verbunden, sehen sie wie eine in die Laenge gezogene Lichtblase aus, aehnlich einem dickem, gruen leuchtenden Wurm oder Katerpillar, der sich dem Gelaende anpassend, dahin raupt und sich mit Fuehlern aus Licht, seine Wege sucht. Freilich, eine hoechst ungewoehnliche Raupe, die nur solange leuchtet, wie sie Licht von den Phosphorstaeben erhaelt. Wenn sich dieses abzuschwaechen beginnt, ist es an der Zeit, dass sie sich fuer ihre lange Rast niederlassen, mit ein paar Happen zum Essen und ein paar Schlucken von Wasser, um dann, wenn das Licht endgueltig verlischt, in Schlafsaecken verkrochen, oder unter den Notdecken zusammenkauernd, in Schlaf zu verfallen, oder auch nur in Traeume, aus denen sie erst wieder erwachen, wenn Rocky’s Armbanduhr Alarm schlaegt und er sie mit neuem Licht versorgt und zum Weitergehen abkommandiert.

    Rocky ist der Kopf und das Herz des Katerpillars. Ohne ihn waeren sie bereits tot. Oft genug laesst er sie rasten und schlafen, waehrend er selber auskundschaften geht. Er ist der beste Fuehrer, den sie sich wuenschen konnten, was natuerlich auch dem Umstand zu verdanken ist, dass er als Ureinwohner das Land kennt und Erfahrungen mit Hoehlen hat, die keiner von ihnen besitzt. Zudem hatten sie Glueck, so erklaerte er es ihnen, denn sie waren in einer besonderen Art von Hoehlensystem, mit Gaengen, die, wie die Legende es hatte, durch eine maechtige Schlange mit Feueratem entstanden waren, was in Femina sofort die Assoziation mit Lavastroemen hervorrief. Demnach war dieses unterirdische Labyrinth vor Millionen von Jahren entstanden, jenen Zeiten also, wo die Erde jung war und Vulkane aus ihrem Boden wuchsen, wie Pflanzen aus dem Gartenbeet. Heute sind nur mehr die Hoehlen, Roehren und allerlei Schaechte als Zeugen uebrig. Die meisten, denen sie folgen, sind relativ geroellfrei und aus verschiedenartigem Gestein, poroes, hart, sowie unterschiedlich glatt oder rauh. In einigen Abschnitten mussten sie allerdings ueber scharfe Spitzen und extrem bruechigen Boden steigen, die unter ihren Schritten zersplitterten und fuer ein gefaehrliches Abbrechen und Einbrechen des Bodens sorgten, was ihren Weg zur Qual machte und das Fortschreiten so muehsam, dass sie der Verzweifling naeher waren, als der Hoffnung, diese Huerden je ueberwinden zu koennen. Und trotzdem gelang es ihnen, sogar ohne grosse Verletzungen, weil diese Bedingungen, dem Himmel sei Dank, nicht all zu oft vorkamen und auch nicht ueber allzu lange Strecken und nur selten in einigen Hoehlen. Freilich, ohne Kalamitaeten, wie Abschuerfungen und Schnittwunden ging es nicht, vorallem nicht fuer Oliver. Femina’s „Reiseapotheke“ leerte sich schneller, als es wuenschenswert war. Wer sagt, dass Materie kein Gedaechtnis hat und Alter nicht daran nagt? Das war fuer sie jedenfalls von praktischer Bedeutung, denn dieses wirklich grausam gefaehrliche Terrain musste, so nimmt Femina an, juengeren Ursprunges sein, juenger jedenfalls, wie der Rest, sozusagen „Nachzuegler“ der hochaktiven Vulkantaetigkeit, waren sie doch ein Zeichen dafuer, dass die Lavastroeme weniger fulminant und unter anderen Bedingungen flossen, und eher lokale Ausbrueche darstellten, die rasch abkuehlten und noch wenig Zeit hatten, ihre Rohheit zu verlieren. Die aelteren und alten Passagen haben daher den Vorteil besserer Wegbeschaffenheit, nur ohne Tuecken sind sie nicht. Es gibt naemlich offene Spalten und Schaechte, in Boden und Decke, die ihre volle Aufmerksam verlangen und sogar ein Risiko fuer Steinschlag sind. Ihr Leben ist deshalb immer in Gefahr. Zudem kann man sich in ihnen leicht verirren, weil sie alles ziemlich gleich aussieht und es keine Orientierungshilfen gibt, wie markante Hoehlen-, oder Steinformationen. Aber schlimmer noch, es gibt kein Wasser, im Gegensatz zu jenen Systemen, die von Wasser geschaffen worden sind. Nur! Wie Rocky schon einmal bemerkt hat, alle Hoehlen, egal welchen Ursprunges, sind potentielle Todesfallen, weil sie sich in einer Klimazone extremer Wetterbedingungen befinden. In der Ueberlieferung seines Stammes gibt es Geschichten von kataklysmischen sintflutartigen Katastrophen, die dem Unwissenden geradezu wie ‚ueberirdische Fuegungen‘ erscheinen moegen, weil sie sich derart selten ereignen, mit Jahrzehnten, oder eher Jahrhunderten dazwischen und ohne dauerhaften Hinweisen, dass solche Ereignisse je stattgefunden haben, trotz ihrer verheerenden Kraft und deren Konsequenzen. Aber man weiss, dass jedes Netzwerk von Hoehlen, ganz allgemein, als Wasserkanalsystem dient, fuer alles saisonbedingte Wasser, vor allem, wenn es zuviele Regenstuerme gibt. Nur, hier fliesst das Wasser wirklich ab, so schnell, wie es kommt und der Rest versickert durch loechriges und poroeses Gestein, so dass kein Tropfen zurueckbleibt und auch kein Zeichen dafuer, dass es sich wahrscheinlich doch in tiefen Spalten und hohlem Terrain ansammeln kann. Freilich, waehrend der Trockensaison mag auch das immer weniger werden oder gar verschwinden, und was zurueckbleibt koennte durchaus ungeniessbar sein. Das wuerde Femina allerdings nicht abhalten davon zu trinken. Selbst faules Wasser wuerde ihnen allen wie ein Geschenk des Himmels vorkommen. Wassermangel ist naemlich ihr groesstes und das schlimmste Problem. Es ist fraglos eine brutale und qualvolle Erfahrung und sie wissen, dass es ein bitteres Ende geben wird, sollte sich das Terrain nicht aendern. Zwar hatte Rocky in weiser Vorsicht darauf bestanden, soviel an Wasservorrat mitzunehmen, wie nur moeglich, und auch auf sofortiges Rationieren, sobald sie sich abgeseilt hatten; er hatte sie auch sogleich wissen lassen, dass er, langfristig, nicht in Wilson, sondern im Wassermangel, die groesste Gefahr fuer sie sah, und hat sie sogar entsprechend vorbereitet; – nur, – sie waren damals voellig naiv, ja ahnungslos gewesen, wie sich das praktisch auswirken wuerde. Keiner von ihnen hatte jemals an Durst gelitten, zumindest an keinem, dem nicht abzuhelfen war. Jetzt wissen sie es und was es heisst, dem Verdursten nahe zu sein. Sie finden es schlimmer, wie jede andere Art koerperlichen Schmerzes, so glauben sie jetzt wenigstens. Zudem wissen sie, dass der Wahnsinn auf sie wartet; es ist nur eine Frage der Zeit. Dass Rocky das Risiko schon damals richtig einschaetzen konnte, spricht natuerlich fuer ihn, sowie fuer seine unbestrittenen Kenntnisse von der Natur seines Landes und dessen sorgsam gehueteten Geheimnissen. Ob er sie jedoch richtig beraten hat, ist eine andere Sache, denn, welche Tortur ist schlimmer zu ertragen: Wilson’s Rache, oder jene des Verdurstens? Vielleicht hat Dan doch recht gehabt!

    Die Furcht, dass Wilson sie verfolgen koennte, verlor sich natuerlich, je weiter sie in den Berg vordrangen. Bald war er nur mehr eine ferne Erinnerung. Aber so ging es mit allem, man koennte sagen, gluecklicherweise. Weder Angst noch Zweifel, Schmerzen oder Hunger, ja sogar Durst, nichts behielt den Charakter einer wirklich unmissverstaendlichen Realitaet. Selbst das biologische Uhrwerk, das die Funktionen ihrer Koerper regulierte, musste einfach, nach anfaenglicher Panik, kapitulieren. Trotzdem! Es bemueht sich noch immer, so gut es eben geht, den Herausforderungen nachzukommen. Woher es seine Kraft nimmt, laesst sich nicht sagen, denn obwohl sie genug Nahrungsmittel mit sich schleppen, auf Grund strikter Wasserrationierung waren auch diese nur beschraenkt verwendbar. Dementsprechend muessen sie ohne ausreichende Energiezufuhr auskommen. Der knurrende Hund in ihren Maegen und Gedaermen musste also bald einsehen, dass ihm sein Knurren nichts nutzte. Er liegt nun ergeben, ohne weiter zu jammern, auf jene Happen wartend, die ihm hin und wieder vorgeworfen werden, waehrend er sonst an seinen Pfoten kaut und dankbar fuer das bisschen Wasser ist, das ihn zumindest am Leben erhaelt. Dann gibt es auch noch andere Gefahren, von denen sie nie was gehoert haben, und die heimlich, still und leise, also wenig spektakulaer, den Tod bringen konnten. Manchmal schienen sie naemlich an Atemnot zu leiden und Femina glaubte einmal sogar, ersticken zu muessen. Rocky wusste darum und er vermied immer, sofern es eine Alternative gab, in tiefer gelegenes Terrain zu gehen, oder darin zu verweilen. Er fuerchtet, dass es dort giftige Luft geben koennte; vom Atem der Schlange, wie er es nennt, der sich in den Tiefen des Labyrinths angesammelt hat.

    Femina bekuemmerte in zunehmenden Masse weder das eine noch das andere. Schon seit einiger Zeit empfindet sie eigentlich nichts wie Gleichgueltigkeit. Nicht einmal Oliver macht ihr Sorgen. Er haelt sich ohnehin viel besser, als sie je erwartet haette. Aber auch das war Rocky zu verdanken, denn was sie nicht in ihrer Reiseapotheke hatte, besass er, naemlich ein Saeckchen getrockneter Samen, die wie schwarze Linsen aussehen; eine Buschmedizin, die den Eingeborenen nuetzlich und heilig ist, da sie Leistungsfaehigkeit und Ausdauer steigert und daher fuer das Ueberleben im Busch eine wichtige Rolle spielt. Er kennt ihren Namen nur in seiner Sprache, aber er sammelt Vorrat ein, so oft er Gelegenheit hat, auch wenn er selber nicht mehr im Busch lebt. Sie hatte ihn sofort darauf hingewiesen, dass er besser vorsichtig sein sollte, was Oliver betraf und erklaerte ihm auch das warum und wieso. Er aber hatte nur gutmuetig gelaechelt und gemeint, sie brauche sich keine Sorgen zu machen. Er kenne seinen Freund und wuesste, wie er seine Medizin einzusetzen habe. Sie sagte dazu nichts mehr. Wie auch! Sie hatte von der lokalen Buschmedizin schliesslich keine Ahnung. Obwohl interessiert, wenngleich frustriert, sie behielt ihre kritischen Gedanken fuer sich und verschob es auf spaeter, ihn weiter zu befragen. Natuerlich war sie um Oliver besorgt und logischerweise ist sie vorsichtig, was „Buschmedizin“ angeht, denn jede Substanz, egal, ob natuerlich gewachsen oder im Labor hergestellt, wenn sie wirksam ist, hat sie auch Nebenwirkungen und mag unter Umstaenden toedlich sein. Sie musste jedoch akzeptieren, dass keiner der Maenner ihre gut begruendete Vorsicht in dem Masse schaetzte, wie sie es eigentlich verdiente. Sie war ja nur eine Fremde, ohne Kredentien, von der Strasse aufgelesen und zudem nur eine Frau, also nicht wesentlich und schon garnicht nicht ernst genommen, – in einer Gesellschaft mit Maennerwahn.

    Femina allerdings hatte von Rocky‘s „Medizin“ keinen Nutzen. Nicht, dass sie sie nicht probierte. Man schluckte eine solche Linse einfach mit dem bisschen Wasser, das Rocky ihnen, nach ihrem Schlaf und vor ihrem neuen Marsch, genehmigte. Unter normalen Umstaenden braeuchte man dafuer kein Wasser, nur, so ausgedoerrt und ausgetrocknet wie sie waren, – alles wuerde im Schlund stecken bleiben, egal wie klein. Sie wusste auch, dass ihr Koerper auf manche Arten von Drogen, heftigst reagierte. Und so war es mit dieser Buschmedizin, trotzdem sie vorsichtigerweise nur eine halbe Portion schluckte. Sie fuehlte sich bald wie eine ueberspannte Feder, die jederzeit losschnellen konnte, und dann wie ein aufgezogenes Uhrwerk, das automatisch dahinlief, waehrend ihr Herz rasend schlug und sie sich lieber in einen Abgrund stuerzen sah, als darauf warten zu muessen, bis ihr Herz sie in Stuecke zerriss. Freilich, sie musste durchhalten, auch wenn es ihr wie eine „Ewigkeit“ erschien, bis sich der Effekt verlor. Eines war jedoch bemerkenswert gewesen, sie hatte weder Durst noch Hunger verspuert und ihre Aufmerksamkeit war vollkommen intakt geblieben, von Muedigkeit keine Spur. Zu ihrem Bedauern war diese Buschmedizin nichts fuer sie und was Oliver anging….. Ach, was!….. Wenn Rocky glaubte, dessen Risiko besser einschaetzen zu koennen wie sie, warum nicht! Tatsaechlich war es eine erfreuliche Entwicklung, entledigte es sie doch der Verantwortung fuer ihn. Und soweit hat sich diese „Medizin“ als ungemein brauchbar erwiesen. Das schwaechste Glied in der Kette war nun aber sie. Dass sie fuer ihre Kumpane nicht zum Muehlstein wurde, war nur Oliver’s beschraenkter Sicht zu verdanken. Man konnte nicht riskieren, unvorsichtig zu sein. Ihr Gehtempo war daher wohl stetig, aber eben langsam, denn auch wenn es keine grosse Kletterei gab, die Wege waren nie ohne Gefahren, und das erst recht im fahl gruenen Licht.

    Doch je laenger sie in dieser unterirdischen Welt dahin irrten und sich selber aufzuzehren begannen, desto weniger konnte die Wirklichkeit Forderungen stellen, zumindest nicht, was Geist oder Gemuet betraf. Ihre fehlende Prominenz machte Platz fuer interne Geistesspiele und auch wenn ihre Umgebung nur schwarzes Nichts war, in dem sie wie ein Gluehwurm ihr Leben signalisierten, in Femina‘s Kopf gab es zunehmend und immer mehr bunte Welten; surreal vielleicht und weder noch an Zeit oder Raum gebunden, also so frei, wie sie glaubt, dass der Kosmos ist. Sie spuert immer weniger Verlangen nach Sonne, Licht und laermenden Toenen. Die einzigen Sehnsuechte, die sie hat, sind nach Wasser, Rast und Schlaf. Freilich, ihr Verstand ist nun nicht mehr verlaesslich, aber sie hat den Bezug zur Umwelt noch nicht gaenzlich verloren, so dass sie in gewisser Weise funktionsfaehing ist und auch gut genug, um Hilfe geben zu koennen, sollte das notwendig sein. Und sie stimmt Rocky voellig zu, der systematisches Vorgehen fuer wesentlich haelt und sie alle einem strikten Regime von Gehen und Rasten unterwirft. Sie muss jedoch zugeben, dass es sie mehr und mehr Kraft kostet, die sie eigentlich nicht mehr hat.

    Was ihr allerdings wirklich abhanden gekommen ist, war ihr Zeitbegriff. Stunden, Tage oder was auch immer zu zaehlen, ist laengst kein Beduerfnis mehr. Was kann man hier drin schon mit sowas anfangen? Sie gehen, sie rasten, sie schlafen und wachen auf, wie Rocky das bestimmt. Er allein hat eine Uhr. Er erstellt die Plaene. Er verteilt die Leuchtstaebe, einen fuer die Nachhut, einen fuer ihn als Fuehrer, und nur er traegt eine Kopflampe, fuer alle Faelle. Sie schnallen sich aus Sicherheitsgruenden an das Seil, er an der Spitze, dann sie, danach Oliver und Ger am Ende, und dann trotten sie los, fuer was weiss sie wie lange. Sie halten an, wenn er es fuer richtig haelt, entweder fuer eine kurze oder eben lange Rast, oder wie der Weg oder ihre Kondition es zulassen. Er laesst sie immer rasten, wenn sie auf unvorhergesehene Hindernisse stossen, waehrend er sich davon macht, um auszuforschen, wie es weitergehen soll. Sie kann nie sagen, wie lange er abwesend ist, denn meistens verfaellt sie in einen geistigen Daemmerzustand, unwillig zu reden oder etwa hinzuhoeren, sollten die beiden Brueder, von den Drogen wachgehalten, es versuchen. Freilich, das war ohnehin nie mehr wie ein Kraechzen, ausgetrocknet wie sind, und nun bleiben auch sie viel oefter stumm. Warum auch nicht! Woruber koennten sie sich schon unterhalten? Dass sie bis jetzt nie klettern oder sich abseilen mussten, sich manchmal durch enge Passagen zwaengen, die immer enger werden, so dass man ganz sicher ist, irgendwann stecken zu bleiben? Oder dass sie vielleicht in einer Sackgasse enden oder jedes Bemuehen fruchtlos ist? Nicht doch! Es genuegt, zu rasten und dankbar zu sein, dass man noch immer am Leben ist. Sie waren nie stecken geblieben, sind nie in Spalten gefallen und nichts war bis jetzt wirklich unueberwindbar gewesen. Manchmal gibt es sogar kleine Kammern, in denen es fast heimelig ist und wo es sich ganz besonders gut ruhen laesst.

    Ihr jetziger Weg ist der leichteste von allen, dank dem relativ glattwandigen Tunnel mit ebenem Boden, dem sie nun schon eine Weile gefolgt sind und der sich manchmal ausweitet, als gaebe es Blasen im Fels. Allerdings ist es Femina nicht entgangen, dass ihr Wasservorrat, bis auf eine letzte Flasche, erschoepft ist. Der Vorrat hat ohnedies viel laenger ausgereicht, als es ohne Rocky’s Buschmedizin moeglich gewesen waere. Doch nun haben sie kaum mehr genug fuer eine Handfull langer Maersche. Das Ende ihrer Flucht, oder soll sie sagen, das Ende ihrer Reise ist also nah. Reise? Flucht? Als ob da ein Unterschied waere, oder dieser was zu bedeuten haette! Easy Rider, Wilson, – nichts wie vage Bilder im Album ihrer Erinnerung! Abgesehen davon, niemand ist hinter ihnen hergewesen! Nie haben sie verdaechtige Laute gehoert! Jeder fallende Stein, jedes Knacken und Seufzen in Felsen und Hoehlen hatte natuerliche Ursachen, entweder von ihnen ausgeloest, oder weil der Berg sich dehnte und streckte und zusammenzog, als haette er seinen eigenen Atem. Vielleicht war ohnehin alles nur ein surrealer Traum. War sie nicht in diesem verrueckten Haus gewesen, aus dem sie nicht entkommen konnte? Vielleicht ist sie nach wie vor dort drin und versucht bloss, oder noch immer, sich aus dem Gefaengnis zu befreien? Vielleicht hat sie sich diese Tunnel selber gegraben, weil sich in diesem Haus weder Tore noch Fenster oeffnen liessen, aus denen sie entschluepfen konnte. Nein, nein! Sie war doch in diesem Wartezimmer gesessen, bevor sie auf diesen trip ging, der mit ‚easy rider‘ so wundervoll begann, aber in Flucht endete! Hat sie das alles nur getraeumt? Vielleicht kann sie deshalb nirgendwo ein Zeichen von Leben entdecken, nicht einmal Knochen, oder Wurzeln, ja nicht den geringsten Hinweis, das kleinste ausgetrocknete Ueberbleibsel von Leben, egal welcher Art. Ihre Ueberreste haben also die beste Aussicht als Nachweis fuer ein verirrtes Leben zu dienen! Ob in den Tiefen eines Berges oder im Keller eines dubiosen Hauses macht keinen Unterschied. Freilich, verrottet oder mumifiziert, sie wird letzten Endes zu Staub zerfallen und nichts, ja nicht einmal eine Spur wird von ihr uebrig bleiben, nichts jedenfalls, das ihre kurze Anwesenheit dokumentieren koennte oder ihren makabren Tod beschreibt.

    Freilich, da sind ihre Kameraden. Ihre Anwesenheit spricht dagegen, dass sie sich im Keller dieses Hauses befindet und alles nur Einbildung ist. Ausser das Haus hat sie endgueltig verrueckt gemacht und sie leidet an Halluzinationen. Und was ist mit all diesen bunten Bildern in ihrem Kopf? Das bedeutet doch was! Ah! Sie war ja auf der Suche nach ihrem Gedaechtnis gewesen, das sie unter den Schichten all ihrer Erinnerungen vermutet, und das sie nach wie vor nicht wirklich ausgegraben hat, sondern immer nur Stueck fuer Stueck, grad so als waere sie ein Fossilsucher, der sich mit allerlei Fragmenten begnuegen muss, weil weder Erde noch Fels etwas hergeben wollen. Oder wer weiss, vielleicht ist dort, wo sie sucht, einfach nicht mehr zu finden? Nein, nein! Nicht weiter denken! Es bringt ohnehin nichts. Lieber der Stille zuhoeren und sich im Schwarz suspendieren! Lieber einen Schritt vor den anderen setzen! Dort liegt der Gewinn! So geht sie denn weiter, sich auf den Weg konzentrierend und auf jeden Schritt, bis keine Gedanken mehr Platz haben, ausser dem ‚linker Fuss, rechter Fuss, eins und zwei, linker Fuss, rechter Fuss und eins und zwei………‘

    Und so trotted sie denn dahin, ungewiss wie lange, bis sie ploetzlich von etwas Ungewohntem aus ihrem tranceartigen Zustand wach geruettelt wird. Da ist ein Rumoren und ein vager ferner Ton. Etwas draengt sich in die Stille und durch das Gestein.

    „Wruuum! Wrum! Wruuum! Bum, buum!“

    Ihr Herz beginnt heftig zu schlagen. Hoert sie wirklich ein Geraeusch, oder ist es das Herz, das sie irrefuehrt mit seinem „bu-bum“, ohne einen wirklichen Grund zu haben?

    „Wrum, wrum, wrum, buum, bum!“

    Das ist keine Einbildung! Es ist eindeutig zu hoeren und es entschwindet nicht, ist also kein einmaliges Ereignis, dass man bezweifeln koennte. Nur was es ist, laesst sich nicht sagen. Trommeln? Unsinn! Donnerschlaege, Maschinen vielleicht? Nein, nein! Nichts dergleichen! Auch wenn es ein schwallartiges Droehnen hat, da sind vielerlei Toene, unterschwellig, vibrierend, fast wie dumpfe Paukenschlaege, mit hohlen Resonanzen. Nicht doch, – es ist mehr wie ein tiefes, langgezogenes „Tiiick—Taaack“, fast rythmisch, aehnlich dem ihren, so wie sie sich fortbewegt. Sonderbarerweise erinnert es sie an eine Uhr, nur muss diese riesig sein, um Toene hervorzubringen, die einen Berg durchdringen koennen. Wie absurd! Femina gibt auf, weiter zu raten. Ihre Ohren jedoch, vollen Eifers hellhoerig geworden, registrieren die feinsten Schwingungen; ob sie von diesem oder jenem kommen, ist ohnehin egal. Wichtig ist, dass sie Etwas vernimmt, Etwas, das voellig unvereinbar ist mit den ueblichen, wenn auch seltenen Geraeuschen in Fels und Stein.

    Und so dringt dieses buum-buum, und tiiick und taaack widerstandslos hinein in ihr Gehirn. Und so wie sie lauscht, zwingt es ihre verwirrten Gefuehle zur Ordnung. Sie formieren sich, bilden Schienen, werden zu Geleisen, gleich einer Bahn, auf der, wie auf einem Fliessband, Pakete transportiert werden, in regelmaessigen Abstaenden und in eine Richtung laufend, geradenweges, auch wenn es dabei rundum, nach oben und unten geht, durch Schaltstellen, manchmal zu Depots, oder zum Versand, wo aussortiert und gezielt verschickt wird. Sie koennten sogar vom Fliessband genommen werden, wie Gepaeck vom Flughafenkarussel, oder, sie drehen, unreklamiert, eine Runde nach der anderen. Das feed-back ihres Gehirns macht Femina klar: Hier handelt es sich um Zeit! Und was transportiert wird sind Zeitpakete!

    Der Gedanke an Zeit laesst sie nun nicht mehr los, trotzdem sie hier drinnen mit Zeit und Zeitbegriffen, nur wenig anzufangen weiss. Aber ist sie nicht selber das Zeitpaket, das sich auf dem Fliessband ihrer Gefuehle stetig und unaufhaltsam nach vorne bewegt? Und das sowohl im geschlossenen System ihres Gehirns, wie im geschlossenen System des Kosmos!? Wohl mag ihr Verstand das Ticken der Uhr als Stationen des Augenblicks deuten, und ihr Bewusstsein mag sehr wohl dasselbe im Kosmos tun, – der Unterschied liegt nur in den Distanzen, die dabei zurueckgelegt werden. Aber ausschlaggebend ist einzig und allein das sich Fortbewegen, egal welche Richtung, doch immer nur nach vorne, immer voran. Dabei wird eine Linie beschrieben, eine Zeitlinie, um genau zu sein. – Das heisst also, die Linie ist der eindimensionale Ausdruck, das Rueckgrat, oder, die Essenz der Zeit. Egal ob die Trajektion dabei einen Kreis beschreibt, nach oben oder unten geht, egal wie schnell oder wie langsam das geschieht, egal ueber welche Distanzen, es geht immer nur in eine Richtung, geradenweges und auf einer Bahn. Zukunft, Vergangenheit liegen eindeutig auf derselben Linie, und wenn die Bahn kreisfoermig verlaeuft, wie im Schaedel, oder Kosmos, ermoeglicht das im Kreis gehen, dass man Vergangenheit vor sich und Zukunft im Blick zurueck sehen kann. Damit ist es aber nicht abgetan, denn geschlossene Systeme beinhalten Raum, und weil sie raeumlich sind mit ihren eigenen Trajektionen und Revolutionen, kann Zeit auch Gestalt annehmen, ohne dass sich ihre Essenz veraendert oder verliert. Kreisfoermige Bahnen sind keine Seltenheit. Ganz im Gegenteil! Sie sind Voraussetzung fuer jede, ja alle Existenz, vom einfachsten Teilchen bis zum Kosmos; Existenz wiederum ist durch eine Dimension gekennzeichnet; jene, in der Femina zu Hause ist, hat vier, um genau zu sein, wobei Raum-Zeit die vierte Dimension ist. Wer koennte da nicht die Zusammenhaenge sehen und nicht verstehen, dass Vergangenheit in der Zukunft und Zukunft im Vergangenen zu finden sind und dass im Raum natuerlich alles gleichzeitig, sozusagen, nebeneinander besteht und dass die lineare Zeit der Faden fuer das Raum-Zeit Gewebe ist. Darin hat dann alles Platz und alles ist moeglich, trotzdem man sich auf der eindimensionalen Bahn bewegt. Es haengt also nur davon ab, von welchem Punkt im Raum man seine Reise wahrnimmt, wie man Zeit empfindet. Aber Zeit selber ist damit absolut und ebenso relativ, und obwohl es Anfang und Ende gibt, sind diese nur bedingt und umstandshalber von Bedeutung. Im Raum verliert sich die Wertigkeit, denn dort ist ja alles gleichzeitig. Kein Wunder also, dass Zeit einmal wichtig und dann wieder voellig unwichtig erscheint, nichtssagend oder vielsagend, fuer alle Existenzen, aber vorallem fuer den Menschen, dessen Verstaendnis und Empfinden von Zeit abhaengig davon ist, womit er Zeit verbindet, sei das mit Erinnerung oder seinen Zukunftswuenschen. Es ist, wie auch immer und vorallem, seine persoenliche Interpretation, die fuer ihn wesentlich und ausschlaggebend ist.

    Sie muss sich also noch immer in diesem Haus befinden! Dort ist ja alles zweigestaltig, weil man nie die Einheit wahrnimmt, nie die Ganzheit sieht. Nur dort laesst sich Zeit als absolut empfinden, nur dort verschwindet deren komplexe Relativitaet im Geschehen, weil man dort die Aspekte der Zeit eben einseitig erlebt und immer alles separiert, auch wenn das garnicht stimmt oder notwendig waere. Freilich, in der Raum-Zeit Dimension haben sich endlich die Perspektiven geaendert, doch findet es der Verstand schwierig, wenn nicht sogar unmoeglich, damit umzugehen. Er bewegt sich schliesslich auf der Flaeche, wo seine Zeitschiene verlaeuft. Und weil es immer nur in eine Richtung geht, schaut er einfach gewohnheitsmaessig und vorwiegend in die Zukunft und reminisziert ueber Vergangenheit. Er ist gefangen in der eindimensionalen Bewegung und der zweidimensionalen Flaeche, trotzdem er sich im Raum bewegt. Raum hat fuer ihn nur eine bedingte Realitaet. So kommt es, dass der Mensch wohl gerne fliegen moechte und mit Hilfe seiner Intelligenz sogar erreicht hat, dass er es erleben kann, nur ist es nicht in seiner DNS, die ihn flugfaehig machen wuerde. Er kann daher theoretisch die Existenz anderer Dimensionen akzeptieren, aber alles was ueber drei Dimensionen hinausgeht, praktisch ueberfordert ihn. Wuerde er zum Beispiel gewohnt sein, mit Lichtgeschwindigkeit und im Weltraum zu fliegen, waere der Verstand darauf kalibriert und koennte besser akkomodieren, als er es, erdgebunden, schaffen kann. Auf Erden, der duennen Haut des feurigen Planeten, muss er mit anderen Problemen fertig werden, die selbst dort, genau genommen, ueber sein Verstaendnis hinausgehen.

    Dieses seltsame Geraeusch und der Wasservorrat, der bald zu Ende geht, haben es also geschafft, ihren stoischen Geist zum Denken zu zwingen. Obwohl das voellig sinnlos ist, denn mit dem Denken aendert sich nichts an der Tatsache, dass sie bald zum Stillstand kommen wird. Sie wird sich weder fortbewegen, noch sich je wieder Gedanken machen muessen, was Ewigkeit oder ‚Ewiges Leben‘ ist. Sie wird es schliesslich erleben! Oder? Wie eine Irre beginnt sie zu lachen. Ihr Verstand treibt sie an den Rand des Zusammenbruchs. Vielleicht ist das der Preis, den sie zahlen muss, weil er grade seinen Horizont erweitert? Ob sie sich naemlich noch immer im Haus befindet, oder in dieser Unterwelt von Hoehlen und zeitloser Finsternis, ist gegenstandslos. Nur weil sie ihr Ende findet, egal ob hier oder dort, der Rest geht weiter, denn solange es Bewegung gibt, gibt es Leben und Zeit; ob das ewig oder endgueltig ist, haengt bloss von der Dimension ab, in der es sich grade befindet.

    Buum, buum! Das dumpfe Toenen schwillt an, so wie sie auf ihrem Weg dahinstolpert. Es ist nicht nur zu hoeren, sondern auch zu spueren. Sein Vibrieren dringt durch Fels und Stein und dem Schein ihrer Lichter. Rocky haelt an. Er will auskundschaften, was es auf sich hat. Er hoert zwar nicht dasselbe wie sie, wie sich herausstellt, als sie ihn fragt, aber er hoert ein Toenen, spuert das Vibrieren und Droehnen, grad so wie sie. Oliver freilich scheint nicht in derselben Welt zu wandern, voellig sinnlos, ihn was zu fragen. Obwohl die Geschwulst in seinem Gesicht und um seine Augen geschrumpft ist und er nun wieder besser reden und sehen koennte, sein Gesamtzustand ist natuerlich nicht besser geworden. Er ist mehr Maschine, wie Mensch und dementsprechend willenlos. Wenigstens folgt er, wie ein Kind, Ger’s Anweisungen und er laesst sich auch sogleich lautlos neben ihm nieder, sobald dieser einen Platz fuer sie beide gefunden hat, wo sie sich ausstrecken koennen, ohne vorher Steine aus dem Weg raeumen zu muessen. Ger ist immer mehr am Wohlbefinden seines Bruder‘s interessiert, als an seinem eigenen und schenkt seiner Umwelt nur in diesem Sinne die notwendige Aufmerksamkeit, aber auch er hoert und glaubt, etwas zu spueren. Nur misst er dem wenig Bedeutung bei. Er habe, sagt er, manchmal Dinge wahrgenommen, die voellig wirklich erschienen, sich aber dann als Hirngespinste erwiesen. Darum war es ihm wichtiger geworden, sich auf Oliver zu konzentrieren. Er ist sein Sorgenkind, nicht, was wirklich oder Einbildung ist. Wie zur Bestaetigung streichelt er liebevoll Oliver’s Gesicht, waehrend er ihn besorgt ansieht und seufzt. Rocky gestattet ihnen allen einen Schluck kostbaren Wassers, bevor er sich davonmacht.

    Femina, muede und ungesellig, will sich abseits von ihren beiden Kumpanen niederlassen. Sie befinden sich in einer glockenfoermigen Ausweitung des Tunnels, weit und hoch genug, dass die gegenueberliegende Wand und die Decke nur wie verwaschene, dunkle Schemen zu erkennen sind. Der Fels ist rauh, wie grober Sand, aber trotz felsiger Auswuechse und losem Gestein, nichts ist bruechiges Geroell und nichts ist scharfkantig. Eine Felsnase bietet ihr die Gelegenheit, sich gegen sie zu lehnen und in dem sie sich auf deren vordere Seite setzt, kann sie sich von ihren beiden Kameraden, zumindest visuell, trennen. Freilich, damit schaut sie geradewegs in den weit offenen, schwarzen Tunnelschlund, durch den Rocky soeben verschwunden ist. Das loest in ihr jedoch keine Bange mehr aus. Das Schwarz gehoert bloss zu einer anderen Welt mit anderen Modalitaeten, die einfach nur neuer Qualitaeten bedarf und anderer Funktionen. Sie mag zwar nicht genug Zeit haben, um ein echter Hoehlenbewohner zu werden, doch hat sie bereits Aenderungen erfahren. Wie zum Beispiel ihr Gehoer, das jetzt Geraeusche wahrnehmen kann, die weit ueber seine frueheren Faehigkeiten hinausgehen. Und was sie verspuert, ist geradezu sensationell. Alles hat eine derartige Intensitaet, ist qualitativ so beeindruckend, dass es sie nicht nur voellig entzueckt, sondern nahezu ueberwaeltigt. Freilich, das mag nur auf sie zutreffen, denn ihre Freunde scheinen nichts im gleichen Sinne zu erleben. Offensichtlich bewegt sich jeder, obwohl im gleichen Raum, auf einer anderen Bahn.

    Ihre Augen starren auf das Schwarz vor ihr, waehrend Schallwellen und Vibrationen durch Gehoer und Koerper laufen. Obwohl etwas Stetes, da ist auch ein Kommen und Gehen. Kein Wunder, dass es sie an Zeit erinnert, das heisst, an ein Uhrwerk, um genau zu sein, an eines, das ein Pendel am Laufen haelt. Gewiss, keine Standuhr, die in eine Stube passt, wohl aber ein stolzer Uhrturm auf dem Dorfplatz, zur Bewunderung aller. Buuum…… buuum…… tiiiiiiick…… taaaack, bum, bum, tick, tack….., so schlaegt die grosse Pendeluhr, so hoert sie die Zeit in ihren Ohren. S’ist aber kein Wiegenlied, das sie schlaefrig macht, sondern es bringt ihr Visionen. Waehrend sie in die schwarze Oeffnung starrt, wird ihr naemlich langsam klar: Da ist gar kein Tunnel! Da ist tatsaechlich ein Turm, ein Turm auf maechtigen Sockeln! Und zwischen diesen und durch ihn verlaeuft der Weg, den sie noch gehen muss. Und da ist auch schon das riesige Pendel, mit einer grossen runden Scheibe am Ende seines steifen Arms! Es schwingt rythmisch von einer Seite zur anderen, wobei es immer wieder, langsam und stetig, den Zugang in den Turm verschliesst. Femina fragt sich, welche Zeit da wohl gemessen wird. Zukunft? Gegenwart? Vergangenheit? Buuum……Buuum! …..Tiiick……Taaack!

    Wieviel ihres Weges hat sie bereits zurueckgelegt, wieviel ist noch zu gehen? AH, so ist‘s! Weder das eine noch das andere wird hier gemessen. Das Einzige, das hier zaehlt, ist allein der Augenblick, ein Punkt, ein Klick im Zahngetriebe, das mit den vielen, aneinander gereiht, ihren Weg verzeichnet. Was sich links und rechts vom Weg befindet, sie erinnert sich, kann bunt und vielfaeltig sein, oder es ist, so wie jetzt, nichts wie Stein und Schwaerze. Noch gibt es etwas Licht von Ger’s Stab, so dass sie die Richtung sieht, in die sie gehen wird, aber um einen Schritt zu machen, einen Punkt zu setzen, einen Augenblick nach dem anderen zu verketten, dazu braucht sie nicht einmal Licht. Ihr Realitaetsbewusstsein liegt naemlich auf dem Weg, auf dem sie sich fortbewegt, zwischen den Traeumen und Welten, zu ihrer Linken und Rechten. Es ist ein Koordinatensystem, auf dem und durch das sie geht und das entsteht, so wie sie wandert.

    Koordinatensysteme! Turm und Pendel sind ein Koordinatensystem, grad so wie sie, mit seitlich ausgestreckten Armen. Auch der Turm steht senkrecht, so wie sie, nur sind seine Arme Steinsockelbeine, die fest verankert in den seitlichen Feldern stehen, aber, waehrend sie sich fortbewegt, bewegt sich das Pendel nicht vom Fleck, sondern nur von Seite zu Seite. Wie einfach doch die Wirklichkeit ist! Nichts wie Linien, Flaechen und Raeume! Zeit liegt auf der Linie, der Geist auf der Flaeche und die Erkenntnis im Raum, waehrend die vierte Dimension Bewegung ist, das „Perpetuum Mobile im Geschlossenen System“; Raum-Zeit, eine Einheit, die expandieren kann, ohne dass es das Prinzip veraendert, ohne dass sich das Prinzip veraendert. Aber Bewegung ist die Voraussetzung fuer alles. Ohne sie bleibt die Uhr stehen, hoert das Denken auf und Gut und Boese halten sich die Waage.

    Femina steht auf. Wie in Trance wandert sie hin zum Turm bis knapp vor dessen Eingang. Das Schwingen des Pendels hat einen betoerenden Klang und wird immer lauter. Es schwillt ab und an, echot von der riesigen Scheibe. Im rythmischen Hin und Her, im langgezogenen Tick und Tack, versperrt es den Weg in regelmaessigen Intervallen. Aber nichts anderes hat mehr Platz in ihren Ohren, nichts anderes hat Platz in ihrem Gehirn. Da ist nichts mehr, wie der dumpfe Schlag und sein dumpfes rythmisches Droehnen. Es kann nicht schwierig sein, durch die Zeit zu gehen. Sie braucht nur auf den geeigneten Zeitpunkt, den richtigen Augenblick zu warten, naemlich, wenn die Scheibe sich vom Eingang entfernt, um ihren eigenen Hoehen zuzustreben, einmal links und einmal rechts, auf dieser und jener Seite.

    Dass sie vorm entscheidenden Schritt zoegert, ist mehr auf Gewohnheit zurueckzufuehren, als dass es logisch waere. Unbekanntes loest immer Unbehagen aus. Mit dem Bekanntem arrangiert man sich und das Vergangene ist frei von Angst. Was geschehen ist, laesst sich nicht aendern und selbst das Schmerzhafte verliert sein Drama, ausser man wehrt sich, es loszulassen. Das Loslassen ist natuerlich das wirkliche Problem, selbst wenn es sich nur um seine Aengste handelt. Und leider! Manchmal ist es leichter, wenn nicht sogar notwendig, dass man sich an nichts erinnern kann. Man wuerde andernfalls das Loslassen nicht schaffen und nicht in Frieden existieren koennen, bei dem Leid, das man erfahren, oder anderen angetan hat. War das vielleicht der Grund gewesen, warum sie sich ploetzlich ohne Gedaechtnis fand? Schon moeglich, nur, herausfinden wird sie es jetzt ganz gewiss nicht mehr. Jedoch der Zukunft, die ihr nun verbleibt, mit Vorsicht begegnen zu wollen, ist wirklich sinnlos. Ihr Zoegern kann demnach nur dem Umstand zugeschrieben werden, dass ihr Verstand nicht mehr so recht funktioniert und daher vieles, wenn nicht alle Kontrolle den Reflexen und Instinkten obliegt, also jenen alteingefahrenen Mechanismen, die im Notfall als Autopilotensystem agieren, mit dem sich organisches Leben seinen Fortgang sichert, bis hin zum letztmoeglichen Augenblick.

    Wenn nun aber Zukunft und Vergangenheit schon keinen besonderen Wert mehr haben, wie steht es dann mit dem, was jetzt ist? Hat das wenigstens noch eine Bedeutung? Es hat, zumindest fuer eines, naemlich, dass sie Bilanz ueber ihr Leben zieht, bevor sie sich auf ein neues, wenn auch ihr letztes Abenteuer einlaesst. So fragt sie sich denn, was sie mit ihrem Leben gemacht hat, was es ihr gebracht hat. War es sinnvoll gewesen, hat es seinen Zweck erfuellt? Hm! Die Ereignisse der letzten Zeit, haben ihr recht wenig Gelegenheit gegeben, nach ihrem Gedaechtnis zu suchen. Das war doch der Zweck und Sinn ihres Lebens gewesen, soweit sie sich zurueck erinnern kann. Zwar hat sie Fortschritte gemacht, doch, zugegeben, sie ist nicht immer mit Ernst bei der Sache gewesen. Nur jetzt, mit dem Wasservorrat beim Auslaufen, muss sie sich schon fragen: Was hat sie erreicht? War es die Sache ueberhaupt wert gewesen? Wieviel hat sie das Muehen und Vergnuegen gekostet? Und gibt es offene Rechnungen, (die sie allerdings nicht mehr begleichen wird koennen)?

    Sie kichert ploetzlich in sich hinein. Das sind wohl die duemmsten Fragen, die sie sich stellen kann. Selbstverstaendlich war es die Sache wert gewesen und ja, die Muehen und das Vergnuegen haben ihr Leben gekostet, und offene Rechnungen gibt es haufenweis. Aber sie hat getan, was sie tun musste und tun konnte. Und sie hat alles Leben geliebt. Zudem war ihr die Reise stets wichtiger gewesen, als das Ziel. Es ist also keine Tragoedie, dass sie auf der Strecke liegen bleibt. Und die offenen Rechnungen sind keine Schuld an anderen, sondern nur ihr Problem. Sie wird eben in Ignoranz sterben muessen, weil ihr noch immer viel zu viel von ihrem Gedaechtnis fehlt. Und das hat nichts mit guten oder schlechten Erinnerungen zu tun. Die sind ohnehin bloss Sediment, in Schichten aufeinander gelagert. Was sie gesucht hat, waren ihr Ursprung, ihre Herkunft, die Fundamente, auf denen sich die Sedimente ablagern konnten und was sie zu dem gemacht hat, was sie ist. Sie muesste also wirklich tief graben, um ihre Antworten zu finden. Nur warum ueberhaupt? Was motivierte sie? War es ihr Verstand gewesen, der Gewissheit haben will, nicht bloss einen bequemen Glauben? Nein, nein! Nicht nur! Der Verstand hat wohl Dominanz in ihrem Leben, aber er ist nicht sie. Er ist Diener, nicht Herr, auch wenn er sich manchmal als Herrscher aufspielt. Die Suche nach dem Gedaechtnis war die Suche nach ihrer Identitaet und das heisst, s i e will nicht spekulieren, s i e will verstehen und s i e braucht die Beweise. Ihr Verstand ist ihr nur behilflich dabei. Ist dieses Wissen wollen ihr Klotz am Bein? Gewissermassen und doch nicht! Aber erst jetzt ist ihr klar geworden, dass das, was sie nur in der Vergangenheit zu finden glaubte, auch in der Zukunft zu finden ist. Sie hat also den Fehler gemacht, Widerspruch zu sehen, wo eigentlich nie einer war. Nur, jetzt, wo sie feststellt, dass Zeit zwar eindimensional, aber in allen Dimensionen zu Hause ist, dass sie Gestalt annehmen kann und dass die Dimensionen festlegen, wie man sie defininiert, misst und erlebt, (sei das in Linie, Flaeche, Raum und Bewegung), jetzt kann sie sich zu dieser Erkenntnis zwar gratulieren und sich auch darueber freuen, nur sind ihrem Erfreuen Grenzen gesetzt, denn Zeit, i h r e Zeit, ist beim Auslaufen und wichtig ist garnichts mehr. Also warum nicht einfach rasten? Warum ueberhaupt noch einen Schritt tun?

    Sie seufzt tief auf. Ach! Sie moechte doch so gerne noch einmal ans Meer, mit Fischen schwimmen, unter Palmen am Strand liegen, wo sie den Voegeln zusehen oder Sterne zaehlen kann! Sie moechte so gerne noch einmal mit der Sonne lachen, im Mondlicht tanzen und mit dem Wind die Wolken jagen! Ein neuer Seufzer.

    „Ach was! Zum Teufel mit dem Zoegern, mit Angst und Eigennutz!“ Dem Gluecklichen und dem Toten schlaegt keine Stunde! Und zu bereuen hat sie nichts!

    Ihr Herz beginnt heftig zu schlagen, ihre Muskeln spannen sich. Tick und Tack hoert sie das Pendel sagen und so wie sich seine Scheibe vom Eingang entfernt, springt sie nach vor, hinein in den dunklen Schlund, hinein in den offenen Rachen. Buum, buum.

    Das Pendel kommt zurueck und macht den Eingang wieder dicht, nur diesmal klingt es, als falle ein eisernes Tor ins Schloss, als sei es der Schlusspunkt eines Satzes. Und sie wird gewahr, wie hier drin wirklich alles so ganz anders ist, nicht neu und doch anders. Kein Ton, kein Licht, nur grenzenloses Schwarz. Nun ist sie wirklich allein im Nichts und das Nichts ist ploetzlich Alles. Es ist das Einzige, das ihr nun geblieben ist. Erstaunen steigt in ihr hoch. Nicht nur Zeit, Alles ist ohne Bedeutung! Waehrend das Nichts als Sieger truimphiert, dekoriert mit der Pendelscheibe um seinen Hals, erkennt sie, wie widersinnig ALLES ist! Da geht sie durch die Zeit, bloss um herauszufinden, dass S I E das einzig Wichtige ist, ohne jedoch die geringste Macht zu haben.

    Aber was nun? Sie streckt die Arme aus. Freilich, da ist nichts! Und so zoegert sie wieder, sie weiss nun naemlich nicht, ob, oder in welche Richtung sie gehen soll. Doch halt! Ist sie nicht in diesem Turm? Da gibt es doch Waende, an denen sie sich entlang tasten koennte, oder? Die sind doch etwas, woran sie sich orientieren kann! Freilich! Vielleicht hat sich bereits alles in seine Bestandteile aufgeloest, zerfallen in unsichtbare Teilchen. Ihre Sinne sind jetzt ja arbeitslos, denn im Nichts gibt es keine Signale. Oder fuehlt sie deshalb nichts, weil sie dabei ist, ihre eigene Substanz zu verlieren und damit ihre eigenen Funktionen? Ohne etwas Greifbarem ist schliesslich Alles verloren, auch das, was sie zusammenhaelt. Ah! Das ist noch nicht der Fall, denn noch spuert sie den Boden unter sich. Erleichtert laesst sie sich nieder, um ihre Gedanken zur Ordnung zu zwingen. Aber nun spuert sie Kaelte auf sie einstroemen, und zwar so aggressiv, als wolle diese Besitz von ihr nehmen, sie einfrieren oder zu Packeis machen. Ihr Koerper, so wenig davon auch uebrig ist, ist jedoch nicht bereit, sich einfach zu uebergeben. Er wehrt sich und schuert das bisschen Glut, das unter der Asche verborgen liegt, indem er sie ruettelt und schuettelt. Wollte sie nicht ans Meer? Ja, das will sie! Und sie will auch in die Berge! Sie will doch von einem Traum in den anderen huepfen, und dem Traum Leben geben! Sie will auch noch in den Wiesen springen und Blumen riechen und wie der Schmetterling mit seinen bunten Fluegeln dem Leben das Traeumen vorspielen!

    Eine Woge ploetzlicher Energie laesst sie hochspringen und riesige Saetze nach vorne machen, nur um letztendes gegen eine Felswand zu prallen. Sie taumelt, verliert ihr Gleichgewicht und trotzdem sie instinktiv am Fels Halt sucht, kann sie den Sturz nicht verhindern, nur seine Vehemenz. Nun hat sie ihre Begrenzung, das Greifbare, an dem sich ihre Existenz reflektieren kann und messen laesst! Sie steht allerdings nicht mehr auf, sondern lehnt sich nur gegen die Wand. Der Energieschwall hat sich verzogen, so schnell wie er gekommen ist und hat dabei den Rest ihrer Kraefte mitgenommen. Sie findet es nun zu muehsam, sich noch einmal hochzurappeln. Was solls! Sie glaubte, durch den Turm gehen zu koennen, doch was man glaubt, ist nicht Wissen.

    Ihre Finger gleiten ueber den Fels, ueber Flaechen, Kerben, Fugen und Falten. Dabei wird ihr klar, es ist die Wechselbeziehung ihres Selbst zum Aeusseren rund um sie, das die Grundlage ihrer Aktionen, in der Tat, ihres Lebens ist, – nichts wie ein geladenes Teilchen, das durch Anziehung und Abstossung staendig in Bewegung bleibt, das sich auf einer Bahn befindet und einen Weg hinter sich beschreibt. ES ist aber voellig gleichgueltig durch welche Raeume sie sich bewegt, ob die ihr gefallen, oder auch nicht. ES ist urteilslos. ES ist objektiv. Sie ist es, die bewertet, sie ist subjektiv. Da befindet sie sich in einem lichtlosen, pechschwarzem Raum, und doch, er ist voll Leben und voller Farben, auch wenn sie weder das eine noch das andere mit ihren Sinnen wahrnehmen kann. Sie ist voellig allein, voellig isoliert und stellt zufrieden fest, dass nichts negativ ist, noch destruktiv, sondern bloss eine notwendige Erfahrung. ES zwingt sie, ES hilft ihr, Gedaechtnis und Heimat zu finden. Es ist eine Mutprobe, ein Einweihungsritual und Zeit spielt keine Rolle. Sie laechelt und schliesst die Augen. Sie ist muede. Sie will schlafen. Aber nein, es gelingt ihr nicht, denn sie ist nicht mehr alleine.

    „Und Gott schuf das Weib, damit Adam nicht so einsam sei…….!“ Wie bitte? Wer redet da und noch dazu solchen Unsinn?

    Femina schuettelt den Kopf und lacht wie ueber einen surrealen Witz, wie jenem, wo ein U-boot im Wald ein anderes U-boot trifft und ihm ein ‚Hallo‘ zuruft, worauf das andere U-Boot fragt: ‚Warum gerade ich?‘

    „Nun lieber Gott“ sagt das Weib. „Jetzt musst du mir aber einen Mann schaffen, damit i c h nicht so alleine bin.“

    Femina findet das erst recht amuesant und obendrein gerecht, denn Adam hat zu viele Fehler, ein neuer Adam her.

    „Und wo bleib ich“, meldet sich der alte Adam.

    Nachdenkliches Schweigen, dann sagt das Weib sachlich: „Du hast die Wahl! Musst dich allerdings aendern.“

    Adam nimmt sich aufgeregt das Feigenblatt vom Penis und fuchtelt wild damit umher, nicht wissend, was er damit anfangen soll, oder gar, was er selber will. Dann haelt er inne, starrt auf das Blatt und wirft es schliesslich weg. Enttaeuscht laesst er sich zu Boden sinken, weil das Weib ihn nicht akzeptiert.

    Femina hat ihm zugesehen und laechelt in sich hinein. Ja, er ist ein schoener Mann. Gott hat sich einen schoenen Adam gemacht, nur fuer das Weib ist er nicht geeignet, so reagiert es jedenfalls. Heisst das vielleicht, Gott ist ein Fehler unterlaufen? Ist Gott gar homosexuell, nicht nur homophil? Sie betrachtet den lieben Gott. Warum auch nicht? So wie er sich gibt, oder zumindest wie er sich presentiert, da ist sicher was Wahres dran. Er gleicht eher antiken Goettern oder griechischen Philosophen, weisser Rauschebart, weisses Haar, und so wuerdig und wohlwollend. Man weiss ja aus der Geschichte, die griechischen Philosophen waren den Jungs nicht abgeneigt. Sie lacht noch mehr: Gott ein Homophiler und ein Homosexueller! Die alten Griechen gefallen ihr, Zeus, Hera, Sokrates oder wie sie eben heissen; sie hatten menschliche Goetter.

    Und so schuf die Goettin sich Eva, und damit diese nicht so alleine sei, gibt sie ihr den Mann. „Ich will aber keinen Mann, gib mir lieber eine andere Eva!“ sagt da Eva.

    „Mit Adam kannst du dir viele Evas machen, so wie er sich mit dir viele Adams schafft!“

    „So ein Bloedsinn,“ antwortet Eva. „Gott und Goettin tun’s scheinbar nicht miteinander. Da sollte ich mit Adam…….?“

    „Selbstverstaendlich!“ erwidert die Goettin. „Gott und Goettin sind Eins. Nenn uns XY! Wir brauchen nicht zwei zu sein, um Eines zu schaffen.“

    „Ph!“ macht Eva, „warum gibt’s dann nicht das yy, es gibt doch das xx? Dieser Adam ist doch fehlerhaft, er ist doch nur ein xy.“

    Die Goettin laechelt nachsichtig: „Dafuer besteht keine Notwendigkeit, aber vorallem, weil ein y bereits genug Schaden anrichten kann. Stell dir vor, es gaebe einen yy Adam! Oder gar einen YY Gott! Keine Welt, in der sich harmonisches Leben entfalten koennte! Um aber Zweigestaltigkeit zu schaffen, genuegt xy neben dem xx allemal. Zudem ist es unser Abbild, das Symbol der Einheit. Uebrigens! Das xx ist der Boden, aus dem sich das dazugehoerige y formt. Es macht den Mann sinnbildlich zur Krone der Schoepfung, aber es ist das Weib, das ihn gebaehrt. Doch weder er noch sie sind alleinige Herrscher, weder er noch sie haben alleinige Macht. Nur wir, die eine Einheit sind, koennen das reklamieren. Nur wir koennen Dualismus, mit beiden Aspekten von maennlich und weiblich, in Union demonstrieren, nur wir sind XY, Er sowie Ich.“

    Adam hat still mit grossen Augen zugehoert. Der liebe Gott ist, zufrieden mit sich, einfach eingeschlafen. Eva betrachtet Adam forschend und sagt dann zur Goettin:

    „Na wenn du meinst……., huebsch ist er ja, – eigentlich ist er ein recht schoener Mann.“ Sie laechelt ihm zu. Er laechelt zurueck. Sie reichen sich die Hand und verschwinden. Die Goettin wirft einen Blick auf Gott und verzieht veraechtlich ihren Mund. Sie verlaesst ihn, er ist ein Langweiler, schlaeft zuviel. Aber wenigstens stoert er sie nicht in ihrer Arbeit.

    Dann ist ploetzlich wieder alles schwarz, grad so, als waere da nie was anderes gewesen. Zeiten wandern vorbei. Femina kann sie nicht sehen, nur spueren und hoeren kann sie nur ihren Koerper, denn rund um sie ist es still. Sie schliesst erneut die Augen, auch wenn es keinen Unterschied macht! Freilich! Vielleicht kann sie jetzt doch schlafen. Aber nein! Daraus wird wieder nichts.

    „Femina!“ Fern, doch eindeutig, hoert sie jemanden nach ihr rufen. Schlagartig richtet sie sich auf und reckt den Kopf. Sie muss wohl dahingedaemmert haben!

    Hat sie getraeumt, dass sie ihren Namen rufen gehoert hat? Sie lauscht und da hoert sie es wieder: „Femina!“ Diesmal ist es lauter und naeher und sie erkennt auch die Stimme. Gordon!? Wie kommt er hierher?! Sie will antworten, doch sie kann nicht. Die Worte bleiben an ihren Lippen lautlos und wie festgeklebt haengen. Und dann taucht er aus den schwarzen Schatten wie eine wundersame Vision, so wirklich und so nahe, dass sie ihn fast anfassen kann. Er ist in seinen ausgewaschenen Jeans und schwarzem Singlet. Seine Haut ist braun und schimmert ueber seinen Muskeln und aus seinen eignenartig schoenen Augen glaenzt glasgruen das Meer. So hat sie ihn kennnengelernt und so hat sie ihn geliebt und jetzt ist er ihr wieder so nahe. Wie konnte sie vergessen, wie schoen er war.

    „Femina!“ sagt er wieder. Seine Stimme ist eindringlich.

    „Ich bin hier,“ antwortet sie. Aber er kann sie nicht hoeren und es scheint, auch nicht sehen. Er setzt sich nieder, nicht weit von ihr, mit verschraenkten Beinen, nur sitzt er seitlich abgewandt. Sie sieht ihn, sie hoert ihn, sie glaubt sogar, das Meer an ihm zu riechen. Und doch! Zwischen ihnen liegt etwas Trennendes. Es koennten Welten sein, oder auch nur ein Graben, oder eine hauchduenne Plasmawand, sie hat dafuer keine Erklaerung, aber es ist so wirklich, wie wundersam.

    „Femina“, wiederholt er, „ich bin auf der Suche nach einer Insel fuer uns zwei. Ich bin ganz krank vor Liebe zu dir. Das musst du mir glauben, auch wenn wir im Moment verschiedene Wege gehen. Ich bin zerrissen zwischen dem, was ich tun muss und meiner Sehnsucht nach dir. Aber ich kann zumindest nach einer Insel fuer uns zwei suchen und wer weiss, vielleicht steh ich schon morgen wieder vor deiner Tuer, weil ich ein Leben ohne dich nicht laenger ertrage.“

    Er spricht so, als saesse er ihr gegenueber, waehrend er an ihr vorbeispricht und seine meergruenen Augen an ihr vorbei schauen.

    „Ich glaub dir ja,“ antwortet sie tonlos und ist seltsam traurig. Viel ist geschehen, seit sie sich getrennt haben. Sie liebt ihn, das steht fest, nicht nur er sie. Aber wohin schauen seine meergruenen Augen? Dass er sie nicht sieht, kann sie verstehen, doch nicht, dass er nicht in ihre Richtung schaut. Sie lehnt ihren Kopf an die Wand und senkt die Lider.

    Sie sieht ploetzlich die Goettin wieder, lustwandelnd in ihrem Garten, waehrend Gott friedlich schlaeft. Gott oder Goettin, XY, ein Symbol der Einheit, der eigentliche Zwitter, den man mit Recht in alten Kulturen als Gott verehrt. Das menschliche Wesen dagegen, der dualistischen Welt der Materie angehoerend, ist notgedrungen und notwendigerweise zweigeschlechtlich, denn die beiden Geschlechter representieren Polaritaeten, zwischen denen eine Wechselbeziehung besteht. In den Genen allerdings liegt die fundamentale Erinnerung des XY, das Goettliche, das Gott und Goettin ist. Man bedenke, jeder Mensch hat maennliche wie weibliche Anlagen, die sich, durch spezifische Hormone gelenkt, ins eine oder andere Geschlecht entwickeln. Die Bibel mit ihrer Geschichte von der Rippe ist zwar nicht voellig sinnlos, aber nicht gerade ein akkurates Analogicum. Tatsache allerdings ist, dass der Drang der beiden Geschlechter, sich vereinen zu wollen, biologisch festgelegt ist und dass in ihrem Zwischenspiel jene Spannung liegt, dessen Aktionen die Essenz fuer neues Lebens ist, waehrend im Orgasmus die Verzueckung liegt, eins zu sein und die Potenz Eines zu schaffen. Orgasmus, Urknall? Es gaebe die Welt nicht ohne sie!

    Femina gluckst vergnueglich, denn ihr faellt ploetzlich ein, wie goettlich die Schnecke ist. Deren Liebesleben muss ja sehr interessant sein, ist sie doch ihr eigener Partner, und ein Einsiedler par excellance, schleppt sogar ihr eigenes Haus mit rum. Freilich, ob sie deswegen zu beglueckwuenschen oder zu bemitleiden ist, laesst sich wohl nicht beurteilen. Dazu muesste man schliesslich eine Schnecke sein.

    „Femina!“ hoert sie Gordon’s Stimme rufen. „Wo bist du?“ Suchend dreht er seinen Kopf hier hin und dahin und schliesslich sieht er in ihre Richtung. Wie schoen seine Augen sind! So gross und so weit und so wundersam gruen. Sie sind das Meer, zu dem sie will.

    „Ach Gordon,“ sagt sie traurig, „such die Insel, mach was du willst! Was ist Liebe? Ich bin voll davon und trotzdem, ich kann sie nicht kennen, denn sonst muesste ich sie doch erkennen! Deine Liebe ist so ganz anders wie meine, aber trotzdem ich dir glaube, dass du mich liebst und trotzdem ich weiss, dass ich dich liebe, wie kann unsere Liebe dann verschieden sein? Erinnerst du dich an unser Spiel, wo wir uns ein Tier aussuchten, das uns representieren sollte? Du wolltest ein Delphin sein, und du warst auch einer. Nur was ist geschehen? Ich seh noch immer das Meer in dir, aber ich seh keinen Delphin. Es stimmt mich so traurig, traurig fuer dich und traurig fuer mich. Die Welt ist doch ein riesiger Tummelplatz, – und heisst der Delphin nicht auch „Tuemmler“?“

    „Delphindame an Delphin – wo bleibst du – stop – siehst du nicht die show laufen? – stop – Ende.“

    „Bin beschaeftigt – stop – Ende“

    „Womit – stop – Ende.“

    „Insel finden fuer uns zwei – stop – Ende“

    „Aber wir schwimmen doch an ihnen vorbei – stop – warum suchen – stop – Ende“

    Er schuettelt vielsagend den Kopf. Sie steigt aus dem Meer seiner Augen.

    „Du erkennst nicht meine Liebe zu dir?“ sagt er. „Wie seltsam! Schau in den Spiegel! Kennst du dich nicht?“ Er bleibt still und wartet.

    Doch sie ist verwirrt. Sie horcht in sich hinein. Der letzte Satz resoniert in ihr wie ein Echo, das nicht zur Ruhe kommt.„I c h b i n d e i n e Liebe?“ wiederholt sie, das ‚bin‘ betonend, aber es ist keine wirkliche Frage, sondern eher der Versuch, sich selber Klarheit zu schaffen.

    Als sie ihm keine Antwort gibt, fragt er sie schlieslich: „B i n i c h n i c h t deine Liebe?“

    Zoegernd antwortet sie: „Ich hab noch nie so darueber nachgedacht. Ich liebe einfach, ich gebe meine Liebe weiter. Ich liebe dich, das heisst, ich gebe dir meine Liebe. Aber bist du meine Liebe? Ich weiss nicht! Ich komm mit dem Text nicht klar!“

    „Macht nichts,“ sagt er gutmuetig, „ich geb dir alle Zeit, darueber nachzudenken.“

    Nun ist es wieder ganz still. Nur sie hoert nicht auf zu traeumen vom gruenen glasklaren Meer. Irgendwo da draussen spielt eine Schar Delphine. Sie sieht ihre Leiber im Sonnenlicht glaenzen und dann wieder schattengleich im Wasser dahinfliegen. „Oh Gordon!“ seufzt sie. „Ich wuerde so gerne mit dir lachen und dich lieben!“ Doch Gordon ist verschwunden und rundum ist es schwarz.

    Der harte Stein, auf dem sie kauert, bohrt sich in ihren mageren Koerper und erinnert sie daran, wie weit weg sie ist von Licht und Schatten, ja von allem, das einmal ihre Welt war. Wo sind wohl ihre Kameraden? Sie tasted um sich und spuert die Wand hinter ihr. Genug, um sich zu erinnern, wo sie ist, nur hat sie jetzt keine Orientierung. Egal in welche Richtung sie auch ginge, sie wuesste nicht, ob sie Ger und Oliver finden wuerde, die sie, wer weiss wann, zurueckgelassen hat, oder, ob sie auf Rocky stossen koennte, der irgendwann sie zurueckgelassen hat, um nach etwas zu suchen, was auch immer das war. Richtig! Sie ist in den Uhrturm gegangen. Sie hat alles zurueckgelassen, nicht nur Zeit! Nur irgendwo muss doch das Uhrwerk sein! Sie horcht angestrengt. Nichts ist zu hoeren. „Hallo Sensenmann!“ ruft sie. „Du kannst dich nun ruhig zeigen. Du bist doch irgendwo hier drin, nicht wahr? Wirf deinen schwarzen Mantel ab, zeig dein Gesicht, auch wenn du nur ein Haufen Knochen bist, deine Gesellschaft ist mir hoechst willkommen!“ Sie wartet. Doch Sensenmann kommt nicht. Wahrscheinlich will er sie eines Besseren belehren, naemlich, dass man im Sterben alleine ist. Es mag troestlich sein, wenn einem dabei jemand die Hand haelt, oder vielleicht auch nicht, wenn man das Weinen und Trauern der Zurueckbleibenden vernimmt. Wie dem auch sei, niemand kann mit einem gehen und vielleicht ist das Alleinsein doch am besten. Nichts stoert, nichts lenkt ab, nichts haelt zurueck.

    ‚Wie lange wird es wohl noch dauern‘, fragt sie sich ungeduldig. Worauf wartet sie! Sie will nicht warten! Besser, sie konzentriert sich auf ihren Atem. Besser mit sich im Frieden sein, Frieden drinnen, Frieden draussen, Wellen, die in die Ferne laufen.

    Aber da ist ploetzlich Gordon wieder. Nur diesmal ist er nicht allein und da ist auch kein Meer. Sie sitzen sich an einem Spieltisch gegenueber, als waeren sie in einem Kasino und sie hat ein Paeckchen Karten in der Hand. Sie mischt, teilt aus. Ihre langen Haare glaenzen und werfen Schatten ueber ihre Augen. Er sieht ihr zu, schweigsam, reglos, unnahbar. Das ist eine Runde mit Pokerface, allein des Spieles wegen, denn der Einsatz ist ungenannt.

    „Spielmann!“, ruft sie ins Schwarz. „Spielmann! Spiel mir das Lied vom Tod!“ Und waehrend eine Mundharmonika von Hass und Vernichtung erzaehlt, pokern sie.

    „Zwei Karten!“ sagt er. Eine fuer sie. Aber es ist nur ein Bluff, denn sie hat garnichts und eine Karte macht da gewiss keinen Unterschied. Sie beobachtet ihn mit halbgeschlossenen Augen aus dem Schatten ihrer Haare. Kann sie ihn lesen? Er sitzt da wie Stein, mit starrem Gesicht und Pupillen wie Stecknadelkoepfe, so klein. Sein kahler Kopf glaenzt metallen. Pokerface! Aber dann fuehlt sie sein Herz schlagen und den Hauch seines Atems. Es wird ihr mit einem Mal klar: Er geht durch eine Hoelle. Sie schaut ihre neue Karte an. Nun, jetzt hat sie ein zweites As. Er sitzt noch immer regungslos.

    „Also,“ sagt sie. „Dein Einsatz!“

    Forschend sieht er sie an, seine Augen gleich gruenen Flammen. Dann legt er die Karten nieder.

    „Ich will nicht mit dir spielen!“ sagt er bestimmt.

    „Du meinst, du koenntest verlieren?“ fragt sie kuehl

    Er schuettelt heftig den Kopf. „Nein,“ sagt er, „verstehst du denn nicht? Ich liebe dich. Ich will die Insel fuer uns zwei!“

    „Nein,“ erwidert sie. „Ich verstehe dich nicht.“ Doch auch sie legt die Karten nieder.
    „Spielmann,“ ruft sie erneut ins Schwarz. „Spiel mir noch einmal das Lied vom Tod.“ Aber da kommt keine Melodie mehr, denn auch der Spielmann ist tot.

    Sie streift die Karten zusammen und steckt sie gedankenverloren weg. Ist sie eine Spielerin? Ist nicht Gordon der Spieler? Seltsam! Sie sind beide Spieler, nur spielen sie aus anderen Gruenden und mit verschiedenem Einsatz. Er will eine Insel suchen! Gewiss, es ist fuer sie zwei. Aber! Waehrend er sucht, laesst er sie allein! Auch sie laesst ihn allein, aber nicht um eine Insel zu finden, sondern weil es Umstaende gibt, die nichts anderes zulassen. Sie ist seine Liebe? Warum sucht er dann nicht sie? Und er? Ist e r ihre Liebe? Nein! Sie liebt ihn von Herzen, aber es ist ihre Liebe, die sie gibt. Er spielt um eine Insel und sie ist sein Einsatz. Sie spielt um ihn und setzt ein, was ihr zur Verfuegung steht.

    Sie stehen auf. Hand in Hand schreiten sie in einen Saal, wo Roulette gespielt wird. „Rien ne va plus“ hoert sie den Groupier sagen. ‚Klick‘ macht die fallende Kugel, springt unruhig herum, waehrend das Rad sich dreht und der Ton der rollenden Kugel schliesslich langsam verklingt und mit einem „pop“ zur Ruhe kommt. Dann ist es wieder ganz still.

    „Ach Gordon“, sagt sie, „vergiss die Insel! Lass uns doch einfach nur zusammen sein!“

    Doch Gordon ist nicht an ihrer Seite, noch ist da ein Casino. Sie ist allein, irgendwo, nirgendwo, in einer schwarzen lautlosen Welt, wo sie nichts anderes tun kann, wie traeumen. Und sie traeumt von einem gruenen glasklaren Meer, in dem die Delphine spielen und sie ist mitten drin.

    Da gibt es Traeume im Leben, die man wohl nie verwirklichen kann. Oder vielleicht bedarf es mehrer Leben, um zumindest einen wahr zu machen. Oder vielleicht ist alles nur ein Traum. Vielleicht wacht sie auf und stellt fest, dass nichts, was sie glaubt erlebt zu haben, tatsaechlich stattgefunden hat, dass sie weder ihr Gedaechtnis verloren, noch je in einem Haus gewesen ist, das sie gefangen gehalten hat, noch, dass sie sich im Inneren eines Berges befindet und ihr Leben verliert.

    Doch der Traum ist so wirklich! Der Steinboden, auf dem sie sitzt ist so hart, dass sie unruhig geworden, von einer Seite zur anderen wetzt. Ihre Sitzpolster sind weggeschrumpft und die Haut ueber den Knochen ist wund. Und da ist auch eine Wand in ihrem Ruecken! Das kann kein Traum sein! Nur, wo ist sie? Ach richtig, sie war im Zeitturm, wo es keine Zeit gibt! Sie wollte bloss durchgehen, nicht verweilen. Nur! Die Uhr ist stehengeblieben Es gibt kein weitergehen mehr. Tatsaechlich! Gordon ist besser dran, nach seiner Insel zu suchen. Hier drin mit ihr waere er verloren. Sie faengt zu lachen an, lautschallend. Es wird von den Waenden zurueckgeworfen, so dass es der reinste Irrsinn ist. Freilich! Wahnwitz und Irrsinn gehoeren zusammen und sie lacht noch mehr, denn wahrlich, wirklich, verrueckt oder nicht, alles ist zum Lachen und wenn sie schon nicht der Narr ist, dann ist sie sicher ein Clown.

    Sie kramt in ihren Taschen, ohne zu wissen, warum. Sie ist im Besitz eines alten, zusammen geknuellten Papiertaschentuches, einem Minifeuerzeug und einem Stift. Sie probiert das Feuerzeug, aber es hat ausgedient. Sie laesst es achtlos fallen. Der Stift ist allerdings sehr brauchbar. Es ist ein Fuellstift, wie sie an seiner weichen Spitze erkennen kann. Warum er allerdings in ihrer Tasche ist, das hat sie vergessen.

    Nun! Sie hat zwar kein Papier auf das sie etwas zeichnen oder schreiben koennte, aber sie hat genug Waende, die tuns auch und sie macht sich sofort daran, Theorie in die Praxis umzusetzen. Sie kritzelt ein paar Buchstaben : – ‚Femina‘ – Wow! Der Filzstift malt leuchtend gruen. Phantastisch! Damit kann sie ihre Zelle gestalten, ja umgestalten zu allem, was ihr einfaellt. Sie zieht ein paar Linien, rauf und runter und schraeg zusammen, sie laesst Berge entstehen und dann Daecher und Wolkenkratzer, New York flimmert in gruen. Und dann hat sie es mit Palmen und einer gruen bestickten Oase und dann malt sie einen Baum mit Voegel darin. Darunter ist wohl eine Kraehe, denn sie schreit kraechzend und aufgeregt, und darauf folgt hysterisches Lachen. Kookaburras!* Ein Schwarm flattert und schaekert im gruenen Laub, so dass sich die Kraehe lieber davonmacht. Wahrscheinlich gefaellt ihr der Witz nicht, ueber den die Kookaburras so lachen, oder sie hat keinen Sinn fuer Gelaechter und laermender Nachbarschaft. So gut Femina die Party im Baum auch gefaellt, sie zieht mit ihren Filzstift zu einer anderen Wand. Sie malt eine grosse Tuere mit einer handlichen Klinke in einer ihr gefaelligen Hoehe, so dass sie sie leicht fassen kann. Sie betrachtet die Tuer vor sich, bewundert ihr Kunstwerk, denn die Konturen scheinen geradezu dreidimensional zu sein und flirren wie eine Leuchtreklame in wundersamem Gruen, vorallem die Klinke, die sie voll ausgemalt hat. Fasziniert und spasseshalber fasst sie sie an und trotzdem es nur Licht ist, in das sie greift, es macht ploetzlich „Knacks“ und die Tuer oeffnet sich. „Mein Gott“, sagt sie erstaunt. „Lassen sich alle Gefaengnisse so leicht oeffnen?“ Ah richtig, sie ist nicht im Gefaengnis. Da ist ja eine offene Tuer! Vielleicht ist Gefaengnis ohnehin nur ein anderes Wort fuer Resignation. Jedes Gefaengnis laesst sich schliesslich oeffnen, und sei es auch nur mit einem Gurt um den Hals.

    Sie rappelt sich hoch, kann sich aber nicht auf den Beinen halten. Und durch die offene Tuer stroemt noch mehr Licht, und zwar so hell, dass sie ihren Kopf verbirgt, denn ihre Augen vertragen diese Helligkeit nicht. Und die Kookaburras lachen noch immer wie verrueckt. Vielleicht lachen sie ueber sie, oder darueber, dass Tag und Nacht eine Muenze mit zwei Seiten ist. Das i s t ein Scherz! Oder? Denn so zweigestaltig, wie sie sich zeigen, sind sie doch nur 24 Stunden, nicht mehr wie eine Erdrotation. Warum wohl sonst wuerden die Kookaburras so unbaendig lachen!

    Sie vermeint einen grossen schwarzen Vogel aus dem gruenen Laub auf sie zufliegen zu sehen. Er breitet seine Schwingen aus und ploetzlich fuehlt sie sich hochgehoben und fortgetragen, ihr Koerper warm und wohlig zugedeckt von weichen Federn und zum Schutz fuer ihre Augen. Nicht lange, dann legt der Vogel sie in sein warmes Nest. Da sind noch zwei andere Junge und sie alle sind hungrig.

    „Trink Femina,“ hoert sie den grossen Vogel sagen und er floesst ihr Wasser ein. Das Nass ist das Koestlichste, das sie je zu sich genommen hat. Es breitet sich aus in ihrem Mund wie sanfter Regen. Risse und Spalten fuellen sich, jeder einzelne Tropfen ein Labsal und sobald sich ihre Schleimhaeute gesaettigt haben, bleibt genug uebrig fuer ein Rinnsal in den Schlund. Ein Schluck, zwei Schlucke, drei Schlucke, mehr, mehr will sie haben, aber sie kriegt nicht mehr.

    „Das ist fuer’s erste genug,“ sagt der Vogel. „Sorg dich nicht! Du kriegst soviel du willst, nur brauchst du etwas Geduld, bis dein Koerper besser damit fertig wird. Schlaf nur, ruh dich aus. Wir sind gerettet! Wir muessen nur etwas Zeit erlauben, so dass wir uns anpassen koennen, ohne Schaden zu nehmen.“
    Was fuer einen schoenen Gesang dieser Vogel hat. Er erinnert sie an eine Stimme, eine dunkle warme Stimme. ‚Gerettet‘, hat er gesagt. Was er damit wohl meint? Ah, er hat recht! Sie muss etwas schlafen. ‚Sie braucht sich nicht zu sorgen‘, hat er gesagt. Er wird ihr bringen, was sie braucht.
    *
    *) Kookaburra oder Lachender Hans, australischer Vogel

  • DNS II, Kapitel 6, Teil 9

    Oliver’s Zustand ist natuerlich ein Problem. Unmoeglich kann er die Leiter runtersteigen und wie er die enge Wendeltreppe bewaeltigen wird, ist ebenso fraglich. Nach einigem Hin und Her beschliessen sie, ihn in einem Schlafsack runter zu lassen. Danach muss er sich allerdings selber die Treppe hinunter quaelen, wobei die soliden Seitenwaende, und sie als Vor- und Nachhut, sein etwaiges Fallen verhindern koennten.

    Das Runterlassen funktioniert besser als erwartet, nur der Abstieg ist wesentlich anstrengender. Der Schweiss rinnt ihnen in Stroemen von der Stirn, denn neben der vorherrschenden Waerme, stickigen Luft und mit ihren Sachen beladen, muessen sie auf den Verletzten achten und darauf gefasst sein, dass er sie durch sein Stolpern selber zu Fall bringen koennte. Man hoert ihn auch immer wieder stoehnen. Obwohl ein Zeichen seiner Qual, fuer sie ist es geradezu hilfreich, da sie stets daran erinnert werden, bloss nicht unvorsichtig zu sein oder in Eile verfallen zu wollen. Als sie endlich den Schacht hinter sich lassen koennen und in der Werkstaette landen, atmen sie erleichtert auf.

    Mit einem Plumps faellt das Gepaeck zu Boden. Aus ihren Gesichtern verschwinden die verbissenen Zuege und aus Oliver’s Atmen das Seufzen. Er laesst sich sofort niedersinken, gleich dort, wo die letzten Stufen enden, hat aber grosse Muehe mit dem Sprechen. Femina fuerchtet, dass die Schwellungen noch immer zunehmen. Es mag aber auch nur eine trockene Kehle sein, die sein Reden erschwert. Einen trockenen Mund haben sie naemlich alle, und zwar so trocken, dass ihnen die Zunge am Gaumen klebt.

    Nicht dass sie sich hier aufhalten wollen, nur muessen sie schon aus praktischen Gruenden eine Pause einlegen und auch wenn es keiner ausspricht, ist es jedem mehr als recht. Gierig leeren sie die Wasserflaschen, die sie im Kuehlschrank vorfinden, und noch einige mehr aus den Vorratskisten, die daneben stehen. Keiner langt nach Bier oder anderwertigem Alkohol, ausser Femina. Sie holt sich zwei Flaschen hochgradiger Spirituosen unter den Blicken allgemeiner Verwunderung. „Medizinische Gruende“, sagt sie kurz, worauf Oliver auf einen schmalen Metallkasten deuted, der sich als „Hausapotheke“ herausstellt und gut bestueckt ist mit allerlei Notfallsbinden, Verbandszeug und was man fuer die Erstversorgung von Wunden so braucht, wie Desinfektionsmittel und Antibiotika; gut genug fuer kleinere „Unfaelle“, nicht fuer grosse Verletzungen. Dazu waere der Inhalt nicht ausreichend, – im Gegensatz zu den Schmerzmitteln, – von denen gibt es mehr als genug. Sie koennte sogar eine Notoperation durchfuehren!

    Femina sucht sich sogleich die passenden Schmerztabletten hersaus und macht sich ueber Oliver her. Sie will ihn auf keinen Fall betaeuben, sondern nur so gut wie moeglich schmerzfrei halten, nicht nur fuer jetzt, sondern vor allem fuer das, was noch auf sie zukommen wird. Nichts wird einfach sein, davon ist sie ueberzeugt. Sie packt daher den gesamten Vorrat ein, nebst allen anderen Dingen, die sie fuer notwendig und brauchbar haelt. Dazu zaehlen auch die Spirituosen. Die Maenner werfen sich verstohlene Blicke zu, mit einem vielsagenden Laecheln um den Mundwinkeln. Sie bemerkt trocken, dass sie sich ebenso wuenschen wuerde, die guten Tropfen nicht zweckentfremden zu muessen, aber vorerst betrachte sie sie als Teil ihrer Reiseapotheke. Punktum! Das genuegt, um sie sogleich auf das Wesentliche zurueckzubringen, naemlich, wie es weiter gehen soll.

    Natuerlich, soweit sie das beurteilen koennen, kommt kein Gang des unterirdischen Labyrinths als Fluchtweg in Frage, egal wie selten er benutzt wird, und schon garnicht ohne sorgfaeltiger Planung. Die Augen der Zentrale sind schliesslich ueberall. Damit aber richten sich ihre Augen erwartungsvoll auf Oliver, denn nur er hat, zumindest erwarten und erhoffen sie sich das, die entsprechenden Kenntnisse von Anlage und Organisation. Beklemmende Stille kommt auf, gefolgt von erleichtertem Aufatmen, als Oliver zu verstehen gibt, dass in der Tat ein voellig geheimer Fluchtweg existiert. ‚Niemand wuesste darum,‘ sagt er, denn Wilson habe nur ihn eingeweiht, als ‚Beweis seiner Liebe und Ergebenheit fuer ihn‘. Femina verzieht spoettisch ihren Mund. Glaubt er denn wirklich, was er sagt? ‚Armer Adonis! Wie naiv du doch bist! D U bist ihm ergeben! Es ist ganz gewiss nicht umgekehrt!‘ Allerdings hat er recht damit, sie zur Eile anzutreiben. So unberechenbar und argwoehnisch wie Wilson ist, koennte er ihnen schneller auf den Fersen sein, als sie glauben. Zeit spielt, ohne Frage, eine entscheidende Rolle.

    Leider beginnen die Hindernisse bereits mit Oliver‘s eingeschraenktem Sprechvermoegen. Es ist fuer ihn und fuer sie ein Problem. Er hat Muehe sich auszudruecken, sie haben Muehe, ihn zu verstehen. Femina ueberlaesst es den Maennern, sich zu frustrieren. Waehrend sie sich um Oliver scharen, bleibt sie still und gedankenverloren auf ihrem Schemel sitzen. Ihre Augen schweifen ziellos umher. Jetzt erst faellt ihr auf, dass keine der grossen Figuren zu sehen sind, an denen sie die Maenner hat arbeiten sehen. Wo die hingekommen sind, wird allerdings ein Raetsel bleiben muessen. Warum auch nicht! Es ist ohnehin egal! Alles ist egal! Alles was ist, war oder sein wird! Wozu sich Gedanken machen! Wozu ueberhaupt denken? Es bringt ohnehin nichts. Der Strom ihrer Gedanken beginnt zu versiegen und der Rest verfluechtigt sich, grad so, als schluerfte eine heisse Sonne die letzten Tropfen auf. Nur, ihr Verstand will diesen Gleichmut nicht akzeptieren. Noch ist sie nicht tot! ‚Warum sich tot stellen?‘ fragt er noerglerisch. Neue Rinnsale, neue Gedanken melden sich. Und somit wendet sie ihre Aufmerksamkeit doch wieder den Maennern zu.

    Oliver deutet auf eine mit Werkzeugen behangene Wandpanele. Sie laesst sich, wenn man an einem bestimmten Haken zieht, zur Seite schieben. Rocky springt sofort in Aktion und so wie die Panele auf der einen Seite entlang gleitet, oeffnet sich ein mannhohes dunkles Loch auf der anderen. Aus ihm weht kuehle Luft.
    „Licht?“ fragt Rocky. Wenn das ihr Fluchtweg sein sollte, brauchen sie auf jeden Fall Lampen, oder andere brauchbare Lichtquellen.

    Oliver winkt ihn nach draussen. Mit einer Arbeistslampe versehen, verschwindet Rocky denn sogleich, Dan und Ger hinterdrein. Femina hoert einen anerkennenden Pfiff, zu dem Oliver lallende Erklaerungen abgibt. Dort draussen findet sich naemlich alles, was fuer eine Flucht notwendig und nuetzlich waere. ‚Wilson sorge selber dafuer.‘ Mit gutem Willen kann Femina doch einiges von dem verstehen, was er sagt und den Rest kann sie erraten. Ihr steigt die Gaensehaut auf. Ihre Vermutungen, in wieweit wirklich nur Wilson und Oliver diesen Fluchtweg kennen wuerden, lassen naemlich greuliche Gedanken zu. Vielleicht hat Wilson alle aus dem Weg geraeumt, die etwaige Kenntnisse hatten, grad so wie die Pharaonen das zu tun pflegten, um ihre Grabkammern geheim zu halten. Sie traut ihm alles zu. Oliver hat bloss die rosarote Brille auf, die Liebende deluded, oder er lebt in Ignoranz, weil er die Wahrheit nicht ertragen kann. Was solls! Er kennt den Weg und das ist im Moment das Wichtigste!

    Von nebenan hoert man mehr erfreuliche Ausrufe und gleich danach flammt gruenes Licht auf, das das finstere Loch zu einer gruenen Hoehle macht. Rocky kommt mit einem Buendel milchig transparenter Plastikstaebe heraus, etwa 20cm lang, fingerdick und offensichtlich leichten Gewichts. Er knickt einen Stab in der Mitte und schon stroemt durch ihn gruenes Licht. Genial! Phosphorleuchtstaebe! Sie geben genug Licht, jeder Stab fuer einige Stunden, und man kann sie muehelos handhaben und an sich stecken, oder wo auch immer man sie haben will, so dass die Haende frei bleiben.

    „Wilson hat wirklich fuer alles gesorgt!“ sagt er anerkennend. „Nicht nur was das Licht angeht! Es gibt naemlich auch noch ein paar Kopflampen. Und es gibt Schusswaffen, Dynamitstaebe und sogar Granaten! Und ebenso genug Proviant! Pulverisiert und dehydrierte Mahlzeiten; – der Vorrat reicht fuer Wochen! Da ist auch ein Seil und sogar Kletterzeug und Notfallsdecken. Und,“ er macht zum Zeichen der Wichtigkeit eine Atempause, „……jede Menge Munition! Allerdings,“ wieder kleine Pause, „obwohl da auch Campingzeug ist, Wasserbeutel gibt’s keine.“ Fragend blickt er Oliver an.

    Der zuckt die Schultern, deutet aber mit dem Kopf in Richtung Hoehle. Wasser scheint kein Problem zu sein. Ausserdem, gibt er zu verstehen, sei ihr Fluchtweg ohnehin kurz genug, so dass man sich mit nichts zu belasten braeuchte. Wilson habe nur alles moegliche angesammelt, sozusagen fuer alle Faelle; Wasserbeutel fand er eben nicht wichtig genug.

    „Ja,“ meint Rocky zoegernd, „das mag durchaus so sein und zuviel Zeug ist ohnehin nur eine Belastung! Trotzdem! Ich will einiges mitnehmen, vorallem Wasser, – und Proviant. Der Weg wird uns mehr Zeit kosten, als du glaubst. Du bist schliesslich verletzt und wer weiss…. Wann bist du das letzte Mal da drin gewesen?“ Oliver muss zugeben, dass es sicher Monate her sei, wenn nicht laenger.

    „Also weisst du nicht, ob sich was veraendert hat. Abgesehen davon, dass du damals auch fit warst,“ faehrt Rocky fort. „Ich weiss, dass es in diesen Bergen Hoehlen und Hoehlensysteme gibt. Freilich, nur einige sind bekannt und nicht alle sind stabil! Dass Wilson unser Haus hier gebaut hat, ist natuerlich kein Zufall und schon garnicht, dass er sich einen Fluchtweg sichern konnte. Wohl frag ich mich, wieviel er wirklich weiss, und ob….., oder vorallem, wer ihn informiert hat….. Keiner unserer Leute gibt die Hoehlen preis, jedenfalls nicht, ohne guten Grund zu haben.“

    Er schweigt kurz, um dann fortzufahren: „Na ja! Dass es Hoehlen gibt, ist bekannt! Man schenkt ihnen nur keine Beachtung, weil man sie generell fuer nutzlos haelt; zumindest trifft das auf die zu, die man bisher gefunden hat. Fuer uns sind allerdings alle wertvoll! Und, offensichtlich, sind sie das auch fuer unsere Organisation. Das ist Wilson zu verdanken! Mag sein, er hat die Hoehlen hier sogar selber entdeckt und gleich erkannt, wie zweckdienlich sie sind. Na ja! Er ist nicht umsonst ‚top dog‘!“

    Auf neugierige Fragen geht er im Moment nicht ein. Wie Oliver, draengt er zum Aufbruch. Er holt sich zwei Satteltaschen, von denen mehrere in einer Ecke haengen und veschwindet mit ihnen. Als er wieder herauskommt, hat er ein Gewehr in der Hand und einen Gurt mit Messer am rechten Oberschenkel.

    „Fertig“, sagt er, „gehen wir!“

    Dan und Ger waren auch fleissig gewesen. Sie hatten das Notwendigste ihrer persoenlichen Sachen in Ger‘s Seemannsack verstaut und die Schlafsaecke, in Dan’s. Auf Rocky’s Anraten, nehmen sie Werkzeug, einige Wasserflaschen und soviel Munition wie moeglich, mit. Waren sie zuvor nur mit wenigen Dingen ins Quartier gekommen, jetzt sind sie voll bepackt, obwohl Oliver dagegen ist und immer wieder darauf hinweist, dass sie nicht allzu lange im Berg sein wuerden. Rocky gibt nicht nach. „Besser vorsorgen, als ueberrascht werden,“ meint er. Und somit nimmt er Seil, Kopflampen und alle Leuchtstaebe mit, von denen sogar einige Buendel in Femina’s Tasche landen, soviel sie eben Platz hat. Er besteht auch darauf, dass jeder ein Gewehr hat. Auch Femina, trotzdem sie nicht einmal weiss, wie man damit umgeht. Freilich, das meiste ihrer peroenlichen Habe, einschliesslich Motorraeder, bleibt zurueck. Niemand verliert darueber ein Wort. Man kann alles verlieren, ohne Drama, ohne Klagen, wenn es einem ans Leben geht.

    Rocky, gewiss staerker als Dan oder Ger, scheint recht schwer beladen zu sein. Auch wenn sich die beiden nicht aeussern, man sieht ihnen an, dass sie abwaegen, wie schwer seine Last sein mag. Sie werden sich beim Tragen abwechseln muessen, da Oliver Hilfe braucht, wenn nicht ohnehin einer von ihnen voellig mit ihm belastet sein wird. Rocky scheint sich darueber nicht zu besorgen, obwohl er, fast unwillkuerlich, in die Rolle des Fuehrers geschluepft ist und so tut, als sei es das Selbstverstaendlichste der Welt. Sie protestieren nicht, nicht einmal Dan, der ungern an zweiter Stelle steht.

    Femina hat erst recht nichts dagegen. Mit seiner braunen Haut, bemerkenswerterweise ohne Taetowierungen, breitem Gesicht und breiter flacher Nase, sowie wulstigen Lippen und dem stark gewellten, schwarzen Haar, hat sie, als sie ihn zuerst sah, sofort angenommen, dass er von den hiesigen Ureinwohnern abstammte. Sie weiss nicht viel ueber dieses Volk, ausser dass sie die Ueberlebenden einer massiven Invasion waren, die vor noch garnicht allzu langer Zeit stattgefunden und mit der man sie einfach ueberrannt und nahezu ausgerottet hat. Sie wollte immer schon mehr darueber erfahren, mehr jedenfalls, als man aus den Geschichtsbuechern erfahren kann, und am besten von den Betroffenen selber. Nur ist es nicht einfach, mit ihnen in Kontakt zu kommen, verstaendlicherweise, nicht nur, weil die verbliebenen Staemme, Familien genannt, seit ihrer Unterwerfung in extrem entlegenen Landstrichen leben. Nicht freiwillig allerdings! Es war ihnen aufgezwungen worden, da es die neuen Herren als die praktischste Loesung fuer ihr Problem sahen, naemlich, was man mit diesen Ueberlebenden anfangen sollte. So erkannte man ihnen Gebiete zu, fuer die man ohnehin keine Verwendung hat und wo zudem niemand leben will, weil die meisten nicht einmal wuessten wie, oder gar, dass man dort sehr wohl ueberleben kann. Im Gegensatz zu den Eingeborenen, obwohl sich auch die aus besagten Gruenden, nicht sesshaft machten, sondern jene Landstriche nur als Nomaden durchstreiften. An ihrem Fortbestand war man natuerlich nicht interessiert, und leider, die Mehrheit der Bevoelkerung ist es auch heute noch nicht, entgegen einiger Bemuehungen.

    Die Wunden dieser Ereignisse sind selbstverstaendlich nicht verheilt, sondern sind grad so roh, wie die Landschaft und Lebensbedingungen dieser Reservate. Trotzallem, oder einfach nur zwangslaeufig, findet langsam ein Vermischen der Rassen statt, wobei allerdings die kulturelle Kluft nicht ueberwunden wird, und schon garnicht nicht die soziale. Man sieht, mit wenigen Ausnahmen, auf deren Nachfahren und erst recht auf die „primitiv“ lebenden Ureinwohner hinab, als seien sie allesamt minderwertige Menschen. Das Schicksal dieses Volkes ist keine Ausnahme. Die Geschichtsbuecher sind voll mit Ereignissen dieser Art. Und leider sind Fakten und Daten nur zweckdienlich, nicht jedoch genug Information. Man muss ueber die nackten Tatsachen schon hinausgehen, will man ein besseres Verstaendnis fuer die Ereignisse haben und Einsicht in die Umstaende gewinnen. Damit stellt sich aber auch schon die Frage, inwieweit man historischen Berichten trauen kann. Papier ist geduldig und Geschichtsbuecher berichten nur das, was man auf ihre Seiten zu schreiben erlaubt. Sie hatte sich immer fuer Geschichte interessiert; frueher, weil es sie besser unterhielt als jeder Roman, heute, weil sie es als menschliches Erbgut sieht, sozusagen, als Schatzgrube fuer den Geist. Genau betrachtet ist Geschichte eine Form der Vererbung. Sie ist schlichtweg, geistiges Erbgut. Doch ist dieses Erbgut wesentlich anfaelliger fuer Manipulationen; es ist nicht wie im biologischen Erbe, wo die Datei in den Genen liegt und nicht in Bibliotheken, oder wo das Gesetz der Natur fuer Kontrolle und Auslese sorgt, mit geregeltem Codieren und effektivem Datenschutz. Das dient dem Zweck des biologischen Fortbestands und dessen Spezialisierung, auch wenn es selbst dort zu so manchen Fehlleistungen kommen kann. Es ist erst recht nicht so einfach oder geregelt, wenn man es mit Geistigem, dem ‚Geist‘ schlechthin, zu tun hat. Biologische Vererbung ist, wie die Materie selber und wie Materie es bedingt, stabiler als die des Geistes. Der Geist ist schliesslich fluechtiger Natur und eben labil. Zwar laesst er sich in der Materie stabilisieren, nur ist der Prozess komplizierter und wesentlich anfaelliger fuer Probleme, entsprechend der komplexen Spezialisierung. (Je leistungsfaehiger man den Motor macht, desto anfaelliger ist er fuer Fehlleistungen und Schaeden!) Zudem dient geistiges Erbgut nur bedingt der biologischen Funktion des Gehirns, (wo der Geist schliesslich nur seinen Ausdruck findet), als der Expansion des Geistes selber und dessen Faehigkeiten, wie Intelligenz und intellektuelles Wachstum. Und das laesst sich leicht und erst recht manipulieren. Wie sich das auswirkt, zeigt sich in allem und jedem, was der Mensch tut. Er hat prinzipiell keine Ahnung, was die Natur seines Geistes betrifft und er ist ein leichtes Opfer, sich irre fuehren zu lassen. Wer also historischen Berichten bedingungslos glaubt, waere grad so naiv, wie Oliver, der seinem Geliebten traut. Sie haelt schmunzelnd inne: Hat ihr Geist nicht gerade demonstriert, wie fluechtig er ist? Und das in Umstaenden, so voellig ungeeignet!

    Obwohl willkommen, ist sie durchaus ueberrascht, vorallem unter Wilson‘s Dach, mit einem Angehoerigen dieser Minderheit in Kontakt zu kommen. Rocky ist freilich nicht der Prototyp des Ureinwohners, und auch nicht gerade der Stellvertreter ihrer Kultur oder seiner Ahnen. Wer weiss, ob er sich, abgesehen vom biologischen Erbe, das er nun einmal hat, ueberhaupt mit ihrer Kultur identifizieren will. Er ist schliesslich ein Desperado! Sie darf jedoch annehmen, dass er zumindest mehr ueber die lokalen Verhaeltnisse Bescheid weiss, als die verhassten neuen ‚Herren‘, was im Moment nur ein Vorteil sein kann.

    Der Weg, dem sie folgen, ist tatsaechlich ein trockener Wasserlauf. Es geht steil nach unten und er ist an manchen Stellen mit Steinstufen versehen, naemlich dort, wo schiere Klippen den Lauf fragmentieren. Manchmal breiter, dann wieder nur eine tiefe Rinne, er ist unterschiedlich schwierig zu begehen. Oliver, trotz aller Anstrengung und bewundernswerter Willenskraft, schafft den Abstieg nur in Etappen. Sie muessen immer wieder auf ihn warten und Hilfe geben. Stellen zum Rasten finden sie vorallem in den wannenartigen Vertiefungen. Manche sind gross und tief genug, dass man, waeren sie voll mit Wasser, in ihnen baden oder sogar, schwimmen koennte. Rocky ist davon ueberzeugt, dass hier waehrend der Regenzeit nach wie vor Wasser fliesst. Vor allem in extremen Regenzeiten, wenn sich die der Bergkette vorliegenden Ebenen zu riesigen Seen verwandeln, weil die Erde das Wasser nicht mehr aufnehmen kann und wenn selbst die bewaldeten Berge mit den Regenfaellen nicht fertig werden und versuchen, sich der enormen Mengen so schnell wie moeglich zu entledigen. Unter Umstaenden, das heisst, in hoechst seltenen, aber katastrophalen Sturmereignissen, koennte es sogar zu Sturzfluten kommen, die ausgetrocknete Wasserlaeufe, Baeche, ja selbst kleinste Rinnsale in ploetzliche Todesfallen verwandelten. Zu Femina’s Erleichterung findet er keinen Hinweis, dass sich hier derartiges ereignet haette, nicht in juengster Zeit jedenfalls. Wohl mag der Lauf in Regenzeiten Wasser fuehren, aber nichts von zerstoererischer Art und schon garnicht jetzt, waehrend der Trockenzeit. Wasser ist natuerlich der Baumeister dieser unterirdischen Hoehlenwelt. Und was fuer ein grossartiger Baumeister es ist! ‚Er liebe die Hoehlen,‘ sagt er. Er und Angehoerige seiner Familie benutzen einige sogar als Wohnstaetten, vorallem, wenn Hitze oder Regenfaelle so extrem sind, dass man ihnen entfliehen muss, will man nicht ihr Opfer werden. Zudem gewaehrten sie Schutz vor Feinden. Femina wundert sich zwar, wen er damit meinen koennte, unterbricht ihn aber nicht. In jenem Teil der Bergkette, zum Reservat seiner Familie gehoerend, habe sich das Wasser im soliden Fels ein weit verzweigtes Labyrinth geschaffen, mit Kammern von glasklarem Wasser, natuerliche Zisternen, sowie Tuempel und kleinere Seen und zahlreiche Wasserkanaele, die unterirdisch in den See muendeten, eben jenem, den sie bereits kennen gelernt haben. Es gaebe aber auch noch Hoehlen, die einer Maerchenwelt gleich kaemen, die in Juwelen funkelten und sich in stillsten Gewaessern spiegelten. Ueber sein Gesicht huscht kurz ein verklaertes Laecheln, ohne aber inne zu halten, faehrt er fort. Er sei sicher, dass sie es auch hier mit einem weitlaeufigen Hoehlennetzwerk zu tun haetten, mit dem er allerdings nicht vertraut war. „Uebrigens!“ fuegt er stolz hinzu. „Die Hotelbar, die ihr besucht habt, ist von einem Onkel aus meiner Familie gestaltet worden! Er ist ein bekannter Kuenstler, der schon ewig lange in den Suedstaaten lebt. Man hat ihn fuer das Projekt eingeflogen, ohne zu wissen, dass er hiesiges Blut in sich hat.“ Er laechelt grimmig. Seine Gedanken scheinen nun in dunklen Gefielden zu verweilen, wo jedes Lachen vor Grauen erstarrt.

    Femina wuerde ihn am liebsten umarmen. Sie spuert seinen Aufruhr und Schmerz. Freilich tut sie nichts dergleichen. Noch kennt sie ihn nicht gut genug und Gesten koennen missverstanden werden. ‚Er ist jedenfalls eine gute Seele,‘ denkt sie befriedigt, ‚und ein ‚Einheimischer‘, der stolz auf sein Erbe ist. Nur, dass er ihnen vertraut, findet sie eher beunruhigend. Entweder ist er Oliver voellig ergeben und vertraut ihm und somit auch seinen Freunden bedingungslos, oder er glaubt, dass sie Todgeweihte sind, die das preisgegebene Wissen nie ausplaudern werden.

    Obwohl Femina voller Fragen ist, im Moment siegt ihre praktische Seite. Auf der Flucht und mit einem Verletzten in ihrer Mitte gibt es Wichtigeres zu tun. Neugierde stillen gehoert nicht dazu. Wohl aber Sorge. Waehrend sie hier drin vorerst sicher zu sein scheinen, was auf sie wartet, wenn sie den Berg erst einmal verlassen, steht auf einem anderen Blatt. Zeit ist nicht auf ihrer Seite. Die Schmerzmittel helfen Oliver zwar, sich auf den Beinen zu halten, aber seine Sicht ist mit all der Geschwulst viel zu beschraenkt und mit den offensichtlichen-, sowie moeglichen anderen Verletzungen, besteht eminente Gefahr fuer Blutungen, hier wie da. Er gehoert ins Bett, unter Beobachtung, nicht auf eine Flucht unter enormen Strapazen. Zudem haelt der Arm in der Schlinge trotz Tabletten wenig Druck aus. Kein gutes Zeichen, wie auch immer. In jedem Fall erschwert es die Versuche, ihn zu unterstuetzen, vorallem, wenn der Weg so steil ist, dass sie selber Muehe haben, Fehltritte zu vermeiden. Mit Oliver wird der Abstieg ewig dauern. Rocky hat das ganz richtig eingeschaetzt.

    Sie kommen an eine Stelle, die irgendwie, wenn auch nur ganz vage, so aussieht, als zweige von hier ein anderer Weg ab. Waehrend der offensichtliche mit dem Wasserlauf weiter nach unten geht, scheint ein kaum wahrnehmbarer, auf der anderen Seite des Bettes, nach oben zu fuehren. Wahrscheinlich ist es nichts wie Einbildung, doch Rocky will es auskundschaften. Das erlaubt Oliver wieder zu rasten, aber nicht lange und Rocky ist zurueck. Eine merkwuerdige Spannung geht von ihm aus. Er mustert sie schweigsam, dann, seine Wort sorgsam waehlend, sagt er bedaechtig: „Ich glaub, wir sollen unseren Kurs aendern.“ Sein Kopf schwenkt in die Richtung, aus der er gerade gekommen ist. Er wartet.

    Als nur Schweigen folgt, faehrt er mit fester Stimme fort:
    „Ich bin sicher, es waere das Beste! Wir haben keine Chance den Abstieg schnell genug zu schaffen. Aber ohne ausreichendem Vorsprung koennen wir nicht heil davon kommen! Wenn wir erst einmal den Berg verlassen, wird‘s naemlich die reinste Hasenjagd. Wohlgemerkt, wir sind die Hasen! Und so wie wir dahinkriechen, wird uns Wilson bereits am Ausgang erwarten, wenn er uns nicht ohnehin schon vorher hinterher, oder entgegen kommt. Ich nehme an, dass der Ausgang irgendwo entlang der Seestrasse liegt?“ Oliver nickt.

    „Eben! Unmoeglich, diese unbemerkt zu benutzen, schon garnicht, wenn er uns auf den Fersen ist!“ Oliver gibt zwar zu verstehen, dass sie dort sowohl ein schnelles Fahrzeug vorfaenden, wie Motorraeder, aber, darueber sind sie sich einig, das kann ihnen nur helfen, solange Wilson ihre Flucht nicht entdeckt hat. Na und der See, falls sie ueberhaupt ein Boot auftreiben koennten, sei auch keine Loesung. Sie waeren die reinsten Zielscheiben, von oben und allen Seiten.

    „Was also schlaegst du vor?“ Ger schaut Rocky zweifelnd an

    „Es ist besser, wir suchen uns einen Weg durch die Hoehlen,“ sagt er. „Irgendwann finden wir ganz sicher einen Ausgang! Einen, den ich vielleicht klettern koennte, um zu meinen Leuten zu gelangen, waehrend ihr auf mich wartet.““

    „Wir koennten aber auch grad so gut in den Hoehlen herumirren und umkommen!“ wirft Dan ein.

    Femina bleibt stumm, unfaehig ihre widerspruechlichen Gedanken in Worte zu fassen. Weder das eine noch das andere hat bessere Aussichten! Allerdings! Sie wirft einen Blick auf Oliver. Unmoeglich, sich mit ihm im Schlepptau, auf ein ‚offenes‘ Wettrennen mit Wilson einzulassen! Oder koennten sie vielleicht des Nachts den See durchschwimmen? Sie seufzt und presst die Lippen aufeinander. ‚Nicht mit ihm!‘

    „Was hast du ausmachen koennen?“ fragt Ger, bereit auf Rocky zu hoeren.

    „Zuerst ist da eine kleine Hoehle, die in eine etwas groessere fuehrt, die dann weiter hinten eine Oeffnung hat, von wo man sich ueber eine kurze Wand nach unten abseilen kann. Ich hab einen Leuchtstab ins Dunkle geworfen,“ fuegt er erklaerend hinzu. „Soweit ich es ausmachen konnte, haben wir es dort mit einer relativ grossen Hoehle zu tun. Ich waere sonst wohl nicht auf die Idee gekommen, diesen Vorschlag zu machen. Freilich muesste ich, das heisst, wir muessten dann erst auskundschaften, wie es weitergeht. Auf jeden Fall wuerden wir Zeit gewinnen und Sicherheit, vorallem wenn wir den Zugang hinter uns mit einer kleinen Ladung Sprengstoff verbarrikadieren, ….nachdem wir uns erst mal abgeseilt haben! Wird nicht einfach sein, wie auch immer, aber mir macht Wilson mehr Sorge als alles andere“. Er schaut Oliver zwingend an. „Wir muessen es versuchen“, sagt er eindringlich. Der nickt nach kurzem Zoegern.

    Femina laeuft es kalt ueber den Ruecken. Sprengstoff? Verbarrikadieren? Hoehlen, die keiner kennt? Sie haben etwas Proviant, aber…….! Sind die beiden verrueckt geworden?

    „Bist du mit Sprengstoff vertraut?“ Dan sieht Rocky misstrauisch an. Er hat offensichtlich die gleichen Bedenken wie sie.

    Oliver fasst nach Dan und nickt heftig in Rocky’s Richtung, waehrend er etwas zu sagen versucht, aber unverstaendlich bleibt. So nickt er nur immer wieder in Richtung seines Freundes. Rocky sagt schliesslich kurz: „Hab einmal in den Minen gearbeitet.“

    Dan ist nicht beeindruckt: „Das ist loeblich,“ meint er sarkastisch, „doch wieviel verstehst du von Sprengarbeit? Und womit willst du das ueberhaupt durchfuehren? Auch wenn wir uns vielleicht mit Sprengstoff behelfen koennen, wie stellst du dir das alles vor? Ich will auf keinen Fall, ….und keiner von uns soll auch nur in der Naehe sein, wenn hier drin was explodiert.“

    Oliver greift wieder nach Dan und versichert heftig lallend, dass Rocky schon wuesste, was er tue. Ger ist daher bereit, dem Plan zuzustimmen. Nach einigem Argumentieren, gibt Dan nach, wenn auch nur widerwillig.

    Natuerlich fragt man Femina nicht um ihre Meinung. Sie protestiert nicht einmal. Was soll’s! Auch wenn sie den Vorschlag vernuenftiger findet, als sich Wilson auf dem Tablett zu servieren, optimistisch stimmt er sie nicht. Was also koennte sie schon sagen! Daher sagt sie nichts und haengt ihren Gedanken nach. Wenn schon sterben, dann lieber im Gedaerm der Berge, als durch Wilson’s Hand! Rocky hat recht! Einen Weg durch, oder aus den Hoehlen zu finden, waere immerhin moeglich. Und, je laenger sie verborgen bleiben, um so besser, vorallem, weil die Suche nach ihnen nur solange sinnvoll ist, wie man glaubt, dass sie am Leben sind. Unter Umstaenden koennten sie sogar die Gruft wieder oeffnen, sollte sich herausstellen, dass es keine Alternative gibt. Nur…….! Und wenn………und aber! …….Und Oliver? Wie wird er die Kletterei schaffen? Selbst die kleinsten Huerden sind eine Herausforderung!

    Rocky schlaegt vor, Oliver auf seinem Ruecken huckepack zu tragen. Er meint, dass er es auf kurzen Strecken durchaus schaffen wuerde und auf laengeren, muessten sie eben rasten und sich abwechseln, oder eben andere Loesungen finden; Zeit waere schliesslich nicht mehr so ausschlaggebend und wo ein Wille ist, ist auch ein Weg! Allerdings! Wie man Oliver in einen niedlichen Rucksack verwandelt, ist eine andere Sache. Zwar sind seine Beine nicht verletzt, daher kann er sie um Rocky’s Huefte schlingen, aber nur ein Arm koennte Rocky‘s Hals oder Brust umfassen. Femina schlaegt vor, ihren Schal zu verwenden. Er ist aus feiner Wolle, lang und breit genug und weich. Er liesse sich um Oliver’s Ruecken, unter seinen Achseln und dann ueber Rocky’s Schultern schlingen, oder auch darunter, so dass Rocky jedenfalls die beiden Enden fassen oder auf seiner Brust verknoten kann. Es wuerde Oliver‘s Oberkoerper aufrecht halten, ohne ihn schnell zu ermueden oder grosse Schmerzen zu bereiten. Sie beaeugen den Schal und nicken zustimmend, sogar ein wenig erleichtert.

    Bevor sie jedoch aufbrechen, beschliessen die Maenner, noch hier, wo sie mehr Platz haben, gewisse Vorbereitungen zu treffen. Femina schenkt dem nur wenig Aufmerksamkeit. Da ist nichts, das sie tun koennte und sie will auch niemandem im Weg stehen. So haelt sie sich abseits und beobachtet die Maenner in ihrer Arbeit. Ihr Blick bleibt an Dan haengen. Er scheint, wortkarg und verbissen, seinen eigenen Gedanken nachzuhaengen. Obwohl er nicht tatenlos herumsteht, ist er nicht wirklich bei der Sache. Er ist mehr der schweigsame Gehilfe fuer Rocky und Ger, die konzentriert und wortkarg dahin arbeiten. Femina’s Blick wandert ueber das Arsenal von Waffen und Munition, das Rocky mitgenommen hat und sie wundert sich. So wie sie es ausgebreitet liegen sieht, ist sie versucht zu glauben, dass er mehr davon mitgenommen hat, als alles andere. Sie fragt sich auch, fuer wie lange ihr Lichtvorrat reichen wuerde. Die Batterien der Lampen werden sich irgendwann erschoepfen, selbst wenn sie sie nur sparsam und fuer spezielle Aufgaben einsetzen werden, so wie jetzt, wo nur Rocky eine benuetzt, weil gutes Licht gebraucht wird. Und die Leuchtstaebe werden auch irgendwann verbraucht sein. Als sie jedoch eine diesbezuegliche Frage stellt, antwortet nur Ger mit einem Knurren, dass sie schon genug Vorrat haetten. Genug fuer was? Das beantwortet doch nicht ihre Frage! Niemand ist jedoch bereit, darauf einzugehen. So schweigt sie denn wieder und setzt sich, frustriert und resignierend, neben Oliver, fuer den das Warten wenigstens Erholung bringt.

    Das Nichtstun setzt Femina allerdings zu. Melancholie breitet sich in ihr aus, wie der Schimmel in alten Gemaeuern. Sie kann nicht einmal logische Gedanken fassen. Ihr Kopf wird grad so leer, wie die unbekannten Hoehlen, die auf sie warten, und grad so schwer, als sei er so wie sie aus leblosem Gestein. Der Schein des Lichts reicht nur einige wenige Meter, dahinter liegt absolute Finsternis. Sie ist ein pechschwarzes Ungeheuer, unberechenbar und ausgehungert, das alles verschlingt und nichts, rein garnichts zuruecklaesst, wie entsetzliche Stille, atemlos und doch bleischwer. Vielleicht ist es besser nicht mehr zu denken und auch die Gefuehle abzuwuergen. Das Schwarz rund um sie, scheint in sie einzudringen und sie von innen verzehren zu wollen. Zwar wehren sich ihre Sinne hoechst alarmiert, sie sind aber scheinbar verwirrt. Sie melden ihr eisige Kaelte und sie glaubt, Feuchtigkeit zu riechen. Vielleicht ist das aber auch nur ihr Wissen, das sie peinigt, sind sie doch dabei, sich eine Gruft zu schaffen, deren Zugang demnaechst fest verschlossen sein wird und wo zwar theoretisch ein Ausgang existiert, nicht aber ein realer. Sie dreht ihren Kopf, um Oliver ins Auge zu fassen. Sein Atem ist jetzt regelmaessiger, dank Pillen und Rast, nur, das Atmen durch die Nase faellt ihm schwer. Deshalb nimmt er hin und wieder einen Atemzug durch den Mund, schnappend wie ein Fisch aus dem Wasser, dem das noetige Wasser fehlt. Sie wendet sich ab und starrt wieder vor sich hin. Ihr wird klar, dass nicht ihre Sinne verwirrt sind, sondern ihr Verstand. Ihre Sinne melden naemlich gehorsam und hoechst effektiv alles, was zu melden ist, eben auch die eisig kuehle Luft, wie sie sich langsam und unfreundlich an sie heranmacht und mit langen duennen Fingern nach ihr greift.

    „Okay, fertig,“ hoert sie Rocky sagen und sofort wird es ernst mit dem Aufbruch. Ger hilft Oliver auf Rocky‘s Ruecken. Dann schultern sie ihr Gepaeck und im Gaensemarsch geht es bergauf, Ger hinter Rocky mit Oliver, dann Femina und Dan hinter ihr. Der Boden ist relativ glatt, aber der Weg steil. Nach einem kurzen Anstieg, kommt nicht weit vor ihnen eine Steinlippe in Sicht, hinter der ein schmales, ja fast schlitzfoermiges Loch zu liegen scheint, das wie ein Mandelauge, schwarz und geheimnisvoll, auf sie nieder aeugt.

    Femina gibt auf, immer wieder hoch zu schauen. Besser sie konzentriert sich auf ihre Schritte. Das gruene Licht, von Ger’s Stab, den er sich mit Hilfe seines Halstuches auf den Kopf gesteckt hat, ist stark genug, um auch fuer sie hinter ihm, den Weg auszuleuchten. Allerdings ist es nicht die beste Lichtquelle. Das Gruen ist fahl und die Schatten sind lang. Sie muss aufpassen, um keinen Fehltritt zu tun. Wie schwer fuer Rocky der Aufstieg ist, kann man hoeren. Er klettert langsam, aber sein Atem ist immer lauter geworden, so dass er jetzt wie das Stampfen einer mit Dampf betriebenen Lokomotive klingt. Das wirkt seltsam beruhigend. Dieser Mann weiss, was er tut und wie es zu tun ist. In all dieser schwarzen Hoffnungslosigkeit scheint, im wahrsten Sinnes des Wortes, ein gruenes Licht, als sei es eine Ampel, die ‚freie Fahrt‘ signalisiert. Etwas wie Zuversicht steigt in ihr hoch. Sie synchronisiert ihre Schritte mit Rocky’s Atem und setzt jeden ihrer Tritte bedaechtig und fest. Das kommt nicht nur ihrer eigenen Sicherheit zu Gute, sondern verhindert auch das Lostreten von lockerem Gestein. Nicht, dass viel dieser Art zu sehen ist. Es steckt in den grossen und kleinen Spalten des Bodens, aber anzunehmen, dass es kein loses Gestein gaebe, koennte sich als tragischer Irrtum herausstellen. Auch Ger tritt vorsichtig. Dan, als Schlusslicht, braucht und scheint auch weniger bedaechtig zu sein, denn ein splitterndes Krachen und danach das Kollern von Stein durchschneidet ploetzlich die Stille hinter ihm. Sie hoert ihn kurz fluchen, da aber keine weiteren Laute folgen, drehen sich weder sie noch Ger nach ihm um. Als sie endlich anhalten, koennte sie nicht einmal sagen, wie lange sie geklettert sind, denn selbst der kuerzeste Weg, steil, belastet und beladen, mag einem wie eine Ewigkeit vorkommen. Mit Ger’s Hilfe dreht sich Rocky herum, so dass er Oliver auf der Felslippe absetzen kann. Sie helfen ihm auch noch auf die Beine, bevor sie sich um Femina kuemmern und Platz fuer Dan schaffen.

    Die Hoehle ist groesser, als es sich vermuten liess. Trotzdem muessen sie sich vorerst buecken, bevor sie sich in der zweiten Hoehle aufrichten koennen. Dann sind es einige Meter bis zur Ausgangoeffnung, die, wie auf der vorderen Seite, ein schmales Plateau vor sich hat. Dort koennen sie sich endlich niederlassen, zum abrasten, aber vorallem, um sich ein genaueres Bild zu machen und fuer ein dementsprechendes, letztes Beraten.

    Femina wagt nicht, ihren Gefuehlen freien Lauf zu lassen. Was sie sieht und noch mehr, was sie nicht sieht, laesst ihr das Herz still stehen. Sie muessen sich abseilen, um den flachen Boden zu erreichen, von dem ein gruenes Auge, fahl und starr, nach oben schaut. Es sind wahrscheinlich 4m Hoehenunterschied, vielleicht mehr. Es laesst sich nicht leicht einschaetzen, denn es gibt wenig Referenzen oder Anhaltspunkte, die hilfreich sind. Alles ausserhalb ihres Lichtkreises liegt verborgen im undurchdringlichen, undurchschaubaren Schwarz. Ueber ihnen, unter ihnen, vor ihnen dehnt sich ein Raum in ungeahnte Hoehen wie Tiefen und sie fragt sich, wie um alles in der Welt Rocky glauben kann, dass dieser wahnsinnige Plan und die ebenso wahnsinnige Kletterei eine bessere Alternative sei, als sich auf eine Hasenjagd einzulassen. Und nun sind sie auch noch dabei, den Zugang versiegeln zu wollen!

    Femina setzt sich an Oliver’s Seite, waehrend sich die Maenner entschlossen an die Arbeit machen. Sie hoert Rocky und Ger in der Hoehle herumhantieren, nur Dan kommt immer wieder raus, um was zu holen. Oliver roechelt leise vor sich hin. Da er selbst das bessere Auge nur zu einem schmalen Spalt oeffnen kann, kriegt er vom schwarzem Horror, der sie umgibt, seligerweise wenig mit. Allerdings duerfte er wieder mehr Schmerzen haben. Er wird bald Nachschub brauchen, nur jetzt ist Haushalten, mit allem, ohne Frage, eine unumgaengliche Notwendigkeit. Sie spuert seine Hand nach ihr suchen und sie kommt ihm entgegen. Er will nicht mehr, als ihre Hand halten. Vielleicht braucht er sie oder, vielleicht versucht er ihr Mut zu machen. Wer kann schon sagen, was ihn motiviert. So sitzen sie Hand in Hand und warten schweigend. Sie glaubt nicht mehr, dass er Rocky’s Vorschlag wirklich fuer eine Erfolg versprechende Loesung haelt, sondern nur fuer das kleinere Uebel. Oder ist es nur sie, die ihren Mut verliert? ‚Was soll’s!‘, denkt sie hoehnisch. ‚Wir sind dem Tod geweiht! So oder so!‘ Es scheint eine Ewigkeit her zu sein, dass sie den Tod gesucht hat. Sie wollte sich ihm an den Hals werfen, um zu vermeiden, dass er sie stueckweise nahm. Nur, das wollte er garnicht! Und jetzt, nachdem sie aufgegeben hat, ihn zu suchen, jetzt draengt er sich ihr wieder auf, grad so, als habe er sich ihrer erinnert und beschlossen, ein anderes, nicht weniger grausames Spiel mit ihr zu spielen. Das gruene Licht im Dunkeln ist ein Grablicht, keine Ampel! Warum sich Illusionen machen!

    Als wuerde Oliver ihre Gedanken erraten, spuert sie den Druck seiner Hand. Sie sieht ihn an. Er wiegt seinen Kopf, waehrend er ein paar gutturale Laute ausstoesst: „Rocky, okay!“

    Sie fragt sich, wen er wohl troesten will, sie oder sich selbst. Sie laechelt verloren. „Schon gut,“ sagt sie. „Du kennst ihn besser, und wir bleiben schon zusammen, so oder so.“

    Die Maenner kommen aus der Hoehle. Rocky haelt ein Stueck Schlauch oder Roehre. Seine Haende sind grauschwarz, als haette er in verkohlter Asche gewuehlt. Er legt, was immer es ist, vorsichtig zur Seite und macht sicher, dass es nicht davon rollen kann oder uebersehen wird.

    „Bevor wir sprengen, will ich euch alle abgeseilt sehen,“ sagt er. „Ger, du zuerst, dann lassen wir Oliver runter, dann Femina und Dan, ich komm zuletzt.“
    Ger und Rocky beginnen Oliver fuer’s Abseilen fertig zu machen. Sie finden es wieder die beste Loesung, ihn, wie schon zuvor, in einem Schlafsack zu verbuendeln, wobei er und Dan die Last am Seil von oben halten und Ger ihn unten in Empfang nehmen wird. Die Maenner sind gewiss stark genug, Oliver‘s Abseilen zu schaffen, aber es wird ihrer ungeteilten Konzentration und einer gezielten Koordination ihrer Kraefte beduerfen, um ihn heil nach unten zu bringen. Ger verschwindet also in die Tiefe mit dem Leuchtstab am Kopf. Als sein „Okay“ ertoent, wird das Seil hochgeholt und sofort um Oliver verschlungen und verknotet. Femina hilft mit, ihn, so gut sie eben kann, ueber die Klippe zu manoevrieren. Das eigentliche Abseilen ist dann zwar noch immer harte Arbeit, aber das geringere Problem. Echtes Klettern war fuer ihre Flucht nicht in Betracht gezogen worden, was jetzt natuerlich bedauert wird, aber Rocky hat zumindest den Weitblick gehabt, es nicht voellig auszuschliessen und hat wenigstens ein paar nuetzliche Dinge mitgebracht, so versichert er; nur, wieviel ist schon genug oder zuviel der Dinge, die man brauchen kann? Grosses Aufatmen, als sie Ger’s „Okay“ von unten hoeren, zur gleichen Zeit, wie sich das Seil entspannt.

    Femina ist als naechste dran. Rocky wendet sich ihr zu, um sich mit ihr zu besprechen, doch noch bevor sie zum Wesentlichen kommen, hoeren sie ploetzlich ein vehementes „HALT!“

    Sie fahren herum.

    „Ich komm nicht mit!“ sagt Dan.

    Wortlos starren sie ihn an. Haben sie richtig gehoert? Was heisst, er kommt nicht mit?!

    Dan geht an den Rand, kniet sich nieder, beugt sich darueber hinaus und ruft zu Ger hinunter, wozu er sich entschlossen hat. Totenstille. Dann hoeren sie Ger auch schon nach ihnen rufen. Er will sofort hochkommen. Dan will aber keine Diskussion haben.

    ‚Darueber hat er also gebruetet!‘ faehrt es Femina durch den Kopf. ‚Und jetzt hat ihn die Panik gepackt!‘

    Rocky scheint ihrer Meinung zu sein. Sie beginnen auf ihn einzureden, aber er erwidert, dass es fuer alle ein Vorteil waere, denn wenn er durchkommt, koennte er ihnen doch Hilfe schicken. Ja aber, er soll sich nicht so kopfueber davon machen und nicht, ohne vorher mit Ger darueber zu reden. Und wenn schon, will er nicht wissen, erstens, wie er aus dem Berg raus kommt und zweitens und vorallem, wie es danach weiter ginge? Das hilft! Nur ein Dummkopf koennte dagegen argumentieren. Ger kommt mit ihrer Hilfe auch sogleich hoch und faellt natuerlich ueber Dan her. Er will vor allem eine Erklaerung. Seien sie nicht Freunde? Er saehe nicht ein, warum oder wieso oder einfach weshalb ueberhaupt, sie sich trennen sollten! Gehen Freunde nicht durch dick und duenn miteinander? Und sieht er nicht, dass er seinen Bruder keiner Jagd aussetzen kann? Wilson wird alles und jeden auf sie hetzen. Reines Glueck, ihm zu entkommen, sogar ohne seinem Bruder, aber mit ihm beduerfe es eines Wunders!

    „Stimmt!“ erwidert Dan ungeruehrt, nachdem er Ger’s Ausbruch wortlos ueber sich ergehen hat lassen. Da war keine Spur von Panik, nur eisige Entschlossenheit: „Es ist ganz unmoeglich mit einem Verletzten! Aber allein rechne ich mir sehr wohl Chancen aus. Ueberleg dir doch! Was ihr hier vorhabt, ist genauso gluecksbedingt. Nur, wenn ich es schaffe, kann ich zumindest Hilfe fuer euch organisieren.“ Er sieht dabei Rocky an, als suche er dessen Zustimmung.

    Rocky antwortet nicht gleich, dann nickt er. „Das hat was fuer sich! Freilich! Es ist nicht ganz so einfach, wie du dir das vorstelltst. Du muesstest unter Umstaenden sogar selber unser Reservat aufsuchen und meine Familie mag nicht leicht zu finden sein, nicht fuer dich jedenfalls. Wenn du Pech hast, falls du ueberhaupt Wilson entkommst, koennte es einige Zeit dauern, bis du zu meiner Familie gelangst, denn du kennst weder die Gegend, noch die Gefahren. Hier magst du im Finstern sterben, dort mag dich die Sonne verbrennen. Aber……,“ er haelt inne, um dann abschliessend festzustellen: „……es ist grad so gut eine Chance, wie es Zufaelle gibt!“

    „Du bist verrueckt, glaub mir!“ setzt Ger fort. „Freilich hast du alleine mehr Moeglichkeiten! Und uns Hilfe schicken, waer natuerlich willkommen. Nur! Du bist sicherer mit uns! Abgesehen davon ist deine Hilfe hier grad so wichtig, wenn nicht sogar nuetzlicher, als wenn du dich von uns trennst!“
    Dan schuettelt den Kopf: „Ihr kommt ohne mich zurecht. Es ist auf jeden Fall den Versuch wert und ich bin sicher, ich schaff es. Das gibt euch zumindest Hoffnung, falls ihr hier drin stecken bleibt.“

    Ger gibt auf, seinen Freund umstimmen zu wollen. Resigniert schuettelt er den Kopf. „Okay,“ sagt er. „Aber lass mich mit Oliver reden, damit du alles Notwendige weisst und Rocky wird dir sicher auch noch helfen wollen.“ Der nickt zustimmend.
    Ger seilt sich ab. Man kann nicht hoeren, wie sich die Brueder dort unten unterhalten. Hier droben warten sie vorerst, schweigsam, jeder seinen eigenen Gedanken nachhaengend.

    Femina glaubt nicht, dass Dan sein Leben riskiert, um ihnen Hilfe zu bringen, sondern, dass er es nur nicht opfern will, Freundschaft hin oder her. Er mag sich wie ein Held vorkommen und sie glaubt ihm sogar, dass er Hilfe schicken will; trotzdem, – er sieht die besten Chancen fuer sein Ueberleben darin, dass er sich um niemanden und nichts kuemmern muss. Ihr Mund verzieht sich veraechtlich, waehrend sie sich abwendet. Sie hat sich ueber seine Person nie Illusionen gemacht. Und schon garnicht um seine Gefuehle fuer sie. Er wuerde sie zuruecklassen, auch wenn sie das Halsband ‚aus Liebe zu ihm‘ angenommen haette und es eigentlich seine ‚Pflicht‘ waere, sie zu beschuetzen. Er wird immer Wege finden, sich der Verpflichtungen zu entledigen, die ihm hinderlich sind, denn er dient nur einer Person, und das ist Dan. Da war keine Panik, nur sein eiskalter Entschluss! Und doch ist es nichts wie panische Angst um sein Leben, dass er lieber seinem Instinkt gehorcht, als auf Gefuehle oder Argumente zu hoeren. Der animalische Urinstinkt, der grundsaetzlich dem Ueberleben dient, ist ein Reflex, kurzgeschalten, weder Freundschaft noch Vernunft haben darin Platz.

    Sie haelt inne und besinnt sich. Das sind keine freundlichen Gedanken. Vielleicht sollte sie sich mehr um ihre eigene Person Gedanken machen, als um seine. Abgesehen davon, auch sie hat keine Obligationen, weder zu Dan, noch zu den anderen. Auch sie koennte sich selbstaendig machen! Bis zum Ausgang mit oder ohne Dan, aber danach auf jeden Fall ohne ihn. Sie wuerde sich wahrscheinlich sogar besser durchschlagen koennen, als er. Denn, so wie sie Wilson einschaetzt, auch wenn sie ihm nicht entkommen wuerde, sie ist ihm lebendig lieber, als tot. Vorerst wenigstens.

    Femina starrt auf den Boden. Sie will Dan nicht in die Augen sehen. Ja, sie mag nicht einmal mehr alleine mit ihm sein. Nein! Sie bleibt lieber hier! Mit Menschen, fuer die sie auf keinen Fall ein Hinderniss ist und schon gar keine Beute. Im Gegenteil! Da ist ein Verletzter in ihrer Mitte, der ihre Hilfe braucht. Es waere gegen ihre Natur, diesen Umstand negieren zu wollen. Nein! Nein! Sie schaffen es entweder zusammen, oder eben nicht. Ausserdem tut ihr Oliver leid. Ja, sie fuehlt Mitleid fuer den armen Adonis, den Eifersucht so uebel bedient hat! Sie muss sich jedoch schon fragen: Ist sie bereit fuer ihn ihr Leben zu geben? Nein! Das gerade nicht und auch nicht unbedingt! Nur! So wie die Dinge stehen, faende sie es voellig sinnlos, dem Tod, unter allen Umstaenden, entrinnen zu wollen. Wozu, wofuer! Fuer ein paar Stunden, ein paar Tage mehr? Gewiss nicht! Wenn der Tod sie haben will, dann kriegt er sie auch! Er hat das letzte Wort! Ausserdem! Warum macht sie ihn ueberhaupt zu ihrem Feind? Er ist kein Feind! Im Gegenteil! Er ist oft genug barmherziger, als das Leben! Der Erloeser unendlicher Qual! Kann sie sich denn nicht erinnern? War das nicht der Grund , warum sie sich ihm an den Hals werfen wollte? Nein! Sie hat keinen Grund, ihn zu fuerchten! Es ist ihr Verstand, der redet ihr das ein! Viel wesentlicher ist, dass sie mit sich im Frieden ist, jetzt, und erst recht, wenn der Tod sie in seine Arme nimmt, wann auch immer das sein sollte.

    „Okay,“ ruft Ger. Sie haengen ihre Koepfe ueber den Abgrund.

    „Folg dem Wasserlauf! Weiter unten verliert er sich, aber ein Stollen bringt dich zum Bunker, von dem aus du den Berg verlassen kannst. Dort findest du Motorraeder, einen starken Gelaendewagen und alles andere, was du brauchen wirst, sogar Treibstoff in mehreren Kanistern. Das Ausgangstor oeffnet sich mit Fernbedienung. Sie haengt am Schaltbrett rechts neben dem Tor. Mit ihr kannst du auch die Kamera bedienen, die dir auf dem Bildschirm ueberm Tor, die Strasse draussen zeigt. Die Kamera laeuft nur fuer eine halbe Stunde, laesst sich aber immer wieder einschalten. Und mach sicher, dass die Strasse leer ist, wenn du den Bunker verlaesst! Du hast nicht viel Zeit! Das Tor schliesst sich naemlich, sobald die Schwelle ueberschritten worden ist und du kannst draussen nicht anhalten, sondern musst sofort in die Strasse einbiegen. Wende dich links, das ist in Richtung Abebe, der Hauptstadt und groessten Stadt der Gegend. Obwohl der See an dieser Stelle unmittelbar neben der Strasse verlaeuft, ist er kein guter Fluchtweg, ausser du willst es, dem Ufer entlang, mit naechtlichem Schwimmen versuchen. Davon ratet Oliver aber ab, denn nicht nur ist der See gross, sondern auf der westlichen Seite mehr verbaut, mit viel Bootsbetrieb und all der lokalen Industrie. Im Osten ist der See flach und schlammig, mit vielen Grasinseln und Wasserwegen zwischen Schilf. Du koenntest dich total verirren und im weiten Sumpfland, das sich dort ausbreitet, abenden. Ausserdem wuerden dich tagsueber die Spaeher von oben sehen, egal was du tust. Oliver meint, mit einem schnellen Motorrad bist du am besten dran. Vom Zentrum der Stadt bis zum See sind es vielleicht 30km. Von wo du kommst, sind es allerdings an die 100, mit einigen Doerfern auf dem Weg. In Abebe kann dich Rocky bei seinen Freunden unterbringen, wenn auch nicht fuer lange, um kein „nachbarliches“ Aufsehen zu erregen. Abebe ist zwar eine grosse Stadt, aber nicht gross genug, um fuer lange incognito zu bleiben und sie ist kein Urlaubsort, sondern eine Schlangengrube. Korrupt durch und durch. Banden ueberall. Kannst erst wieder aufatmen, wenn du das Nordterritorium erreichst, Ueberland oder auf dem Seeweg. Beide Routen werden fuer dich extrem gefaehrlich sein und es gibt keine Alternative, denn du wuerdest ins Territorium der Harrissars geraten. Und das ist genauso toedlich fuer dich, wie fuer alle, die unerlaubt in ihr Gebiet eindringen.“

    Der Nachrichtenstrom bricht ab, dann abschliessend: „Das waer’s! Brauch wohl nicht zu sagen, dass es ueberall von Desperados wimmelt. Es ist ihr Territorium, Abebe ist ihre Stadt! Noch immer dafuer, uns zu verlassen?“ fragt er abwartend. Als keine Antwort erfolgt, resigniert er: „Also dann! Mach’s gut! Hoffe, du hast Glueck!“ Er war die ganze Rede lang gestanden und hat zu ihnen hochgeblickt. Jetzt wendet er sich ab und setzt sich zu seinem Bruder, ohne noch einmal nach oben zu schauen.

    Sie ziehen sich vom Rand zurueck. Dan sieht Rocky abwartend an, waehrend dieser ihn mit unbewegtem Gesicht, abschaetzend mustert. Was er denkt, laesst sich nicht sagen.

    „Vielleicht fangen wir damit an…..,“ beginnt er schliesslich: „Abebe ist in 4 rivalisierende Zonen geteilt. Sie sind grundsaetzlich unter Desperado Kontrolle, aber die Stadtviertel haben ihre eigenen Kapitaene mit eigenen Regeln und Interessen. Das hat nichts mit der Stadtverwaltung zu tun und nichts mit Gesetzen. Zumindest nicht offiziell. Es sind Banden und die Reviere werden dementsprechend kontrolliert und beherrscht. Meine Leute sind im Ostviertel, s’ist unser Revier. Gluecklicherweise fuer dich, denn von wo du kommen wirst, fuehrt es dich geradewegs in diesen Teil der Stadt. Fahre nicht in die Stadt, sondern, sobald du Stadtnaehe erreichst, verbirg dich abseits und geh zu Fuss weiter. Warte bis zum Morgen. Versteck das Motorrad und deine Ausruestung, so dass man sie nicht gleich findet. Misch dich waehrend der fruehen Morgenstunden unter die Leute, die ihre Waren auf den Markt bringen. Bind dir ein Tuch um den Kopf und trag thongs oder was auch immer, bloss keine Stiefel. Du wuerdest naemlich den Marktleuten sofort auffallen. Sie hassen alle, die mit Banden zu tun haben, schon gar, wenn sie nicht wissen, mit welcher. Folge ihnen entlang. Vielleicht kannst du sogar mit einem oder dem anderen mitfahren, denn alle sind auf dem Weg zu den Hallen und ihren Staenden auf dem Bauernmarkt nahe dem Stadtzentrum. Der findet jeden Morgen statt und ist sehr populaer. Such den Fischstand in der zentralen Markthalle, „Charlie’s Fisch des Tages“. Es ist kein Stand, sondern ein umfunktionierter Wohnwagen, von dem aus Charlie seinen Fisch verkauft. Die Chefs der Stadt sind seine Stammkunden. Meistens ist er allein und sobald er alles verkauft hat, sperrt er zu. Mittags ist er immer schon weg, denn er verkauft nur spezielle Ware und die ist gefragt. Es sind die Soehne, die den Fischfang betreiben, leidenschaftliche Fischer, ohne grosse kommerzielle Boote. Sie sind ein kleiner Familienbetrieb und bekannt dafuer. Charlie hat den Fischfang nur aufgegeben, weil er nicht mehr so kann, wie frueher. Frag nach ihm, wenn er nicht am Verkaufsfenster steht. Er selber ist ein weisshaariger aelterer Mann, mit grauem Bart. Sag ihm, du kommst von mir. Dann allerdings musst du dich unseres Kodes bedienen. Das ist absolut notwendig, um sicher zu gehen, dass nur diejenigen Kontakt mit meinen Leuten aufnehmen, die vertrauenswuerdig sind. Er wird dich also fragen, wieviel Fisch ich brauchen wuerde. Antworte nur mit einer Zahl, in diesem Falle 6. Er weiss dann Bescheid, dass du ein Freund bist und Hilfe brauchst. Das Weitere wird er dann schon organisieren. Aber ich warne Dich! Will man wissen, von wo du kommst, sag du hast einen Freund besuchen wollen, oder was auch immer und seist auf dem Weg zurueck in die Stadt, oder aus der Stadt, was eben das Geeignetste ist, um keinen Verdacht zu erregen. Vertraue niemandem, nur Charlie und seinen Leuten. Glaub ja nicht, dass du Wilson’s Netz vermeiden kannst. Du bist im Netz! Die Frage ist, ob du aus ihm rauskommst.“

    Dan hat aufmerksam zugehoert. Selbst Femina glaubt jetzt, dass er es schaffen koennte. Der springende Punkt ist Zeit. Je frueher er sich auf den Weg macht, desto besser.

    „Wie steht’s mit Waffen?“ fragt er. „Ich werd wohl besser bewaffnet sein, fuer alle Faelle, oder nicht?“

    „Vielleicht ein Messer, etwas, das sich gut verbergen laesst“, schlaegt Rocky vor. „Das einfache Volk ist misstrauisch gegen alle, die Waffen tragen, obwohl jeder bewaffnet ist, – nur will das keiner so sehen, weil es vorwiegend Messer sind. Bandenmitglieder tragen Schusswaffen. Wohlgemerkt! Messer sind eine vorzuegliche Waffe!“ Ein grimmiges Laecheln huscht ueber sein Gesicht. Er zoegert einen Moment, dann krempelt er seine Jeansbeine hoch. Jede seiner Waden hat einen Gurt mit Halfter, in einem steckt ein Messer, im anderen eine kleine Pistole. Er schnallt beide ab und reicht sie Dan. „Vielleicht ist es doch besser, wenn du beides hast.“

    Dan schnallt sie sich sogleich um. Seine selbstsichere Entschlossenheit veraendert ihn, nicht nur wie er handelt oder sich bewegt, sondern seine gesamte Erscheinung. Es macht ihn wieder zu jenem Dan, mit dem sie auf diesen Trip gegangen war. Nur zeigt er jetzt eine kriegerische Seite, nicht jene entspannte Gelassenheit, die sie so anziehend gefunden hat. Vielleicht hat er recht! Instinkt ist schliesslich nichts Negatives. Und Dan ist, trotz seiner Schwaechen, kein schlechter Mensch. Er ist eher ein schoenes Tier, das seinen Wert hat und das Respekt und Liebe verdient, grad so gut, wie sie und alle anderen Kreaturen. Auch wenn er aus reinem Selbsterhaltungstrieb handelt, er wird zumindest versuchen, ihnen Hilfe zu bringen. Welchen Unterschied macht es schon, wenn Eigennutz auch anderen dient!? Was ihre Gefuehle betrifft, und wenn sie ganz ehrlich zu sich ist, sie ist ihm einfach nur boese! Boese, weil er das Aushaengeschild einer Weltordnung ist, die dem Fortschritt nachhinkt und alles zerstoert, weil sie ihre Traditionen nicht aufgeben will. Sie liebt den schoenen Dan, den „easy rider“, aber nicht die Gesellschaft, die er representiert, noch seine doppelsinnige Moral und schon garnicht seine Ambitionen.

    „Zieh los!“ sagt Rocky. „Jede Verzoegerung vergroessert dein Risiko.“

    „Dank dir, Bruder,“ erwidert Dan und steht auf. „Ich werde durchkommen und ich werde Hilfe fuer euch organisieren, mein Ehrenwort.“
    Er nimmt einen extra Leuchtstab, seinen Schlafsack, in den er noch schnell das fuer ihn Allernoetigste steckt und schultert ihn, um dann endgueltig im Hoehleneingang zu verschwinden.

    Rocky verliert keine Zeit. „Wie steht’s?“ fragt er sie. „Brauchst du Hilfe oder bist du seilkundig genug?“

    „Kann mich an meine Turnstunden noch gut erinnern. Seilklettern war zwar nicht meine Staerke, aber, ich werd’s schon schaffen.“

    „Okay,“ sagt er, „nur sei dir lieber sicher, dass du auch stark genug bist.“

    Er beugt sich ueber den Rand und erklaert Ger, was sie vorhaben. Femina tut desgleichen. Diesmal aber zum Zweck praktischer Einschaetzung. Wie sie kritisch nach unten schaut, wird ihr doch recht bang. Sie faehrt zurueck. Rocky merkt sofort, was los ist.

    „Lass gut sein,“ sagt er, waehrend er das Seil hochholt und Ger informiert. „Wir brauchen keine Tragoedie. Ich lass dich runter.“

    Er wickelt einen Teil des Seil spiralenfoermig um eines ihrer Beine und um den Rumpf bis zum Brustkorb, so dass sie die Arme frei hat und den nach oben fuehrenden Teil fassen kann. Den restlichen Teil schlingt er um sich. Das eigentliche Abseilen wird dadurch erleichtert, dass sie durchaus mithelfen kann. Mit dem Gesicht zur Wand und diese im Auge behaltend, verlaeuft alles reibungslos. Sie ist so schnell unten, dass sie sich verbluefft fragt, was zum Teufel sie veranlasst hat, sich davor zu grauen.

    Rocky laesst das restliche Gepaeck runter und, waehrend Ger es abnimmt und alles gegen die Wand schlichtet, ruft er runter, dass er die letzten Vorbereitungen treffen wuerde. Das Seil bewegt sich hin und her und auf und ab, bis es schliesslich ruhig haengen bleibt. Nach einer Weile beginnt es wieder mit seiner Rastlosgikeit und Rocky schwingt sich gleich danach ueber den Rand. Sie schauen ihm zu, wie er es geschickt, jeweils mit einem Bein umfasst und, mit synchronisierten Bewegungen, den Abstieg meistert.

    Unten angekommen meint er befriedigt: „Also, dann wollen wir mal….“ Er langt nach einer duennen grauschwarzen Schnur, die nach oben laeuft und die Femina ohne sein Hinfassen nicht einmal bemerkt haette.

    „Was ist mit dem Rest des Seils? Kannst du es nicht runterbringen? Wuerde sicher gut sein, meinst du nicht?“ fragt Ger

    „Ja, ich glaub, wir kriegen es. Aber erst nach der Sprengung, wenn es sich von der Verankerung loesen hat koennen. Das hoff ich wenigstens. Sonst muessen wir uns eben mit einem kuerzeren Seil begnuegen.“

    „Gut,“ sagt Ger anerkennend, „hoffen wir, es klappt!“

    Femina setzt sich zu Oliver. Jetzt ist es also soweit! Die Gruft wird zugemacht und der Rest ist….ja, was wohl! Sie glaubt, bereits jetzt ersticken zu muessen, aber natuerlich spielt nur ihr Verstand verrueckt. Er, der immer alles wissen will, kennt eben auch die Angst und die ist jetzt groesser als er verkraften kann. Sie hoert sich schlucken. „Glucks“, laut und deutlich. Alle koennen es hoeren. Ger setzt sich zu ihr. Was sind sie doch fuer ein elender Haufen, der eine koerperlich laediert, sie geistig, und Ger, gequaelt bei seinen Gefuehlen. Nur Rocky scheint unverdrossen zu sein. Er haelt das Feuerzeug an die Schnur so hoch er kann und ‚knips‘, schon leuchtet die Flamme.

    Alle Blicke folgen dem aufsteigenden rot glimmernden Punkt, der hin und wieder Funken spuckt und zischelt, bis er aus ihrer Sicht verschwindet. Dann heisst es warten. Sie starrt still vor sich hin, waehrend Rocky noch immer regungslos nach oben schaut. Femina fasst nach Oliver‘s und Ger’s Hand, ohne sich dessen wirklich bewusst zu sein. Und so warten sie. Und warten. Es ist totenstill. Ihr Gehirn hat dichtgemacht, nur ihr Herz schlaegt laut und immer lauter. Es versucht, Alarm zu schlagen, nur, weggeschlossen, wie es ist, muss es umso lauter und lauter und noch viel wilder schlagen. Dafuer scheint ihr Atem zu vergessen, dass er atmen soll. Er ist wohl in den verstopften Strassen ihres Gehirns haengen geblieben. Auch er scheint auf etwas zu warten. Nur auf was er wartet, das laesst sich nicht sagen. Und so warten sie, auch wenn sie sich nicht erinnern kann, auf was. Dann ploetzlich hoert sie ein donnerndes BUMM und ein Rauschen und Krachen, kann sich aber nicht erklaeren, warum. Ein Zittern durchfaehrt sie und ploetzlich wird sie gepackt und an die Felswand gedrueckt. Es kollern Steinbrocken von oben herab, kommen laermend irgendwo im Dunkeln zur Rast.

    Sie erwacht aus ihrer Trance und schaut erschrocken um sich. Da stehen sie alle ganz dicht an der Felswand. Wie sie dahin gekommen, oder wer sie dahin verfrachtet hat, ist ihr nicht klar, aber sogar Oliver drueckt sich dicht an den Fels und Rocky hat einen Arm quer ueber ihn gelegt, zum Schutz oder um ihn zu stuetzen. Sie ruehren sich nicht. Erst nachdem alles lange genug still ist, kommt Leben in sie. Rocky laesst Oliver frei und erlaubt ihnen, sich wieder zu setzen. Er beginnt am Seil zu ziehen. Es scheint jedoch fest verankert zu sein. So schickt er sich denn an, nach oben zu klettern, aber er ist noch nicht weit gekommen, als er sich wieder runterlaesst; ihm folgen Geroell und ein Haufen Steine. Der Steinregen hoert jedoch gleich wieder auf.

    „Gut“ sagt er, „das Seil ist nicht mehr fest. Werd versuchen, es runter zu kriegen. Bin auch sicher, dass zumindest ein guter Teil der Hoehlen verschuettet ist. Es wuerd sonst nicht soviel loses Gestein geben. Besser ihr drueckt euch wieder an die Wand, waehrend ich versuch, das Seil zu kriegen!“

    Er stellt sich vor sie, aber mit dem Ruecken zu ihnen und beginnt das Seil immer heftiger nach allen Richtungen zu schwingen und zwischendurch daran zu ziehen. Wieder rollen Steine herab. Er laesst erst davon ab, als einige grosse und gefaehrliche Steinbrocken folgen. Dann, bereit aufzugeben, im letztem Versuch, mit einem heftigen Ruck und unter erneutem Steinschlag, kommt auch das Seil mit runter. Sie atmen erleichtert auf und lachen ueber soviel Glueck. Es ist schon eigenartig! Keiner von ihnen macht sich darueber Gedanken, wie wenig Unterschied es macht, ob sie von Steinen erschlagen werden oder auf andere Weise umkommen. Solange man atmet, haengt man am Leben. Der Verstand ist auf Ueberleben programmiert. Er kann, ja darf nicht anders reagieren; er hat nur eine Aufgabe, ja es ist seine Pflicht, Leben zu erhalten, auch wenn es nicht einmal wuenschenswert ist, oder gar frei von Schmerz.

    „Hoffe, es gibt nicht nur Schutt. Das wuerde uns mehr nuetzen. Schutt laesst sich schliesslich leicht entferrnen.“

    „Du glaubst doch nicht im Ernst, dass Wilson sich die Muehe macht, uns sogar hier drin zu verfolgen?“ Ger blickt ihn zweifelnd an, doch sowohl Rocky wie Oliver nicken. Verrat ist ein Todesurteil, erst recht dieser; Wilson wird sich von ein paar Steinen nicht abhalten laessen, um ihrer habhaft zu werden, zumindest nicht, solange er annehmen kann, oder glaubt, sie sind hier drin und am Leben. Freilich, ihr Vorteil ist, dass er seinen streng geheim gehaltenen Fluchtweg, nicht so leicht preisgeben wird, nicht jedenfalls, solange er andere Moeglichkeiten sieht, wie er ihrer habhaft werden kann. Aber er hat Hunde und wieviele Maenner braucht er schon, um die Verfolgung aufzunehmen! Das beste waere natuerlich, dass er annimmt, sie haetten sich aus dem Berg bereits entfernen koennen, so dass er seine Suche auf jene Gebiete konzentriert, in denen er sie zu finden erwartet.

    Rocky goennt ihnen nur eine kurze Rast. Aus Vorsicht treibt er sie an, sich von hier zu entfernen, solange sie jedenfalls noch genug Kraft haben. Rasten koennten sie spaeter, vielleicht sogar mehr, als sie es wollen.

  • DNS II, Kapitel 6, Teil 8

    Femina’s Schlaf war allerdings unruhig. Sie weiss manchmal nicht, ob sie wach ist, oder traeumt. Traum und Wirklichkeit gehen ineinander ueber, ohne Grenzen oder Anhaltspunkt, wo das eine endet und das andere beginnt. Es ist ein Zustand, wo alles wirklich ist oder alles ein Traum. Sie glaubt, Dan neben sich zu fuehlen und vermeint, von allerlei Stimmen und Kommotionen aus ihrem Schlaf gerissen worden zu sein, doch wahrscheinlich hat sie das getraeumt oder sie leidet an Halluzinationen. Ihre Sinne scheinen zu funktionieren, auch ihr Verstand scheint in Ordnung zu sein, nur den Zeitsinn hat sie verloren, und sie vermag nicht zu differenzieren, was die Realitaeten betrifft. Sie laesst es dabei bewenden, denn da ist ohnehin nichts, was sie dagegen tun koennte. Sie weiss nur, dass sie im Moment, und wieder einmal, im Nirgendwo wandert, Traum oder Wirklichkeit, eines grad so gut, wie das andere.

    Sie wundert sich, wo wohl der Mond geblieben sei und warum die Nacht ploetzlich so dunkel geworden ist und warum es nicht einmal Sterne gibt. Hat Dan vielleicht die Balken dicht gemacht? Sie greift um sich, aber Dan ist ganz gewiss nicht an ihrer Seite! Sie steht daher auf und tastet sich zum Lichtschalter. Stimmt! Die Laeden sind geschlossen, doch weder Dan noch Ger sind hier. Das heisst also, ihre Freunde sind hier gewesen und wahrscheinlich hat sich dabei Wirkliches in ihren Traum gemischt! Aber ….. sie horcht auf….. da sind noch immer Geraeusche und Stimmen, wenn auch nur wie ein fernes Echo, das im Ausklingen ist. Sie loescht sogleich wieder das Licht und lauscht. Eigenartigerweise kommen die Toene von unten, vom Fussboden, oder eher aus einem verborgenen Lueftungsschacht nahe dem Fussboden, den man eben nicht sofort sieht. Langsam und ohne selber ein Geraeusch zu machen, tastet sie sich weiter hinein ins andere Zimmer, von wo sie glaubt, dass die Laute kommen und stolpert dabei ueber eine Unebenheit. Das ist voellig unerwartet, denn sie kann sich an keine Schwelle erinnern, weder im Tuerstock, noch sonst irgendwo.

    Sie kniet nieder, ertasted einen harten Rand, folgt ihm entlang und spuert eine Rille, die sich zum Spalt oeffnet, aus dem eben jene Laute kommen, denen sie auf der Spur ist. Es kann sich hier nur um eine Falltuere handeln, die jemand wohl aufgemacht, aber, mit oder ohne Absicht, nicht wieder voellig verschlossen hat. Nach einigem Hin und Her, in diese und jene Richtung, gelingt es ihr, sie voellig zu oeffnen, lautlos und sogar ohne Muehe, denn sie besteht aus einer relativ duennen Platte, die sich leicht verschieben laesst. Sie laeuft offensichtlich auf sorgfaeltig gepflegten Achsen und Schienen, und, wenn geschlossen, fuegt sie sich derart unauffaellig in den Boden ein, dass es nicht den geringsten Hinweis auf sie gibt. Wieder eines dieser Dinge, erstaunlich, verblueffend und trickreich, die Femina beeindrucken, – und – sie fragt sich, wie man sie wohl oeffnet, wenn sie fest verschlossen ist! Jetzt allerdings gewaehrt sie Zutritt zu einen Schacht, der nur ganz spaerlich beleuchtet ist, mit einer kurzen Leiter, die auf einem kleinen Plateau landet, von dem dann enge Spiralstufen weiter nach unten fuehren. Nur eine Person kann sich darin bewegen, also nur einer nach dem anderen kann rauf oder runter und es ist unmoeglich weiter nach unten zu sehen, da die Treppe zwischen festen Mauern verlaeuft.

    Femina will natuerlich wissen, wohin dieser geheime Schacht fuehrt. Sie ist nicht verwundert, dass es ihn gibt, nur ueberrascht, es hier zu finden. Freilich, Oliver ist Wilson’s Darling, und das kommt mit Privilegien. Wie dem auch sei, sie will zwar nicht, dass man sie entdeckt, doch was koennte schon passieren, folgt sie doch nur Oliver’s Spur, die er, wahrscheinlich ungewollt, hinterlassen hat.

    Vorsichtig, langsam und auf blossen Fuessen, steigt sie die Leiter hinunter und folgt dann der engen Wendeltreppe, ohne auf den Betonstufen auch nur das geringste Geraeusch zu machen. Sie muss hin und wieder absetzen, denn es ist warm und das Rundum macht sie schwindlig, und die Knee brauchen ebenfalls Rast. Die Stimmen werden jedoch zunehmend lauter, und dann ploetzlich gibt es auch mehr Licht. Kurz danach endet die Spindeltreppe und sie steht vor einer Wandoeffnung, im vollen Schein von Neonlicht, das so hell ist wie der Tag. Man kann auf eine kleine Platform rausgehen, mit einer anderen steilen Treppe, die weiter nach unten fuehrt, doch diesmal auf normalen Stufen und mit einem Gelaender als seitliche Absicherung. Von dort unten kommen die Geraeusche und Stimmen, und da der Raum recht hoch ist mit festen Mauern rundum, erklaert es auch das Echo, das durch den geheimen Schacht nach oben schallt.

    Sie kauert sich auf den Boden, um einen Blick nach draussen zu werfen, und dann, auf dem Bauch wie eine Raupe, kriecht sie vorsichtig hinaus auf die Landung. Sie schaut hinunter auf eine gutausgestattete kleine Werkstatt, mit Regalen und Werkbaenken, so wie es sich gehoert, angefuellt mit Werkzeugen und Geraeten, sowie halbzerlegten Motorraedern, Motoren und allerlei Zubehoer, und einem grossen Arbeitstisch in der Mitte. Auf Drehscheiben, nahe seinem Rand, niedlich aufgereiht rund um ihn herum, stehen lebensgrosse Figuren, die man nicht nur drehen, sondern auch, offensichtlich mit Hilfe hydraulischer Pressen, heben und senken kann, und an denen eine Gruppe Maenner emsig herumwerkt. Sie vergewissert sich, bevor sie sich auf eine laengere Beobachtung einrichtet, dass das Gelaender genug Schutz bietet, um nicht sofort gesehen zu werden, sollte jemand, unerwartet, nach oben schauen. Sie nimmt allerdings an, dass das nur dann der Fall ist, wenn sie Anlass dazu geben wuerde, wie durch zu schnelle oder zuviel Bewegung, oder irgendeinen Laut.

    Nicht nur Oliver und ihre beiden Freunde sind dort unten, sondern auch Wilson und seine zwei Leibwaechter. Sie wundert sich weniger ueber Wilson’s Anwesenheit, denn ueber die beiden, sind sie doch immer und ueberall dabei. Sie sind wohl seine Lebensader, ohne die er nicht ueberleben wuerde, weil er wahrscheinlich mehr Feinde als Freunde hat. Freilich, in einem Rudel wilder Tiere gibt es stets Positionskaempfe. Warum sollte es hier anders sein!

    Femina findet es zudem mehr als eigenartig, wie eifrig die Maenner an diesen Figuren arbeiten. Da wird poliert und geschliffen und geschraubt, grad so, als wollten sie diese auf Hochglanz bringen, ja grad so, als wollten sie irgendwelche Preise gewinnen, mit solcher Hingabe und Aufmerksamkeit sind sie bei der Arbeit; und so wie sie die Figuren hin und herdrehen, stellt Femina mit Erstaunen fest, dass diese das Abbild der Person sind, die an ihnen arbeitet. Und um sie noch mehr zu verwirren, die Figuren sprechen, nicht die arbeitenden Maenner! Die Stimmen klingen ein bisschen hohl, es ist jedoch kein Problem sie auseinander zu halten. Da sind aber auch noch Stimmen, die ueber einen Lautsprecher kommen. Sie fragt sich, ob sie es hier mit Hologrammen zu tun hat, denn das Ganze ist mehr als bizarr. Wer, oder was da echt ist, das heisst, wer von den Anwesenden Fleisch und Blut hat, ist ihr nicht klar, denn waehrend die Abbilder bestens poliert und lebensecht aussehen, kann man das von ihren Adjudanten nicht sagen. Die sind rotaeugig und rohhaeutig, ungepflegt und unattraktiv und ausserdem sind sie stumm. Die Gespraeche drehen sich vorwiegend um Alltaegliches, Angelegenheiten und Anliegen der Organisation, das heisst, es ist vorwiegend Wilson, der sich ueber das Intercom mit nicht anwesenden Desperados unterhaelt, ihnen Anordnungen gibt, oder sich berichten laesst. Oliver hat des oefteren etwas beizutragen. Die Leibwache, Dan und Ger sind nur selten aktiv mit im Gespraech.

    Femina findet das Ganze zwar ungewoehnlich, aber es ist friedlich. Es erinnert sie an Maenner, die gemeinsame Interessen haben und in der Garage zusammensitzen, um sich ihrem Hobby zu widmen, waehrend der Hausherr ueber die Sprechanlage anstehenden Geschaeften nachgehen kann. Das interessiert sie allerdings wenig und sie beschliesst, sich zurueckzuziehen, als sich ein „Mac“ zum Berichterstatten meldet:

    „Hei,“ sagt er, „Mac hier. Will dir nur mitteilen, wir sind alle zurueck und okay. Waren Devil Infiltranten. Wir haben ein paar ihrer Anhaengsel, der Rest ist normale Ware, alle gute Qualitaet.“

    „Wieviele habt ihr zurueckgebracht und wie willig sind sie?“ hoert sie Wilson’s Stimme fragen.

    „Zwanzig,“ kommt es aus dem Lautsprecher, „und zwei davon voellig unbeschaedigt.“

    „Abfall?“

    „Nicht der Rede wert. Drei Ratten haben ihren Flug vom Dach genommen. Einer ist im Verhoer. Fuenf der Anhaengsel sind zum Verkauf, die zwei Intakten fuer die Auktion, der Rest ist happy mit unseren Freunden zu spielen. Transport zurueck morgen fuer ein paar, die anderen je nach Bedarf.“

    „Okay!“ Wilson’s Stimme klingt zufrieden. „Sendet den Devils ein Andenken! Verfuettert den Rest!“

    Femina beginnt zu wuergen. Sie zieht sich sofort in den Schacht zurueck und bemueht sich, nur ja keine Laute von sich zu geben. Sie moechte am liebsten nach oben stuermen, aber ihr ist uebel und sie zittert am ganzen Leib. Und doch! Sie will nichts mehr hoeren, sie will nur weg. Sie versucht, sich zu beruhigen, indem sie ein paar tiefe Atemzuege nimmt.

    Vom Lautsprecher kommt wieder eine Stimme: „Wilson, einige von uns wollen wissen, was mit der Fremden geplant ist. Ist sie zu haben? Nicht jetzt, aber vielleicht spaeter?“

    Femina erstarrt, schliesslich kann es sich bei der „Fremden“ nur um sie handeln. Oder leidet sie bereits unter einem Verfolgungswahn?

    Wilson’s Antwort in scharfem Ton hat etwas Drohendes in sich. „Lass alle wissen, dass sie unter meinem persoenlichen Schutz steht! Das ist alles! Ende und Aus!“

    Der Lautsprecher verstummt.

    „Sie ist auf keinen Fall sicher!“ hoert sie Wilson’s Stimme sagen. „Lasst sie nie allein! Nicht einmal in deinem Quartier, Oliver. Zuviele Interessenten!“

    Femina wartet keine Minute laenger. Egal wie uebel ihr ist, es gibt keine Zeit zu verlieren. Allerdings, so wie sie nach oben eilt, nimmt auch die Uebelkeit zu. Freilich, das ist mehr ihrer Atemlosigkeit zu verdanken, als sonst irgendwas und, diesmal ist der Weg zurueck unendlich lange. Schliesslich steht sie doch vor der Leiter und mit letzter Anstrengung hantelt sie sich hoch. Wenigstens hat sie genug Adrenalin in sich, um nicht im Endspurt ihre Umsicht zu vergessen. Alles soll so sein, wie die Maenner es verlassen haben, auch die Falltuere. Sie laesst sie grad so offen, wie sie sie vorgefunden hat. Endlich im Bett, konzentriert sie sich auf ihren Atem. Sie muss sich schnellsten beruehigen, denn sie ist sicher, sie hat nicht viel Zeit, bis jemand auftaucht, um nach ihr zu sehen.

    Zudem gibt es in ihrem Kopf nichts wie Tumult. Sie hat also recht mit all ihren Vermutungen! Natuerlich, wie koennte es anders sein! Hier ist nichts billig zu haben. Hier gibt es nichts geschenkt. Auch das Vergnuegen hat seinen Preis, und man bezahlt fuer alles mehr, als man glaubt. Unter Wilson’s Schutz zu stehen mag teuer werden, teurer jedenfalls als sie oder ihre Freunde es sich vorstellen koennen, falls er ueberhaupt dazu steht. Sein Wort ist nicht mehr wie Katzengold. Grad so wie sein Charm; alles sitzt nur an der Oberflaeche. Leider ist ihr nun auch klar geworden, dass er und ihre Freunde wesentlich mehr gemeinsam haben, als ihr lieb ist. Wie sonst koennten sie eintraechtig im Keller zusammen sitzen, wo sie ihr Image polieren, waehrend sie fuer sich selber nicht viel uebrig haben. Arme Maedchen! Unglueckseliger Infiltrant! Ihr Schicksal ist besiegelt, sowie das aller Gegner und erst recht das von Feinden, denn wer seinem Aeusseren mehr Aufmerksamkeit schenkt, als er Wert auf sich selber legt, schaetzt nichts und niemanden. Leben hat keinen Wert! Abfall, wie Wilson sich ausgedrueckt hat. So schaffen sie sich ihre grausame Welt, schieben aber die Schuld dafuer auf andere.

    Tiefe Traurigkeit und Traenen steigen in ihr hoch. Freilich, die helfen weder den Gequaelten, noch ruehren sie die Quaeler, aber sie kann wenigsten darin ihre Gedanken verschicken, bis der Fluss sie reingewaschen hat, und nur mehr Sediment uebrig bleibt, als Nahrung fuer die schoenen Wasserlilien und die bunten Fische.

    Wie schwarz die Nacht ist, so ohne Licht und weggeschlossen hinter Steinmauern und Fensterbalken! Sie hoert weiter auf ihren Atem. Sie lauscht, auch wenn sie nur Bewegung hoert, mit seinem Ein und Aus. Er ist ihre Wiege und ihr Wiegenlied, mit seiner Stimme eine sanfte Welle, – was macht es schon aus, dass die Nacht so finster ist, so ohne Mond und Sterne.

    Fuer einen Moment herrscht auch Stille, doch wie lange ein Moment sein kann, ist relativ. Unruhe, Geraeusche und Stimmen sind mit einem Male wieder da und draengen sich in ihr Bewusstsein. Der Schein einer Taschenlampe tanzt ueber sie hinweg. Sie ruehrt sich nicht, atmet ruhig weiter. Ihr Haar bedeckt teilweise ihr Gesicht, wie ein Vorhang, der die Strahlen der Sonne einfaengt und den Schlafenden weitertraeumen laesst.

    „Alles okay“, hoert sie eine Stimme wispern, dann das Geraeusch einer sich oeffnenden Tuer und wie sie sich schliesst. Danach macht jemand Licht, ein Zeichen, dass sich alles wieder zum Normalen wendet. Stuehle werden gerueckt, und, wenn auch nur sehr leise, beginnt eine Unterhaltung, Dan und Ger, wie anzunehmen ist. Sie unterbrechen sich nur, wenn sie zwischendurch einen Schluck nehmen, begleitet vom Getoen ihrer Flaschen.

    Femina kann nicht wirklich verstehen, worueber sie sich unterhalten. Hin und wieder faengt sie Worte auf, Fragmente, mit denen sie sich manches zusammenreimen kann, nur ist es muehselig und ermuedend und ist die Muehe nicht wert. Eines hat sie jedoch mitgekriegt, naemlich, dass sie unbedingt das Halsband anlegen soll, nicht nur weil es notwendig sei, sondern auch als Zeichen ihrer Zuneigung fuer Dan, oder Loyalitaet, oder was der Teufel sonst. ‚Er brenne‘, so glaubt sie, hat er seine Gefuehle fuer sie deklariert, was auch immer das heissen mag.

    Sie rollt zur Seite, versucht zu schlafen. Bis jetzt hat sie wenig Ruhe gefunden. Wer weiss, wie sich die restliche Nacht noch entwickeln wird. Und so ist es denn auch. Grade als sie an der Schwelle schlaefrigen Hinuebergleitens ist, holt Dan sie wieder zurueck. Er schluepft an ihre Seite, presst sich ganz fest an sie und schlingt einen Arme um sie. Seine Lippen im Nacken sind warme aufregende Kuesse. Und sie hat geglaubt, dass er diesen Abend nur mehr betrunken ins Bett fallen wird! Freilich, das ist nur den Pillen zu verdanken, die er genommen hat, weil sie ihn ‚aufmuntern sollten‘, so aehnlich hat sich doch Ger ausgedrueckt, als sie sich fuer den Weg zurueck in die Burg fertigmachten. Noch ist sie nicht sicher, was seine Absichten sind, doch das spielt keine Rolle mehr, denn ihre haben die Wahl getroffen. Gruenes Licht also fuer ihre Sinne und gruenes Licht fuer Dan; armer Ger im Zimmer nebenan! Als sie endlich wieder zur Ruhe kommen, macht sie eine entsprechende Bemerkung, doch es stellt sich heraus, dass Ger garnicht anwesend ist. Oliver hat nach ihm verlangt und so ist er gegangen und seitdem nicht mehr zurueckgekommen, wie sie weiss. Sie lachen, wenn auch nicht unbedingt aus dem selben Grund.

    Dan ist allerdings rastlos. Sie fuehrt es auf die Drogen zurueck, die er in sich hat, doch er versichert ihr, dass das, was er genommen hat, weniger damit zu tun hat, als dass er etwas mit ihr besprechen muesste. Er sei mit sowas noch nie konfrontiert gewesen, und reden falle ihm ohnehin nicht leicht, schon garnicht ueber solche Sachen. Sie schaut ihm in die Augen. Da ist nichts drin wie Verlegenheit, wie das mit vielen Maennern so ist, wenn sie persoenliche oder heikle Anliegen zur Sprache bringen sollten. Wie auch immer, Femina weiss ohnehin, was er will und was sie darauf zu sagen hat. Doch es spricht fuer ihn, dass er wenigstens versucht, mit ihr zu reden. Schliesslich koennte er sie ohne vieler Worte zwingen, zu tun, was man von ihm erwartet, dass er tut, naemlich sie in Ketten legen. Sie wuerde es ihm freilich nicht leicht machen, doch sie kann von niemandem Hilfe erwarten, waehrend seine Welt in Solidaritaet hinter ihm steht.

    „Okay,“ sagt sie, „was gibt’s, was hast du auf dem Herzen?“

    Er rollt herum, langt nach seinen jeans und sucht in den Taschen. Dann dreht er sich wieder zu ihr, und streckt ihr seine zur Faust geschlossene Hand entgegen. Waehrend er sie langsam oeffnet, blickt er sie forschend an, wohl um ihre Reaktion zu sehen. Da ist sie also diese Kette, um die soviel Aufhebens gemacht wird! Sie laechelt ueberrascht, denn er hat sich durchaus was besonderes einfallen lassen, wenn vielleicht auch nur aus Notwendigkeit.

    „Es sind einige Knoepfe von meiner Weste, die ich mit einer Schnur aufgefaedelt hab, sodass ich ich die Laenge anpassen kann und sie niedlich am Hals sitzt. Ich hab leider nichts anderes bei mir, aber es erfuellt den Zweck. Nimm sie,“ sagt er, „die Kette ist ein Symbol der Liebe. Es ist eine Ehre fuer jede Frau, eine Kette zu tragen. Frauen ohne sie, sind vogelfrei. Unsere Maenner geben nur jenen ein Halsband, die sie schaetzen.“

    Femina hoert aufmerksam zu und jedes Wort mitsamt seinen unterschwelligen Vibrationen wird in ihrem Gehirn sorgfaeltig seziert und registriert. Sie schuerzt ihre Lippen. Was er sagt, klingt einladend, aber das ist nicht alles, was zu hoeren und zu verstehen ist. Sie gesteht ihm zu, dass er seine Ware gut verkauft, was wohl daran liegt, dass er tatsaechlich glaubt, was er sagt. Allerdings verschweigt er einige Details, nur, wen kuemmert das schon! Er muss ihr die Kette anlegen, so oder so, hauptsaechlich, um sein Gesicht zu wahren! Mit Liebe hat das nicht viel zu tun!

    „ W a s bedeuted es fuer mich, wenn ich das Halsband trage?“ fragt sie

    „Es gibt dir Respekt und Sicherheit in unserer Gesellschaft. Sollte jemand wagen, dir nahe zu treten, versetzt er sich ins Unrecht. Es ist meine Pflicht, Dich zu beschuetzen.“

    „ W a s bedeutet es fuer dich, wenn ich das Halsband trage?“ fragt sie weiter.

    „Dass du mir gehoerst. Dass ich stolz auf dich bin und ich dich liebe.“

    Sie nimmt einen tiefen Atemzug und sieht ihn nachdenklich an. Es ist, als saehe sie ihn zum ersten Male, attraktiv verpackt, doch Bitterschokolade. Dann sagt sie langsam und ihre Stimme klingt dumpf:

    „Du sprichst von Liebe, aber du meinst Besitz. Das Halsband ist ein Symbol der Unterwerfung! Liebe bedarf keines Symbols, egal welcher Art und schon garnicht dieser! Halsband, Kette, Zugehoerigkeit, Abhaengigkeit, Ehre oder Pflicht, was hat das mit Liebe zu tun!?“

    Er faehrt hoch und starrt sie an, als sei er von einer Tarantel gebissen worden.

    „Du verstehst nicht! Du verstehst mich nicht! Nicht ein bisschen!“ Er haelt kurz inne und faehrt fort: „Freilich, du bist eine Fremde… wie koenntest du schon verstehen!“

    „Nein,“ erwidert sie, „ich verstehe sehr gut, sowohl dich, wie deine Gesellschaft. Und ja! Natuerlich! Ich bin eine Fremde! Das heisst aber auch, dass du m i c h nicht verstehen kannst. Vielleicht soll ich dir was von meiner Welt erzaehlen und dann werden wir sehen, ob wir uns verstehen koennen, oder eben nicht.“

    Er nickt, doch Femina hat den Eindruck, dass es ihn nicht wirklich interessiert, oder, sie hat ihn aus der Fassung gebracht und er ist mit sich selber beschaeftigt. Na ja! Sie kann zumindest versuchen, sein Interesse zu wecken.

    „Also,“ sagt sie, „beginnen wir mit Liebe, von der die Rede war: Liebe bedeutet fuer mich nicht Hingabe, sondern einfach nur geben, freiwillig, grosszuegig; ohne Belohnung. Es ist fuer mich wesentlicher, dass ich liebe, als dass ich geliebt werde. Natuerlich, versteh das nicht falsch, wenn jemand mich zurueckliebt, das ist ideal, das wuenscht sich doch jeder, aber wenn ich fuer eine Person nicht Liebe empfinde, hat die Liebe, die mir die Person entgegenbringt, nicht denselben Stellenwert. Zu lieben bedeutet allerdings nicht, dass man sich Rechte erwirbt. Liebe stellt keinen Anspruch, es gibt keine Erwartung, sie verpflichtet niemanden. Mich macht Liebe frei! Sie legt mich nicht in Ketten. Auch nicht in Halsketten. Und eines ist gewiss: Ich gehoere niemandem! Noch will ich jemanden in Besitz nehmen! Ein Paar ist zusammen, weil es zusammen sein will! Freilich! Es muss deshalb nicht aus Liebe sein. Sehr oft natuerlich ist es zum Zweck der Fortpflanzung, was die Natur klugerweise nicht dem Zufall ueberlassen hat. Sie regelt es mit Hormonen. Nur heute braucht man dafuer kein Paar mehr zu sein. Heute hat man Sex zum Vergnuegen und Nachkommenschaft kann man sich aus dem Gefrierschrank holen. Liebe ist, so oder so, keine Voraussetzung, um fuer Nachwuchs zu sorgen. Doch Liebe wurde immer schon, und wird nach wie vor, missverstanden und missbraucht. Nur! Ich kann es einfach nicht vertragen, wenn man von Liebe redet, wo eigentlich keine ist, denn Liebe ist fuer mich das ‚Um und Auf‘ aller Dinge. Sie ist eine U r k r a f t , ohne die nichts existieren kann. Damit ist Liebe universell, aber damit beginnen auch die Probleme, denn jede Gesellschaft verpasst ihr Normen, die ihrer eigenen Ideologie und moralischen Auffassung entspricht. Leider entsteht dabei nichts wie Verwirrung und – Schlimmeres.“ Kurzes Innehalten, nicht laenger wie ein Atemzug, aber als Nachdruck fuer einen anderen Punkt, den sie zur Sprache bringen will.

    „Nun zu Gesellschaft: Deine Gesellschaft, so wie ich es sehe, ist nach wie vor in der traditionellen, animalistischen Ideologie verankert, wo Koerper, oder besser, Materie und alles Materielle, an erster Stelle steht, waehrend die anderen Dimensionen des Lebens, geistiger Natur, entweder ueber- , oder unterbewertet, jedoch immer missverstanden, dahinvegetieren. Das ist aber weder zweckdienlich, noch tragbar, zumindest nicht mehr. Ob du es willst oder nicht, Evolution bedingt Aenderung und was sich nicht aendern kann oder aendern will, stirbt aus. Obendrein gibt’s da noch das Problem, dass ihr eure Welt in zwei Teile spaltet, die sich stets in den Haaren liegen: Mann oder Frau, Koerper oder Geist, Gut oder Boese, Leben oder Tod. Das eine versucht ueber das andere zu dominieren, das eine wird bevorzugt, das andere abgelehnt. Es endet immer nur in Streit und Konfrontationen. Kein Wunder, dass man hier mit Gewehren rumrennt. In meiner Welt gibt es zwar auch die zwei Teile, doch sie stehen in verbindlicher Beziehung zueinander. Es gibt das UND: Mann und Frau; Koerper und Geist; Gut und Boese; Leben und Tod. Wir sprechen von Menschen, von Leben, Elementarkraeften und von Existenz. Das UND schafft Einheit, es macht uns ganz. Das UND muss das ODER abloesen! Ist das nicht der Fall, wird’s keine Nachkommen unserer Art geben, produziert auf die natuerliche Weise, sowie im Labor.“

    „GENUG!“ faehrt Dan aufgebracht dazwischen. „GENUG! Wovon redest du ueberhaupt? Aggressionen unter den Menschen hat es immer schon gegeben, aber deshalb rotten sie sich doch nicht aus! Und ja, mag schon sein, dass man heute seine Kinder im Labor fabrizieren kann, aber ich will damit nichts zu tun haben. Ich will Nachkommen zeugen, so wie es sich gehoert! Ich will eine Familie haben, mit einer Frau, die gluecklich ist, ihr Leben mit mir zu verbringen. Ich bin ein Mann, dem das Seine was bedeutet und ich bin stark genug, es zu schuetzen und zu verteidigen, wenn es sein muss. Ganz gewiss ist das nicht mit dir! Offensichtlich nicht! – Aber, wir haben vom Halsband geredet! Und du redest von Dingen, die im Moment voellig unwichtig sind. Und noch dazu….., ich weiss nicht einmal wie ich es nennen soll, ….Unsinn, Bloedsinn, Blasphemie, wenn nicht alles zusammen! Ich hab noch nie von einer solchen Gesellschaft gehoert, die den Koerper ablehnt und die Gesetze der Natur! Aber wenn schon…..“, er macht eine wegwerfende Handbewegung, „eines steht fest, – wenn du das Halsband ablehnst, sagst du nein zu mir, und generell, zu Mann, Familie und Recht und Ordnung. Tatsaechlich! Du bist verrueckt! Nein, schlimmer noch! Du bist mein Feind, nicht nur eine Fremde. Lass dir gesagt sein: Ohne Halsband will ich dich nicht! Du kannst dich zum Teufel scheren!“

    Easy rider? Nicht doch! Aktion vom Kriegsschauplatz schon eher! Maennerwahn, zum Teufel damit!

    „Nun,“ sagt sie und verzieht spoettisch ihren Mund, „hab ich dir als Feind nicht gerade noch zuvor grosses Vergnuegen bereitet? Und du, mein Feind, hast du nicht Bomben geworfen, ohne Schaden zu verursachen? Wo siehst du eine Abneigung gegen alles Koerperliche und wo bin ich dein Feind? Diese Art Feindschaft ist doch kein Problem, oder?“

    Er starrt sie an, schweigt verbissen, als wuesste er nicht, was er darauf sagen sollte. Dann langt er nach seinen Zigaretten, steckt sich hastig eine in den Mund, zuendet sie an, nimmt einen tiefen Zug und atmet mit Nachdruck aus. Schweigsam und hastig raucht er weiter. Sie wuerde gerne fortfahren, denn sie hat noch lange nicht alles gesagt, was zu sagen waere. Andererseits, er kann ruhig im eigenen Saft schmoren. Hat sie nicht immer schon gewusst, dass diese Affaere frueher oder spaeter enden wuerde? Besser, sie schenkt der praktischen Seite ihrer Situation Aufmerksamkeit, als sich ueber das Wenn und Aber einer sich ohnehin bereits im letzten Atemzug befindlichen Beziehung Gedanken zu machen. Also wie sieht es aus? Braucht sie ihn, um aus ihrer gegebenen Zwangslage heil raus zu kommen? Mag schon sein. Mag sein, dass sie einen Kompromiss mit ihm eingehen muss. Seine verwirrten Gefuehle fuer sie sind nicht das Problem! Wilson ist! So betrachtet sitzen sie und ihre Freunde in einem Boot. Es wird eher der Zusammenarbeit beduerfen, denn auf Prinzipien zu bestehen.

    „Okay!“ meldet sich Dan. Offensichtlich hat er wieder seine Sprache gefunden. „Wenn du das Halsband schon nicht nehmen willst, weil du mich nicht genug liebst, ….. ich kann dir nur versichern, ich hatte urspruenglich keine Absicht, es dir anzubieten und schon garnicht, dich dazu zu zwingen, ….obwohl….,“ erneutes Zaudern, um die richtigen Worte zu finden…, „ich bin inzwischen….., ach was, kurz gesagt, ich habe meine Meinung geaendert, oder besser, ich hatte meine Meinung geaendert, …….nur das ist nicht das Ausschlaggebende!“ Und wieder haelt er inne, um dann mit fester Stimme fortzufahren: „Du bist dir wahrscheinlich nicht im Klaren, wie gefaehrlich es hier fuer dich ist. Aber ich will nicht, dass dir etwas passiert. Dazu hab ich dich zu gerne. Allerdings! Jetzt steht fuer mich fest, ich will nicht mehr mit dir weiterreisen. Bloss jetzt ist nicht der richtige Moment dafuer, denn wie gesagt, du weisst nicht, w i e gefaehrlich die Desperados sind. Und glaub mir, nur weil Wilson dir schoene Augen gemacht hat, heisst das noch lange nicht, dass dir nichts passieren kann. Selbst er weiss das.“

    Sie ist verbluefft. Wie bitte? Wilson ist doch die groesste Gefahr! Sieht er das denn nicht? Erneut fragt sie sich, ob ihr Freund wirklich so naiv ist, oder was in seinem Kopf vorgeht, doch sie laesst es ohne weiteren Kommentar dabei bewenden.

    „Dan“, erwidert sie frostig, „ich mach mir keine Illusionen. Aber warum nicht gleich offen mit mir reden? Stimmt! Unsere Wege trennen sich, bloss muessen wir erst mal weg von hier. Abgesehen davon, ich habe nie eine gemeinsame Zukunft mit dir im Auge gehabt. Ich dachte, das waere klar. Jetzt frage ich mich jedoch, ob du mich je so gesehen hast, wie ich bin? Wahrscheinlich nicht! War bis jetzt nicht noetig, nicht wahr? Jetzt allerdings bestehe ich darauf. Nein, ich bin es mir schuldig: Nicht nur du lehnst mich ab, weil ich dieses Ding nicht freiwillig tragen wuerde, sondern auch ich lehne dich ab, weil du ueberhaupt von einer Frau erwartest, es zu tragen. Ich liebe dich fuer das was du bist! Aber das ist auch schon alles. Wir koennten nie zusammen leben, nicht als Paar jedenfalls. Siehst du, wir verstehen uns, als Reisegefaehrten, aber nicht fuer mehr.“

    Er schweigt. Dann rollt er seine Augen und zuckt mit den Schultern, scheint jedoch das Gesagte ohne grossen Groll hinzunehmen, herablassend zwar, doch irgendwie auch erleichtert. Er ist jedoch neugierig geworden: „Was hast du bloss gegen mich und meine Welt, so wie die Natur es vorgesehen hat? Ich bin doch kein Monster und du liebst mich doch auf deine Art, wie du es ausdrueckst. Das ist doch widerspruechlich!“ Er haelt inne, schuettelt den Kopf. „Ach was! Alles viel zu kompliziert! Aber wenn wir schon dabei sind, was hast du w i r k l i c h an unserer Ideologie, so wie du es nennst, auszusetzen? Bist du vielleicht eines dieser Laborkinder?“

    Ein Schatten faellt ueber sie und ihre Augen wandern in die Ferne, vorbei an Dan und durch alle Mauern. Es ist lange her, dass sie so unmittelbar an ihre nebulose Herkunft erinnert wird und es ist, als habe man sie an den Rand eines Abgrundes gestossen, wo sie sich grade noch vor dem Abstuerzen retten kann. Dort unten irgendwo mag zwar ihr verloren gegangenes Gedaechtnis liegen, nur wenn sie tot ist, nuetzt es ihr wohl nicht. Aber das, was ihr hier zur Verfuegung steht, weist eben leider immer noch mehr Luecken auf, als Material: – Sie hat, nach wie vor, ausser einigen Anhaltspunkten, keine Ahnung, was ihre Herkunft betrifft.

    Waehrend sie in die Tiefe starrt, als liesse sich dort vielleicht doch ein Hinweis finden, verspuert sie den Hauch eines kuehlen Atems in ihrem Gesicht. Taeuscht sie sich oder ist es ein Zeichen, dass es dort, tief unten, tatsaechlich Leben gibt, dessen Waerme sich bloss im Aufstieg verliert? Sie wartet, ihre Sinne gleich Satellitentischen, die auf Signale aus dem Weltall lauschen. Sie melden allerdings nur den Hauch aus der lichtlosen Stille, der jedoch so wohltuend ihre Haut beruehrt, dass sie voellig still haelt und ihn durch ihre Poren diffundieren laesst, im Austausch gegen ihre inneren Stuerme. Es bringt ihr zwar nicht die spezielle Antwort, die sie sucht, doch ist es mehr als genug. Freilich, nicht fuer ihren Verstand, der will immer alle Daten haben; er braucht die speziellen Informationen. Aber sie ist im Moment einfach nur froh, zu wissen, dass ihr Gedaechtnis in seiner Vollstaendigkeit sehr wohl lebt und sie mit intuitivem Wissen fuettert, wenn es schon, aus welchen Gruenden auch immer, derzeit, nur Bruchstuecke freigibt, und es sich nicht in ihr Bewusstsein integrieren laesst. Ist sie also im Labor gezeugt worden? Vielleicht. Wahrscheinlich nicht! Oder doch? Sie stellt fest, dass sie es hier mit zwei Dingen zu tun hat, die sie besser auseinander haelt: Das WIE ihrer Zeugung ist fuer sie dabei garnicht so wichtig, nur die Umstaende ihrer Herkunft sind es schon. Natuerlich will sie ihr Gedaechtnis zurueckhaben, ohne Luecken! Und das nicht nur, um ihren Verstand zu fuettern, sondern, um sich ‚ganz‘ zu fuehlen, nicht wie ein loechriges Wesen, das kein zu Hause hat.

    Sie kommt zurueck aus der Ferne, Augen gross und weit. Alles ist verschwommen. Dan drueckt ihre Hand. „Bist du okay?“ hoert sie ihn fragen.

    „Ja! Ja, ja! Ich bin okay.“ Er ist wieder in ihrem Blickfeld und sie sieht sein erschrockenes Gesicht.

    Er drueckt wieder ihre Hand. „Was ist passiert? Du warst voellig weg. Du bist richtig erstarrt und deine Pupillen waren ploetzlich total weit und du ganz blass.“

    „Ach,“ sagt sie, „tut mir leid, dass ich dir Angst gemacht hab, aber eine deiner Fragen hat mich zu ploetzlich an etwas erinnert. Bin wieder voll da. Um auf deine Fragen zurueck zu kommen, …. nein! Ich hab absolut nichts gegen Mutter Natur, auch nicht gegen Maenner und Familie. Und schon garnichts gegen Kinder aus dem Labor! Leben ist Leben! Ich bin auch dafuer, dass Kinder Vaeter haben, nur, Familienkultur und Raumzeitalter stehen im Verhaeltnis zueinander wie Steinzeitkultur und Aufklaerung.“ Sie winkt ab, als er was sagen will. „Das ist kein Werturteil, sondern ein Vergleich! Abgesehen davon, Maenner sind nicht obsolet, nur das Patriarchat ist es. Warum ich Evolution ins Gespraech gebracht habe, war, um darauf hinzuweisen, dass Aenderung zwangslaeufig ist und das schliesst auch jedwede Ideologie mit ein. Deine Gesellschaft muss sich aendern! Unbedingt! Familie allein tut’s nicht mehr! Die Gattung Mensch ist an einem kritischen Punkt, es geht um ihr Ueberleben. Kleinkraemerisches Denken hat darin keinen Platz, Machtspiele ebensowenig. Deine Gesellschaft ist aber voll damit. Schlimmer noch, es mangelt ihr an Liebe! Auch wenn du, oder Ger, die besten Absichten habt, ihr koennt die Nachkommen nicht retten, ausser ihr stellt die Weichen neu. Und nein! Ich bin fast sicher, dass ich nicht im Labor gezeugt worden bin, aber moeglich ist es.“

    „Du irrst, was Familie betrifft,“ widerspricht er tief ueberzeugt. „Sie ist der beste Platz fuer Nachkommenschaft. Sie sorgt fuer die beste Zukunft unserer Kinder. Aber sag, weisst du nicht wer deine Eltern sind?“

    Sie zoegert mit der Antwort, entschliesst sich dann aber, sich an jene Realitaet zu halten, die sie mit ihm teilt. Alles andere ist ihr Problem, nicht seines.

    „Oh ich habe ‚Eltern‘!“, sagt sie daher, „nur, meine Herkunft ist mysterioes. Ich weiss, dass sie Adoptiveltern sind, gemaess all der Buerokratie, die damit verbunden war, nur fuer sie bin ich ihr Kind und sie sind rechtmaessige Eltern.“ Sie zuckt mit den Schultern. „Andere Laender, andere Sitten! Dort ist das der normale Prozess, wenn man Kinder haben will.“

    Er schuettelt den Kopf. „Unglaublich! Kein Wunder, dass du so verdreht bist. Du hast nie kennengelernt, was Familie ist. Adoptiveltern sind nicht dein Fleisch und Blut!“

    „Nein, nein“, erwidert sie heftig, „ich weiss, was Familie ist. Adoptiert oder nicht, wir alle sind von Fleisch und Blut. Wir sind ganz gewiss Familie! Wohlgemerkt, die Natur selber ist ein Labor mit einem Kochtopf voll chemischer Suppen. Wir kommen alle aus demselben Topf, nur vielleicht nicht aus derselben Kueche. Und im Sinne von Eltern, – es sind gute Eltern, aehnlich dem, was du in deiner Gesellschaft als gute Eltern bezeichnen wuerdest. Abgesehen davon, das Biologische ist schliesslich nicht das Um und Auf, oder das einzig Ausschlaggebende! Aber…, ach was! Du hast recht! Alles viel zu kompliziert. Ich bin muede. Ich brauch ein wenig Schlaf. Wie steht’s mit dir? Noch immer auf dem Trip?“

    „Ich glaub, ich bin beim runterkommen,“ sagt er und legt sich ruecklings an ihre Seite waehrend er seinen Arm unter ihren Kopf schiebt, so dass dieser in der Grube zwischen Schulter und Brustkorb Platz findet, als sie sich an ihn schmiegt. „Schlaf nur! Ich versuch‘s auch,“ sagt er und drueckt ihr einen Kuss auf’s Haar.

    Sie schliesst die Augen. Es waere voellig unnuetz weiter zu diskutieren. Er hat seine Meinung. Nichts und niemand wird ihn davon abbringen. Im Patriarchat ist er der Koenig und kein Koenig gibt freiwillig sein Zepter her, man muss ihn schon dazu zwingen. Sie hat aber weder Lust, sich ihre Zunge in Fransen zu reden, noch die Absicht, einen Krieg anzufangen. E r muss sich aendern, nicht sie ihn.

    Ihr fallen die Augen zu und der Strom ihrer Gedanken bricht ab, als sei er am Rande eines Kliffs. Dort wartet der Sandmann mit seinen vollen Taschen und streut wunderlichen Sand vor sie her. Femina beginnt darauf zu wandern, in Gefielde fremd und bizarr, zeitlos, ziellos, von einem Platz zum anderen, und manchmal sogar durch den schwarzen, luftleeren Raum.

    Dicke Wolken tauchen auf. Sie sind schwer mit Regen, nehmen der Sonne alles Licht und sie stolpert ueber Wurzel und Steine. Nur noch ein kleines Stueck bis zum Gipfelkreuz! Doch der Wind macht ihr das Weiterkommen schwer. So sucht sie nach einem geeigneten Platz, um sich vor ihm und dem drohenden Gewitter zu schuetzen. Da sind aber nur schwarze Wolken, kniehohes Gebuesch und weit verstreut auf den Haengen, einige wenige niedrig krumme, vom Wetter gebeugte Baeume mit nadelduennen Blaettern, wenn nicht gar kahl. Dafuer gibt es haufenweis Steine, grosse wie kleine, glatte Kiesel und rundgeschliffene Ruecken, die aus dem Boden wachsen. Sie laesst sich hinter einem der groesseren nieder, auch wenn das nur wenig Schutz gegen Wind und Wetter ist. Zudem kriegt sie Gesellschaft. Eine andere Person, in oranger Kleidung erscheint auf dem Weg und kommt raschen Schrittes auf sie zu. Es ist BABA! Niemand koennte ihr mehr willkommen sein! Der Lungi bedeckt halbherzig seinen Koerper und seine Haut ist ganz blass. Sie glaubt, es sei die Kaelte, die seiner Haut das Blut versagt, doch, so wie er naeher kommt, sieht sie, dass es weissgraue Asche ist, zum Schutz gegen die ungnaedige Natur. Seine braunen Augen jedoch scheinen warm wie immer, grad so, als habe sich darin die Sonne versteckt.

    Er nimmt seinen Turban ab, ein laengliches Stueck orangen Tuches und gibt ihr zu verstehen, dass sie es gegen den Wind halten sollte, so gut es eben ginge, waehrend er ein paar Dinge aus seinem kleinen Buendel holt und ein Shilom baut. Das ist natuerlich nicht ganz so einfach in den Sturmboen und erst recht nicht das Anzuenden, aber schliesslich gelingt es doch und er nimmt ein paar Zuege bis das Ganja ebenmaessig glueht, dann haendigt er es ihr aus, waehrend er ihr sein Tuch abnimmt und es wie einen Schal um sie beide schlingt. So sitzen sie eintraechtig im Wind und sehen den Wolken zu, wie sie sich zu einer duesteren bleiernen Decke verstricken, die der Wind nicht mehr bewegen kann, weil sie zu schwer wird und zu sinken beginnt, tiefer und tiefer hinunter zum Tal, bis sie unter ihnen liegen bleibt, wie ein dunkles bleigraues Meer. Der Berggipfel, auf dem sie sich befinden, ragt daraus hervor wie eine Insel, und sie haben auch wieder einen blauen Himmel ueber sich, mit einer freundlichen Sonne, die auf sie niederlacht. Ploetzlich leuchten in der Wolkendecke unter ihnen Strahlen gleissender Blitze auf, begleited vom Knall ohrenbetaeubenden Donnerns. So wie die beiden nach unten rasen verlischt das grelle Licht und das Gedonner, als habe der bleigraue Filz der Wolken nur darauf gewartet, dass er sie verschlucken kann, um seine prallgefuellten Wasserbaeuche zu oeffnen. Es mag der Welt darunter das Fuerchten lehren, doch sie und Baba kriegen davon nichts mit; sie befinden sich ueber dem Gewitter, wo ihnen die Natur ein besonderes Schauspiel presentiert. Sie lachen vergnuegt und begeistert wetteifern sie miteinander, wer zuerst erraet, wo der naechste Blitz und Donnerknall stattfinden koennte. Manchmal gibt es sogar mehrere zur selben Zeit. Und ueber all dem scheint die Sonne! Der Wind hat sich zwar nicht gelegt, er blaest ungeniert, doch seine Laune ist mehr verspielter Uebermut. Er nimmt sich Baba’s Tuch, wirbelt es von ihren Schultern und traegt es mit sich fort, nur um es nach einigen Metern wieder fallen zu lassen. Femina huept auf, um es zurueck zu holen, doch als sie danach fassen will, blaest er es wieder ein Stueck weiter. Sie folgt erneut und wieder wirbelt er es fort. Er treibt sein Spiel mit ihr noch einige Male, bis sie schliesslich genug von seinem Treiben hat. ‚Okay‘, sagt sie, ‚dann eben nicht‘ und dreht ihm ihren Ruecken zu, um zu Baba zurueck zu kehren.

    Doch nichts ist mehr vorhanden, von dem was war und von dem der Wind sie weggelockt hat. Sie steht stattdessen auf der ehemals hinteren Seite der Schachbuehne aus ihrem Warteraum. Dieser liegt allerdings im Dunklen und von der Buehne selber ist nicht viel uebrig. Es gibt keine intakten Waende mehr, auch keine Decke, oder Dach. Da sind nur mehr Ruinen, Dachbalken und ein paar Dachreste. Das Schachfeld ist indessen unversehrt, auch der kleine Tisch mit den zwei Stuehlen am vorderen Rand der Zuschauerseite und auf einem davon sitzt Dan. Er hat eine graue Robe an und eine Krone auf dem Kopf. Er sieht einsam und verloren aus, wie ein Herrscher ohne Land.

    Ein Scharren und Graulen und Knurren kommt von den in Dunkelheit liegenden Raeumen hinter den zerstoerten Mauern. Femina kann nicht wirklich sehen, was sich dort verbirgt, denn nur das Schachfeld ist im Licht. Aber schon im naechsten Augenblick bricht die Hoelle los. Ein Pack wilder Hunde macht sich an sie heran, in ihrem Ruecken und von den ruinoesen Seiten. Sie sieht rote Augen und viele weisse dolchartige Zaehne. Sie sind hungrig und gierig und streiten sich um den besten Platz zum Angriff auf ihre Beute. Der Leithund, gross wie ein Wolf und schwarz wie der Hoellenhund selber, legt sich lauernd vor ihr nieder. Er starrt sie an, laesst sie nicht aus den Augen und immer wieder zeigt er ihr knurrend sein messerscharfes Gebiss. Es draengt sie zur Flucht, doch gibt es weder einen Weg vorbei an den Hunden, noch kann sie sich von der Stelle ruehren. Sie hat Beine aus Blei und eine Eisenkette um den Nacken.

    Lautes Kreischen und Geschrei im nachtfinsteren Himmel ueber ihr deuten auf einen Kampf dort oben. Ein Koerper faellt mit krachendem Laut gegen einen der Balken und landet dann auf dem Boden, nicht weit weg von Dan. Der springt auf, eilt zum unglueckseligen Haufen gebrochener Knochen und blutender Wunden. Qualvolles Stoehnen ist zu hoeren. Der Arme, wer auch immer es sein mag, ist also nicht tot. Ein riesiger schwarzer Vogel mit weiten Schwingen und gluehenden Augen stuerzt sich im Flug auf Dan, wirft ihn zu Boden, hackt mit dem spitzen Schnabel auf ihn ein. Der Angriff ist jedoch so schnell vorbei, wie er began, denn das gefiederte Ungeheuer mit seinen scharfen Faengen greift sich den Verletzten und traegt ihn mit sich fort. Femina spuert seinen Fluegelschlag und kauert sich dicht an den Boden. Sie hoert in seinem Kreischen schrille Befehle fuer die Hunde und Worte, als spraeche er zu ihr: „Du gehoerst mir!“

    Ein Hund scheint sich an sie herangeschlichen zu haben. Er stoesst mit seinen Tatzen in ihre Seite und zerrt an ihrem Leinenhemd, reisst es in Stuecke. Sie versucht sich zu wehren, aber alles was sie damit erreicht, ist, dass ihre Warteraumkugel aus ihrer Brusttasche, schwer wie sie ist, hartklirrend auf den Boden faellt und davonrollt, quer ueber das Schachfeld und ueber den Buehnenrand, in das in der Dunkelheit liegende Wartezimmer.

    „Femina! Femina!“ Sie hoert wiederholt ihren Namen gerufen, weiss aber nicht wer ruft, noch woher es kommt.

    Man ruettelt sie, „Femina! Femina!“, und ruettelt sie wieder. Es sind nicht die Hunde, die sich ihrer bemaechtigen wollen, es ist Dan, der da ruft und sie aus ihrem Albtraum holt.

    „Wach auf! Komm! Rasch! Wir haben keine Zeit zu verlieren!“ Sie faehrt hoch. „Schnell, schnell! Zieh dich an! Wir muessen sofort los! Keine Zeit, viel zu erklaeren! Wir muessen weg!“

    Sie setzt sich auf, die Beine nach wie vor schwer, sie braucht etwas Zeit. Ger ist im anderen Zimmer und redet mit jemanden, dessen Stimme ihr unbekannt ist, waehrend Dan die letzten herumliegenden Sachen in ihre Tasche stopft und ihren Schlafsack haben will, um ihn sogleich zusammenzurollen und sie zur Eile antreibt. Als sie endlich auf die Beine kommt und sich schnellstens anzieht, hoert sie auch Oliver’s Stimme, wenn auch nur undeutlich und irgendwie dumpf.

    Freilich, als sie ihn sieht, wundert es sie, dass er ueberhaupt was sagen kann. Er ist grausam zugerichtet, zerschunden und zerschlagen, eine Seite seines Gesichts derart geschwollen, dass man kaum sein Auge sieht, das andere ebenfalls nur halb offen, rot und blutunterlaufen unter dicken Lidern. Im Haar hat er Blut und Blutkrusten um Nase und Mund. Er sitzt schlaff auf seinem Stuhl, einen Arm hat er in der Schlinge. Blaue Flecken und rote Schwielen ueberall auf Brust und Gliedern. Welches Untier hat ihm das angetan und warum!

    Ger sieht ihr Entsetzen. „Wilson,“ sagt er nur, wendet sich aber gleich wieder der praktischen Seite ihres Aufbruches zu. Ein Freund Oliver’s ist anwesend um zu helfen, denn auch wenn Oliver weiss, wie sie am besten von hier wegkommen, er ist kaum faehig, sich auf den Beinen zu halten. Zudem kommt er mit ihnen, was wohl nicht dem Zureden seines Bruders zu verdanken ist, sondern mehr seinem Wissen, wie Wilson mit ‚Verraetern‘ umgeht. Femina fragt lieber nicht, wie oder was und ob diese uebereilte und ungeplante Flucht nicht zum Scheitern verurteilt ist. Sie will ohnehin nur weg und das so schnell wie moeglich. Und so kommt es, dass sie mit Hilfe eines, oder vielleicht sogar mehrerer ergebener Freunde Oliver‘s, die Burg der Desperados heimlich, aber ueberstuerzt, noch vor dem Morgengrauen verlassen, wobei die Falltuere im Quartier das „Sesam oeffne dich“ ist, von wo aus ihre Flucht beginnt.

  • DNS II, Kapitel 6, Teil 7

    Der Mond muss sich des Himmels bemaechtigt haben, doch Femina sieht weder viel Himmel noch den Mond. Die kleine Strasse, verborgen unter blaettrigen Daechern, windet sich steil bergab. Diesmal hat man ihnen keine Kopfsaecke aufgezwungen, ja nicht einmal Augenbinden. Freilich, man kann ohnehin nur sehen, was die Lichtkegel ihrer Maschinen anleuchten, – kurze Strassenstuecke vor ihnen, Gebuesch und Baumstaemme zu den Seiten. Man liess sie jedoch nicht auf ihren eigenen Motorraedern reisen. ‚Der Einfachheit halber‘, hatte Oliver erklaert. Man wollte sich von ihnen nicht aufhalten lassen, ortsfremd wie sie sind! Das klingt zwar einleuchtend, ist aber fragwuerdig. Allerdings glaubt Femina ohnehin nicht, dass das derzeit freundlichere Verhalten der Desperados ihnen gegenueber, irgendetwas etwas mit Vertrauen zu tun hat. Ist Dan denn wirklich so naiv? Man sieht in ihnen bloss kein besonderes Risiko mehr! Warum auch! Sie sind in ihrer Gewalt, sie sind in ihrem Territorium, sie sind unter staendiger Bewachung. Femina ist mehr alarmiert, als sonst irgendwas. Und jetzt dieser naechtliche Ausflug, mit wesentlich mehr Maennern, als sie laut Dan’s Ankuendigung erwartet haette! Zwar mit mehr Motorraedern, als Maennern, doch ihrer mehr als genug, um die Exkursion nicht bloss als spontanen Ausflug mit ein paar Freunden zu sehen. Ausserdem! Wie heisst es so schoen: ‚Mitgehangen, mitgefangen‘! Sie findet genug Gruende fuer Misstrauen, auf beiden Seiten, um gerecht zu sein.

    Daecher tauchen auf, gefolgt von mehr und mehr Haeusern. Die Ortschaft ist teilweise in die steilen Berghaenge gebaut, aber vor der Bergkette gibt es genug Land, so dass der Ort Platz zum Ausbreiten hat. Er ist mehr ein Staedtchen wie Dorf. Westlich davon scheint die Gegend besonders hell, heller jedenfalls als der Rest. Sie halten nicht an, wie Femina es sich erwartet, sondern fahren durch den Ort. Auch gut! Der gleicht sowieso mehr einer Geisterstadt, so menschenleer ist er, und das, trotz der noch recht jungen Nacht. Aber vielleicht liegt das am Gedroehn ihrer Maschinen, das ihnen vorauseilt wie das Graulen hungriger Tiere, die sich fuer ihre naechtliche Jagd zusammentun. Es grollt laut durch die leeren Strassen und echot dumpf in den stillen Gassen, so dass sich wahrscheinlich selbst der mutigste Nachtbummler lieber aus dem Staube macht.

    Eine lange Allee bringt sie an die Ufer eines See’s. Natuerlich! Wasser war es, nicht Land, das zuvor heller schien als der Rest! Femina wuenschte, sie reisten bei Tageslicht, denn sicher ist diese Gegend bilderbuch schoen! Sie lassen die Haeuser hinter sich, der Uferstrasse folgend. Fuer einige Kilometer gibt es nur Streifen von Busch und Gras an den Strassenraendern, denn Felswaende und See erlauben kaum Platz fuer mehr. Selten nur finden sich in kleinen Buchten schmale Straende oder gar Land. Aber auch das ist moeglich, wie sich zeigt, denn nach einer anderen Biegung in einer etwas groesseren Bucht, kommt ein hohes, vielstoeckiges Gebaeude in Sicht. Es ist ihr Ziel, und wie sich herausstellt, ist es ein Hotel, das zwischen Strasse und Strand unverdrossen dasteht, wie ein uebrig gebliebener steiler Zahn in einem sonst zahnlosen Gebiss. Einsam ragt es in die Hoehe und sieht groesser aus, als es wahrscheinlich ist. Entlang der Zufahrt finden sich mehrere Parkplaetze, alle sind voll besetzt. Nicht, dass das die Truppe bekuemmert. Mit gedrosselten Motoren fahren sie die Auffahrt hoch, bis zum breiten Eingang, erhellt vom Licht seitlich der Stufen und Neonlicht ueber dem Tor, sowie dem Licht, das durch die Glastuere aus der Hotelhalle faellt. Das Halteverbot bleibt natuerlich unbeachtet. Sie parken geradewegs vor dem Tor und in der Auffahrt, ohne Scheu oder Bedenken, dass sie dabei die ganze Rampe blockieren.

    Waehrend sie sich ihrer Helme entledigen, entledigt sich Femina auch ihrer Lederjacke. Es ist naemlich wesentlich waermer hier, als oben in den Bergen. Hin und wieder hoert sie Musik, wenn auch nur fluechtig. Die kommt jedoch nicht aus dem Gebauede, sondern faellt aus dem Nachthimmel ueber ihr. Sie schaut hoch. Nichts ist zu sehen, ausser einer langweilig glatten, weissen Fassade mit blanken Fensterreihen, sogar ohne Balkone, die das Ganze ein wenig auflockern wuerden. Vielleicht befinden sich diese auf der anderen Seite, mit dem Blick auf das Wasser, anstatt auf Parkplaetze, Strasse und kahle Felswaende.

    Volle Parkplaetze sind generell ein gutes Zeichen, ein Massstab, fuer die Beliebtheit einer Gaststaette, und diese scheint ein besonderer Magnet zu sein, sowohl fuer lokale Nachtfalter als auswaertige Nachtbummler, denn soviele Hausgaeste kann es garnicht geben, wie da Autos sind. Jene, die also die Nacht nicht verschlafen wollen, duerften hier, weit genug entfernt vom friedhofstillen Ort, ihr Vergnuegen finden. Oder vielleicht ist es auch nur das einzig offene Lokal in der ganzen Gegend, denn attraktiv sieht es wirklich nicht aus. Nicht einmal die Eingangshalle ist etwas besonderes; Steinboden, je zwei Lifte, links und rechts neben dem Eingang, eine kleine Rezeption zur einen Seite, mit ein paar Samthockern und Sitzwuerfeln daneben und in kleinen Gruppen verstreut entlang der Wand, mit Zugang zu einem Restaurant, gegenueber der Rezeption. Metallvertaefelung, matt und glaenzend, bringt etwas minimalistische Eleganz in die sonst schmucklose Halle. Grosse Glastueren im Hintergrund fuehren offensichtlich hinaus zum See, sind aber geschlossen, sowie alles andere auch. Nirgendwo brennen mehr als die ueblichen Nachtlichter. Dafuer ist der vordere Teil, der Eingangsbereich der Halle, mehr wie genug beleuchtet, viel zu hell fuer Femina’s Geschmack, mit Deckenlampen wie Mini-Scheinwerfer, grad so, als wollte man seine Besucher unter die Lupe nehmen, oder schnellstens loswerden. Sie sieht zwar keine Kameras, aber das heisst nicht, dass sie nicht trotdem vorhanden sind. Schilder an den Aufzuegen weisen darauf hin, dass eine Seite nur fuer ‚Hausgaeste‘ bestimmt ist, die andere fuer ‚Hotelbesucher‘. Femina bleibt wenig Zeit, sich weiters Gedanken zu machen. Die Aufzuege sind da und transportieren sie lautlos und super schnell hinauf zum zwanzigsten Stock, der letzten Etage. Die Tueren oeffnen sich zu einem grosszuegig breiten, sanft gerundeten Foyer, mit gewoelbter Decke und einer leicht konkav geschwungenen Wand den Liften gegenueber. Es verhindert den direkten Zugang, sowie den Einblick in das Lokal dahinter, was nur durch die beiden offenen Seiten moeglich ist, wenn man der Gangrundung folgt. Femina findet das nicht nur eine geschickte Loesung fuer einen reibungslosen Gaesteverkehr, sondern auch einen guten Trick, die ankommenden Gaeste in sowas wie neugierige Erwartung zu versetzen. Man kann naemlich dem Drang nicht widerstehen, dem Stimmengewirr und, wie in diesem Falle‚ der ‚live music‘, zu folgen. Es zieht die Besucher foermlich aus einem imaginaeren Vakuum hinein in das pulsierende Zentrum. Nichts jedoch bereitet Femina darauf vor, was sie schliesslich zu sehen bekommt, naemlich ein Nachtlokal, dermassen extravagant, dass ihr ein lautes „Wow“ entfaehrt und sie an seiner Schwelle wie angewurzelt stehenbleibt.

    Halb bedeckt, unter einem sanft gewoelbtem glaesernen Dach ueber der Mitte, halb unter freiem Himmel rundum, einschliesslich des grossen Tanzbodens, der sich wie eine Zugbruecke an dicken Ketten, ueber einen tiefen Abgrund streckt, vielleicht sogar ueber das Wasser, und obendrein, so scheint’s, ohne seitliche Absicherung, Femina weiss nicht, wohin oder worauf sie zuerst schauen soll. Das Lokal selber gleicht naemlich mehr einer Landschaft, als einem Lokal. Boeden wie Ausstattung sind exquisit, sie koennten aus Marmor und anderem kristallisierten Gestein sein; matt und rauh, oder glatt und fein geschliffen, steinfarben und mit natuerlichen Farbadern darin. Sie muss es wohl angreifen, um herauszufinden, ob oder was es wirklich ist. Wie dem auch sei, der Effekt ist phantastisch. Zudem gibt es ausser dem Tanzboden keine einheitlich ebene Flaeche, sondern nur Plateaus, angelegt wie Reisterrassen und Inseln, auf denen sich, vorwiedend im Mittelteil des Lokals unter dem Schutz des glaesernen Daches, die verschiedensten Sitzarrangements befinden, jedoch ohne konventionelle Tische oder Stuehle oder Polstermobilar. Hier waechst alles aus dem Boden, wie das bizarre Gestein in Hoehlen, Stalagmiten, gross und klein, solide und filigran, sogar wie sonderbare Pflanzen; bloss in diesem Fall sind es polierte Steinwuerfel, Baenke und Saeulen, zum Teil mit Teppichen belegt und allerlei Poelstern und Kissen, sodass man es sich sitzend oder auch halbliegend bequem machen kann, – sollte man dies dem Tanzen vorziehen. Die Band hat ihre eigene Insel und die Bar folgt voller Laenge der geschwungenen Wand, jener konkaven Wand gegenueber den Aufzuegen. Sie steht auf ihrer eigenen Platform, mit hohen runden Bartischen und Hockern entlang dem auesseren Stufenrand und Hockern entlang der Bar. Sie glaenzt in Metall und Glas und hohen Spiegeln, hochpoliert, dann wieder matt und gediegen wie Stahl. Von der Bar aus hat man das gesamte Lokal vor sich, die Band zur einen Seite, das grosse Tanzpodium gegenueber, und im Mittelteil jene bizarre Landschaft, etwas tiefer als der Rest, wie eine Zaubergrotte, vollgefuellt mit den Gluehwuermchen, Nachtfaltern und exotischem Nachtgetier, den Gaesten. Auf einigen Saeulentorsos neben der Band agieren spaerlich bekleidete Taenzer beiden Geschlechtes. Sie sind nicht nur eine Augenweide, sondern professionelle Tanzakte. Aber all das gewinnt erst recht an Zauber durch die technisch grossartige und vielseitige Beleuchtung. Da gibt es kristall klare und milchglasige Haengelampen wie dicke und duenne Stalagtiten von unterschiedlicher Laenge ueber der Bar, mild leuchtende, strategisch plazierte Lichtsaeulen, dicke und duenne, gross und klein, sowie Bodenlichter, die die Wege markieren, ohne die man sich sonst, wie in einer Hoehle, nicht zurechtfinden wuerde. Einzelne Scheinwerfer sorgen fuer gezieltes Licht, andere wandern durch das Lokal oder tauchen unerwartet auf, um diesen oder jenen Gaesten besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Selbst das glaeserne Dach wechselt langsam, wie Ebbe und Flut, seine phosphorisierenden Farben, rosa, lila, blau, gruen und wieder glasklar, wobei dann unerwartete Meteorenschauer darueber hinweglaufen. All das hat einen fast magischen Effekt, und waeren da nicht ihre Begleiter, die sie fortdraengen, willkommenerweise in Richtung Bar, Femina wuerde voellig auf‘s Weitergehen vergessen.

    Die, vielleicht zwanzig, Maenner ihrer Gruppe, offensichtlich nicht alle sind hoch gekommen, verhalten sich durchaus ‚zivil‘, passen jedoch in das Lokal grad so gut, wie wilde Hunde in einen Rosengarten, und das nicht nur, weil sie Jeans, Lederjacken und Motorradstiefel tragen, oder taettowiert sind. Das Publikum tut zwar so, als seien sie bloss andere Gaeste, aber man macht ihnen Platz, haelt sich fern, wie auch immer, – um sie bildet sich eine menschenfreie Zone, – Niemandsland. Dabei, findet Femina, sind sie nicht einmal unattraktiv mit ihren vor Staerke strotzenden Koerpern, ihren meist langen Haaren, den Ponytails, mit ein paar kurz und kahl Geschorenen dazwischen, bebaertet oder auch nicht. Sie verstroemen jedoch haufenweis Testosteron, so dass es unmoeglich ist, dessen Effekt nicht zu spueren, ausser, man hat den Verstand verloren oder ist lebensmuede. Und doch! Man beaeugt sie sehr wohl, nur eben nicht offensichtlich, wobei die Maedchen sich weniger scheuen. Und man beaeugt sie, Femina, ganz besonders. Sie ist schliesslich die einzige Frau in der Maennerhorde, ohne Halsband und ohne passende Kleidung fuer ein Nachtlokal dieser Art. Sie glaubt wenigstens, dass das der Grund fuer die Neugierde an ihr ist, vorallem, weil das weibliche Geschlecht sich ganz besonders fein gemacht hat. Sie glaenzen in allen Farben, sind ‚tres chic‘ und ‚vogue‘, auch was das Make-up betrifft. Abgesehen davon ist das Publikum eher jung, mehr Maedchen als Maenner und nur wenige Frauen tragen ein Halsband. Ausserdem ist das Publikum generell anders, wie die Menschen, denen sie auf dem letzten Teil ihrer Reise begegnet war und mit denen weder sie, noch ihre beiden Freunde, Kontakt haben wollten. Femina sah in ihnen eine primitive Spezie, ungebildet und brutal, ja einer anderen Zeitepoche angehoerend, und obwohl von derselben Gattung, nicht von derselben Art. Sie verstuende sich mit Tieren besser, als mit diesen Zweibeinern. Wie auch immer sie es drehte oder wendete, und wie angetan sie auch vom Land war, das Volk gehoerte nicht dazu. Nun! Vielleicht ist es hier, auf der anderen Seite der Berge, wieder anders. Vielleicht haben sie die Barbaren hinter sich gelassen, vielleicht gibt es hier ……

    „He, Femina, was willst du trinken?” Dan’s Stimme und sein Ellbogen draengen sich in ihre Ueberlegungen. Sie antwortet nicht sogleich, haengt weiter ihren Gedanken nach, denn,…. nein,….. sie hat nichts hinter sich gelassen, wie sie sieht. Sie selber ist Mitglied einer brutalen Gesellschaft, ja nicht nur das, sie ist sogar mit der ‚Elite‘ assoziiert, der Aristokratie von brutal, kriminell und terrorisierend. ‚Ach was‘, fahren die Gedanken fort. ‚Welchen Grund hat sie, sich zu beklagen?‘ Bis jetzt gab es wirklich keinen Anlass dafuer. Ja sie hat bis jetzt nicht einmal eine Rechtfertigung, die Desperados so einseitig und immer nur negativ zu beurteilen, oder gar zu verurteilen. Dass sie mit Waffen herumfuchteln, sich eine Burg gebaut haben, sich ihre eigenen Gesetze machen? Wer kann ihnen das schon veruebeln, wenn ohnehin das ganze Volk so brutal ist und mit Gewehren rumrennt, wie sie selber gesehen hat! Alle lebten nach dem Prinzip, dass nur der Starke ein Recht auf Leben hat! Natuerlich entspricht das nicht der Wahrheit, aber ….., wuerde das jemand ueberhaupt in Betracht ziehen oder gar hoeren wollen? Ganz gewiss nicht! Und hier? Die barbarischen Sitten haben vielleicht einer mehr polierten Etikette Platz gemacht, doch das ist nur eine andere Dekoration. Wuerde sie unter diesem Publikum jemanden finden, der nicht im selben Milieu dahinkriecht, bloss unter dem Schein des Neonlichts, dessen viele leuchtenden Farben alle verfuehren und verblenden? Sicher nicht! Eine brutale Gesellschaft kultiviert Gewalt und verehrt Staerke, egal wie sich das Volk presentiert, ob in Tierhaeuten oder goldenem Flies, sie sind ein und dasselbe. Wie sonst koennten sich Desperados und dergleichen als Machthaber aufspielen!

    „Margarita“, sagt sie schliesslich, „falls sie sowas haben.“

    „Sie haben alles,“ antwortet er, „erst recht fuer uns.“ Und er lacht vielsagend und durchaus befriedigt.

    Die Band ist ausgezeichnet. Unter den Desperados gibt’s ein kommen und gehen, doch niemand macht Anstalten, sich unter die Tanzenden zu mischen. Sie bemerkt erst nach einer Weile, dass sie allein an ihrem Bartisch steht. Nach wie vor begnuegt sie sich mit dem Schauen, wird aber immer mehr vom vibrierenden Rythmus, in Luft und Boden, angesteckt. Mit ihrem Glas in der Hand und im Takt der Musik, wandert sie zu Dan, der mit ein paar anderen am Tresen steht. Er sieht sie neugierig an und fragt sie, ob es ihr hier gefalle, aber das ist auch schon alles, das er fuer sie uebrig hat. Ohne weitere Aufmerksamkeit wendet er sich gleich wieder seinen Gespraechspartnern zu, als waere er in einer hoechst interessanten Diskussion. Na ja, wenn man an Motorraedern, Autos und allem was damit zusammenhaengt, interessiert ist, mag das schon der Fall sein, doch Femina findet es nach einer Weile langweilig. Sie wuerde lieber was ueber die Raketen hoeren und den technischen Einrichtungen, die die Bande hat, doch das scheint kein Thema zu sein; vielleicht ist das tabu. Obendrein ignoriert man sie. Selbst als sie sich einmal einmischt, gibt ihr keiner eine Antwort. Die Antworten richten sich an Dan und alle reden ueber sie hinweg, als waere sie ueberhaupt nicht vorhanden. Auch gut! Sie wendet sich ab und wandert zur Tanzbuehne. Dort ist die Aktion ganz und gar nach ihrem Geschmack. Selbst wenn keiner von ihren Begleitern zum Tanzen aufgelegt ist und auch niemand sonst sie zum Tanz auffordern traut, sie wird sich deshalb nicht zurueckhalten lassen, sondern tun, was ihr gefaellt.

    Der Tanzboden schwebt tatsaechlich hoch ueber dem Grund. Anstatt einer Ballustrade sorgen schwarze, straff gespannte Drahtseile fuer die seitliche Absicherung. Die Haengeketten sind riesig, und doch, sie koennen nicht die einzige Halterung fuer diese Rampe sein, dafuer ist sie zu gross. Die Illusion erstreckt sich auch auf den Tanzboden selber, der sieht naemlich aus, als sei er aus Stein oder Beton. Er ist aber aus Holz, bloss grau bestrichen und versiegelt, mit mattem Schimmereffekt. Nach wie vor wundert sie sich ueber die Desperados. Da ist vieles, das sie bewundert und da ist sogar Platz fuer Kreativitaet. Sie stellt sich seitlich an den Aufgang und begnuegt sich vorerst mit dem Zuschauen, waehrend sie langsam aber sicher ihr Glas leert. Leider stellt sie fest, dass man sich auch von ihr fernhaelt, ja auch um sie einen Bogen macht. Sie kann nur hoffen, dass sich das auf der Tanzflaeche nicht wiederholt, denn das wuerde sie zum Mittelpunkt machen, waehrend sie sich eigentlich nur einblenden will.

    ‚Ach was! Zum Teufel mit allen!‘ Sie leert ihr Glas. Mit der Musik in den Beinen und dem Alkohol im Kopf, will sie sich nicht laenger mit Zuschauen begnuegen.

    „He Femina, komm, lass uns tanzen!“

    Sie faehrt herum und starrt in Wilson’s Gesicht. Sein Mund verzieht sich zu einem breitem Lachen. Offensichtlich amuesiert ihn ihr Erstaunen. Dan ist nicht zu sehen, auch keiner der anderen. Er ist der einzige, der sich zu ihr gesellt und sie nun zum Tanzen auffordert. Wilson? Ausgerechnet Wilson? Na das kann ja noch heiter werden! Aber sie lacht zurueck. Sie will tanzen, und nun hat sie sogar einen Partner, wenn auch einen voellig unerwarteten. Er kommt jedoch wie gerufen, worauf also wartet sie noch! Ausserdem gefaellt ihr, dass sich das glanzlose Schwarz in seinen Augen davon gemacht hat. Stattdessen glitzern sie wie das Licht des Mondes, das sich im Vorhang glaeserner Eiszapfen bricht. Er ist tatsaechlich gross, ein Baer auf zwei Beinen, etwas ausgehungert zwar, aber nichts desto trotz imponierend. Er hat seinen Bart zu einem Zopf geflochten und sein Lachen entbloesst makellose Reihen perlweisser Zaehne. Sein langes Haar sitzt auf dem Kopf, zu einem Knoten gedreht, und um seinen Hals schlingt sich eine taetowierte Schlange, die sich von seiner rechten Hand uber den ganzen Arm hochwindet und deren Kopf unter dem Haar ueber seinem Nacken verschwindet. Sonst allerdings hat er keine Tattoes, zumindest keine sichtbaren. Femina spuert ploetzlich einen Hauch kalter Luft. Dem kann sie nur mit Tanzen entgegenwirken und so nickt sie ihm zu, um sich mit ihm unter die Tanzenden zu mischen.

    Wilson ist ein guter Taenzer und hat offensichtlich Spass daran. Sie werden dabei immer ausgelassener und hoeren erst mit dem Tanzen auf, als die Band eine Pause macht. Erhitzt und durstig streben sie zurueck zur Bar. Dan erwartet sie bereits an der Stufe, winkt sie zu sich mit einem Glas frischer Margarita in der Hand. Eiskalt und ganz nach ihrem Geschmack, sie wuerde am liebsten das ganze Glas in einem Zug leer trinken, doch sie besinnt sich nach ein paar hastigen Schlucken. Wenn sie naemlich zuviel trinkt, wird ihr stets totuebel und sie leidet dann sprichwoertlich wie ein Hund, der einen vergifteten Koeder gefressen hat. Tequila ist die Ausnahme. Er bringt sie zwar auch zum Erbrechen, nur ist es eine schmerzlose Angelegenheit. Freilich, danach gibt es kein Weiterfeiern, so oder so, bloss, Tequila sendet sie in den Schlaf, waehrend jeder andere Alkohol sie solange leiden laesst, wie er sich in ihrem Koerper befindet. Abgesehen davon, sie wuerde sich lieber von Wilson’s Schlange den Kopf abbeissen lassen, als Betrunkenheit riskieren, schon gar unter den gegebenen Umstaenden. Also stellt sie das Glas brav ab, drueckt Dan einen Kuss auf die Wange und eilt zur Bar, um sich Mineralwasser und Eis zu holen.

    Waehrend sie wartend an der Bar lehnt, gesellt sich Wilson zu ihr, was ihr sofortiges Service beschert. Er verwickelt sie in ein Gespraech, durchaus charmant und intelligent. Er verbluefft sie genauso, wie sie immer wieder von der ganzen Organisation verbluefft wird. Ausserdem und obwohl er ist ganz gewiss nicht nuechtern sein kann, zeigt er keinerlei Alkoholisierung, noch sind seine Augen geroetet, trotz des vielen Marihuana, das er, wie sie weiss, in sich hat. Er ist nicht irgendwo im „La La Land“, sondern voellig aufmerksam und gegenwaertig. Noch gibt es irgendeinen Hinweis, dass er etwa stimulierende Drogen genommen haette. Seine schwarzen Augen reflektieren zudem alles Licht, die Pupillen koennten also gross oder klein sein, man sieht sie nicht, sind sie doch grad so schwarz wie der Rest. Er strahlt eine arrogante Selbstsicherheit aus, die Femina fasziniert und anzieht, aber auch eine Kaelte, die weder sein Charm noch sein heisser Koerper zum Schmelzen bringt. Sie fragt sich, ob er, vorallem sexuell, wirklich nur an Maennern interessiert sei. Sie glaubt, er liebt niemanden und geniesst Sex, Schlusspunkt! Es macht ihn unerreichbar und unantastbar. Sie ist ueberzeugt, dass er alles, was ihm nicht passt, aus dem Weg raeumt, einschliesslich Frauen und Kindern. Er ist, schlicht und einfach, skrupellos.

    Das kann man von Dan nicht sagen. Sie laechelt, denn er ist ploetzlich hinter ihr, schlingt seine Arme um ihre Mitte und drueckt sie fest an sich. Sie ist sich nicht sicher, ob er Halt an ihr sucht oder bloss seinen Besitz deklarieren will, sie spuert naemlich sein leichtes Schwanken. Vielleicht ist es beides und es ist ihr hoechst unangenehm, denn Wilson entgeht das nicht, auch wenn er sich nichts anmerken laesst. Er hebt stattdessen sein Glas halb voll mit Bier, leert es und verlangt ein neues.

    Sie legt ihre Haende ueber Dan’s, mit sanftem Druck und lange genug, um seinen Griff zu lockern, waehrend sie das Gespraech mit Wilson zu Ende bringt. Abschliessend sagt sie:

    „Haette nicht gedacht, dass du ein so versierter Taenzer bist. Ich hab das wirklich genossen. Vielleicht wiederholen wir das noch einmal?“ Das allerdings war mehr eine Phrase, als Wunsch um ihr zugleich einen freundlichen Abgang zu verschaffen.

    „Warum nicht,“ antwortet er und wendet sich seinen Kumpanen zu.

    Sie verlangt nach mehr Eis, um sich dann mit Dan zu Ger und Oliver zu gesellen. Die lehnen in bruederlicher Eintracht an einem der hohen Bartische und schenken dem Geschehen rundum wenig Aufmerksamkeit. Oder nimmt sie das nur an? Oliver wirft ihr naemlich ein paar wenig freundliche Blicke zu. ‚Er wird doch wohl nicht eifersuechtig sein,‘ faehrt es ihr durch den Kopf.

    Die Band ist zurueck und sie fuehlt sich genug erfrischt um wieder zu tanzen. Nur, Dan ist nicht interessiert. Er ist mehr daran interessiert, sich volllaufen zu lassen. Was zum Teufel ist los mit ihm?! Sie hat keine Lust herumzustehen und ihm zuzusehen, wie er ein Bier nach dem anderen leert, waehrend er sie auf spaeter vertroestet. Er schuert nur ihren Unmut. Es dauert nicht lange, dann hat sie genug und sie macht sich wieder auf den Weg, ohne weiter auf ihn zu warten. Es kommt ihr sehr gelegen, dass inzwischen auch andere aus ihrer Gruppe zum Tanzen aufgelegt sind. Sie hat mit einem Male genug Taenzer zur Hand, die sich abloesen, so dass sie ihren Unwillen mit Dan schnell vergisst.

    Wilson ist auch wieder zum Tanzpodium gekommen. Er lehnt an einer der dicken Ecksaeulen und beobachtet sie. Sie schmunzelt amuesiert, trotzdem ihr Verstand sie eines besseren zu belehren versucht. Sie will nicht hoeren. Sie weiss ohnehin, dass Wilson ihr formidabler Gegner ist, dass er ihr gewachsen, ja sogar aehnlich ist, was ihre Anlagen betrifft, nicht, wohlgemerkt, was sie daraus machen. Sie leben zwar auf der gleichen Ebene dieser Welt, aber zwischen ihnen verlaeuft der Marianengraben, tief und schier unergruendlich. Nur! Sie verstehen sich und keiner kann dem anderen was vormachen oder gar taeuschen. Wohlgemerkt! Das ist eine Herausvorderung, fuer sie beide. Nur, fuer sie ist es auch ein Minenfeld, denn es ist sein Territorium, in das sie unwillkuerlich geraten ist. Das ist vielleicht ein kleiner Vorteil, den sie ihm gegenueber hat, denn damit weiss sie mehr ueber ihn, als er ueber sie. Eines steht fest, ihre Begegnung ist interessant, wenn nicht gar aufregend, kann aber nie ein glueckliches Ende finden. Sie schuerzt die Lippen. Sie glaubt, es wird nicht lange dauern, bis er sich wieder zu ihrem Tanzpartner macht. Sie wendet sich ab, dreht sich in die andere Richtung mit Blick hinaus ins Freie. Auch wenn der Mond noch alle Wolken aus seinem Himmel vertreibt, sie spuert den Anzug eines Gewitters. Besser sie widmet sich dem Tanz, bevor dem ein Ende gesetzt wird.

    „He Femina, hast du mir nicht einen anderen Tanz versprochen?“ Sie hoert Wilson’s Stimme hinter sich. Laechelnd dreht sie sich um. Und da ist er, anstelle ihres anderen Tanzpartners. „Richtig!“ sagt sie und tanzt mit ihm weiter, waehrend sie seinen Vorgaenger auf der anderen Seite bei der Band entdeckt, im Gespraech mit einem der Musiker. Sie sieht auch, wie er sich ein anderes Maedchen aus dem Publikum zum Tanzen holt und gleich danach kuendigt die Band eine Runde Rock’n Roll an. Die Tanzflaeche leert sich und fuellt sich sogleich wieder, diesmal sogar mit dem Grossteil der Desperados, die sich die tanzwilligen Maedchen unter den Gaesten als Partner holen, und dann dahinrocken als gaebe es kein Morgen mehr und keinen anderen Tanz in der Welt. Femina wird von der Stimmung mitgerissen und Wilson ist ein Traum. Er wirbelt sie rum und hoch und hin und her. Sie wusste garnicht, dass sie zu sowas faehig war, auch wenn sie den guten alten Rock immer gern hatte. Die Tanzbuehne vibriert und immer mehr Zuschauer finden sich ein, die vor Begeisterung johlen und pfeiffen, offensichtlich selber angefeuert und inspiriert vom Rythmus der Musik und vom Schauspiel desgleichen. Sie vermeint, unter den Zuschauern Dan, Ger und Oliver zu entdecken, doch das ist natuerlich nur fluechtig, wenn nicht gar Einbildung. Sie wird sogleich wieder herumgewirbelt und verliert jegliches Interesse am Publikum. Wilson ist der Mann mit dem sie das Vergnuegen hat, das genuegt vollkommen. Die Band kennt kein Erbarmen, sie heizt die Gemueter mehr und mehr an, entzieht jedoch den Koerpern gnadenlos die Reserven. Der Tanzboden beginnt sich zu lichten. Zuerst sind es nur vereinzelte Paare, die aufgeben, dann werden es ihrer mehr. Das Publikum klatscht Beifall fuer alle, die die Tanzflaeche verlassen, feuert aber die Verbliebenen an. Wilson ist schier unersaettlich und Femina wird bald klar, dass er nur aufgeben wird, wenn sie nicht mehr mithalten kann. Ah! Sie ist ganz und gar fuer’s gewinnen! Und ihre Reserven sind noch lange nicht aufgebraucht. Das Publikum pfeifft und groelt, wird immer lauter, je weniger Paare zurueckbleiben und jubeln und klatschen in Begeisterung, als sie schliesslich als das einzige Paar im Solo abenden. Sie lacht. Das ist ein gelungener Hoehepunkt, doch zugleich auch sein Ende, denn egal ob sie noch weitertanzen wollten oder koennten, wie lange mag man schon ein Paar tanzen sehen, das nur einen Tanz im Repertoire hat? Nach einer Weile langweilt das jeden. Eine gute Band weiss das natuerlich auch. Der Saenger sagt auch schon eine Pause an, waehrend sie die Nummer zum Ausklang bringen. Mit einem letzten Wirbelsturm und unter abschliessendem Beifall findet ihr Tanzmarathon sein wohlverdientes Ende.

    Lachend und scherzend, erhitzt und immer noch auf vollen Touren machen sie sich eiligst und schnurgerade auf zur Bar. Er hat seinen Arm um ihre Schultern und dann hebt er sie hoch wie eine Feder, um sie auf einen der Barstuehle zu setzen, die man fuer sie freigemacht hat.

    „Wasser und Margarita,“ sagt sie nur und schon hat sie ein Glas mit Eis und eine Flasche Wasser vor sich, die Margarita folgt nicht lange danach. Beide stuerzen vorerst ihre Getraenke runter, sie Wasser, er Bier. Sie vermeint geradezu das Zischen zu hoeren, das entsteht, wenn Wasser und Feuer aufeinander stossen, gefolgt vom langen ‚Ah‘ waehrend des Ausatmens. Er leert gleich noch ein zweites Glas und das dritte bis zur Haelfte, bevor er sich belustigt an sie wendet:

    „Na du hast Stamina“, sagt er anerkennend. „Und so ein Spass mit dir zu tanzen. Wir waren echt unschlagbar. Hast du gesehen, wie einem Paar nach dem anderen der Saft ausging? Freilich mehr die Schuld der jungen Dinger, als unserer Maenner. Sie putzen sich auf wie Christbaeume, aber ihre Koerper taugen nichts!“ Er verzieht veraechtlich seinen Mund.

    Andere versammeln sich um sie, mit Komplimenten und Ausreden unter Gelaechter, warum Wilson gewinnen konnte und nicht sie. Es verlaengert die Hochstimmung und Femina wird endlich ihr konstantes Misstrauen los, dass die Gesellschaft von Banditen nur fuer Drama sorge. Dieser Abend beweist hinlaenglich, wie sehr sie ihre eigenen Vorurteile plagen. Vergessen sind die unangenehmen Anfaenge, vergessen ist auch ihre Frustration und die pessimistische Beurteilung ihrer Situation. Worueber kann sie sich schon beklagen? Hat sie nicht einen phantastischen Abend, oben in der Burg und nun da?

    Dan, Ger und Oliver mischen sich in ihren Kreis. Oliver sucht Wilson’s Naehe, Dan ihre. Beide sind offensichtlich betrunken, mehr als alle anderen. Femina spuert, wie sich eine Wolke ueber sie senkt, oder vielleicht ist es auch nur der mit Alkohol gefuellte Atem, der Dan umgibt und immer staerker auf sie eindringt, sowie sich sein Gesicht dem ihren naehert, um ihr einen Kuss aufzudruecken. Seine Arme fassen nach ihr wie Lianen und er presst sich an sie, als wolle er sie verschlingen. Er fluestert suesse Worte in ihr Ohr, die sie nur halb versteht, da es ihnen an Klarheit fehlt und sie mehr Gefasel als Sprache sind. Dann kuesst er sie auch noch entlang des Halses bis zur Schulter, wo ihr T-shirt ihn hindert, damit fortzufahren. Ihre erogenen Zonen reagieren prompt, aber mit gemischten Gefuehlen, mehr unangenehm denn stimulierend. Verdammt! Was ist bloss geschehen? Sie kennt psychotropische Drogen, die durchaus ernste realitaetsveraendernde Wirkung haben, aber keine, die den Charakter aendern, wie das hier der Fall zu sein scheint. Das ist naemlich nicht Dan, der ‚easy rider‘, mit dem sie auf einen Trip gegangen ist. Diesen hier kennt sie nicht. Er umarmt sie nicht zaertlich, nicht leidenschaftlich, sondern besitzergreifend, Vorrang demonstrierend. Seine Kuesse sind gleich Brandeisen, die man Tieren ins Fell drueckt. In ihr steigt Abwehr hoch. Sie spuert, wie sich ihre Muskeln spannen und ihre Lungen den Atem anhalten. Sie musss sich aus seiner Umarmung loesen, sofort, bevor sie die Kontrolle verliert. Sie windet sich aus seinen Armen, waehrend sie ihm ins Ohr fluestert: „Entschuldige, aber ich muss mal…….“ und schon ist sie fort, zu den Toiletten, in die ihr keiner ohne besonderen Anlass folgen wuerde.

    Die Sanitaeranlagen sind, dem Himmel sei Dank, geradezu einladend, mit einem grosszuegigen Vorraum und getrennten Toiletten. Porzellanverfliesst und mit Spiegelwaenden, gibt es nicht nur die lange Bank mit den Waschbecken, sondern auch Sitzgelegenheiten entlang der vollen Wand gegenuber. Ein schlanker Tisch mit einem Blumenarrangement steht zwischen zwei kleinen samtgepolsterten Baenken. Topfpalmen an den Seiten und ein paar Sitzhocker rundum, sorgen fuer eine entspannte Atmossphaere, in der man sich in aller Ruhe restaurieren kann. Es herrscht zwar ein Kommen und Gehen, aber es haelt sich in Grenzen und niemand, ausser ihr, hat das Beduerfnis, laenger als noetig, zu verweilen. Sie setzt sich im Tuerkensitz auf eine der Baenke, lehnt ihren Kopf zurueck an die Wand und schliesst die Augen.

    Zugegeben! Auch sie spuert den Alkohol. Sie ist sehr wohl angeheitert, aber Dan ist voellig betrunken! Die ganze Zeit hat er sich, anstatt mit ihr zu tanzen, volllaufen lassen! Warum wohl? Konnte er oder wollte er nicht tanzen? Viele Maenner tanzen nicht. Drum ist sie ja auch mehr als ueberrascht, wie viele der Desperados ihren Spass daran haben, obwohl sie es sich von ihnen am wenigsten erwartet haette. Wer stellt sich schliesslich schon vor, einen „bikie“ am Tueteneis schlecken zu sehen? So eine verkehrte Welt! Nur was ist mit Dan, dem sonst so selbstsicheren Dan? Hat er vielleicht zwei linke Beine und braucht den Alkohol als Ausrede oder Ermutigung? Eitel genug waere er! Oder muss er sich oder den Desperados etwas beweisen? Was schon? Vielleicht ist er mehr in sie verliebt, als er es sich zugestehen will, und sie weniger in ihn, als sie glaubt? Sollten sich Liebesprobleme, oder besser, Partnerschaftsprobleme als das groesste Problem herausstellen mit dem sie sich hier auseinanderzusetzen hat? Das waere erst recht verblueffend. Sie hat sich geistig mehr auf Gewalt und Brutalitaet gefasst gemacht, nichts jedenfalls, was mit Liebe im Zusammenhang steht. Hier gibt’s doch keine Liebe, nicht jedenfalls, was sie unter Liebe versteht! Sie haelt inne. Verdammt und zugenaeht! Das heisst nicht, dass es an Gefuehlen mangelt, erst recht nicht an Begierden und Leidenschaft. Eigentlich sind die Probleme gerade deswegen vorhanden, weil‘s hier keine Liebe gibt, weil es ueberall an Liebe mangelt! Stirnrunzelnd schuerzt sie die Lippen. ‚Verdammt, verdammt und noch einmal verdammt! – NATUERLICH! – EINE WELT OHNE LIEBE IST DIE HOELLE!‘ – An der Strassensperre hat sie die Hoelle vorausgesehen und Visionen des Horrors gehabt‘. – Erneut haelt sie inne. – Sie hat die Hoelle erwartet, nicht aber, was deren Ursache betrifft. Damit hat sie ganz und garnicht gerechnet.‘- Wie Schuppen faellt es ihr von den Augen, – sie hat sich auf die Auswirkungen, nicht auf die Ursache, konzentriert – so gesehen, braucht sie sich ueber nichts zu verwundern.

    Aber noch etwas anderes geschieht. – Halleluja! – Eine Welle unbaendiger Freude, einer Tsunami gleich, bemaechtigt sich ihres Koerpers und allem, was dazugehoert. Ihr Gehirn gibt wieder ein Stueck verlorener Erinnerung frei! ‚Dank dir, liebes Gehirn, dank dir von ganzem Herzen! Ich bin also zu Hause, wo es Liebe gibt. Ich komme also aus dem Land der Liebe. Wenn das hier die Hoelle ist, dann bin ich ein Kind des Himmels!‘

    Sie lacht lautschallend auf und wird sich gleichzeitig wieder bewusst, dass sie nicht alleine im Waschraum ist. Da sind mehrere Maedchen und die starren sie an, als sei sie verrueckt. Femina lacht ihnen froehlich zu und sagt vergnuegt: „Keine Sorge! S’ist bloss der Tequila, der sich mit mir unterhaelt! Aber wie geht es euch? Habt ihr einen schoenen Abend? Ihr seht absolut fabelhaft aus. Wo habt ihr bloss diese Klamotten her, in einem kleinen und unscheinbaren Ort, wie diesen?“

    Die Maedchen sehen sie mit grossen Augen an, als spraeche sie eine andere Sprache. Zwei eilen schnellstens aus dem Raum, zwei andere drehen sich wieder dem Waschbecken und Spiegel zu, um fortzusetzen, was ihre Lachsalve unterbrochen hat. Nur eines der Maedchen, ein huebsches rothaariges Ding, scheint an einem Gespraech mit ihr interessiert zu sein. Sie hat eine sanfte Stimme und einen Akzent, spricht aber durchaus die gleiche Sprache: „Ach wir kaufen unsere Kleider in der Stadt, wo die meisten von uns zu Hause sind. Wir kommen nur zum Wochenende her, an den See und fuer die heissen Naechte. Hier spielt immer eine gute Band und die lokalen Jungs sind ganz scharf auf uns. Wie du selber gesehen hast, gibt’s hier auch die tollsten Taenzer. Zudem kriegst du den besten Stoff und das nicht einmal teuer.“ Wie zum Beweis, oeffnet sie ihre kleine Tasche, entnimmt ihr eine niedliche Dose, offnet sie und leert weisses Pulver in ein paar Reihen auf die Glasplatte. Dann rollt sie eine Geldnote zu einem duennen Rohr, zieht sich zwei Streifchen ein und ladet Femina ein, desgleichen zu tun. Femina lehnt ab, aber ein anderes Maedchen kommt hinzu und nimmt gerne an, offeriert im Austausch ein paar Pillen, die ihre Gespraechspartnerin auch sogleich konsumiert. Femina lehnt auch diese ab: „Tequila ist mein bester Freund fuer diesen Abend. Er hat meine uneingeschraenkte Aufmerksamkeit, daher nein danke. Er will mich fuer sich allein.“

    Die Maedchen glucksen amuesiert und sind wieder am Schnorten. Dann sagt eine: „Nicht nur der Tequila will dich!“ Beide lachen.

    Femina sieht sie verbluefft an. „Wie meinst du das?“ fragt sie.

    „Na hoer mal,“ kommt es zurueck, „willst du uns auf den Arm nehmen? Wilson will dich! Du kannst dich gluecklich schaetzen! Wir alle stehen auf ihn. Er ist unser Traummann, der Beste. Leider haben wir wenig Aussichten. Er ist so unnahbar, egal was wir auch versuchen, um seine Aufmerksamkeit zu erregen, er ignoriert uns.“

    Sie versichert den Maedchen mehr oder weniger erfolgreich, dass sie sich irrten, dass Wilson‘s Interesse andere Gruende habe, als sie annahmen. Die beiden rollen nur ihre Augen, als wollten sie sagen, wie naiv sie sei und dass sie es besser wuessten. Andere kommen in den Raum. Femina findet es zuviel Getriebe, besser, sie kehrt zurueck zur Bar und den Maennern. Sie steht auf und schuettelt sich. Der innere Sturm ist zwar vorbei, aber nicht der von draussen. Die Nacht ist noch lange nicht zu Ende. Und was Wilson betrifft……, sie hofft, sie hat recht, naemlich, dass er wirklich nur neugierig ist und nicht, was die Maedchen glauben. ‚Hm!‘ Tiefer Atemzug. ‚Das kann ja noch heiter werden‘, denkt sie zynisch und sieht Wilson vor sich, wie er sie nicht aus den Augen laesst, aus welchen Gruenden auch immer, und den Engelsknaben Oliver, dem sie, ebenso fragwuerdig, ein Dorn im Auge zu sein scheint, und Dan, fuer den sie zum Problem geworden ist.

    Die Truppe steht noch immer am Tresen, so wie sie sie verlassen hat. Die Band kehrt auch zurueck, doch spielt sie nun sanftere Nummern. Femina legt Dan ihren Arm um die Schultern. Er sieht sie glasig an und laechelt befriedigt.

    „Kann man hier was zu essen kriegen? Ich bin total hungrig,“ sagt sie und wendet sich fragend an Wilson.

    „Kein Problem, liebe Femina, kein Problem. Die Hotelkueche ist immer offen. Sie laeuft rund um die Uhr, fuer die hauseigenen Gaeste.“

    Der Bartender bringt Menuekarten, denn auch Dan, Ger und einige andere schliessen sich ihr an. Alle moeglichen grosse und kleine Imbisse sind zu haben und die Hamburger und Steaksandwiches sind schnell serviert und obendrein ausgezeichnet. Sie glaubt allerdings nicht, dass alle Gaeste so vorzueglich bedient werden. Femina hat zwar keine Anhaltspunkte dafuer, doch das Essen hat sie ernuechtert. Das ganze ist geradezu sureal. Nur ein Hotel, vorwiegend junge Maedchen und ein williges Publikum? Der Ausflug nur zum Vergnuegen? Nicht doch! Aber wie dem auch sei, im Moment kann sie sich die Lippen lecken und schnurren, wie die Katze auf der warmen Fensterbank.

    Ger fragt sie, ob sie mit ihm tanzen wuerde und als sie nickt, schaut er fragend zu Dan. Der nickt ebenfalls. Es ist zum aus der Haut fahren, aber Ger tut nur, was sich gehoert. Er ist der edle Ritter, konservativ, ehrenwert. Kein Wunder, dass sie ihn manchmal seltsam fand. Sie tanzen Arm in Arm, sowie es sich eben fuer die langsamen Taenze gehoert. Er scheint ein wenig bedrueckt zu sein. Wahrscheinlich will er mit ihr reden ohne Zuhoerer zu haben, wozu sich ein langsamer Tanz natuerlich bestens eignet.

    „Wie fuehlst du dich?“ beginnt er. „Scheinst dich gut zu unterhalten.“

    Sie nickt. „Ich tanze gerne,“ sagt sie. „Nur schade, dass Dan kein Interesse daran hat. Weisst du warum?“

    „Keine Ahnung! Du musst ihn schon selber fragen,“ weicht er aus. Vielleicht weiss er es wirklich nicht, nur, er scheint ueberhaupt ein wenig vage. Sie laesst ihm Zeit und wartet. Was auch immer er auf dem Herzen hat, es faellt ihm offensichtlich nicht leicht, damit rauszuruecken.

    „Femina“, beginnt er wieder, „ich mach mir Sorgen um meinen Bruder. Ich hab versucht, ihn zu ueberreden, mit uns zu kommen, aber er ist so total in Wilson vernarrt, dass er, wie er mir sprichwoertlich gesagt hat, ohne ihn nicht leben koennte. Und ich glaub’s ihm. Er war immer ein so lieber Bub, immer treu und loyal zu seinen Freunden. Nicht, dass er viele gehabt haette. Er hat mehr Peiniger gehabt, denn er war nie faehig, sich durchzusetzen, oder sich zu wehren. Er war stets der Beste in seiner Klasse und er war ungemein anziehend, selbst als kleiner Bub und erst recht spaeter. Die Maedchen hingen wie Trauben an ihm. Nur brachte ihm das keine Freunde, weder maennliche, was verstaendlich ist, nicht wahr, noch weibliche. Es gab zuviele Eifersuechtige, auf beiden Seiten, und meist richtete sich dann die Wut gegen ihn. Wie oft ist er verpruegelt nach Hause gekommen, wie oft hat er sich in den Schlaf geweint. Selbst spaeter hat sich das nicht geaendert. Ich konnte nie verstehen, warum er sich nie auf Kaempfe einlassen wollte, trotzdem er stark genug gewesen waere. Er hat naemlich sehr wohl trainiert, aber offensichtlich nicht, um sich mit jemanden zu schlagen. Er wollte nie darueber reden, tat das nur, wenn es absolut unvermeidbar war. Meist endete es damit, dass er mit seinen Schultern zuckte und spaeter gab es vielleicht noch die Bermerkung, dass er eben kein Kaempfer sei, weil er eben nur das Schoene liebte. Er ist dann fort, was ich nur zu gut verstehen konnte, aber ich wusste, er ging in die falsche Richtung und jetzt hab ich den Beweis. Er glaubt, er hat hier sein zu Hause gefunden. Aber ich glaub, es ist sein Friedhof.“

    „Ach Ger,“ sagt sie mitfuehlend. Die Worte bleiben ihr in der Kehle stecken, denn sie kann nichts Troestliches finden. Und doch, sie will helfen, fragt sich nur wie. „Ist da irgendetwas, das ich tun koennte,“ fragt sie schliesslich.

    Er schmiegt sich naeher an sie, so dass seine leise Stimme, trotz der Musik, nahe an ihrem Ohr, gut gehoert werden kann: „Nicht wirklich, nur vielleicht eines, bitte mach ihm klar, dass dir nichts an Wilson liegt.“

    Sie faehrt zurueck und starrt ihn entsetzt an: „Wie kannst du ueberhaupt glauben, dass mir was an ihm liegt?“

    Er drueckt sie wieder an sich, als wolle er vermeiden, dass man ihnen Aufmerksamkeit schenkt, aber er selber entspannt sich.

    „Da bin ich aber froh, das von dir zu hoeren! So froh, mich getaeuscht zu haben. Nur! Du bist mit ihm fast den ganzen Abend zusammengesteckt und ihr seid ein hoechst attraktives Paar. Ihr passt gut zusammen. Und Wilson hat auf jeden Fall Augen fuer dich.“

    Das ist nun das zweite Mal, dass man sie auf Wilson’s Interesse an ihr hinweist. Nach wie vor lehnt sie diese Ansinnen ab. Und sie passen schon garnicht zusammen! Sie sind doch wie Tag und Nacht! Freilich, sie sieht ploetzlich, was die anderen sehen und dass sie nicht ganz unrecht haben. Gegensaetze ziehen sich an….., und…. ergaenzen sich! Nur, dass sie sich mit Haenden und Fuessen wehrt, sich auf dieses Schlachtfeld zu begeben, das versteht hier keiner. Wie koennten sie auch! Sie sehen die Dinge mit den Augen gemaess ihrer Welt. Freilich, sie kann nicht verleugnen, dass er sie reizt. Es reizt sie, sich mit ihm zu messen, sich mit ihm zu schlagen, sich mit ihm in den Abgruenden der Leidenschaft zu verlieren, um dann im Hass wieder aufzuerstehen, wie ein feuerspeiender Drache, nie wissend, ob oder wer die naechste Schlacht gewinnt. Es ist der Reiz des gefaehrlichen Abenteuers, die Versuchung, einen schier toedlichen Kampf vielleicht doch zu gewinnen und ein Biest zu zaehmen. Es bringt das Blut zum Kochen, es berauscht alle Sinne, es macht das Leben aufregend. Nur hat darin nichts anderes mehr Platz. Sie schaudert. ‚Nein, danke‘, stellt sie ernuechtert fest. Ihr Leben ist ihr mehr wert, als es am Spieltisch zu verlieren. Das Haus gewinnt schliesslich immer und sie ist in Wilson’s Haus.

    Sie lehnt sich wieder zurueck, schaut ihm in die Augen. „Ger,“ sagt sie fest und bestimmt, „abgesehen davon, dass Wilson’s Interesse an mir im Wesentlichen nur Neugierde ist, also ganz was anderes, wie man zu glauben scheint, – waere es nicht angebracht, dass Oliver das mit Wilson bespricht? Wilson’s Gefuehle, oder besser, Wilson’s Absichten stehen hier zur Debatte, nicht meine!“

    „Ach, Femina!“ Ger schuettelt nachsichtig den Kopf. „Was bist du doch fuer ein eigenartiges Geschoepf! Siehst du nicht, dass d u sein Interesse bist? Wilson ist nicht anders, wie andere Maenner, was Frauen anbelangt. Mein Bruder hat Angst, dass er ihn verlieren koennte. Falls du es nicht wissen solltest, Wilson ist bi, zieht Maenner nur vor, weil mit ihnen Sex unkomplizierter ist, als mit Frauen. Oliver weiss das. Er hat es ihm selber gesagt.“

    Sie tanzen eine Weile schweigsam. Oliver tut ihr von ganzem Herzen leid. Er ist eine gequaelte Seele. Welche Schoenheit sucht er wirklich, hier, in dieser Gesellschaft, wo Testosteron der Treibstoff ist und Dominanz das Ideal? Aber auch Ger tut ihr leid. Er kann seinem Bruder nicht helfen, er kann ihn nur leiden sehen.

    Es bleibt nicht viel zu sagen und noch viel weniger zu tun. Sie kann Ger nur versichern, dass sie seinem Bruder kein Leid zufuegen wird, nicht, wenn sie es verhindern kann.

    „Vielleicht waere es besser, wenn wir sobald wie moeglich weiterreisten,“ schlaegt Femina vor. Aber Ger schuettelt den Kopf.

    „Ich kann nicht. Ich muss zumindest ein paar Tage Gelegenheit haben, mit ihm zu reden. Vielleicht kann ich ihn doch umstimmen. Zumindest will ich mein Bestes versuchen.“

    Femina sagt nichts mehr. Sie weiss allerdings, je laenger sie hier sind, desto gefaehrlicher wird die Situation. Sie tanzen schweigend zu Ende und gehen zurueck zu den anderen. Offensichtlich ist Ger beruhigt, dass sie seinem Bruder nicht im Wege steht. Hat sie sich nicht schon des oefteren ueber Ger gewundert? So gern sie ihn auch hat, sie versteht seine Logik nicht. Ach was! Sie wundert sich auch ueber die anderen.

    Die Band verkuendet, dass nach der naechsten Nummer wieder eine Pause folgt. Sie wendet sich an Dan. „Nun, Dan, wie steht’s mit Dir, willst du nicht doch einen Tanz mit mir tanzen?“ Sie ist ueberrascht, dass er will. Zwar plagen ihn Gleichgewichtsprobleme, aber da es ein langsamer Tanz ist, schafft er es, seine Balance zu halten. Freilich, sie bewegen sich kaum vom Stand und er schmiegt sich ganz eng an sie. Sie ist mehr sein Ruhepol an dem er sich festhaelt. Dafuer kuesst er immer wieder ihren Hals und ihre Ohrlaeppchen. Na ja, zu mehr wird er diesen Abend ohnehin nicht mehr faehig sein, denkt sie amuesiert. Seine Kuesse sind auch keine Brandeisen mehr, sondern sind warm und weich, mehr wie Stempel, die sich vom Stempelkissen ihre Farbe holen. Sie schliesst ihre Augen, hoert auf die Musik, eine alte Nummer und irgendwie so passend fuer diesen, ihrem ersten und vielleicht sogar einzigen Tanz:

    „When a man loves a woman……..“

    Noch bevor der Tanz zu Ende ist, werden sie unterbrochen. Oliver und Ger stehen neben ihnen.

    „Kommt, sagt Ger, „wir gehen besser nach unten. Es war ohnehin schon vom Aufbrechen die Rede, aber…..,“ und er deutet auf einen aufgeregten Haufen nahe der Bar, „das ist kein gutes Zeichen. Kommt, bevor wir da hineingezogen werden.“

    Das braucht man Femina nicht zweimal zu sagen. Die beiden nehmen Dan in ihre Mitte, um sich ohne aufzuhalten zu den Aufzuegen zu begeben. Noch sind sie die einzigen, die das Weite suchen. Ein Lift ist fahrbereit und sie sind schnell unten im Foyer und draussen bei ihren Maschinen. In aller Ruhe machen sie sich reisefertig. Ger haelt seinem Freund ein paar Pillen entgegen. „Die werden dich aufmuntern,“ sagt er und Dan schluckt sie auch sogleich. Ein paar andere Desperados gesellen sich zu ihnen. Wo die herkamen ist fuer Femina allerdings ein Raetsel. Oliver dreht bedaechtig und gekonnt einen schoenen joint. Schweigend rauchen sie. Die Qualitaet geniessend, bemerkt Femina: „Hat schon seinen Vorteil, an der Quelle zu sitzen, nicht wahr?“ Sie stimmen ihr schweigend zu, Kopf nickend und schmunzelnd.

    Es dauert nicht lange, bis Wilson auftaucht, mit seinen zwei Leibwaechtern im Schlepptau. Er funkelt Oliver an:

    „Keine gute Idee, nicht auf mich zu warten!“

    Oliver reagiert schuldbewusst, aber bevor er noch etwas sagen kann, springt Ger ein, mit der Entschuldigung, dass er seinen Bruder gebeten haette, ihm mit Dan behilflich zu sein und dass er damit nur Probleme vermeiden wollte, waeren sie doch die Fremden, die ungewollterweise hinderlich sein koennten.

    „Also fahren wir“ sagt Wilson ohne weiteren Kommentar und macht sich reisefertig. Femina kriegt den Eindruck nicht los, dass Ger’s Argument nur wenig Hilfe fuer seinen Bruder war. „Bleibt hier,“ sagt er zu den anderen, „vielleicht braucht man euch!“

    Der Rueckweg scheint, wie immer, weniger Zeit in Anspruch zu nehmen, als sie es sich erwartet. Und wie immer wundert sie sich, welche Erklaerung es dafuer gaebe, dass Hin- und Rueckfahrt zeitlich, oder gar raeumlich, divergieren koennten. Immer wieder nimmt sie sich vor, die Gruende dafuer herauszufinden, was natuerlich nie der Fall ist. Und so darf sie sich erneut darueber Gedanken machen. Sie vermutet, es liegt daran, dass man einmal mit und das andere mal gegen die Erdrotation reist, also einmal mit, einmal gegen die Zeit. Oder kommt einem das Fremde immer weiter entfernt vor, als das, was man kennt und eben zurueckgelassen hat? Ist daher Zukunft weiter weg, als Vergangenheit? Unsinn! Kommt wohl drauf an, von welchem Standpunkt aus man es betrachtet, und, oder wer oder was in Bewegung ist. Aber genau das ist die Illusion, nicht wahr, denn bewegen tut sich alles. Nur das Gehirn versucht immer, irgendwo Anhalt zu finden, es braucht den imaginaeren Stillstand, trotzdem es sich, wie alles andere, ebenso fortbewegt. Das arme Gehirn braucht also die Illusion des Innehaltens, sonst wuerde es naemlich verrueckt werden. Chaos versus Ordnung! Femina lacht amuesiert. Ja, das ist schon ein Problem, wenn es immer nur Kommotion gibt. Man muss sich einen Fixpunkt suchen, um nicht seine Orientierung zu verlieren.

    Femina schliesst sich den anderen nicht an, die wieder ins Haupthaus gehen oder wer weiss wohin. Sie zieht sich ins Quartier zurueck. Sie ist zwar nicht wirklich muede, bloss angenehm vom joint, hat jedoch genug von unterschwelligen Spannungen und explosiver Atmosphere. Sie legt sich lieber zu Bett, das sie sich nun frei aussuchen kann. Sie waehlt das zweite Zimmer als den mehr geeigneten Schlafplatz fuer sie und Dan. Es hat zudem ein mit Balken verschlossenes Fenster ueber der Matratze, mehr wie eine grosse Oberlichte, als normales Fenster, aber das spielt keine Rolle, solange sie es nur oeffnen kann. Sie schlaeft naemlich gerne bei offenem Fenster. Es laesst sich leichter oeffnen, als sie annahm, da es tatsaechlich zwei Holzfluegel sind, die nach innen aufgehen, sobald man den schmalen Querbalken aus seiner Fuehrung hebt und dann um seinen Bolzen dreht. Jetzt kriegt sie allerdings mehr Luft, als ihr lieb ist, denn es gibt kein wirkliches Fenster, sondern nur die Fensteroeffnung und die Fensterlaeden. Sie lacht. Sie kann auch nicht hinausschauen, dafuer ist es zu hoch, aber es ist gross und weit genug, um den naechtlichen Himmel zu sehen. Das kann sie naemlich, wenn sie sich mit den Fuessen zur Wand legt. Zu ihrer Freude kommt sogar der Mond in Sicht. Sie holt sofort ihren Schlafsack und eine Decke, schluepft raus aus den Kleidern und rein in die weiche Daunenhoehle, mit der zusammengefalteten Decke als Kopfpolster. Der Abend koennte nicht besser fuer sie enden. Allein mit dem Mond, der still und langsam im kuehlen Himmel wandert, der ihr Silberkuesse schickt und alles zu Silber verwandelt.

    „Weisst du, Mond,“ sagt sie, „ich liebe dich. Du gibst mir deine Schoenheit. Ich liebe auch Dan, er gibt mir seinen schoenen Koerper. So liebe ich die Sonne, die mich waermt. Und ich liebe das Gras, weil es so gruen ist, und die Erde, weil sie mich ertraegt. Ach ich koennte tausende von Dingen aufzaehlen, die ich liebe. Tatsache ist, dass ich liebe. Jedesmal, wenn ich dich am Himmel seh, bin ich erstaunt, wie schoen du bist. Und so ist das mit allem, das ich liebe.“

    Ihr Blick folgt ihm, wie er sich stetig fortbewegt. Bald wird er nicht mehr zu sehen sein. Sie greift nach ihm und holt ihn sich aus dem Himmel. Matt wie Perlmutt glaenzt er, leicht wie ein Ballon fuehlt er sich an. Wenn sie ihn nicht festhaelt wird er wegfliegen, aber wenn sie ihn halten will, kann sie nichts anderes mehr tun. Sie schlingt eine duenne Schnur um ihn und deren Enden um ihren linken kleinen Finger. Der Mond schwebt der Decke zu, bis ihn die Schnur am Aufsteigen hindert. Es ist keine lange Schnur und waehrend sie sich eine Zigarette aus der Packung holt und entzuendet, tanzt der Mond hin und her und auf und ab, solange, bis sie wieder Ruhe gibt. Er steht nun still, aber da sind duenne schwarze Streifen, haessliche Adern, in seinem sonst sanft schimmernden, makellosen Gesicht. Sie holt die Schnur ein und entfernt die Schlingen. Nachdenklich haelt sie ihn fest, fuer ein paar Augenblicke, dann laesst sie ihn los und blaest, lange ausatmend, einen sanften Luftstrom hinter ihm drein.

    „Weisst du, Mond,“ sagt sie, als er wieder leuchtend am Himmel steht, „ich will dich nicht festhalten. Es macht mich unfrei. Und du kannst nicht dasselbe fuer mich sein.“

    Sie zieht an ihrer Zigarette und blaest ihm Rauchringe zu, grosse und kleine und am Ende noch einen Kuss, bevor er aus ihrem Blickfeld verschwindet. Jetzt sieht sie nur mehr sein Silberlicht, aber sie spuert seinen Silberatem und sie folgt seinem Schatten, solange, bis es weder das eine, noch das andere gibt.

  • DNS II, Kapitel 6, Teil 6

    Das Haupthaus ist der allgemeine Treffpunkt der Desperados. Dort finden sie sich zusammen, um gemeinsame Unternehmen zu planen oder vorzubereiten, um Feste zu feiern, oder auch nur, um sich im Kreise von Artgenossen und Seinesgleichen „zu Hause“ zu fuehlen. Es ist ein Hafen fuer alle, und, laut Oliver, grosszuegig angelegt. Es erlaubt fuer unterschiedlich grosse Treffen, da mit mobilen Waenden entsprechende Raeumlichkeiten arrangiert werden koennen. Fuer den taeglichen Gebrauch verkleinert man, auch den grossen Zentralraum, den sie gerade durchqueren.

    Die kulturellen Gepflogenheiten der Mitglieder sind offensichtlich. Gangsta Rap and Hard Rock Musik durchstroemt alle Raeume, Bilder von nackten Frauen, Rennwagen, Motorraedern finden sich an den Waenden, ebenso Verstaerker und riesige Fernsehschirme, mit derzeit laufenden Musikvideos. Alles spricht fuer unersaettliche Gemueter, nichts wirklich fuer Genuss.

    Das Mobilar, aus Holz oder Metall, alt und abgenutzt, besteht hauptsaechlich aus Tischen, Baenken und Sesseln jeder Art und Groesse, alten Sofas da und dort, Matratzen entlang den Waenden, und vielen leeren umgedrehten Beerkisten, zweckdienlich dazwischen. Diese Kisten sind ein sehr beliebtes Stueck Moebel. Man findet sie naemlich ueberall, und warum auch nicht. Sie werden als Beistelltische, Hocker oder Regale fuer Magazine und Buecher verwendet oder sie sind einfach nur Behaelter fuer diversen Kram; und es gibt immer Nachschub, denn man braucht den Inhalt nur leer zu trinken und schon hat man neues Mobilar. Volle und leere Flaschen aller Art, riesige Aschenbecher und Drogenparaphernalia sind ebenfalls ueberall. Eine gut bestueckte Bar offeriert Bier vom Hahn und eine Auswahl ‚harter‘ Getraenke. Es ist mehr ein Selbstbedienungsladen wie herkoemmliche Bar, denn jeder kann sich frei bedienen, und das in jeder Menge.

    Wie man an Boden und Waenden sehen kann, Stein ist das bevorzugte Baumaterial. Es vermittelt rustikale Bequemlichkeit, aber auch Dauerhaftigkeit und Staerke. Die Luft ist warm und dick mit Rauch. Grosse Wandventilatoren saugen sie in regelmaessigen Abstaenden ins Freie ab, im Austausch fuer kuehle frische Luft von draussen. Fenster finden sich nur wenige und die sind mit dunklen Holzlaeden verschlossen, aber dafuer ist die Decke hoch und zeigt die vielen robusten Balken des Dachgeruests, so dass der Saal eher einer grossen und luftigen Scheune gleicht, wie einem niedrigen Steinkeller. Neonlicht sorgt fuer Beleuchtung. Das ist zwar nicht besonders heimelig, aber in jedem Falle praktisch.

    Es herrscht ein reges Treiben, ein Kommen und Gehen. Fuer Zeitvertreib sorgen Billardtische, Tischtennis, ja sogar Pokermaschinen, deren Geklingel man auch hoeren kann, die aber nicht kostenlos sind, denn wo bliebe sonst der Reiz des Gewinnens. Sicher haben auch Kartenspieler und Videogamer irgendwo ihren Platz.

    Fuer Hausgaeste gibt es angeblich auch Schlafsaele. Allerdings, viele schaffen es ohnehin nicht bis dahin, sondern schlafen auf den Matratzen, wo auch immer sie der Schlaf uebermannt, oder der Rausch sie dazu zwingt. Gruppen von Maennern sitzen, stehen herum, lachen und groelen, und da sind sogar Tanzlustige, die sich austoben, wahrscheinlich weniger, weil sie ein Tanzbein haben, sondern weil sie voll gepumpt sind mit Pillen, so dass sie ekstatische Zustaende suchen oder ausleben mussen.

    Es ist eindeutig eine ‚Maennerhoehle‘, mit mehr Besuchern als sonst, da sich viele zur Feier eines erfolgreich durchgefuehrten Unternehmens einfinden. Femina sieht auch Frauen, doch sind sie in der Minderheit. Freilich, manche der Maenner koennten tatsaechlich Frauen sein, nur, im Vorbeigehen hat sie wenig Gelegenheit, sich einzelne Personen genauer anzuschauen. Was sie im Ueberblick sieht, ist ein zusammengewuerfelter Haufen von Maennern, die sich aus den verschiedensten Typen zusammensetzen, exotisch, extrem, unauffaellig oder unscheinbar, und das nicht nur was ihre Koerpergroesse und Gesamterscheinung betrifft, sondern sehr wohl auch ihren Charakter. Man findet alles, vom Punk und Schlaeger bis zum Handlanger, vom Mobster und Bankraeuber bis zum Buchmacher. Eines steht jedenfalls fest: Mit keinem von ihnen wuerde sie sich bedenkenlos anfreunden.

    Sie enden ab in einem Atrium, mit ueberdachten Seiten und dem Hauptteil unter freiem Himmel, einem Feuerpit mit loderndem Feuer in der Mitte, und in sicherem Abstand rundum, einige kleinere Tische, Sessel und Baenke, wo man es sich trotz einer kuehler Nacht bequem machen kann, abseits vom Geschehen im Haus mit dem angetrunkenen und vollgedopten Partymob, und den droehnenden Verstaerkern. Obwohl auch hier die Musik weiter geht, man kann sich wenigstens, ohne all zu grosser Anstrengung, unterhalten. An einem der niedrigen Tische sitzen ein paar Maenner. Zwischen Flaschen und ein paar Bierkruegen steht in der Mitte eine mittelgrosse Holzschuessel und ein bauchiges Bong. Es sind ihrer fuenf und die einzigen, die sich hier am Feuer zusammengefunden haben. Sie sind auch Oliver’s Ziel, denn er geht geradewegs auf sie zu.

    „Wilson, das ist Ger, mein Bruder, sein Freund Dan, und dessen Freundin.“ Oliver hat sich an einen Baer von Mann gerichtet, ein Schwarzbaer, um genau zu sein. Er hat langes schwarzes Haar und einen langen schwarzen Vollbart und Augen scharz wie Kohlen, die im ersichtlichen, blassen Gesicht, wie tiefe lichtlose Hoehlen erscheinen. Er ist von stattlicher Groesse, auch wenn man das im Moment nicht so leicht sehen kann, da er einen schwarzen Pullover traegt und mit der Nacht nahezu verschmilzt.

    „Ah, das ist also dein geliebter Bruder!“ sagt er. „Kommt, setzt euch zu uns!“ Zwei der Maenner am Tisch, grosse starke Typen in Lederjacken, Jeans und Lederkappen, stehen auf, holen einen anderen Tisch und Sessel heran, sodass sie zusammensitzen koennen. Oliver allerdings nimmt naechst zu Wilson Platz. Die Maenner sind schweigsam, ihre Gesichter ausdruckslos. Femina hat den Eindruck, dass sich hinter dieser Verschlossenheit Wachsamkeit verbirgt, und eine lauernde Sprungbereitschaft, die ein scharfer Verstand und ein gut trainierter Koerper kontrolliert, aber sofort in Aktion versetzen wuerde, gaebe es Anlass dafuer. Sie findet ihr hoefliches Verhalten geradezu verblueffend. Abgesehen davon, hat sie denn keinen Namen und hat man sie nicht noch vor kurzem mit Waffen bedroht?

    Wilson fuellt das Bong und nimmt seinen Hit, so tief und maechtig, dass Femina glaubt er habe Lungen gross wie Faesser, und der ausgestossene Rauch gleicht der einer Dampflokomotive, es fehlt nur noch deren schrilles Pfeiffen. Er reicht das Bong an Oliver, und bevor noch viel geredet wird, wird erst einmal geraucht. Femina ist froh, dass sich jeder selber bedienen kann, denn sie wuerde ganz gewiss kein volles Mass vertragen. Das Zeug in der Holzschale ist offensichtlich das Beste, dick und schwer und so reif, dass man daraus leicht Haschisch machen koennte, ohne sich anstrengen zu muessen. Noch waehrend des Anzuendens hat sie ernsthafte Bedenken, glaubt, es wuerde sie im wahrsten Sinne des Wortes ‚umwerfen‘. Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Der kuehle Rauch verleiht ihr Fluegel, hebt sie hoch hinauf in die Luefte, hinein in die Sternengefielde ueber ihr, von wo sie dann wieder sachte zurueck auf die Erde gleitet, in die Gesellschaft von Maennern, die sie nun keineswegs mehr als gefaehrlich betrachtet, sondern solche Gedanken geradezu lachhaft findet, und sie sich ueber sich selbst amuesiert.

    Sie lehnt sich zurueck, Musik in den Ohren, alles ist so angenehm, ausser dass sie beinahe am Verdursten ist. Sie will aber kein Bier, nein danke, auch keinen Wein, keinen Alkohol, tut mir leid. Sie will Tee. Nein? Mag sie Coke, Energiedrink? Energiedrink, ja danke. Oliver ist ihr sehr gefaellig und bringt ihr gleich mehrere. Das wird eine lange Nacht! Nach den Bong Runden und Kaffein dazwischen, sie ist fuer alle Faelle versorgt, und faehig, sich nicht nur diese Nacht um die Ohren zu schlagen. Haben die Maenner nichts anderes zu reden als ueber Autos, Sport und Motorraeder, oder trunkene Eskapaden?

    Das Atrium fuellt sich mehr und mehr mit Leuten, darunter auch einige Frauen. Sie mustert sie, fragt sich, ob unter ihnen eine waere, mit der sie Kontakt knuepfen koennte. Sie sind nicht unhuebsch, huebsch in einer merkwuerdig mueden Art. Es sind vorwiegend die Augen, die diese Wesen glanzlos und farblos machen. Femina sieht an mancher ein Wuergehalsband, tatsaechlich mehr wie ein Hundehalsband als Schmuckstueck. Das muss wohl das besagte Halsband sein, von dem Oliver sprach und das er ihr am liebsten verpassen wuerde. So wie ihr suchender Blick sich mit den der Frauen trifft, stoesst sie auch auf manche Feindseligkeit und Abneigung, vorallem von jenen, die das Halsband tragen. Sie ist ihnen nicht gram, versteht sie doch, was es bedeutet, gefangen zu sein wie ein Hund an der Kette, es ist ein trauriges Los. Freilich, sie versteht nicht, warum jene Frauen, die noch nicht resigniert haben, ihre Energie nicht fuer was Besseres verwenden, als sich gegen sie zu stellen. Sie wendet sich daher ab, beschaeftigt sich lieber mit sich selber; zu schnell kann naemlich ihr Hoehenflug in Traenen enden, Traenen fuer eine Welt, die wenig Platz fuer Licht und Liebe hat.

    Stimmen und Geschrei beenden ihre Ueberlegungen. Einige Maenner scheinen aneinander geraten zu sein. Die Anwesenden erheitert das, denn alle lachen und klatschen. Femina ist sicher, dass sich die Streithaehne um nichts Besonderes streiten, aber den Kontrahenten ist es ernst genug. Die ersten Fausthiebe fliegen. Damit steht fest, dass es solange weiter geht, bis der eine oder andere am Boden liegt. Femina will dem Kampf nicht beiwohnen. Sie weiss allerdings nicht, wie sie entkommen koennte, denn alles spielt sich vor jener Tuer ab, durch die sie ins Atrium gekommen war. Es gibt zwar noch andere Tueren, doch wer weiss, wo die hinfuehren. Bevor sie sich jedoch erkundigen kann, hoert sie Wilson’s aufgebrachte Stimme, und zwei der Maenner am Tisch springen hoch, offensichtlich bereit, einzugreifen.

    „Streited Euch woanders! Am besten draussen vor dem Haus! Seht ihr nicht, dass ich Gaeste habe? Zum Teufel mit euch!“ schreit er lautstark und so aggressive, dass ihn jeder hoeren muss und jeder versteht, und jeder weiss, dass er meint, was er sagt.

    Und tatsaechlich, man gehorcht! Die Meute zieht ab, zwar unter Murren, aber das gehoert wohl zu den Regeln, nach denen diese Typen leben. Man gehorcht, solange der Starke eben der Staerkste ist. Man will allerdings sein Gesicht wahren, wie der arme Hund, der zwar knurrt, aber keine Zaehne hat.

    Femina bemerkt eine weibliche Gestalt, die auf einer Bank liegt, das Gesicht hinter dem Vorhang langer Haare, zusammengekauert wie ein wundes Tier. Sie ist viel zu duenn bekleidet fuer die kuehle Nacht, auch wenn das Feuer sie wenigstens von einer Seite waemt. Noch waehrend sie sich fragt, wie lange sie wohl hier gelegen habe, kommt ein Huehne von Mann aus dem Saal und eilt schnurstracks auf sie zu. Sein nackter Oberkoerper ist bedeckt mit Taetowierungen. Sein Haar hat er auf dem Kopf in einen Knoten zusammengerollt, sein breites Gesicht ist grimm vor Aerger. Ein Bierbauch haengt ueber seine Jeans und er ist barfuss. Vielleicht hat er Hemd und Stiefel im Pokerspiel verloren. Er ruettelt die Gestalt. Da sie sich aber nicht ruehrt, hebt er sie hoch, packt sie sich wie einen Sack ueber die Schulter und verschwindet mit ihr durch eine der anderen Tueren.

    Das Bong macht wieder seine Runden. Sie ist nicht mehr besorgt, dass es zu stark fuer sie ist. Ganz im Gegenteil. Sie geniesst diese Superqualitaet, wundert sich nur, in welcher Erde diese Pflanze gewachsen ist und unter welcher Sonne. Es ist ganz gewiss kein kuenstlich genaehrtes, kein von Menschenhand manipuliertes Gewaechs, dafuer ist seine Wirkung zu rein, zu sonnig, zu unverdorben. Es erinnert sie an die Berge, in denen sie gewandert ist, und wo die Natur das Sagen hat, nicht der Mensch. Ein ganz besonderer Platz faellt ihr ein; noch nie war sie so hoch gestiegen. Adler kreisten um sie. Sie konnte ihre Augen sehen, und ihr Geschrei schwirrte durch die Luefte rund um sie, so nah, dass sie es noch jetzt hoeren kann. Sie hoert auch noch immer den Wind in den Federn ihrer Fluegel, sieht ihre Manoever, wie sie dahingleiten, oder sich noch ein winzig kleines bisschen hoeher schrauben, oder in die Tiefe stuerzen, in Taeler so tief wie der Himmel selber. Ihre Koerper mit den weiten Schwingen heben sich ab vom Weiss des mit Eis und Schnee bedeckten Berggiganten auf der anderen Seite, der Bergkette ihr gegenueber. Seine Stirn glatt und faltenlos weiss, mit einer weissen Wolkenbank um seine Nase, und einer weissen Krone, massiv wie eine geballte Faust, die hoch hinauf in den glasklaren Himmel ragt. Dieser Bergriese liess alle anderen Berge klein erscheinen, nur die Adler erinnerten sie daran, wie hoch in den Lueften sich der kahle Kopf ihres eigenen Gipfels befand. Nie und nimmer kann sie den Zauber vergessen, nie und nimmer die Adler, in deren Mitte sie verweilen konnte. Freilich, in diesen Hoehen gibt’s mehr Stein wie Graeser, aber auf dem Weg hinauf gibt es alle Arten der Vegetation, Pflanzen und bluehende Baeume, in tief leuchtenden Farben, staerker und widerstandsfaehiger, je naeher sie der Sonne kommen, bis schliesslich die Luft so duenn und kalt wird, dass fast allem Leben der Atem ausgeht.

    Diese Desperados verwundern sie immer wieder auf’s Neue. Wo hat Wilson bloss diesen Stoff her? Ueberhaupt, wie kommt es, dass er sich, und mit ihm die Maenner am Tisch , nicht mit was anderem vergnuegt? Auswahl gibt’s schliesslich genug. Waehrend sich die Meute mit allen moeglichen Drogen vollstopft, gibt es hier auf diesem Tisch nur zwei, Bier und Marihuana. Sie versetzen sie in einen Zwiespalt, grad so als habe sie selber zwei Seiten, mit der einen im Schatten menschlicher Schoepfung, mit der anderen im Licht der Mutter Natur, zu Hause allerdings in beiden Welten.

    Ihre eigene Natur meldet sich zudem mit einem Ruf, dem sie folgen muss. Sie steht auf, um ins Quartier zu gehen und ist natuerlich neugierig, wie man darauf reagiert; man soll sie ja nie aus den Augen zu lassen. Nahezu gleichzeitig sind Dan und Oliver auch schon am Fragen, was sie brauche. Sehr wohl hat sie bemerkt, wie Wilson Oliver aufmerksam machte, dass sie sich zum Gehen anschickte.

    „Ich muss mal kurz ins Quartier,“ sagt sie daher, „aber kein Grund, deswegen eure Unterhaltung zu unterbrechen. Ich kenn den Weg!“

    „Nein, nein, das ist nicht das Problem,“ antwortet Oliver rasch. „Ich muss dich begleiten, denn die Gangtuer hat einen Sicherheitscode. Du wuerdest also nicht weiter kommen. Hat aber auch keinen Sinn, dass du mitgehst, Dan. Bleib nur hier, ausser du willst mitgehen.“ Aber Dan will ohnehin nicht.

    Sie laechelt: „Na dann bleibt dir nichts anderes uebrig als mich zu begleiten. Komisch, ich hab beim Reinkommen keine Codevorrichtung gesehen.“

    „Ja stimmt schon,“ sagt er, „die Tuer ist naemlich nur vom Haupthaus ins Quartier gesperrt, so dass nicht jeder Zutritt hat.“

    Elegant! Damit nimmt er ihr allen Wind aus den Segeln. „Ah, gute Idee!“ erwidert sie laechelnd und vor sich hinschmunzelnd folgt sie Oliver, der sofort die Fuehrung uebernimmt. Es wird noch viele Gelegenheiten geben, im Brei zu stochern und, – seine Welt in Frage zu stellen.

    Unnoetigerweise, aber nicht ueberraschend, geht er mit ihr bis ins Quartier, wo er dann am Tisch im ersten Zimmer Platz nimmt. Er will also auf sie warten, trotzdem er nun eigentlich keinen ‚offiziellen‘ Grund mehr dafuer hat. Ihre Lage kommt einer Gefangenschaft gleich! Aber sie bleibt gelassen. Das ist schliesslich nicht das erste Mal, dass sie sich gefangen sieht. Viel schlimmer als dieses Gefaengnis, viel schlimmer sogar, ist das Haus, das sie festhaelt, denn das gibt ihr nichts wie Raetsel auf, ohne auch nur irgendeinen Hinweis, wen man verantwortlich machen koennte, im Gegensatz zu hier, wo der Feind konkrete Formen hat und berechenbar ist.

    Raus vom Badezimmer, setzt sie sich zu Oliver an den Tisch.

    „Ich glaube, ich brauch eine kleine Ruhepause bevor ich mich wieder zu euch geselle. Das ist guter Stoff, den ihr da habt, aber das heisst, meine Sinne muessen sich ein wenig erholen, und das koennen sie am besten, wenn ich allein bin, hier, weg vom Partylaerm.“

    Er sieht sie nachdenklich an. „Zuviel fuer dich?“ fragt er schliesslich.

    Sie zuckt mit den Schultern. „Wie man’s nimmt! Aber nein! Nicht wirklich! Es ist das beste, das ich seit langem geraucht habe. Ich bin mehr beeindruckt, als sonst irgendwas. Aber es hat eine besondere Wirkung auf mich.“ Sie taetschelt beruhigend seinen Arm. „Keine Sorge! Mir geht’s gut! Ich will auch nicht den restlichen Abend hier alleine verbringen. S’ist bloss fuer eine kurze Weile, die Stille hier tut mir im Moment einfach gut.“

    Er starrt schweigend auf die Tischplatte als wolle er verhindern, dass sie seine Gedanken liest. ‚Er hat keine Ahnung, was er von mir halten soll,‘ stellt sie fest. ‚Egal, aus welchen Gruenden ich auch alleine sein will, er versteht das eine wie das andere nicht.‘

    „Okay,“ sagt er schliesslich, grad so, als habe er geistig alles Moegliche in Betracht gezogen, wie er mit dieser neuen Situation umgehen soll. „Hier! Nimm mein Handy, drueck die Eins, wenn du soweit bist! Ich komm dich holen, oder ich schick jemanden. Ich hoffe du verstehst, dass das zu deinem Schutz ist. Unsere Jungs sind naemlich in Partystimmung und manche verlieren die Kontrolle! Das kann fuer dich recht unangenehm werden, – und boese enden.“

    Tatsaechlich! Er macht sich Sorgen, zwar weniger um sie, als um die Probleme, die sie schaffen koennte. Trotzdem er nicht weiss, wie gut sie ihn, und ihre Situation versteht, er hat recht; es waere ziemlich idiotisch, hungrige Woelfe provozieren zu wollen, indem man wie ein verirrtes Tier vor ihrer Nase rumtanzt.

    „Schon gut,“ beschwichtigt sie ihn. „Aber ich brauch das Handy nicht. Hol mich einfach wieder, spaetestens in einer Stunde! Ich hab auf keinen Fall die Absicht, mich schlafen zu legen. Dafuer hab ich viel zu viel Kaffein in mir!“

    Wenn er auch nur ein bisschen Verstand hat, sollte ihm ihr Hinweis genuegen, dass sie zwar kompromissbereit ist, sich aber nicht abhaengig macht, weder von ihm und seinen Aengsten, noch von den ihren. Sie wuerde den Woelfen schon entkommen, nur, wie schnell er, oder wer auch immer, ein aufgebrachtes Rudel beschwichtigen kann, ist eine andere Sache.

    „Okay!“ erwidert er. Fast erleichtert zieht er ab. Er hat also die Warnung verstanden, aber nicht, dass sie ein Spiel begonnen hat, ein Spiel, das sich Manipulation nennt.

    Bevor sie sich aber, allein gelassen, auf weitere Gedankenspiele einlaesst, fragt sie sich, ob es hier irgend etwas Essbares gaebe. Kaesten auf, Kuehlschrank auf. Nichts! Sie durchwuehlt, gegen besseres Wissen, ihre Tasche. Natuerlich nichts! In Dan’s Tasche? Auch nichts. Mag sein in Ger’s? Und tatsaechlich, sie findet eine ungeoeffnete Rolle trockener Kekse. Die scheinen ihr wie knuspriges Feingebaeck und schon versucht sie sie aufzumachen, kann aber das Zellophan nicht gleich fassen. Sie haelt inne, starrt auf die Rolle, geht zurueck zu Ger’s Tasche und wirft die Kekse aergerlich zurueck hinein. Zum Teufel damit! Wo bleibt ihre Kontrolle?

    Sie holt sich ein staubiges Glas vom Regal, waescht es sauber und fuellt sich voll mit Wasser. Ihre Gedanken versuchen sie zwar immer wieder auf die Kekse zu bringen, aber sie geben auf, als sie sich darauf konzentriert, wie sie dieser Raubritterburg entkommen koennte. Sie wuerde sofort aufbrechen. Auch ohne ihre Freunde. Falls diese ueberhaupt ihre Freunde sind! Schon eigenartig, wie schnell sich Dinge aendern koennen! Oder aendern sie sich garnicht, sind nur Facetten Ein- und Desselben, bloss Schattenspiele, die ein ignoranter Verstand irrtuemlich und fehlerhaft interpretiert?

    Wie gut, dass sie zumindest sich selber hat, ein fixer Punkt, von dem aus sich manoevrieren laesst. Ihr Koerper ist ihr Raumschiff, bestueckt mit Antennen, Radaren und Sensoren, mit feinen teleskopischen Elementen, die aus ihrer Huelle ausfahren, um die Umwelt zu registrieren and zu analysieren. Sie ist manchmal erstaunt, dass andere dieses Netzwerk von Fuehlern und Fangarmen nicht sehen koennen, sind es doch so viele. Vielleicht liegt es daran, dass jeder nur sieht, was er sehen will, oder es gibt dafuer keine geeigneten Augen. Sie ist jedenfalls dankbar, dass ihr Raumschiff so gut gebaut und ausgestattet ist, auch wenn es nicht wirklich vollkommen oder gar perfekt ist und schon garnicht unvergaenglich, wie sie nur zu gut weiss, es ist auf jeden Fall gut genug. Nein! Es ist mehr als das, es kann sich sogar selber reparieren! Tatsaechlich regeneriert sich der lebende Organismus jeden Tag, ohne sich dafuer auch nur den geringsten Dank zu erwarten. Nur, wenn der Schaden zu gross wird, weil man nicht auf seine Warnsignale hoert, kann er mit dem Reparieren nicht nachkommen.

    Femina fasst in ihre Brusttasche. Sie ist noch immer da, ihre glatte, dunkle Warteraumkugel. Doch sie scheint nicht ganz so solide in ihre Hand zu passen, wie es noch das letzte Mal, als sie nach ihr griff, der Fall war. Sie fuehlt ihr Gewicht, fragt sich, ob es nur Einbildung sei, dass sie ihr nicht ganz so schwer erscheint……, vielleicht sollte sie sie rausnehmen und inspizieren? Sie laesst es bleiben. Seit sie unterwegs ist, hat sie keinen Anfall mehr gehabt, aber in wie fern das von Bedeutung ist, wenn ueberhaupt, laesst sich vorerst nicht abschaetzen. Warum also sich gerade jetzt Gedanken drueber machen! Sie wollte sich schliesslich nur ueberlegen, wie sie sich am besten durch hochtoxischen Muell manoevriert.

    Wie steht es also mit Flucht aus der Ritterburg? Der bestens abgesicherte und bewachte Zugang kommt wohl nicht in Frage; und ohne Grundplan ist diese Festung mit seiner Lebensader unter der Erde, nur ein Labyrinth fuer sie. Und was ueber der Erde liegt, kennt sie erst recht nicht. Wohl kann sie annehmen, dass sich der Bau durch die Verwendung natuerlicher Materialen hoechst unauffaellig in die Umgebung einfuegt, und besten Ausblick hat, so wie es sich eben fuer eine Burg gehoert. Sie sind schliesslich recht lange bergauf gefahren und nur kurz bergab. …. Sie seufzt und gibt auf. Ohne Hilfe oder mehr Kenntnis geht garnichts, und selbst dann wuerde Flucht nicht einfach sein. Ausserdem, warum glaubt sie ueberhaupt, dass sie entfliehen muss? Nichts deutet darauf hin, dass sie nicht frei weiterreisen koennen. Aber Femina ist sicher, dass sie sich nicht grundlos Gedanken macht. Und dann ein Geistesblitz: Jede gute Burg hat zumindest e i n e geheime Entkommensroute, wenn nicht mehrere! Diese hier kann keine Ausnahme sein! Schon garnicht, so wie sie die Desperados einschaetzt! Die haben ganz sicher gut funktionierende Stollen, wahrscheinlich sogar bis hinunter ins Tal, fuer alle Faelle und Notlagen. Sie glaubt, nein, sie ist ueberzeugt, dass es die beste Chance fuer eine erfolgreiche Flucht waere, sich heimlich, still und leise zu entfernen, ohne die Gefahr einer sofortigen Entdeckung. Damit hat man ihnen ja gedroht und sie glaubt der Drohung auf’s Wort, denn die Raketengarde ist ganz sicher nicht die einzige Kontrolle, die dieser Bande zur Verfuegung steht. Wahrscheinlicher ist, dass noch andere Spaehtruppen und Einrichtungen existieren, mit denen man ein strategisch enges Netz geschaffen hat, mit einer sich in der Burg befindlichen Zentrale, wo an Hand der einlaufenden Informationen entschieden wird, welche Aktionen den besten Erfolg garantieren. Haben die Maenner an der Barrikade nicht auch gewartet, bevor sie agierten?

    Wo, uebrigens haben sie die Raketenausruestungen verwahrt? Und wer fliegt? Die Desperados sind eindeutig keine kleine Raeuberbande. Sie sind eine Organisation, von hierarchischer Struktur und Rollenverteilung, wo ‚Rang‘ das Fundament fuer Ordnung ist. Fragt sich nur, welche Rolle Wilson spielt. Auch wenn er hier in diesem seinem Schloss das Sagen hat, heisst das noch lange nicht, dass er das wahre Gehirn der Organisation ist. Vielleicht ist er gar nur der Henker, dem man zwar am besten aus dem Weg geht, der aber auch als Strohmann dient, fuer jemanden im Hintergrund, wesentlich gefaehrlicher. Oder aber er ist wirklich der Boss, den ein korruptes System unterstuetzt, weil es von ihm, was sonst, bestens honoriert wird!

    Femina holt mehr Wasser und macht es sich auf der Matratze gegenueber der Eingangstuer bequem. Sie hat ploetzlich kein Interesse mehr an diesen Raubrittern. An den technischen Einrichtungen, ja, an denen ist sie sehr wohl interessiert, aber sie glaubt nicht, dass man sie je an sie ranlaesst. Sie ist schliesslich nur ein Objekt, das man nur deshalb nicht wie alle anderen Frauen behandelt, weil man nichts genaues ueber sie weiss. Man will sich ihretwegen nicht Probleme schaffen, zumindest derzeit nicht. Sobald man aber herausfindet, dass kein Hahn nach ihr kraeht, wenn sie verschwindet, dann ist sie so gut wie erledigt. Oliver, Ger, sein Bruder? Sie verzieht veraechtlich ihren Mund. Die sind kein Schutz fuer sie, ja nicht einmal die Brueder sind hier ihres Lebens sicher, und schon garnicht Dan. Der wird sich Dank seiner Intelligenz wohl hueten, einen falschen Schritt zu tun, glaubt sie zumindest, ….nur, Intelligenz ist gewiss nicht alles, was man hier zum Ueberleben braucht!

    Die Tuer fliegt auf und Dan stuermt rein. Er wirft ihr neugierig einen Blick zu, holt sich seine Lederjacke und bleibt dann vor der Matratze stehen.

    „Wir fahren auf ein paar drinks in den Ort gleich unten im Tal. Wilson’s Idee! Gute Idee! S’ist auch ein Zeichen, dass man uns traut!“

    Sie runzelt ihre Stirn. Sie ist nicht davon ueberzeugt, dass seine Schlussfolgerung stimmt. Er sieht sie abwartend an. Offensichtlich wartet er auf einen Kommentar.

    „Ah ja?“ sagt sie daher. Sie wuesste nicht, was sie sonst sagen sollte, ausser dass sie auch ganz gern mitkommen wuerde, oder aber, dass sie irgendwann gern was zum Essen haette. Da er sie jedoch nicht fragt, ob sie mitkommen will, laesst sie es dabei bewenden. Sie nimmt an, dass die Maenner unter sich bleiben wollen. Sei’s drum! Sie ist im Stadium der Ernuechterung, wo sie die Realitaet ins Auge fasst, nicht dubiose Hirngespinste. Und verhungern wird sie schon nicht.

    Er ruehrt sich nicht vom Fleck. Sie mustert ihn. ‚Er ist nicht wirklich gross, nur einen Kopf groesser als ich,‘ denkt sie. Aber er ist schlank, hat schmale Hueften, wirkt groesser als er ist, trotz voll trainierter Muskeln. So wie er dasteht, laessig und abwartend, – er ist unbestritten attraktiv. Hm, schade! Sie koennten sich hier, allein gelassen, einen netten Abend machen! Den wird sie nun doch alleine verbringen muessen, aber lieber das, als sich in die Teufelskueche des Haupthauses zu begeben.

    „Was ist? Willst du dich nicht fertig machen?“ fragt er ploetzlich, seine Augen rot mit blauen Flammen.

    „Wieso!? Sagtest du nicht soeben, dass du mit den anderen wegfahren wolltest?“

    Femina ist mehr irritiert, als ueberrascht. Kann er sich nicht klar ausdruecken? Er sieht das allerdings voellig anders: „Ja, natuerlich,“ sagt er verstaendnislos, „aber du kommst mit! Oder willst du nicht?“

    Offensichtlich gibt‘s hier Kommunikationsprobleme. Um weiteren Missverstaendnissen aus dem Weg zu gehen, holt sie aus:

    „Ich komme gerne mit. Aber du hast mich nicht gefragt, ob oder was ich will, noch, dass du dir erwartest, dass ich mitkomme. Du sagtes nur, dass du mit den anderen wegfahren wolltest.“

    Er sieht sie ungeduldig an, aber auch verwundert. Sie hat das Gefuehl, er versteht noch immer nicht, worum’s hier geht. Wahrscheinlich hat sein Gehirn unter dem Einfluss gelitten! Er setzt sich zu ihr auf die Matratze, nimmt ihr Gesicht mit einer Hand beim Kinn, um ihr dann tief in die Augen zu schauen.

    Vollen Ernstes und bestimmt sagt er: „Du bist meine lady! Selbstverstaendlich kommst du mit! Meine lady geht dahin, wohin ich gehe!“

    Er laesst sie los, holt tief Luft und faehrt dann fort: „Ich zwinge dich allerdings nicht. Nur sollst du wissen, was ich mir erwarte, ja erwarten kann!“ Es klingt, als sei er verstimmt.

    „Gilt das auch fuer dich? Ich meine, wenn ich was tun will, dass du dich selbstverstaendlich und fraglos mir anschliesst?“ Nun ist sie es, die sich wundert, denn sie hat anderes in Erinnerung.

    „Natuerlich,“ antwortet er, ihrer Meinung nach allerdings viel zu schnell, grad so, als sei er auf einem vereisten Weg ins Rutschen gekommen.

    Ihr Computer laeuft auf Hochtouren, ihre Synapsen haben Vollbetrieb. Das ist nicht der nuechterne Dan, dieser hier ist voll mit Alkohol und dope, unfaehig, Gefuehle und Absichten auseinander zuhalten. Doch den Schwachsinn, den er von sich gibt, kann sie nur mit Muehe tolerieren. Freilich, er ist der Sohn seiner Gesellschaft, aber sie mit einbeziehen zu wollen,….. dafuer gibt es keine Entschuldigung! Was glaubt er eigentlich! Es ist doch nicht damit abgetan, dass man „meine lady“ sagt, und der Rest folgt gemaess einer Gebrauchsanweisung! Kommunikation ist nicht notwendig? Seit wann denn das! Nicht einmal Evolution kann ohne sie stattfinden, wie man an der Sprache sieht. Auch wenn Sprache nur eine Spaetentwicklung ist, ohne Kommunikation geht garnichts! Selbst wenn Liebende ohne viel Worte auskommen koennen, ohne Kommunikation gibt es keine echte Bindung. Hat er denn nichts von ihr mitgekriegt?

    Sie schuettelt sich. „Dan,“ sagt sie, „ich denke anders als du. Du sagst „Ich“, aber du meinst „Dich und Mich“. Das, was ich hoere, ist das „Ich“. Das, was du meinst, kann ich nicht hoeren.“

    „Viel zu kompliziert! Dann muesste ich wohl dauernd fragen, was du willst!…Voellig unnoetig! Das fuehrt nur zu Diskussionen, so wie jetzt. Siehst du das nicht?“ Er ist gereizt und aergerlich. „Was ist also? Kommst du nun oder nicht?“ Ende der Diskussion.

    Ihr Entschluss ist schnell gefasst. Er kann ruhig glauben, dass er kriegt, was er will. Wenn jemand fruchtlosen Diskussionen aus dem Wege geht, dann ist sie es. Hier waere jedes Wort nicht die Muehe wert. Das hindert sie jedoch keineswegs, sich zu nehmen, was s i e will. Mit einem Laecheln schlingt sie ihre Arme um seinen Hals. Sie weiss, er sitzt in der Falle. Als „seine Freundin“ ist er nun fuer sie verantwortlich. Sie ist nun sein Problem, vorallem, weil sie nicht die Absicht hat, sich an Regeln zu halten, die sie ablehnt.

    Sie sieht seine langen Wimpern ganz nahe vor sich, seine braunen Locken auf der Stirn. Hat sie je Angst gehabt, sich in ihn zu verlieben? Nie und nimmer! Sie hat keine Angst vor ihrer Liebe, hoechstens vor seiner. Sie ist allerdings froh, dass von Liebe ohnehin nie die Rede war. Zwar liebten sie sich, aber eben nicht, so wie sie es sieht, uneingeschraenkt. Sie kuesst ihn. Er ist ihr Liebhaber. Das genuegt. In diesem Sinne hat sich nichts veraendert, das war er schliesslich von Anfang an. Sie spuert, wie sein Aerger verfliegt und er kuesst sie zurueck. Gleichzeitig oeffnen sie ihre Augen.

    „Komm, gehen wir!“ sagt er, „aber du brauchst deine Lederjacke! Wir fahren naemlich mit den Motorraedern.“ Vergnuegt drueckt er ihr nochmals einen Kuss auf den Mund.

    „Okay!“ ewidert sie gutgelaunt, springt auf und sucht sich schnell ein paar Sachen zusammen, die sie fuer den naechtlichen Ausflug brauchen koennte.

  • DNS II, Kapitel 6, Teil 5

    Die Lautsprecherstimme ertoent wieder, kalt und unmissverstaendlich. Sie laesst kein spekulieren zu, wie die Bande reagieren wuerde, sollte sie auf Widerstand stossen.

    „Spart euch lange Reden! Ihr seid nicht auf der ueblichen Nordroute! Steigt ab! Stellt euch neben das Vorderrad eurer Maschinen! Falls ihr Waffen habt, haendigt sie aus! Und versucht keine faulen Tricks, ausser ihr wollt nicht weiterreisen!“

    Sie steigen also ab und treten nach vor, um sich, wie geheissen, in Reih und Glied zu stellen. Der Desperado hinter der Schranke hebt seine behandschuhten Haende. Er richtet die Fingerspitzen gegen sie, die ploetzlich rot aufleuchten, als gaebe es darin Gluehbirnen, und schweift langsam und systematisch ueber ihre Koerper. Offensichtlich bedient er sich einer speziellen Kamera, oder Skanners. Wie dem auch sei, in Femina kriecht der Aerger hoch, ist es doch ein Eingriff in ihre Privatsphaere. Freilich! Das ist mehr eine Reflexaktion als Absicht, und natuerlich voellig sinnlos. Sie muss die Prozedur ueber sich ergehen lassen, so oder so, egal was sie davon haelt oder wie sie sich fuehlt.

    So ruhig sie nach aussen hin auch scheinen mag, in ihrem Kopf jagt ein Gedanke den anderen. Sie fegen alle rosaroten Wolken aus ihrem Gemuet, nur um ihr wieder klar zu machen, dass es viel Schlimmeres gibt, als den Tod, und, – dass sie sich besser auf einen Horrortrip einrichtet, – falls man sie ueberhaupt weiterreisen laesst. Sie fragt sich auch, wie man die Messer im Gepaeck beurteilen wird. Zwar sind sie nur fuer’s Campieren und gut verstaut, aber es sind durchaus Waffen, wenn man so will. Es ist auch das erste Mal, dass sie sich die Frage stellt, ob ihre Begleiter bewaffnet sein koennten. Bisher hat sie das nie ins Auge gefasst, aber unter den juengsten, und erst recht jetzigen Umstaenden, – alles ist moeglich. Schliesslich haben die beiden mit Absicht diese, und nicht eine andere, Reiseroute gewaehlt. Sie wussten um die hiesigen Landessitten, zumindest teilweise, und um damit verbundene Gefahren und Probleme. Sich fuer den Notfall mit einer Waffe versehen zu wollen, waere naheliegend.

    Die roten Fingerspitzen wenden sich endlich von ihnen ab, aber nur, um Motorraeder und Gepaeck ins Visier zu nehmen. Trotz ihrer Bedenken atmet sie auf. Sie ist erleichtert, dass ihre Gefaehrten waffenlos sind. In ihren Augen sind Waffentraeger naemlich keine ‚easy rider‘ und sie ist grundsaetzlich misstrauisch gegen alles, und jeden, das Waffen braucht. Dass sich jemand freiwillig bewaffnen wuerde, ist ihr fremd, wenn nicht gar raetselhaft, ist es doch grad so, als wuerde man Treibstoff trinken wollen, anstatt Wasser. Allerdings! Wie man an den Messern in ihrem Gepaeck sieht, Waffen und Werkzeuge sind ein und dasselbe, bloss die Absicht dahinter, naemlich wie man sie verwendet, ist wie Tag und Nacht. Wie die Desperados darueber denken, oder darauf reagieren, wird man ja sehen, wenn sie auf die Messer stossen.

    „Ihr habt Messer im Gepaeck!“ kommt es auch schon durch den Lautsprecher. Wie sie es befuerchtet hat, sehen die Desperados Waffen, die man verbergen wollte. Es ist nur Ger’s geschickter Redekunst zu verdanken, dass man ihnen nicht gleich die Motorraeder konfisziert und sie davonjagt, oder gar eine Kugel verpasst, wie sie drohen. Immer wieder weist er darauf hin, dass sie nur seines Bruder’s wegen in diese Gegend gekommen waren, dass sie die Messer zum Campieren brauchten, und dass sie nichts verbergen wollten, dass sie bloss nicht daran dachten…….etc, etc.

    „Also beweise, dass alles so ist, wie du sagst!“ kommt es schliesslich barsch zurueck. „Zeigt uns eure Papiere und was immer, aber ruehrt euch ja nicht von der Stelle! Was im Gepaeck ist, bleibt im Gepaeck!“

    Dan und Ger fassen gleichzeitig in ihre inneren Jackentaschen, waehrend Femina noch mehr erstarrt, als sie es ohnehin schon war. Sie hat keine Papiere! Sie kam doch voellig unvorbereitet auf diesen Trip. Sie wendet ihren Kopf zu Dan, verdreht verneinend ihre Augen.

    Ger hat neben seinen Papieren auch noch Fotos dabei, von ihm, zusammen mit seinem Bruder, Er nimmt ebenso Dan’s Ausweis und ueberreicht dann alles dem Handlanger, ohne Femina einen Blick zu zuwerfen. ‚Er hat wohl meine verneinende Geste gesehen,‘ faehrt es ihr durch den Kopf. Femina ist davon ueberzeugt, dass ihre Identifikationslosigkeit noch mehr Probleme schaffen wird, aber sie wartet ab, geduldig wie das Lamm, das man zum Schlaechter fuehrt. Sie ist sich nun auch wieder voellig sicher, dass sie sich nach wie vor in diesem Haus befindet, aus dem sie bis jetzt keinen Weg finden konnte, denn, Papiere, Gesetze, autoritaere Bedingungen, und alles was dazugehoert, das hat man ihr nur in diesem Haus aufgezwungen, nur da scheint man ohne diesem Kram nicht auskommen zu koennen.

    Der Desperado faehrt mit dem rechten Handruecken ueber Papiere und Fotos. Er gibt sie aber nicht zurueck. Schweigend warten sie. Femina wuenschte, die Sonne haette Zeiger, anstelle der unbarmherzig heissen Strahlen, die auf sie niederbrennen und die, anstatt der Zeit ein Mass zu geben, das Warten zur Ewigkeit machen. Sie glaubt, sie ist die Ursache dieser Warterei. Allerdings hat sie schon laengst Fragen erwartet. Sie wundert sich erst recht, als endlich die Stimme wieder ertoent, und dass man weder ihr, noch ueberhaupt, eine Frage stellt.

    „Okay! Ihr koennt passieren,“ hoert sie die Stimme sagen, die zwar noch immer scharf, aber nicht mehr bedrohlich ist. „Folgt der Strasse! Wir senden euch eine Eskorte entgegen. Aber seid gewarnt, keine faulen Tricks. Ihr wuerdet uns nie und nimmer entkommen!“

    Ihre Freunde kriegen auch die Papiere zurueck und der Vormann schliesst sich wieder seiner Truppe an. Waehrend sie auf die Motorraeder steigen, hoeren sie das Anlaufen der anderen Motoren. Wie auf Kommando wenden sich die Desperados, einer nach dem anderen, der offenen Strasse zu und immer schneller werdend, rollen sie weg von der Blockade. Die Garde in ihrem Ruecken entfernt sich ebenfalls, wenn auch nicht gerade gleichzeitig, sondern eben so, wie man sich das von einem gut organisierten Truppenabzug erwarten wuerde. In einiger Distanz und unter entsprechendem Getoese entzuenden sich die Raketen. Femina und ihre Freunde verfolgen, wie die Truppe hochsteigt, und rasant an Hoehe gewinnt. Schliesslich werden sie wieder nur Punkte, die dann voellig entschwinden, waehrend der Donnerlaerm noch lange hinter ihnen ueber den Himmel rollt.

    „Mein Bruder ist also hier,“ sagt Ger erleichtert, als sie sich endlich vom Himmel abwenden. Er setzt seinen Helm auf. Dan nickt nur und tut desgleichen.

    Femina zoegert. Sie hat viel zu viele Fragen fuer die beiden. Sie weiss nicht einmal, womit sie beginnen soll. Ihr Kopf ist das reinste Bienenhaus, voll mit emsigen Bienen, die jedoch statt Honig, Gedanken produzieren. Wozu die Eile? Der Schranken ist noch immer zu und wer weiss schon, wann die besagte Eskorte auftauchen wird. Dan ist allerdings anderer Meinung. Und er hat recht, denn ploetzlich hoert man das Geraeusch einer Maschine. Die grossen Steinbloecke beginnen um ihre Achse zu rotieren, waehrend sich gleichzeitig der Baumstamm mit seinem Metallgatter, wie ein Tor oeffnet. Schnellstens starten sie ihre Motoren und rollen ueber die Querrille, die der geschlossenen Barrikade als Halterung dient. Sie mag aber auch ein Monitor fuer die passierenden Fahrzeuge sein. Sie hoeren naemlich ein Klicken, waehrend sie ueber sie drueberfahren; und die Blockade schliesst sich hinter ihnen, sobald sie den Oeffnungsradius ueberschreiten.

    Femina kann nur staunen. Diese Desperados besitzen nicht nur die Technologie, sie sind auch intelligent, etwas, das sie sich von Strassenraeubern und Banditen im allgemeinen nicht erwartet. Hier hat sie es also mit Kriminellen besonderer Art zu tun. Faszinierend! Es ist hoechste Zeit, dass sie ihre bisherige und, zugegeben einseitige, Meinung von Intelligenz, einer Revision unterzieht. Bis jetzt hat sie Intelligenz immer nur als etwas Positives betrachtet. Jetzt muss sie sie im negativen Spektrum zur Kenntnis nehmen. Ihre Emotionen moegen revoltieren, soviel sie wollen, ihr Verstand und ihre Gefuehle moegen sich raufen, soviel sie wollen, diese Art Gesellschaft oder Gemeinschaft, Bande oder Syndikat, was auch immer, sind eine Gattung Mensch, die der negativen Weltordnung angehoert, dort entsprungen, dort zu Hause, und mit seiner eigenen, dementsprechenden Evolution. Sofern sie sich erinnern kann, war sie nie in diese ‚andere‘ Welt geraten, hatte es hoechsten mit deren Auswirkungen zu tun. Jetzt steht sie allerdings an deren Eingangstuer. Trotz der Hitze kriegt sie ploetzlich eine Gaensehaut, denn ihr inneres Auge laesst ihr ein Bild zukommen, das wesentlich grausamer ist, als ihre eigene Phantasie es sich je ausmalen koennte. Es ist der Blick in eine Hoelle, fuer die man nicht tot zu sein braucht. Diese Hoelle gehoert naemlich zum Leben, grad so gut, wie das Amen zum Gebet.

    Sie ist also in ein Abenteuer geraten, das sie nicht freiwillig waehlen wuerde. Und doch! Treibholz hat kein Ziel! Es laesst sich treiben! Worin auch immer es sich verfangen mag, ist bedeutungslos! Die Reise allein ist Sinn und Zweck! Waehrend sie im Warterraum sass und haderte, hat sich ein wichtiges Stueck ihres abhanden gekommenen Gedaechtnisses zurueck in ihr Bewusstsein bringen koennen. Gut und Boese haben dabei ihren moralischen Stellenwert verloren. Gerechterweise! Denn positive und negative Dimensionen sind ein Groessenmass, kein Urteil moralischen Wertes. Moral ist schliesslich nur eine Uniform, die einem von der Gesellschaft, in der man lebt, aufgezwungen wird, ob man sich darin wohl fuehlt oder auch nicht. Sie hat sich noch in keiner Uniform wohlgefuehlt, und endlich den Grund dafuer zu verstehen, war eine Erloesung. Tatsaechlich! Moral ist nicht wesentlich. Sie ist nur ein Begriff, abstrakt und relativ, eine Massnahme, dessen sich die Intelligenz bedient, zweckdienlich fuer eine Gesellschaft, oder zerstoererisch, das haengt von den Machthabenden und deren Ideologien ab. Interessanterweise, Zivilisation geht mit Bekleidung Hand in Hand, grad so, als muesste sich der Mensch seiner Nacktheit schaemen. Kleidung ist aber im urspruenglichen Sinn nur eine Schutzmassnahme und nicht, wie manche Gemeinschaften es handhaben, eine moralische Notwendigkeit. Tatsaechlich, je mehr man sich aus moralischen Gruenden bedecken muss, desto mehr hat man zu verbergen. Bekleidung macht den Menschen noch lange nicht moralischer, es macht ihn bloss pruede. Der naechste Schritt zur Uniform ist allerdings nur all zu logisch. Intelligenzia schafft sich damit ihr eigenes Koenigtum, oder aber ihre eigene Hoelle.

    Femina war nie beeindruckt von Sitten und Gebraeuchen, egal welcher Art Kultur sie auch zugehoeren. Sie sieht nur den Menschen, nackt, so wie er eben ist, nicht so, wie er vorgibt, zu sein. Trotzdem, erst im Warteraum hat sie jenes Stueck ihres Bewusstseins wiedergefunden, das sie als „easy rider“ deklariert, und damit ist es egal, in welches Abenteuer sie geraet. Jedes Erlebnis ist eine Bereicherung, wie auch immer es sich gestaltet. Moral ist nicht ihr Anliegen, Integritaet allerdings ist, denn die ist ihre Haut, und die kann man im Gegensatz zu einem Kleidungsstueck, nicht so leicht wechseln oder ablegen.

    Sie folgen der Strasse in Erwartung jener Eskorte, doch waehrend die Berge naeher kommen und Wald sie zu begleiten beginnt, von den angekuendigten Lotsen ist nach wie vor keine Spur. Die Sonne, nun tief am Himmel, wirft lange Schatten ueber ihren Weg, abwechselnd mit Streifen goldenen Lichtes. Schliesslich wird der Wald so dicht, dass sich dafuer weder Fenster noch Spalten finden. Die Strasse verengt sich, beginnt anzusteigen. Schmale Bruecken spannen sich ueber Tuempel und plaetschernde Gewaesser, waehrend sich mit allerlei Pflanzen verwachsene Felsnasen immer wieder vorbuchten, sodass sich der Anstieg in Kurven um sie herumwinden muss. Die Luft wird feuchter und kuehler je mehr sie an Hoehe gewinnen. Femina kann an manchen Stellen die Ebene erspaehen, durch die sie gereist sind. Sie ist im letzten Licht der untergehenden Sonne mit einem rotgoldenen Schimmer ueberzogen, der aber in der Daemmerung schnell verlischt. Stattdessen funkeln Lichter, verstreut und immer nur in kleinen Haeufchen, aber wesentlich zahlreicher, als ihre einsame Reise es haette vermuten lassen. ‚Ach was‘, sagt sie sich. ‚Immer nur Fragen! Nie genug Antworten! Wie kommt es, dass man sie passieren liess, ohne Papiere?‘ Auch so eine Frage, fuer die sie gern eine Antwort haette.

    Sie erreichen ein kleines Plateau und da finden sie nun die Eskorte, die offensichtlich auf sie gewartet hat. Es sind ihrer vier, auf zwei Motorraedern. Alle tragen Jeans, hohe Stiefeln und Lederjacken, jedoch nur die zwei auf dem Ruecksitz sind behelmt, die anderen zwei haben den ihren vorne auf dem Tank. Sobald sie die Ankoemmlinge sehen, springen die Behelmten von ihren Saetteln und winken sie heran. Man heisst Femina, abzusteigen und auf einem ihrer Motorraeder Platz zu nehmen, waehrend sie Dan und Ger auf den Ruecksitz ordnen und sie selber die Lenkung uebernehmen. Femina bemerkt, dass ihr Lenker einen Revolver in der Hand hat, was aber durch den Helm vor ihm nicht gleich ersichtlich war. Der zweite Unbehelmte geht indessen von einer Maschine zur anderen. Er traegt ein paar grobe Stofflappen, die sich als Kopfsaecke herausstellen, und die er Dan, Ger und schliesslich ihr ueber ihre behelmten Koepfe stuelpt. Zwar ist es ohnehin bereits recht dunkel geworden, aber nun sieht Femina rein garnichts mehr. Sie spuert ihren Lenker hantieren, wahrscheinlich setzt er sich seinen Helm auf, dann hoert sie zwei Schuesse, das Starten der Maschinen und schliesslich beginnt die Fahrt, mit ihrem Motorrad in Fuehrung, denn sie hoert die anderen hinter sich.

    Es geht nach wie vor bergauf. Die Strasse ist so kurvig, dass ihr nichts anderes uebrig bleibt, als die Mitte ihres Lenkers zu umfassen, um nicht von der Maschine zu fallen, zumal ihr Lenker auch noch Geschwindigkeit liebt. Das ist aber nicht das Schlimmste. Viel schlimmer ist, dass es ihr zunehmend uebel wird. Und die Fahrt scheint kein Ende nehmen zu wollen. Wenn es so weitergeht wird sie sich uebergeben muessen. Das will sie aber auf keinen Fall. Nur keine Schwaeche aufkommen lassen! Nur nicht klein werden! Nur nicht hilfsbeduerftig, nur ja kein Opfer sein! Immer wieder sagt sie sich das wie ein Mantra, in der Hoffnung, dass ihr Koerper darauf hoert. Sie kaempft leider einen aussichtslosen Kampf. Hilfe kommt jedoch gerade noch rechtzeitig, indem das Kurvenreiten aufhoert und sie nun, zumindest mehr oder weniger gerade dahinfahren. Freilich, es ist eine kurzlebige Erleichterung. Die Kurven beginnen wieder, und diesmal geht’s bergab. Wenn sie nicht baldigst Halt machen…… Sie beschliesst, sobald es unumgaenglich wird, selbst waehrend der Fahrt, ihren Helm samt Sack abzunehmen, so dass sie sich wenigsten frei erbrechen kann. Sie wird sich nicht selber bespeien, zum Teufel auch! Wenn ihr Koerper sie schon in Stich laesst, dann kann man eben nichts machen. Sie erlaubt ihrem unschuldigen Magen das Kotzen, schliesslich ist die ganze Situation zum Kotzen, aber sie wird nicht klein beigeben, so oder so. Wenn sie sich schon uebergeben muss, dann mag zumindest einer ihrer ‚Henker‘, vielleicht, oder hoffentlich, eine kleine Kostprobe als Dank erhalten.

    Eigenartigerweise scheint der Magen damit einverstanden zu sein, denn auch wenn ihr nach wie vor uebel ist, der Brechreiz laesst nach und als ob Fortuna ihr behilflich sein wollte, die Fahrt verlangsamt sich, und nach einem kurzen Stueck geraden Weges, bleiben sie schliesslich stehen. Sie hoert Geraeusche wie das Oeffnen eines grossen Tores. Langsam rollen sie ein Stueck weiter, bleiben wieder stehen. Diesmal endgueltig. Jemand klopft ihr auf die Schulter und heisst sie, abzusteigen. Sie hoert noch andere Stimmen um sich. Endlich nimmt man ihr auch den Sack vom Kopf und sie kann sich des Helms entledigen. Froh, festen Boden unter ihren Fuessen zu spueren, die Uebelkeit weicht deshalb noch lange nicht. Alles dreht sich um sie und sie muss sich am Motorrad festhalten. Dan kommt an ihre Seite und fragt sie, ob sie okay ist. Bloede Frage! Natuerlich ist sie nicht okay, aber sie nickt, denn leben tut sie ja noch. Er ruft etwas, zu wem auch immer. Ger taucht auch sogleich mit einem Stuhl auf, auf den man sie, trotz ihres Straeubens setzt. Um sie gibts Gelaechter, ein Hin und Her, und Motorengeraeusche, und allerlei Geschaeftigkeit. Vielleicht lacht man ueber sie. Sei’s drum! Sie muss erst ihren Schwindel loswerden, bevor sie sich ueberhaupt ihrer Umgebung widmen kann. Sie setzt sich gerade, heftet ihren Blick auf den Boden vor ihr und konzentriert sich auf ihren Atem. Rein, raus und Stille, und rein, raus und Stille. Es dauert nicht lange bis sie soweit Kontrolle hat, dass sie sich umschauen kann.

    Sie befinden sich in einer hoehlenartigen Halle oder Bunkeranlage, gross und weitlaeufig. Auch wenn Femina nur einen Teil von dem sieht, was tatsaechlich vorhanden ist, sie ist beeindruckt. Der Boden ist betoniert, doch Waende und Plafonds der unterschiedlich hohen Gewoelbe sind, soweit sie es von hier sieht, Fels und Felsgestein und nur teilweise gemauert, mit Betonsaeulen und Holzstuetzen dazwischen, zur Absicherung. Da, wo sie sitzt, scheinen die Motorraeder abgestellt zu werden. Alles schwere Maschinen, in Reihen entlang der Seite und vor ihr. Wieviele, kann sie garnicht sagen, viele jedenfalls. Nicht weit von ihr, zur anderen Seite, fuehrt eine solide Holztreppe nach oben. Dahinter gibt es eine andere Garage, in der sich alle Arten von Autos befinden, eindeutig schnelle, wenn nicht gar Rennautos, und Gelaendewaegen, gross und klein. Es scheint auch Werkstaetten zu geben. An einem Teil unter der Treppe und weiter nach hinten verlaufend gibt es kleinere Raeume, die allgemeinen Nutzen haben duerften und wo die Maenner ihre Ausruestung haben. Das nimmt sie zumindest an, denn sie sieht sie in Montur reingehen und ohne rauskommen. Allerdings! Nichts deutet darauf hin, wo jene spezielle Ausruestung zu finden waere, die Femina ganz besonders interessiert.

    Dan und Ger gesellen sich zu ihr, nachdem sie sich vergewissert haben, wo sie ihre Motorraeder finden koennen. Femina’s Lenker ist mit dem seinen ebenfalls weggerollt. Sie sind seitdem allein, aber man hat sie aufgefordert, bis auf weiteres, zu warten. Warum hat niemand erklaert. Interessanterweise hat sich das Verhalten der Bandenmitglieder ihnen gegenueber gebessert. Keiner fummelt mehr mit Waffen vor ihnen herum. Man hat Dan und Ger sogar ein Bier in die Hand gedrueckt. Femina entgeht allerdings nicht, dass man sie beobachtet. Sie sieht Monitoren und Kameras ueberall, die offensichtlich alles, nicht nur sie drei, bewachen. Sie bemerkt auch, dass man sich fuer sie interessiert, viel mehr jedenfalls, als ihr lieb ist. Immer wieder kommen einzelne Typen in ihre Naehe, wenn auch unter der lahmen Vorgabe, etwas anderes inspizieren zu wollen, oder Dinge von oder zu ihren Maschinen bringen zu muessen. Leider findet sie nichts Schmeichelhaftes in den Blicken und sie ist froh, dass sie noch immer in voller Reisemontur steckt, und dass sie wahrscheinlich eher mitgenommen, als attraktiv, aussieht.

    Die Tuer am oberen Ende der Treppe oeffnet sich kurz. Ein junger Mann eilt die Stufen runter und geradewegs auf sie zu. Ger’s Gesicht leuchtet auf und im naechsten Augenblick liegen sich die beiden in den Armen. „Ah, so gut dich zu sehen.“ „ So froh, dich endlich wieder zu treffen.“

    Waehrend all dem heftigen Schulterklopfen und freudigen Worten des Wiedersehens kann Femina Ger’s Bruder eingehend betrachten. ‚Was fuer ein schoener junger Mann,‘ faehrt es ihr durch den Kopf. ‚Ein Adonis, im wahrsten Sinne des Wortes. Wie kommt es, dass dieser blonde Engel sich mit Raubrittern eingelassen hat?‘ Er ist gross und schlank mit Muskeln an all den richtigen Stellen, ohne ein ‚Muskelpaket‘ zu sein. Jeans und T-shirt, beide ausgewaschen und einfach, scheinen seinen Koerper mehr zu schmeicheln, als ihn nur zu bekleiden, und bringen seine sanft getoente Haut erst recht zur Geltung. Ein Schopf dichten Haares, bis knapp in den Nacken, glaenzend wie ein reifes Aehrenfeld im Sommerwind, und ein Gesicht, feingeschnitten, mit blauen Augen so gross, als seien sie das Meer selber, in das man hineinfallen moechte, ohne Bedenken, dass man darin ertrinken koennte. Er hat Charisma, ist so voll damit, dass es aus seinen Poren dringt wie das schimmernde Licht eines vollen Mondes. Femina ist hingerissen und gleichzeitig, zu ihrem Erstaunen, unberuehrt. Das allerdings weckt ihre Neugierde noch mehr und, wie immer, entstehen noch mehr Fragen. Wie sehr sehnt sie sich zurueck zu jenen Tagen ihrer Reise, durch oedes Land und Menschenleere, wo Stille ihre Geistesnahrung war!

    „Das sind meine Freunde Dan und Femina,“ hoert sie Ger’s Stimme. „Oliver“, sagt Adonis und schuettelt Dan’s Hand, nicht aber ihre, sondern laechelt sie nur an.

    „Freut mich,“ faehrt er fort. „Die Freunde meines Bruders sind meine Freunde. Kommt, gehen wir nach oben! Ich will euch Wilson vorstellen. Aber zuerst bringt eure Sachen in mein Quartier. Das koennt ihr haben, solange ihr hier seid.“ Seine Stimme klingt angehnehm. Und doch! Femina findet auch da nur wenig Waerme.

    Waehrend sie ihre praktischen Anliegen organisieren, wie oder was sie mit ins Quartier nehmen wollen oder sollen, sind es vorwiegend Ger und sein Bruder, die miteinander reden. Femina und Dan sortieren ihre Sachen schweigend aus. Es ist ohnehin nicht viel, das sie fuer sich brauchen. Sie haengt ihren eigenen Gedanken nach und versucht ihre Gefuehle zu entwirren. Die hadern mit all den Eindruecken und erst recht mit ihrem Verstand. So scheint es jedenfalls, denn nichts passt zusammen und ihr Gedaechtnis enthaelt keine Daten, die ihr behilflich sein koennten, weder als Hinweis oder Referenz. ,Natuerlich nicht!‘ meldet sich ihr Verstand. ‚Es sind doch funkelnagelneue Erlebnisse, mit denen du zu tun hast. Und wozu ueberhaupt etwas Altes als Vergleich heranziehen zu wollen!? Warum Vorurteilen oder Aengsten Einfluss geben? Weil sie zu einem besseren Urteil, zu besseren Entscheidungen fuehren, das Leben leichter oder gar sicherer machen? Unsinn! Hoer endlich auf, immer alles unter Kontrolle haben zu wollen!‘

    Sie haelt inne. Stimmt! Nichts ist sicher. Das Leben selber ist unbestaendig und unberechenbar. Kontrolle haben wollen, ist der klaegliche Versuch, Angst eliminieren zu wollen. Aber grad so gut koennte sie einem Phantom nachjagen. Es gibt sie nicht, die absolute Kontrolle, sie ist nur Illusion. Auch wenn man Aengsten Herr werden kann, Angst ist elementar, man kann sie nicht ausrotten.

    Jemand klopft ihr auf die Schulter. Mit Adonis in Fuehrung steigen sie die Treppen hoch. Er presst seine Finger an einen Bildschirm neben der soliden Tuer. Es bringt sie ins Kellergeschoss, in dem sich, erklaert er durchaus mit Stolz, Vorratskammern, technische Einrichtungs- und Versorgungsanlagen befinden, ebenso Uebungsraeume fuer Kampf- und Koerpertraining. Freilich sehen sie diese Raeume nicht, sondern nur ein paar Gaenge, die vom Stiegenhaus abzweigen. Der Boden ist fein saeuberlich betoniert, die Waende gemauert. Licht stroemt aus Neonroehren, die wie ein Band an der Decke entlang laufen und alle Ecken und Nischen ausleuchten. Da sind ebenso Lueftungsschaechte, Leitungsrohre und Leitungen, und natuerlich Kameras. Schade, dass Oliver ihnen keine Tour gibt. Sie hat zwar nur einen kleinen Einblick, aber laut seiner Information, handelt es sich hier um eine recht ausgedehnte Anlage, gut geplant und bestens organisiert. Zudem duerfte nur Eingeweihten bekannt sein, was sich hier unter der Erde befindet. Sie wundert sich allerdings ueber Oliver, der sie so ohne Bedenken informiert, denn Femina nimmt an, dass dieser ‚Keller‘ noch einem anderen Zweck dient, naemlich als Schutz,- und vielleicht sogar, Verteidigungsanlage. Es ist eine ausgezeichnete Raubritterburg.

    Nochmals geht es Treppen hoch, mit einer kleinen Landung am Ende und einer anderen Tuer, ohne Klinke oder Tuerknopf. Dafuer gibt es einen rot leuchtenden Tuerbuzzer, den Adonis drueckt. Und natuerlich halten Kameras Wache.

    Sie gelangen in eine Art Foyer, mit Mauern aus Stein und einigen Tueren. „Mein Quartier ist zur Linken,“ sagt er. „Wir sind zwar im Haupthaus, aber dieser Teil liegt an einem Ende, abseits von den Kommunalraeumen in der Mitte. Die Zimmer hier sind vorwiegend fuer Wilson’s Garde und eventuellen Besuchern reserviert. Am anderen Ende auf der anderen Seite sind unsere Bueros und das innere Sanctum unserer Organisation, zu dem natuerlich nur bestimmte Genossen Zutritt haben. Der Gang hier ist die Verbindung zum allgemeinen Haus.“ Er deutet nach rechts.

    In der Halle gibt es keine Moebel, nur eine Ansammlung leerer Kisten, wo man sich zur Not, oder Geselligkeit, niederlassen kann, wie leere Bierflaschen bezeugen. Kalter Rauch und Beergeruch haengt in der Luft. Es erinnert Femina an die Bierkeller, die sie manchmal in ihrer Studentenzeit frequentiert hat, wo man von hitzigen Reden und Diskussionen unter lauter Musik heiser geworden, mehr trank, als man vertrug. Freilich, die Halle hier ist mehr der Morgen danach, wo abgestandene Luft und Katzenjammer, die einzigen Erinnerungen sind.

    Oliver’s Quartier ist ziemlich primitiv; zwei kleine, ineinander gehende Raeume, ohne Tueren, und ein Badezimmer, mit Dusche und Toilette. Wenigstens gibt es dort eine Tuer. Matratzen dienen als Sitz- und Schlafgelegenheit, und es gibt einen Tisch mit Sessel und Hocker. Als Luxus hat er sogar zwei Kaesten, in einem sind Decken, im anderen ein paar seiner persoenlichen Sachen, und in einer Ecke steht ein alter Kuehlschrank. Daneben auf Wandregalen finden sich einsam und truebe, einige Glaeser. Auch hier dienen leere Kisten als Seitentische und Sitzgelegenheit. Trotz der armseligen Behausung, die wenig Gemuetlichkeit vermittelt, alles ist sauber. ‚Zumindest haben wir einen privaten Bereich‘, faehrt es ihr durch den Kopf, was, so spekuliert sie, unter den Desparados nicht gerade ueblich sein duerfte.

    Femina fragt, ob es ein Problem waere, wenn sie sich schnell duschen wuerde, bevor sie die anderen treffen. „Kein Problem“, sagt Oliver und holt drei Beerflaschen aus dem Kuehlschrank, um sich mit Dan und Ger niederzulassen, zur Feier des Tage, und wie es sich zum Ritual eines geselligen Wiedersehens gehoert, waehrend sie sich ihrem eigenen, wenn auch eher kurz gehaltenen Ritual der Reinigung widmet.

    Frisch aus der Dusche, sucht sie nach ein paar Kleidungsstuecken. Die Maenner reden ungestoert weiter. Ohne Absicht, lauschen zu wollen, nimmt sie ploetzlich wahr, dass sie der Gegenstand ihrer Unterhaltung ist. Offensichtlich hat niemand gehoert, dass sie bereits im Nebenzimmer beim Ankleiden war.

    „Traegt sie ein Halsband? Ich hab keines gesehen,“ fragt Oliver.

    „Nein,“ sagt Ger. „Sie ist ein Findling. Wir haben sie unterwegs aufgelesen. Sie hat keine Ahnung von unseren Gebraeuchen. Schon garnicht, was die lokalen Sitten hier beftrifft, die obendrein noch viel drastischer sind, als im Sueden, wo wir sie gefunden haben.“

    „Hast du versucht ihr ein Halsband anzulegen?“ fragt Adonis wieder

    Er hat offensichtlich die Frage an Dan gerichtet, denn der antwort: „Nein, natuerlich nicht. Sie ist keine Einheimische. Abgesehen davon, habe ich nicht die Absicht, sie an die Leine zu legen. Kann mir ausserdem nicht vorstellen, dass sie zustimmen wuerde. Und zwingen will ich sie schon garnicht. Sie kommt aus anderen Landen und ist viel zu naiv. Ich glaube, sie weiss nicht einmal, warum man keine Papiere von ihr erwartet hat.“

    „Ja,“ bestaetigt Ger. „Du hast recht. Ich habe mich gewundert, warum sie mich so perplexed angeschaut hat, als ich unsere aushaendigte.“

    „Es waere allerdings besser, sie haette eines,“ hoert sie Ger’s Bruder sagen. „Sie ist ein viel zu exotisches Wesen. Das macht sie begehrenswert. Ohne Halsband, auch wenn man weiss, dass sie zu einem von Euch gehoert, koennte sie schliesslich noch jeder beanspruchen und in Besitz nehmen. Waere nicht das erste Mal, dass sich Maenner um eine Frau streiten. Nicht, dass es dazu kommen muss. Ich bin in gewisser Weise eure Versicherung, denn Wilson ist der Boss und ich bin sein Gefaehrte. Aber moeglich ist alles! Ich kann euch keine Garantien geben. Und das gilt auch fuer euch beide. Seid also vorsichtig! Und behaelt sie im Auge! Lasst sie ja nie allein!“

    Femina oeffnet und schliesst die Badezimmertuer laut und nachgiebig. Sie hat genug gehoert. Nicht gerade, was sie hoeren wollte, aber sie ist froh, denn es beantwortet einige ihrer Fragen. Naiv? Allerdings, das ist sie! Und so soll’s auch bleiben! Sie spielt lieber die Ignorante, als sich auf Diskussionen oder gar Streitigkeiten einzulassen. Halsband? An die Leine legen? Ph! Nie und nimmer! Ph! Sie schuettelt sich. Ihre Gefuehle fuer Dan sind ploetzlich wie weggeblasen. Sie und er, das war einmal.

    Leider kann sie ihre Enttaeuschung nicht verleugnen, denn wiederum stellt sich heraus, wie wenig ihre Welt, mit der anderer, zu tun hat. Schein und Wirklichkeit stehen zwar im Zusammenhang, doch das ist der Boden, auf dem die Illusionen gedeihen. Es hat wenig mit der Wahrheit zu tun. Und damit sind Erkenntnis und Enttaeuschung wie der unbeliebte Verwandte, den man in Kauf nehmen muss, weil er eben zur Familie gehoert, auch wenn man ihn am liebsten vermeiden moechte.

    Um ganz sicher zu gehen, dass man ihre Anwesenheit wahrgenommen hat, verkuendet sie mit lauter Stimme: „Bin gleich soweit!“

    „Schon gut,“ ruft Dan zurueck. „Es besteht keine Eile.“

    Befriedigt setzt sie sich auf eine der Kisten und wartet einige Minuten, bevor sie sich schliesslich zu ihnen gesellt. Sie fuehlt sich wohl, gesaeubert, von innen und aussen. Sie ist bereit fuer den naechsten Schritt, auch wenn es tiefer in die Raeuberhoehle fuehrt.

  • DNS II, Kapitel 6, Teil 4

    Femina findet in Dan und Ger ideale Reisegefaehrten. Sie sind Vanille und Schokolade, und sie selber ist die Garnierung, oder der Tupfen Schlagobers zur Bereicherung. Ist der eine einfach und direkt, der andere ist komplex und reserviert. Beide sind attraktiv, doch Ger legt im Gegensatz zu Dan wenig Wert auf Auesserlichkeiten, waehrend Dan, zugegeben mit Erfolg , sehr auf sich achtet. Wo immer sie mit Leuten in Kontakt kommen, er zieht alle Augen auf sich, vorallem die des weiblichen Geschlechts, und obwohl Vanille den meisten Menschen schmeckt, wer kann schon der Schokolade widerstehen, wenn sie so attraktiv verpackt ist, wie Dan. Er geniesst die Aufmerksamkeiten, jedoch mit einer Selbstverstaendlichkeit, die keinen Zweifel zulaesst, dass er sich seines Wertes bewusst ist, mit oder ohne Bewunderung. Zudem ist er klug genug, sich nicht Feinde unter dem maennlichen Geschlecht zu schaffen. Im Gegenteil, er hat auch dort seine Bewunderer. Femina ist fasziniert, und amuesiert, wie geschickt, ja muehelos, er seine Mitmenschen manipuliert und fuer sich gewinnt. Das liegt wohl daran, dass er weiss, was er will und was ihm dienlich ist. Alles andere zieht er garnicht in Betracht.

    Ihr Verhaeltnis mit den beiden ist angehnehm unkompliziert. Sie verstehen sich ohne vieler Worte. Es spricht fuer Dan, dass er keine Forderungen an sie stellt, trotzdem sie mit ihm eine intimere Beziehung hat. Er ist auch, ohne den Kavalier zu spielen, galant. Tatsaechlich sind das beide Maenner. Sie hat nie Anlass, sich ueber deren Verhalten zu beklagen, weder ihr, noch anderen gegenueber. Manchmal findet sie Ger naiv, was seine Erwartungen vom anderen Geschlecht betrifft, aber sie hat nicht die Absicht, seine Traeume zu zerstoeren. Dan aeussert sich diesbezueglich wenig. Sie weiss, dass er in jedem Fall, seine Interessen wahrt. Mehr will sie garnicht wissen. Solange sich ihre und seine Interessen vereinbaren lassen, wird ihre Beziehung ebenso reibungslos laufen, wie die gut geoelte Maschine seines Motorrads. Es ist ihr allerdings nicht verborgen geblieben, welchen Effekt ihre Gegenwart auf seinen maennlichen Stolz hat.

    Das Land, durch das sie reisen, ist fuer alle drei neues Territorium. Zwar stammen Dan und Ger aus demselben Land, so dass es ihnen nicht voellig unbekannt ist, aber sie waren nie in diese Gegenden gekommen. Fuer Femina ist jedoch wirklich alles fremd, ja fremdartig, im wahrsten Sinne des Wortes. Sie kann es mit keinem anderen Land vergleichen, das sie bisher gesehen hat, zumindest nicht, soweit sie sich erinnern kann; und es hat schon gar keine Aehnlichkeit mit dem Land, das ihr die Buerokratie, als „Heimatland“, zugeordnet hat.

    Heimatland! Femina’s Gedanken stolpern ueber dieses Wort. Sie hat immer Schwierigkeiten mit der Antwort, wenn man sie danach fragt. Sie straeubt sich naemlich, auch nur irgendein Land als ihr Heimatland zu bezeichnen, hat sie doch nach wie vor weder einen Beweis, noch Klarheit, was ihre Herkunft betrifft. Sie hat nicht einmal ein Bild, das heisst, ein Bild aus jener Zeit vor ihrem Gedaechtnissverlust, das als Hinweis oder Nachweis dienen koennte. Und wenn sie auch eines haette, waere ihr damit wahrscheinlich nicht gedient, – nicht mit ihrem derzeitigen Erinnerungsvermoegen. Das ist wie ein Stueck Emmenthaler Kaese, voller Loecher, mit all den neuen Memorabilien dazwischen und hin und wieder ein paar aelteren Daten, die, wie das Fett im Kaese, an die Oberflaeche schwimmen, wenn es der Waerme ausgesetzt wird. Obwohl sie nun durchaus mehr Informationen hat als je zuvor, es ist nicht genug. Sie ist oft nicht einmal sicher, warum, und ob sie sich noch immer in diesem mysterioesen Haus befindet, mit dem sich nahezu alle ihre juengsten Erinnerungen verbinden. Wie kann sie daher rechtens von Heimat oder Heimatland reden? Sie hat keine Heimat, jedenfalls nicht in diesem Haus, auch wenn das Haus selber noch am ehesten der Definition eines „Zu Hause“ entspricht. Nur! Kann man ein Gefaengnis als sein „Zuhause“ betrachten? Sie straeubt sich, denn Gefaengnisse beherbergen Straeflinge! Und wenn sie schon eine Gefangene ist, so ist sie doch noch lange kein Straefling, zumindest nicht, soweit sie sich erinnert, oder es beurteilen kann. Freilich, ohne ihre Erinnerung ist sogar das moeglich. Vielleicht hat man sie ausgeschlossen, vielleicht hat man sie ausgesetzt. – So oder so! – Dieses ominoese Haus ist nicht ihr „Zuhause“, nicht ihr Heim und, was sich darin befindet, nicht Heimat, oder Heimatland! Bestenfalls sieht sie sich als Besucherin, leider eine, die herumirrt, oder sich verirrt hat. Streng genommen kann sie sich nur in sich selber zuhause fuehlen und damit ist sie entweder ueberall, oder eben nirgends daheim. Zugegeben, das mag fuer andere verwirrend sein, denn, wenn man sie fragt, woher sie komme, bezieht sie sich auf den Platz, wo sie sich gerade befindet, das heisst, wo sie ihre Sachen oder das Bett zum schlafen hat, wo auch immer das sein mag. Des oefteren hat man sie perplexed darauf hingewiesen, dass sie ja gar keine Ansaessige sei. Dimitri und Pia hatten zwar immer darauf bestanden, dass sie bei ihnen zu Hause, und das Land ihre Heimat war, nur, sie wusste das besser. Sie laesst es, widerwillig, dabei bewenden, weil sie keine andere Wahl hat, und, weil sie die beiden, vorallem Pia, mit ihrer Abwehr nicht verletzen mag. Ihre Ansicht hat sich nie geaendert. Geaendert hat sich nur, dass sie nun, muede der Erklaerungen, des oefteren den Reisedokumenten entsprechend, Antwort gibt. Abgesehen davon hatte es Zeiten gegeben, wo sie sich bei Dimitri und Pia wie daheim fuehlen konnte, nicht aber, weil es ihr ‚Zuhause‘, ihre ‚Heimat‘, oder ihr ‚Heimatland‘ war.

    Wie dem auch sei, das Land und erst recht, das Gebiet, durch das sie derzeit reisen, ist nicht nur einzigartig, es ist faszinierend; voller Ueberraschungen, voller Gegensaetze und extrem harschen Bedingungen, aber mit einem so weiten Himmel und ebenso fernen Horizonten, dass es sie immer wieder auf’s Neue erstaunt. Es weckt auch noch andere Gefuehle, doch die verlieren sich im Strom ihrer Sinne, so maechtig, dass er ihren ganzen Koerper durchflutet und sich in ihrem Gehirn weitlaeufig wie ein Delta ausbreitet, bevor er sich ins Meer ihres Bewusstseins mischen kann.

    Trockenheit dominiert und praegt die Landschaft, vorallem je weiter man sich von den Kuesten entfernt. Aber man findet gruene Oasen, wenn auch nur selten mit vielen Baeumen. Es gibt nicht Wiesen oder Waelder, sondern vorwiegend Busch und Gebuesch, niedrig, wo’s an Wasser fehlt, immer mehr duerres Gestreuch, als sonstige Vegetation, und dazwischen Disteln und Trockengraeser. Es ist eigenartig schoen in seiner ungezaehmten Wildheit und, – vielleicht grade deswegen, – Menschenleere. Manchmal glaubt sie, das Land sei unbewohnt, ja unbewohnbar zu sein. Sie moegen stundenlang reisen, ohne jemandem zu begegnen, oder auch nur eine Ansiedlung zu sehen; und wenn sie schon auf eine stossen, besteht sie meist nur aus ein paar Haeusern, eines davon immer mit ein oder zwei Benzinpumpen und kleinem Laden, einer Kantine oder gar Gastbetrieb, wo man das Notwendigste fuer seinen Magen und seine Weiterreise finden kann. Manchmal gibt es sogar Werkschuppen, Gemeinschaftshalle, eine Kirche oder Schule. Die Gebaeude sind generell aus Holz, mit Blechdach, oder sind vollkommen aus Blech. Hin und wieder tragen sie ein grosses bemaltes Schild, das sie mit einem Namen versieht oder ihren Nutzen beschreibt, wahrscheinlich mehr aus Gruenden der Demonstration lokalen Stolzes, als dass es notwendig waere. Wo die Leute aber sind, laesst sich nicht sagen, ausser man bleibt fuer eine Nacht. Dann trifft man Einheimische und andere vereinzelt Reisende im Gasthof, der fuer das leibliche Wohl aller Gaeste sorgt. Generell gibt es immer mehr Fahrzeuge als Menschen, mit der Ausnahme von den Kontingenten von Landarbeitern, die auf Lastern oder in ueberfuellten Waegen vorbeikommen. Die sorgen dann fuer jedermanns Unterhaltung, vorallem nach ein paar Runden kuehlen Biers. Femina glaubt sich oft im ‚Wilden- Westen‘ und in einer anderen Zeit, dank der diversen, zum Teil recht verwegenen Typen, die sich in diesen Plaetzen zusammenfinden. Es kann recht laut und rauh zugehen, und doch endet es nie in offenen Streitigkeiten, sondern immer nur in allgemeinem Gelaechter.

    Von der Hauptstrasse abgesehen, gibt es keine asphaltierten Strassen. Der Rest ist Erde, rot, trocken und staubig. Ein roter Film klebt an allem, sei es Auto, Gewand, Haus oder Hof. Freilich, das sei nur in der Trockenzeit der Fall, erklaert man ihr. In der Regenzeit konnte das ganze zum Schlammbad werden, was dann das Reisen gefaehrlich macht, wenn nicht sogar unmoeglich. Es wundert sie nicht, dass man nur wenige Bequemlichkeiten der modernen Zivilisation vorfindet. Hier braucht man stabile Dinge, die den Elementen standhalten, nicht glaenzendes Chrom und Firlefanz. Vieles muss angepasst oder veraendert, und erst recht repariert werden, mit dem, was man gerade zur Hand hat. Im schlimmsten Fall lebt man ohne den angenehmen Dingen des Fortschritts, oder gar deren Notwendigkeit. Einer der Wagen, die zur Tankstaette kamen, wie sie mit Schrecken feststellte, da sie gerade auf der Holzbank vor dem Laden ihr Hamburger ass, hatte nicht einmal einen Tankverschluss. Nicht dass das den Fahrer stoerte, der seine Zigarette rauchte, waehrend er den Tank fuellte, und dann mit offenem Tank, und offenen Fenstern, weiterfuhr. Wahrscheinlich hatte sein Vehikel schon lange auch keine Fenster mehr.

    Ausser der geringen Bevoelkerung, scheint es auch recht wenig Fauna zu geben. Am zahlreichsten sind Hunde, weniger wilde als zahme, und Voegel, gross und klein. Manche koennen dank ihrer Groesse nicht mehr fliegen, manche sind so bunt wie der Regenbogen. Die haben das froehlichste Gezwitscher, waehrend andere kreischen, kraechzen und laermen wie Kinder voll mit Schabernak. Die Laeufer findet man in den offenen Ebenen, die anderen vorwiegend in den gruenlich grauen Oasen, wo sie Baeume und Buesche frequentieren, aber auch in den Ansiedlungen, wo sie sich ohne Scheu ueberall niederlassen, um alles neugierig zu inspizieren und Futterquellen ausfindig zu machen. Sonst sehen sie meist nur Schlangen, viele Eidechsen, riesig grosse sogar, und natuerlich gibt’s allerlei Kriechendes, und, zu ihrem Leidwesen, haufenweis Fliegen, fuer die Augen, Nasen und Muender besonders anziehend sind. Einmal, als sie an einem Strassenrand kurz Halt machen wollen, bewegt sich der Boden unter ihnen. Mit Schrecken stellen sie fest, dass es sich hier nicht um schwarz-braune Erde handelt, wie sie annahmen, sondern um Raupen, oder Engerlinge, die ziellos ueber-, und untereinander dahinkriechen und mit einer, wer weiss, wie dicken Schichte ihrer Leiber, jegliches Stueck Erde bedecken. Keine einzige Pflanze, oder auch nur ein Grashalm, ist zu sehen, soweit das Auge reicht, wahrscheinlich, weil diese Dinger bereits alles weggefressen haben. Sie konnten das waehrend der Fahrt nicht wahrnehmen, dazu sind die Tiere viel zu klein. Sie glaubten, reiche, dunkle, unbestellte Erde vorzufinden, eben bewirtschaftete Felder, vorallem weil sie bereits mehrere Kilometer daran entlang gefahren waren und gehoert hatten, dass in dieser Gegend monochromatischer Feldanbau betrieben wurde, in industriellem Stil und Ausmass. Zu welchen Dimensionen, das war Femina unbekannt. Ohne Frage, so spekulieren sie, handelt es sich hier um abgeerntete Felder, wo eben zurueckgebliebener organischer Abfall diesen Raupen zum Leben verholfen hat, das nun aber zwangslaeufig im Massentod enden wird, weil es kein Futter mehr gibt. Das Ganze ist ebenso beeindruckend, wie abstossend, wie traurig. Sie setzen ihre Fahrt sogleich wieder fort. Es ist kein einladender Ort, nicht einmal fuer kurze Zeit. Sogar Kraehen scheinen ihrer Meinung zu sein, denn keine einzige ist zu sehen. Vielleicht haben sie ihren Appetit verloren, weil es zuviel des Guten gibt, oder vielleicht, weil es unbekoemmlich ist. Es faellt Femina nicht leicht den Schock los zu werden, den sie empfindet, konfrontiert mit der Realitaet industrieller Ausbeutung und Misshandlung der Natur.

    Und doch, dank der Groesse des Landes, findet Femina Schoenheit ueberall sonst. Die Weite des Himmel, die weiten Ebenen, die Oede und Unendlichkeit, all die intensiven Farben und ausgebleichten Farbtoene, sie glaubt sich in einer Galerie voll mit Kunstwerken. Der Kontrast der roten Erde mit dem tiefen Blau des Himmel ist so intensiv, dass es ihre Sinne voellig ueberwaeltigen wuerde, gaebe es nicht die Sonne, mit deren Licht sich Farbe und Landschaft staendig veraendern, und mit deren Lauf immer wieder neue Farb- und Schattenspiele entstehen. Es gibt keinen langweiligen Augenblick, nie eine eintoenige Landschaft. Der rote Kanvas wird erst recht zur Augenweide, wo sich verschiedenfarbiges Gestein und felsiges Gelaende findet und wo das Gruen in der Vegetation genauso vielfaeltig ist, wie es Pflanzen und Wasser gibt! Tatsaechlich ist das Land eine Festtafel voller Koestlichkeiten und sie schwelgt darin, wie die sprichwoertliche Made im Speck. Sie fuehlt sich ungemein frei und ungebunden. Ihre Seele wird zum Schmetterling mit grossen bunten Fluegeln. Waehrend ihr Koerper sich volltrinkt mit der klaren Luft, und mit der Sonne bei Tag, des Nachts fuellt er sich mit der weiten, wundersamen Stille und mit dem Zauber der funkelnden Sterne, die zahlreicher und naeher zu sein scheinen, wie sie es nur selten anderwo gesehen hat; selbst der Mond ist groesser und heller, manchmal ist er sogar golden und rot. Nichts truebt ihre Lebensfreude, nicht einmal jene dunkle, schwere Kugel, die sie sicher verwahrt in ihrer innersten Brusttasche traegt. Sie fragt sich nicht, ob oder was die Zukunft bringen wuerde. Soweit sie es beurteilen kann, hat sie ohnehin keine. Sie hat nicht einmal eine Vergangenheit, ausser den paar Erinnerungen aus juengster Zeit. Was sie jetzt erlebt, genuegt ihr vollkommen. Easy rider! Mehr bedarf es nicht!

    Freilich, auch wenn sie kein Beduerfnis hat, etwas zu aendern, Veraenderung findet statt. Langsam und stetig kriecht sie heran. Nicht nur die Landschaft veraendert sich, selbst die Luft, ja das ganze Klima und damit natuerlich auch alles, was mit ihrer Reise zusammen haengt. Zuerst kaum wahrnehmbar, gibt es mehr Gruen, dann mehr Vegetation. Der Wind hat einen feuchten Atem. Die Erde bedeckt sich mit saftigen Graesern und immer mehr mit allerlei Gebuesch. Inseln mit kleinen und grossen Baeumen, sogar mit Palmen tauchen auf und beginnen zusammen zu wachsen. Es finden sich des oefteren Ansiedlungen, wenn auch nur selten entlang der Strasse. Damit gibt es mehr Verkehr, haeufiger Tankstellen und Rasthaeuser und mehr menschlichen Kontakt. Anfangs ist ihr das willkommen, aber leider wird ihr bald klar, dass die Aenderung nichts Wuenschenswertes ist, vorallem was die Menschen betrifft, die hier leben. Sie findet sie nach einigen Begegnungen abstossend, ja geradezu widerlich. Wohl gibt es nun mehr Dinge der Zivilisation, aber nicht, was das Volk angeht. Das sind Barbaren, grob in Erscheinung und erst recht in ihren Gepflogenheiten. Fast alle, auch Frauen haben voellig ersichtlich Gewehre in ihren Waegen oder auf den Ladeflaechen ihrer Vehikel, bewacht von Hunden, die ihre Pflicht sehr ernst nehmen, mit hochgezogenen Lefzen und scharfen Zaehnen und hoerbarem Knurren, sobald man zu nahe an ihre Vehikel herankommt. Femina schaetzt die Hunde aber mehr, als deren Besitzer, denn sie tun nur ihre Pflicht, waehrend ihre Herren nicht mehr als brutale Zeitgenossen sind. Sie hat gar keine Wahl, sie muss deren Sitten, deren Gebraeuche ablehnen, erst recht, als sie erfaehrt, dass sowohl Frauen wie Tiere, ueberall und staendig, in Gefahr leben. Die Maenner gehen naemlich, unter anderen Jagdgepflogenheiten, auch auf Frauenjagd. Ihre Beute erlegen sie entweder gleich an Ort und Stelle, oder sie schleppen sie ab, um sie als eine Art Haustier an die Leine zu legen. Damit haben die Frauen natuerlich guten Grund, sich mit Waffen zu versehen.

    Meinungsverschiedenheiten gibt es mehr als genug, zwischen allen, aber vor allem den Maennern. Sie ist leider, und zu oft, ungewollte Zeugin. Man schlichtet Streit generell mit der Faust. Der Sieger hat immer recht. Prinzipiell ist man sich darueber einig, dass nur der Gewinner recht haben kann. Man scheint ueberhaupt zu glauben, dass nur der Starke ein Recht auf Leben hat und nur der Staerkste ueberlebt. Frauen sind prinzipiell zweitrangig, sind sie doch das „schwache Geschlecht“. Auch wenn Femina sich wundert, wie diese, zum Teil formidablen Amazonen, solchen Unsinn glauben koennen, sie laesst es dabei bewenden. Die meisten beaeugen sie ohnehin mit Misstrauen und manchmal Feindseligkeit.

    Femina fuehlt sich zwar nicht unmittelbar bedroht, hat sie doch zwei Begleiter, doch auch deren sonstige Gelassenheit, ist einer Vorsicht Platz gewichen, die Femina aus mehreren Gruenden alarmiert. Sie sieht deren Aenderung nicht nur in den Augen, sondern in ihrem ganzen Verhalten. Sie bewegen sich viel langsamer und ihr Gang ist fest, ja erdverbunden. Wenn sie von ihren Maschinen absteigen, oeffnen sie ihre Lederjacken, nicht nur, weil das Klima waermer ist, so glaubt sie jedenfalls, sondern um zu zeigen, dass sie Muskeln haben. Ihr Blick ist geradezu arrogant, ueber alles und jedes hinwegstreifend, als seien sie nur bedingt an ihrer Umgebung interessiert. Femina entgeht es nicht, wie aufmerksam sie sind, wenn auch unnahbar, mit ihren engen Pupillen. Meist kaufen sie, was sie brauchen, ohne sich aufzuhalten oder viel zu reden. Sie vermeiden Rasthaeuser und Camping Plaetze und waehlen sorgsam ihre Raststaetten und Nachtlager, immer abseits von der Strasse, weg von neugierigen Augen. Offensichtlich wollen sie so wenig wie moeglich menschlichen Kontakt. Femina kann dem nur beistimmen und trotzdem sie nun mehr Bequemlichkeiten zur Verfuegung haette, sie reist lieber rauh, als diesen Menschen ueber den Weg zu laufen.

    Es ist ein blauer, wolkenloser Morgen, als sie sich wieder von ihrem Nachtlager erheben und ohne Verzoegerung reisefertig machen. Das schwarze Metall und Chrom der Maschinen glaenzt nass in der aufsteigenden Sonne. Die Luft ist feucht und kuehl. Sie unterlassen fast immer naechtliche Lagerfeuer und essen ihr erstes Mahl meist erst Mitmorgen, nachdem sie viele Meilen hinter sich gebracht haben. Das Ritual des morgendlichen Fruehstuecks, um den neuen Tag zu begruessen, hat nun einer raschen und schweigsamen Routine Platz gemacht. Schlafsaecke sind schnell aufgerollt, die kleinen Zelte schnell abgebaut und alles ist schnell weggepackt. Gesichts-, oder Koerperwaesche gibt’s erst an der naechsten Wasserstelle, wenn moeglich, an einem Fluss oder Teich, ansonsten in einer der Raststaetten oder Tankstellen, wenn sie keine andere Wahl haben.

    Sie ist noch nicht wirklich reisebereit. Waehrend sie auf Ger warten, umfasst sie, schlaefrig, Dan’s Mitte. Er ist angenehm warm. Seine braunen Haarlocken quellen aus dem Helm auf die Schultern. Sie legt ihren Kopf auf den breiten Ruecken darunter und laesst ihrer Schlaefrigkeit freien Lauf bis ploetzlich die Maschinen aufheulen und sich Dan’s Ruecken gegen ihren Koerper presst. Das Vibrieren und Droehnen steigert sich zum Creszendo und faellt dann zurueck in befriedigtes Gebrumm. Der Asphalt fliegt dahin unter ihnen, und streckt sich vor ihnen hinein ins weite Land, eine Meile nach der anderen verliert sich hinter ihnen und sie fliegen vorbei am Gruen, hinein in braungelb gebrannte Huegel. Die Maenner haben eine einsame Route gewaehlt, sie begegnen niemandem, weder Fahrzeug, noch einer Menschenseele. Das Singen der Maschinen wiegt Femina immer wieder in wohliges Doesen. Manchmal spaeht sie ueber Dan’s Schultern in die Ferne, wo sie Berge zu sehen glaubt. Immer wieder faellt sie zurueck in ihr geistiges Daemmern, fuer wie lange, das kann sie nur daran abschaetzen, wie weit die Sonne in der Zwischenzeit auf ihrer Reise gekommen ist.

    Ein fremdes Geraeusch, eine Art Grollen, das sie ueber dem satten Gedroehn der Maschinen wahrnimmt, macht sie ploetzlich hellwach. Vielleicht ein Gewitter, aber keine Wetterfront ist in Sicht, wie sie sich vergewissert, und doch, lauter werdend, bewegt es den glatten Himmel und der Horizont vibriert in der schimmrigen Luft. Femina fuehlt Schauer durch ihren Koerper laufen. Das rollende Donnern hat etwas Unheimliches in sich. Dan und Ger verlangsamen die Fahrt und ziehen nebeneinander auf gleiche Linie, offensichtlich um sich miteinander zu verstaendigen. Nach ein paar Gesten und Ger in eine bestimmte Richtung deutend, beschleunigen sie wieder.

    Das Droehnen im Himmel klingt fast wie ein Geschwader von Flugmaschinen, doch kann sie nichts dergleichen entdecken. Wahrscheinlich ist es nicht nahe genug, ausserdem entfernt es sich wieder. Sie hat auf diesem Trip nie ein Flugzeug gesehen, noch gehoert, und schon garnicht etwas, das wie ein Geschwader klang. Sie wuesste nicht einmal, welcher Art dieses Geschwader sein koennte, ganz gewiss hat es keine Aehnlichkeit mit militaerischen Fliegern und auch nicht mit den kleinen privaten Maschinen, die vorwiegend landwirtschaftlichen Zwecken dienen. Sie erinnert sich an das Gespraech einige Abende zurueck, in dem Ger erwaehnte, dass er seinen Bruder aufsuchen wolle, der sich in dieser Gegend, irgendwo auf ihrer Route, sesshaft gemacht zu haben schien. Es war sein Lieblingsbruder, der juengste aus einer Schar von Siblingen. Er hatte ihn schon lange nicht gesehen und immer weniger von ihm gehoert. Er schien fast ein wenig besorgt zu sein. Vielleicht steuern sie gerade auf eine Stadt zu, wo sie ihn finden werden und wo es einen Flugplatz gibt, mit regem Flugverkehr.

    Femina hoert auf mit dem Spekulieren. Sie findet auch ihre Alarmgefuehle mehr als laecherlich. Ist ihr nicht ohnehin egal, wen, oder was ueberhaupt, sie auf dieser Reise tun oder kennenlernen wuerde? Sie hat keine Plaene, kein Ziel, keinen Wunsch. Alles dank jener Kugel, die sie mit sich traegt, so gross, wie ein Golfball, oder nicht viel groesser als eine grosse Murmel, mit der Kinder spielen, wenn auch ohne deren Buntheit und viel zu schwer fuer dies oder jenes Spiel. Verwahrt in der Brusttasche ihrer Kleidung, sie hat sich an das Gewicht dermassen gewoehnt, dass es sie kaum beschwert. Manchmal holt sie sie hervor, an stillen Abenden, wenn sie sich unbeobachtet glaubt, oder sie greift danach und rollt sie zwischen ihren Fingern, bloss um sich selber zu vergewissern, dass sie tatsaechlich vorhanden und nach wie vor unveraendert ist, rauchschwarz und undurchschaubar, mit dunklen Schatten darin. Meist aber laesst sie sie unberuehrt. Sie spuert ohnehin die harten Konturen, wenn sich Dan’s Koerper an ihren Brustkorb drueckt, im lift-off unter einem fulminantem Start oder unter leidenschaftlicher Umarmung. Er hat sie einmal gefragt, was, oder ob es eine Art Talisman waere, den sie mit sich herumtrage; offensichtlich beobachtet er sie mehr als sie annimmt, oder er spuert es unter den besagten Umstaenden. ‚Nein, oder vielleicht doch, in gewisser Weise‘, hatte sie zoegernd geantwortet und sogleich hinzugefuegt, dass es mehr eine Art Andenken sei; wenn auch nur von sentimentalem Wert, sie koennte sich nicht davon trennen. Er hat sie seitdem nie wieder darauf angesprochen. Wahrscheinlich spuert er, dass sie nicht bereit ist, mehr darueber zu sagen. Wahrscheinlich weiss er, dass er besser dran ist, es dabei zu belassen.

    Femina bleibt wachsam, trotzdem alles friedlich zu sein scheint. Sie machen jedoch nur kurze Rastpausen, meist nur um aus ihren Wasserflaschen zu trinken, und einmal, um ihren Hunger zu stillen. Das ist auch das einzige Mal, dass sie von ihren Maschinen absteigen. Nicht dass sich bis jetzt etwas Aussergewoehnliches ereignet haette, eines ist ziemlich klar, die Reise ist nicht wie sonst gelassen und vergnueglich, sie hat etwas Getriebenes an sich und offensichtlich ein bestimmtes Ziel, das bestens so schnell wie moeglich erreicht werden soll. Hin und wieder laesst das Gedroehn aufhorchen, aber nach wie vor laesst sich nichts Besonderes entdecken, ausser dass es nun noch andere Wege und sogar schmale Strassen gibt, die die ihre kreuzen. Trotzdem sind sie nach wie vor die einzig Reisenden. Freilich, das heisst nicht, dass die Gegend wirklich unbewohnt ist, sondern nur, dass sich dass sich die groesseren Ansiedlungen hinter der Bergkette befaenden, auf die sie zusteuern, nicht davor, so hat ihr Dan erklaert, als sie sich ueber die einsame Reise verwundert hatte. Was es mit dem Gedroehn auf sich habe, wussten ihre Freunde allerdings nicht, zumindest waren sie sich nicht sicher.

    Sie sind jenen Bergen nun recht nahe gekommen. Das letzte Stueck ebenen Vorlandes ist bereits besaeht mit Flecken lichten Waldes, Vorboten der bewaldeten Bergruecken und Schluchten vor ihnen. Aber sie kommen nicht viel weiter. Ihre Reise endet ploetzlich vor einer Strassensperre. Sie besteht aus einem grob behauenen Baumstamm, der auf zwei soliden Steinbloecken und einem massivem Metallgatter ruht, und in dessen Mitte man ein grosses Halteschild genagelt hat. Sie nehmen ihre Helme ab, da ihnen nichts anderes uebrig bleibt als zu warten oder sich zu beraten, was sie tun koennten. Es ist unmoeglich, die Sperre zu umgehen. Ein Feld spitzer Steine breitet sich links und rechts neben der Strasse aus, das sich bei naeherer Betrachtung als formidable Barriere herausstellt, da zwischen dem ohnehin sehr scharfkantigen Gestein, viele Metallspitzen hervorragen. Nur ein Panzer koennte ueber sowas drueberfahren und ueberleben.

    War sie bereits in Alarmstimmung gewesen, die Antwort auf ihre Frage, was es mit dieser Strassensperre auf sich habe, alarmiert sie erst recht: Sperren dieser Art markieren Territorien. Sie sind eine Art Mautstelle, eingehoben von ansaessigen Gruppen, die bestimmte Gebiete kontrollieren und sich, auch wenn sie nicht unbedingt die rechtlichen Besitzer des Gebietes waren, als solche aufspielen, mit Gewalt, wenn es sein muss. Diese Gruppen leben nach ihren eigenen Gesetzen und Fehden zwischen ihnen, sind ueblich. Sie werden durchaus blutig ausgefochten, oft genug mit toedlichem Ausgang. Mord und Totschlag sind Mittel zum Zweck. Meist geht es um Dominanz, territoriale Ansprueche und Demonstration von Staerke, erklaeren ihr die beiden. Es erinnert sie an die Raubritter, von denen sie im Geschichtsunterricht gehoert hat, mit dem Unterschied, dass jene Landrechte besassen. Allerdings mit welchem Recht Land je in Besitz genommen werden kann, ist eine prinzipielle Frage und obendrein keineswegs frei von Willkuer. Also, folgert sie, gibt es nicht wirklich viel Unterschied zwischen den alten und neuen Raeubern. Sie hat den Geschichtsunterricht, mit seinen vielen Geschichten immer interessant gefunden, den Unterricht aber oft als Maerchen-, oder Gruselstunde empfunden. Vieles war geradezu unglaublich. Vieles ist offensichtlich nicht wirklich Vergangenes.

    Fernes Grollen unterbricht ihre Betrachtungen. Diesmal entschwindet es nicht, sondern wird lauter und je naeher es kommt, desto bedrohlicher wirkt es auf Femina. Trotzdem es nun ueber ihnen zu sein scheint, kann sie nichts ausmachen. Mit weiten Augen starrt sie in den Himmel. Und dann sieht sie sie, die Flugkoerper, das heisst, sie sieht einige schwarze Punkte und hin und wieder rotes Glimmern. Es koennten Voegel sein, Geier, so wie sie kreisen. Aber da ist das Droehnen und dieser rote Schein, manchmal hellrot und dann wieder nur ein Funke. Es koennen also keine Voegel sein, und Drachen gibt es doch schon lange nicht mehr. Ploetzlich fallen die Punkte im Sturzflug auf sie nieder, wie Torpedos, oder Missiles, mit rauchigem Schweif. Sie hoert kein Gedroehn mehr, bloss lautes Pfeiffen, als es naeher kommt, aber auch das hoert auf, denn der Sturzflug endet wieder, in unmittelbarer Hoehe ueber ihnen, und unter ohrenbetaeubendem Laerm. Femina hoert allerdings vorwiegend ihr eigenes Herz schlagen, nachdem es zuvor mit dem Schlagen aufgehoert hat. Tatsaechlich! Fuer einige Augenblicke war alles zum Stillstand gekommen, selbst Zeit. Das ist wahrscheinlich immer so, wenn man der unausweichlichen Annihilation ins Auge sieht.

    Die neue Entwicklung, willkommen oder nicht, laesst ihr nach wie vor wenig Zeit zum Denken. Das Schwadron, nun nahe genug fuer Details, verbluefft und verwirrt sie erst recht. Sie sieht weite schwarze Schwingen, die sich, soweit sie es beurteilen kann, wie eine Haut, zwischen Armen und Beinen ausspannen, grad so, als handle es sich hier um riesige Flughunde. Aber natuerlich koennen es keine Fledermaeuse, keine Riesenvoegel sein, auch keine Flughunde oder aehnliches Getier. Sie haben schliesslich Raketenzylinder an ihren Unterschenkeln, die Feuer ausspeien und ohrenbetaeubendes Gedroehn. Es sind ihrer acht oder neun und auch wenn sie nun ueber sie hinweg fliegen, sie teilen sich und landen auf der Strasse, hinter und vor ihnen. In gezuegelter Fahrt rollen sie bis auf wenige Meter heran, um dann, wie’s scheint, in strategisch durchdachten Positionen und sicherem Abstand, Stellung zu nehmen.

    Dan und Ger werfen sich ein paar Blicke zu, waehrend Dan zu ihr sagt, dass sie es hier mit den „Desperados“ zu tun haetten und dass sie sich nur ganz ruhig verhalten sollte. Auch wenn die Situation gefaehrlich sein koennte, er glaube nicht, dass es zu einem ernsthaften Zwischenfall kommen wuerde. Femina bedarf seiner Anweisung nicht, denn was auch immer sie empfinden mag, es waere ohnehin voellig sinnlos, sich zu Handlungen hinreissen zu lassen. Offensichtlich wollen diese Banditen ihre Maut, nicht ihr Leben. Fragt sich nur, welcher Art, oder wieviel Maut sie zu zahlen haben, bevor man sie weiterreisen laesst. Ein Versuch, diesen Jaegern entkommen zu wollen, waere absurd. Femina’s Verstand weigert sich, ihre Gefuehle analysieren zu wollen, denn nur ein kuehler Kopf ist hier gefragt, nicht Gefuehle, egal welcher Art.

    Sie vermeidet allzu offensichtlich auf die einzelnen Maenner zu starren, obwohl ihr das nicht leicht faellt. Sie stecken in voller Lederausruestung und tragen Helme, mit geschlossenem Visier. Sie sind von unterschiedlicher Groesse, aber ihre Koerper sind solide, voll gepackt mit Muskeln, so nimmt sie an, auch wenn sie diese im Moment nicht sehen kann. Manche haben lange Haare, lange Baerte oder auch beides. Zudem sind sie bewaffnet als waeren sie im Krieg. In Hueftguerteln stecken Schiesswaffen und in Schenkelhalftern Messer, gross und klein. Ihre Schwingen sind jetzt zusammengefaltet. Offensichtlich bestehen sie aus einem duennen aber extrem festen Material, das sich leicht zusammenfalten und wahrscheinlich sogar leicht abnehmen laesst. Auch wenn sie sich dafuer interessiert, sie wagt nicht, zu lange an Details haengen zu bleiben. Die Beinraketen bestehen aus einer Einheit von „Bladerollerschuh“ oder besser, Stiefel, die bis unter die Knie reichen und an den Seiten mit schlanken Raketenzylindern ausgestattet sind. Sie sehen klotzigen Schischuhen aehnlich, eine Assoziation, die sich auf Material und Steifheit bezieht, obwohl sie natuerlich keine Ahnung hat, woraus es besteht. Eines ist gewiss, es muss ein hoechst spezieller Kunststoff sein. Ueberhaupt! Die ganze Ausruestung ist mehr als beeindruckend! Auf der Brust finden sich Plaketten, doch da alles in schwarz gehalten ist, koennten es auch Schaltknoepfe sein. Sie fragt sich, woraus die Raketen gemacht sind, wie sie funktionieren und womit der Antrieb bewerkstelligt wird. Nichts deutet darauf hin. Moeglicherweise tragen sie Behaelter auf ihren Ruecken, was sie im Moment natuerlich nicht sehen kann. Die Augen sind hinter den nahezu schwarzen Visieren verborgen, waehrend die grauen Helme, gut sichtbar in der Mitte, wie ein drittes Auge, ein schwarzes Emblem aufweisen, bestehend aus einem Totenkopf mit zwei gekreuzten Gewehren. Es ist voellig schmucklos, nicht wie andere Embleme, die meist farbenpraechtig sind. Und doch sagt das Einfache mehr als Worte; das ist eine Bande, eine feindselige Meute, hungrigen Woelfen gleich, oder Vampiren und fleischfressenden Flughunden, bedrohlicher und gefaehrlicher als jedes Tier, und ganz gewiss viel grausamer.

    Bis jetzt hat man sie nur wortlos angestarrt. Ein leises Brummen ist zu hoeren, wahrscheinlich laufende Motoren, grad so, als sei die Meute unentschlossen, wie sie mit den Fremden verfahren wollte. Dan’s Koerper hat sich hochaufgerichtet. Stahlhart presst sich sein Ruecken gegen sie, abwartend, ohne die geringste Bewegung. Falls sein Herz noch immer schlagen sollte, es tut so hinter sicheren undurchdringlichen Waenden, die nichts verlauten lassen. Femina jedoch, im Gegensatz zu Dan, entspannt sich. Bereits waehrend der schweigsamen Konfrontation mit diesen neuzeitlichen Raubrittern, oder Strassenraeubern, ist sie immer ruhiger geworden. Je mehr sie deren Erscheinung ihrer Ueberpruefung und Einschaetzung unterzog, zugegeben, wenn auch nicht tiefer als deren aeussere Schale, es fasziniert sie und weckt erst recht ihre Neugierde. Diese Typen moegen noch so unheimlich oder bedrohlich sein, sie sind, nichts desto trotz, ebenso faszinierend. Was sich unter der Schale verbirgt, muss sich erst zeigen, und wenn die Hinweise auch nicht auf viel Gutes schliessen lassen, Furcht ist weder hilfreich, noch angebracht, noch notwendig, sagt sie sich jedenfalls. Notwendig ist allerdings ihre ungeteilte Aufmerksamkeit, und ihr Verstand: ‚Selbst der beste Jaeger hat seine Schwaechen und jede Meute hat einen Fuehrer!‘ Freilich! …Viele Hunde sind des Hasen Tod……, aber hat sie Angst vor dem Tod? Ganz gewiss nicht! Ohne sich dessen wirklich gewahr zu sein, fasst sie in ihre Brusttasche. Schwer rollt die runde Murmelkugel hinein in ihre hohle Hand. Easy Rider! Strassenraeuber! Was auch immer! Niemand ist nur schlecht, niemand ist nur gut.

    Sie ist also faehig, ihre Aengste an die Leine zu legen, nun da sie weiss, womit sie es zu tun hat. In der Tiefe ihres Bewusstseins regen sich jedoch noch andere Gefuehle, die sie noch nicht entschluesseln kann, grad so wie der Hofhund, der an seiner Kette liegend, vorgibt zu schlafen, waehrend er hellhoerig jedes Geraeusch registriert und auf klare Signale wartet, bevor er in Aktion springt. Was es sein koennte, laesst sich nicht sagen. Daher ist es besser, zu warten.

    Mit einem Male verstummt auch das Brummen der Maschinen. Eine scharfe Maennerstimme ertoent, laut und hohl, als kaeme sie durch ein Mikrophon:

    „Was wollt ihr hier? Das ist unser Gebiet! Ihr habt hier nichts zu suchen!“

    Ger antwortet, mit ruhiger, fester Stimme, ohne jedwede Angst oder Erregung:

    „Wir sind nicht gekommen, um das in Frage zu stellen. Wir sind auf der Durchreise hinauf in den Norden, aber ich habe einen Bruder, der sich hier irgendwo niederlassen wollte oder bereits niedergelassen hat. Vielleicht weiss jemand von Euch, wo ich ihn finden koennte.“

    Dem folgt wieder Schweigen, doch Femina glaubt, dass die Gruppe sehr wohl miteinander kommuniziert, auch wenn sie nichts hoeren oder sehen kann.

    Schliesslich loest sich einer der Maenner aus der Gruppe vor ihnen und rollt heran an den Balken. Die anderen verweilen regungslos, Haende nahe ihrer Waffen. Femina spuert Dan’s Muskeln weicher werden. Er fasst nach hinten zu ihr, anscheinend, um ihr mit seiner Geste mitzuteilen, dass sie sich jetzt in keiner unmittelbaren Gefahr mehr befaenden.

  • DNS II, Kapitel 6, Teil 3

    Baba stupst Femina leicht an. Sie war nachdenklich geblieben, starrt noch immer auf den Vorhang, als sei dort eine Nachricht geschrieben. Sie schaut zu Baba, der ihr vergnuegt zu verstehen gibt, wie sehr er die Vorfuehrung genossen hat. Mit seinem breiten Lachen und belustigt funkelnden Augen vertreibt er ihre Nachdenklichkeit. Er wiederholt den letzten Akt des ‚Todesstosses‘ und verdreht dabei seine Augen, aber nicht um das Sterben zu mimikrieren, sondern als Kommentar an der Tat, als wollte er sagen, dass er diese Aktion ganz besonders lachhaft fand. Offensichtlich amuesierte ihn die Vorstellung mehr als ihn der Inhalt interessierte, – im Gegensatz zu ihr. Aber es tut ihr gut, dass er sie daran erinnert, wie wenig es der Worte bedarf, um sich mitzuteilen und was es heisst, mit seinen Augen zu sehen.

    Der Vorhang oeffnet sich wieder. Baba wendet sich sogleich der Buehne zu, in kindlich freudiger Erwartung, neugierig grad so wie sie.

    Das Buehnenbild ist unveraendert. Schwarz sitzt nach wie am Tisch, und Weiss ist zurueckgekommen. Allerdings hat er am schwarzen Sessel Platz nehmen muessen. Auch die Tanzfiguren sind auf der Buehne, versammelt hinter den beiden Maennern, jedoch auf der Seite gemaess ihrer Farbe, sodass sich die schwarze Mannschaft hinter Weiss befindet und die weisse Mannschaft hinter Schwarz. Ein Summen kommt von ihnen, einem Chorgesang gleich, aber dann beginnen sie in monotonem Klang zu sprechen:

    „Die Zeit unserer Vereinigung ist gekommen. Lasst uns Bilanz ziehen, ueber das was so lange gueltig war. Weiss hat unser Vertrauen verloren, Schwarz hat uns noch nicht ueberzeugt, aber die Zeit der Aufklaerung ist gekommen, die Zeit fuer Erkenntnis und Wahrheit ist reif.“

    Weiss hebt seine Hand zum Zeichen, dass er zu sprechen wuenscht, was man ihm auch gewaehrt. Seine Stimme ist dunkel und klingt muede, doch liegen darin gefuehlsreiche Vibrationen, die aufhorchen lassen und seine Worte glaubhaft machen.

    „Ich bekenne mich schuldig,“ sagt er. „Ich habe euch und mich selbst betrogen. Ich habe mich einer Maechtigkeit geruehmt, die mir nie zustand. Anstatt auf Wahrheit zu bestehen, habe ich mich blenden lassen und bin dabei erblindet, ertrunken in der schieren Beweihraeucherung, die man mir dargebracht hat. Obwohl die Trennung in Schwarz und Weiss der Schoepfung dient, die Ignoranz der Unschuldigen hat mich betoert und mir die Schluessel der Vollmacht in die Hand gedrueckt, die alles, was mir nicht gehorchte, verbannt und ausgeschlossen hielt. Aber nichts von dieser Macht gehoert mir rechtens. Wohl bin ich maechtig, aber ich bin nicht absolut und ich bin Diener, nicht Herr. Ich bin schuldig und das Wissen um meine Schuld hat mich verbittert, hat es doch die bestehende Moral verhaertet und mich zum Sklaven meiner Anbeter gemacht. Ich bitte aber um Nachsicht und Verstaendnis, denn meine urspruenglichen Intentionen waren gut, und nicht alles was die Welt durch mich erreichen konnte, ist schlecht, oder ein Misserfolg. Bruder, ich habe mich in meinem Zorn an dir vergangen. Ich finde keine Worte, die meiner Reue gerecht werden koennten. Allerdings weiss ich nur zu gut, wozu dich deine Macht befaehigt und ich habe ernsthaft geglaubt mich gegen dich verteidigen zu muessen. Ich habe impulsiv gehandelt, ohne Ueberlegung. Ich bitte um deine Vergebung.“

    Seiner Rede folgt unmittelbar Schweigen, dann entsteht ein Raunen unter seinem Gefolge. Schliesslich tritt die weisse Koenigin hervor und begibt sich in die Mitte des Schachfeldes, so dass alle Anwesenden sie uneingeschraenkt sehen und hoeren koennen. Sie beginnt auch sogleich zu sprechen. Ihre Stimme ist warm und weich, hat jedoch eine Entschlossenheit in sich, die ueberrascht.

    Liebe: „Der weisse Koenig ist schuldig, aber so bin ich. All die Zeit habe ich ihm gedient mit einer Treue, die nur ich zu geben vermag und ich habe geschwiegen zu seinen Fehlern, was mich mitschuldig macht. Mit meiner, ja mit aller unserer Hilfe konnte geschehen, was Weiss nun zum Angeklagten macht. Niemand aus unserer Schar hat sich je gegen ihn ausgesprochen, daher hat niemand von uns Grund, ihn zu richten. Zudem hat er sich mit seiner Tat bereits selbst gerichtet. Aber lasst uns nicht daran verweilen! Nicht nur, weil das Geschehene nicht rueckgaengig gemacht werden kann, sondern vorallem weil es uns nun vorwaerts schreiten laesst, zum Wohle aller. Ich bin froh und erleichtert, dass ich nicht mehr das allumfassende, selbstlose, sich aufopfernde, stets vergebende Ideal sein muss, von dem Verstaendnis und volle Hingabe erwartet wird, egal wie unlogisch und fragwuerdig das auch sein mag. Gewiss, niemand sollte meinetwegen leiden oder sterben, doch ist es unvermeidlich, egal wie sehr ich auch versuche, dies zu verhindern oder die Tatsache verleugne.“ Sie wendet sich an die Zerstoerung: „Komm Bruder, Demolierer und Vernichter, ich habe dich vermisst. Ich bin ohne dich nur die halbe Wahrheit. Du befreist mich vom Glanz falschen Goldes, denn die Reinheit absoluter Liebe ist nicht in der Materie zu finden, die aber unsere Welt ist.“

    Der Aufgerufene, ein huehnenhafter Mann, tritt vor, entledigt sich seiner diversen Waffen und Sprengstoffarsenals, zumindest jenem, das man sehen kann, und geht dann zur Koenigin. Er nimmt ihre ausgestreckte Hand, verbeugt sich wie ein Kavalier, bevor er zu sprechen beginnt.

    Zerstoerung: „Danke Schwester! Danke dir fuer deine Aufrichtigkeit und fuer deine Liebe. Ich habe dich immer gebraucht und ich brauche dich mehr als je zuvor. Ohne dich bin ich nicht aufzuhalten, denn ich bin das Feuer, das, wenn entzuendet, ausbrennen muss, und das alles verschlingt, was in seinem Wege steht. Nur du kannst mir Grenzen setzen. Du bist das Wasser, das mein Feuer loeschen kann. In der Tat, nur mit dir kann ich die Welt leben lassen. Komm, tanz mit mir, zur Feier dieses Tages.“

    Und so tun sie denn auch. Femina ist entzueckt. Sie liebt naemlich den Tanz mehr als alle andere Arten der darstellenden Kunst und sie ist auch nicht enttaeuscht von dem, was die beiden hier mit ihrem Tanz zum Ausdruck bringen. Am Ende bleiben sie in der Mitte des Feldes stehen, ineinander verschlungen, Wange an Wange, mit geschlossenen Augen, ein Bild vollkommener Harmonie.

    Die Zufriedenheit tritt vor und stellt sich neben das Paar. Sie ist so duenn und doch so suess in ihrer einfachen Kleidung, ohne Schmuck und ohne Make-up. Ihr Gesicht ist jung und sanft, und sie ist hochgewachsen wie ein Ried, das sich mit dem Wind dreht und wendet, ohne je von ihm gebrochen zu werden. Sie koennte jedoch ein bisschen mehr Futter vertragen.

    Zufriedenheit: „Ich bin so froh, dass die Zeit unserer Vereinigung gekommen ist. Endlich kann ich meine Schwester in die Arme nehmen, die ich so vermisst habe. Ohne sie bin ich wie totes Holz, Treibholz im Wasser des Lebens, ohne Ziel, ohne Richtung, ein Unding, ohne Inhalt oder Sustanz. Komm Schwester, du betoerende Verfuehrerin, du gibst meinen Wangen Roete und du kannst in meinen Armen Ruhe finden.“

    Die schwarze Koenigin folgt dem Aufruf. Wiegenden Schrittes, das Haupt hoch erhoben, schaumgekroente Wellen laufen ihrem Strande zu. Sie stellt sich neben die Zufriedenheit, einen Arm um deren Schulter, mit der anderen nimmt sie deren Hand.

    Versuchung: „Liebste Schwester, auch ich habe dich vermisst. Ohne mich kann die Welt nicht voranschreiten, doch ohne dich bin ich ein Fass ohne Boden, das letztendes immer leer bleiben wuerde und somit seinen Sinn verliert. Nur mit dir kann sich die Welt ihres Fortschritts erfreuen. Komm, tanz mit mir, zur Feier des Tages.“

    Und das tun sie denn auch. Sie tanzen ihren Pas de Deux und stellen sich dann neben das erste Paar, ineinander verschlungen, Wange an Wange, ein Bild vollkommener Harmonie.

    Die Ueberlieferung tritt vor, Fundament und Festung des weissen Systems. Es ist der Priester in vollem Ornat, schlank und herrisch, sich seiner Wuerde und Wichtigkeit bewusst. Er schreitet selbstbewusst an den rechten Rand des Spielfeldes in Liene mit den anderen Paaren.

    Ueberlieferung: „Ich weiss nicht, ob die Zeit wirklich reif ist fuer unsere Vereinigung. Meine Macht ist ungebrochen, denn noch gibt es keine bessere Antwort fuer die Massen, die ohne Fuehrung verloren sind. Die Welt braucht mich genauso wie am Anfang ihrer Zeit. Doch wenn ich zurueckblicke auf die Jahrtausende, getraenkt in Blut und Traenen, dann fuehle ich wie schwer meine Schultern unter der Last meiner Schuld geworden sind. Mein Wort war absolut, kam es doch vom weissen Koenig, dessen Vertreter auf Erden ich bin. Allerdings! Ich habe meinen Bruder, den Zweifel ausgeschlossen, und damit unendlicher Grausamkeit freien Lauf erlaubt. Es hat mich zum Inquisitor, Henker und Scheinheiligen gemacht. Ich habe Kasteiung und Entsagung gefordert, aber nie Erloesung gebracht. Mein Bruder, komm, ich will dich nicht laenger ausschliessen, ich will nicht laenger kalt und unnachgiebig sein. Auch wenn ich nicht recht an eine neue Weltordnung glaube, sie kann keineswegs schlechter als die alte sein. Sie sollte zumindest Gelegenheit haben, zu zeigen, was sie erreichen kann.“

    Der Zweifel folgt der Aufforderung, schreitet geschwind auf die Ueberlieferung zu. Femina ist sich garnicht sicher, ob er nun Mann oder Frau ist. Gross und schlank mit der Maehne eines Pferdes, in weiten Hosen und weitem Hemd oder Bluse, nichts laesst auf ein bestimmtes Geschlecht schliesen. Selbst das Gesicht, schoen wie es ist, koennte sowohl Frau wie Mann sein. Auch das Schwarz der Kleidung ist nicht nur schwarz. In der Bewegung glaenzt es sogar manchmal wie oberflaechlicher Schnee auf den die Sonne faellt, dann wieder schimmert es silbrig, ist aber pechschwarz in den Falten und den Schattenseiten. Er, oder sie, nimmt die Ueberlieferung ungestuem an die Hand.

    Zweifel: „Mein Bruder, endlich kommst du zur Vernunft. Ich kann dir garnicht sagen, wie ungeduldig ich auf diesen Moment gewartet habe. Ohne mich bist du der Hypokrit, den keine wahrheitsliebende Seele ernst nehmen kann. Freilich, ich bin ohne dich wie der Samen, dem das Ei fehlt. Aber zusammen sind wir die besten Eltern fuer eine neue Brut. Komm tanz mit mir, zur Feier dieses Tages.“

    Das tun sie denn auch. Ihr Pas de deux ist exquisit, aber das waren bisher alle. Sobald der Tanz endet, stellt sich das Paar in Reihe mit den anderen, ineinander verschlungen, Wange an Wange, in voelliger Harmonie.

    Die naechste Figur, die sich aus der weissen Spielerschaft loest, ist die Moral, eine hohe hagere Gestalt, im richterlichen Ornat und das Haar unter der obligaten Peruecke verborgen, die die Zinnen des Turmes wie eine Krone traegt. Das Gesicht ist das eines Mannes, streng und hart, intelligent und kalt, kein Gesicht, von dem man sich ein mildes Urteil erwarten wuerde. Er geht zur Mitte des Spielfeldes, stellt sich dann aber an den linken aeusseren Rand in Reihe mit den anderen Paaren.

    Moral: „Es faellt mir schwer zu glauben, dass die Zeit reif ist fuer unsere, oder gar meine Wiedervereinigung. Wie kann ich ploetzlich den Teil meines Ichs lieben, den ich so lange mit aller Macht von mir ausgeschlossen habe?! Die Kaempfe werden weitergehen, bloss die Kampfstaette aendert sich. Anstatt auf der Weltenbuehne, werden sie nun im Kopf stattfinden. Unmoral, du bist meine andere Haelfte. Aber ich bin nicht sicher, ob mein Gewissen mir je die Erlaubnis gibt, dich zu lieben. Das beste, das ich dir anbieten kann, ist Toleranz. Ausser du bist faehig, Kompromisse zu schliessen, dann mag es schon sein, dass unser Verhaeltnis sich bewaehrt.“

    Die Unmoral tritt vor und folgt ihm nach, stellt sich schraeg und seitlich vor ihn hin. Sie ist eine vulgaere Schoenheit, in den Kleidern einer Dirne, ihr langes Haar im Ponytail, wie der buschige Schweif eines wilden Pferdes. Ihr Gang provokant, ja ihr ganzes Wesen ist herausfordernd, aber auch selbstsicher, und ihr Schritt war kraftvoll, keinesfalls leicht aus der Fassung zu bringen. Sie ist ganz gewiss kein Wesen, das sich uebertoelpeln oder gar unterkriegen laesst.

    Unmoral: „Ich verlange nicht nach deiner Liebe. Es genuegt, dass du mich anerkennen musst. Ich habe keine Angst vor deinem Gewissen; im Gegenteil; es reicht fuer uns beide. Es wird meine Intelligenz komplementieren, waehrend ich dich hindern werde, es weiterhin wie eine Peitsche zu verwenden, wenn es tatsaechlich der Selbsterkenntnis dient. Du sagst, du kannst mich nicht lieben? Wer sagt, dass ich dich lieben kann?! Du bist in deiner Selbstherrlichkeit monstroes und ueberheblich. Du bist ganz und gar nicht liebenswert. Aber ich nehme unsere Vereinigung mit Freuden an, auch wenn wir uns sehr wohl weiter streiten werden, solange jedenfalls, wie es braucht, bis du die ganze Wahrheit akzeptieren kannst. Du hast dich ohnehin nie voellig von mir befreien koennen, auch wenn du das nicht zugeben willst.“

    Mit einem raschen Griff fasst sie nach Kopfstueck und Peruecke, reisst beide triumphierend von seinem Kopf und wirft sie in hohem Bogen hinter sich. Es entbloesst eine Glatze, die voller Taetowierungen ist. Der hehre Richter sieht ploetzlich nicht mehr so ehrenhaft aus. Sie faehrt fort: „Toleranz, Kompromisse, das ist schon recht und gut. Es ist zumindest die Grundlage, auf der sich eine solide Ehe schmieden laesst. Allerdings nur, wenn sie von beiden Seiten kommen!“

    Diesmal gibt es keinen Pas de Deux. Die beiden Figuren stellen sich Ruecken an Ruecken, ihre Seiten dem Publikum zugewandt, ihre Koepfe aneinander gelegt und ihre Arme ineinander verschlungen. Ihre Augen schliessen sich und sie verbleiben still und regungslos, eine Figur mit zwei Gesichtern.

    Die schlanke weibliche Gestalt, die naechstens vortritt und den anderen Paaren auf dem Spielfeld folgt, ist die Gerechtigkeit. Sie traegt eine lose Tunika eingehalten von einem breiten Guertel, mit einer grossen Guertelschnalle in Form einer Waage in dessen Mitte. Ihre Augen sind von einer weissen Binde bedeckt, doch das Haar gleicht der Maehne eines Pferdes. Sie ist halb Goettin, halb Pferd, das Scheuklappen traegt.

    Gerechtigkeit: „Seit unserer Spaltung habe ich die Schalen meiner Waage mit den Paragraphen des Gesetzes gefuellt, um das Urteil nicht durch Emotionen zu verfaerben. Damit aber wurde ich zum Handlanger der herrschenden Macht, denn Gerechtigkeit, die nur dem Worte folgt, wird zur Farce, indem sie Recht und Unrecht zum Wortspiel macht. Emotionen lassen sich kontrollieren, aber Worte kann man verdrehen. Das hat dem Hass reiche Ernten gebracht, denn Emotionen, auch wenn man glaubt, man hat sie weggeschlossen, wirken fort; – sie sind die ‚Muehle Gottes, die langsam, aber sicher, mahlt“. Doch ich bin der Wolf unter den Schafen, mit einer Stimme gleich Oel, in dem all die Worte fliessen, so glatt, dass es mein Heulen zum Wiegenlied macht. Komm Hass, mein verpoenter Bruder, wir gehoeren zusammen. Nur ich kann mit deiner Aggression umgehen, nur du schaffst es, meine Augen der Wahrheit zu oeffnen, so dass niemand auf Grund meines Urteils zu leiden hat.“

    Der Hass loest sich aus seiner Spielerschar, ein Baer von einem Mann, mit langem schwarzen Kopfhaar und schwarzem Haar, das seinen Koerper bedeckt, als trage er ein Fell, seine Fuesse und Haende gleich Tatzen mit Fingernaegeln so lang, dass sie tatsaechlich Krallen sind. Das Gesicht eine Fratze, die einem das Gruseln lehrt. Daemon, oder Perchte, rette sich wer kann, wenn er nur laufen kann.

    Hass: „Ich folge dir gerne, Schwester, doch bedenke, ich bin gefaehrlich. Ich kann dich in Stuecke reissen, wenn du nicht achtsam bist. Du kannst mich allerdings zum Schlafe wiegen, aber nur, wenn du deine Scheuklappen abnimmst. Du musst sehen, so dass ich meine Augen schliessen kann. Komm, Schwester, lass mich die Binde entfernen und dann lass uns tanzen, zur Feier dieses Tages.“

    Waehrend seiner Rede war er auf Libra zugegangen und stellt sich hinter sie. Seine haarigen Arme umfassen sie und er scheint etwas in ihr Ohr zu fluestern, dann nimmt er ihr die Augenbinde ab. Neues Leben scheint ploetzlich in ihr hochzuwallen. Sie lacht, entschluepft seinen Armen, nur um ihn bei der Hand zu nehmen, um mit ihm den Pas de Deux zu tanzen. Und was fuer ein Tanz es auch ist! Sie sieht neben ihm wie eine Puppe aus und doch ist sie es, die den Tanz bestimmt. Der Hass, der Baer, Libra seine Domptoese. Kraft und Verstand, Gefuehl und Weisheit vereinen sich. Am Ende stehen sie mit den anderen Paaren in Reihe, ineinander verschlungen, der Hass hinter Libra, Wange an Wange, mit seinen Haenden an der Guertelschnalle. Er mit geschlossenen Augen, doch ihre weit offen und mit einem Laecheln auf dem Mund, sie sind ein Bild der Harmonie.

    Drei Paare und die Koenige fehlen, um die neue Formation zu vervollstaendigen. Femina wirft einen Blick auf Baba, und wie auf ein Zeichen, wendet er sich auch ihr zu und beide lachen sich vergnuegt zu. Fuer mehr bleibt nicht Zeit, denn die naechste Figur ist bereits nach vor getreten.

    Es ist der Gehorsam. Er ist kein impossanter Mann, eher von bescheidenem Aeusseren, dem niemand besonderes Augenmerk schenken wuerde, waere er nicht in Uniform. Er raeuspert sich, scheint zuerst ein wenig unsicher, gewinnt aber zunehmend an Elan.

    Soldat: „Es faellt mir schwer, die rechten Worte zu finden, denn all die Jahre war „Jawohl, mein Kommandant!“ genug fuer mich. Ich wurde zum Gehorchen trainiert, nicht zum Denken. Denker sind keine guten Soldaten, so sagt man, aber auch nicht jeder Kriegsheld verdient das Lob, denn er mag bloss Leben verachten, ist gehorsam bis in den Tod. Komm nun, Ungehorsam, mein Bruder, die Zeit der Erkenntnis ist gekommen! Wir beide sind Opfer und Schuldige, Manipulierte und Taeter. Du bist der Kriminelle, der gegen die bestehende Ordnung verstoesst, meistens weil du nicht nachdenkst, manchmal weil du dir das Denken nicht abgewoehnen kannst. Tatsaechlich ist es nicht immer unsere Schuld, wenn du ueber die Gesetze stolperst, oder ich mich im Kriege befinde, denn jede Gesellschaft hat die Kriminalitaet und die Kriege, die sich nicht verhindern lassen, oder die sie verdient. Die Gesellschaft hat uns die Verantwortung abgenommen, denn sie entscheidet ueber Gesetze, Krieg und Frieden. Damit faellt es leicht, sich in der Anonymitaet oder im Paragraphenwald zu verstecken. Freilich, unsere Vereinigung setzt dem ein Ende. Wir sind verantwortlich fuer alle unsere Taten. Jeder einzelne muss sich Rechenschaft geben, jeden Tag, und nicht erst vorm imaginaeren Juengsten Gericht. So gesehen gibt es fuer unsere Taten wohl Erklaerungen, nie aber eine Entschuldigung.“

    Der Ungehorsam tritt vor, eine verwegene Figur, die trotz des tadellosen Anzuges und den Lederschuhen, keinen vertrauenserweckenden Eindruck macht. Vielleicht liegt das an den vielen Ketten, Ringen und Ohrringen, die er traegt und an den Taetowierungen an Haenden und Nacken, die darauf schliessen lassen, dass er mehrere am Koerper hat. Statt eines Hutes traegt er allerdings, die seinem Rang entsprechende Bischofskappe.

    Ungehorsam: „Bruder, ich danke dir fuer dein Vertrauen, doch sei gewarnt, ich bin nicht leicht in Ketten zu legen. Ich will immer ausbrechen. Ich bin immer auf der Suche nach Neuem, immer gegen Ordnung, immer bereit, ein Risiko einzugehen, immer bereit, einen Gewinn zu machen. Ich will frei sein, tun und lassen koennen, wie und was ich will. Freilich, wir beide zusammen koennen Berge versetzen, aber du must lernen, ‚nein‘ zu sagen, auch wenn ich mich dagegen wehre. Es ist deine Disziplin, die mich an dich zu binden vermag und die uns beiden Richtung geben wird, so dass wir auf jener Strasse wandern, die uns zu unserem ‚El Dorado‘ fuehrt. Komm Bruder, tanzen wir, zur Feier dieses Tages.“

    Der Tanz ist kein harmonischer Pas de Deux, viel eher ein bruederliches Geraengel, aber beide haben ihren Spass dabei, beenden den Tanz in Gelaechter. Sie stellen sich mit den anderen in die nun sich verdichtende Reihe, Seite bei Seite, in bruederlicher Umarmung, durchaus friedlich, und in Harmonie.

    Die Verantwortung ist die naechste Figur, die nach vorne tritt, wuerdevoll, mit festem Schritt. Sie ist eine alte Dame mit schlohweissem Haar, ihr Gesicht, trotz der vielen Falten, schoen und liebenswert und mit warm scheinenden Augen. Sie ist die weise Alte, oder auch die gute Hexe aus den beliebten alten Maerchen.

    Verantwortung: „Lange schon habe ich auf diesen Augenblick gewartet. Kummer und Sorge haben mich staendig begleitet und manchmal schier erdruecken wollen. Nur mein Vertrauen in mich hat mir geholfen, diese traurigen Zeiten zu ueberdauern. Endlich kann ich das Vergnuegen, meine Siblingschaft, in die Arme schliessen. Wir werden Lachen und Frohsinn bringen, allen Dingen, all dem Sein einen neuen Sinn geben. Ohne mich ist die Welt verloren in unsinnigem Getriebe und nutzloser Voellerei, mit uns zusammen kommt das Geniessen, was das Leben erst lebenswert macht.“

    Unter der Schar der Figuren, die das Vergnuegen representieren, entsteht ein belustigtes Palaver, bis schliesslich der Clown unter allgemeiner Zustimmung und unter allgemeinen Gelaechter, auf die alte Dame zupurzelt, deren Gesicht sich nun in Lachfalten legt mit Frohsinn in den Augen. Der Clown kommt vor ihr zu stehen und verbeugt sich in uebertriebener Pose, wie es Clowns eben so tun.

    Clown: „Liebe Schwester, ich fuehle mich geehrt, meine Siblinge zu vertreten. Willst du mit mir nicht den Tanz unserer Vereinigung tanzen? Ich mag dir zwar auf die Zehen steigen, mit meinen grossen Schuhen, aber das soll uns nicht an unserer Freude hindern, nicht wahr, denn du kannst, dank deiner Umsicht, mein unbedaechtigtes Treiben ganz gewiss davor bewahren, dir weh zu tun oder anderen Schaden anzurichten. Ich bin sogar sicher, dass du mir meinen Schabernack verzeihst, denn wahrlich, was waere das Leben ohne Lachen! Also komm mit mir, lass uns tanzen, zur Feier dieses Tages!“

    Und damit nimmt der Clown die alte Dame zum Tanz. Und was fuer ein Pas de Deux das ist, voll Humor und Akrobatik, die alte Dame viel wendiger, als sie urspruenglich vermuten liess. Femina muss manchmal laut auflachen, und sie sieht Baba’s Gesicht, sein Entzuecken und froehliches Lachen.

    Schliesslich stellt sich das neue Paar in Reihe mit den anderen, sich innigst umarmend, Wange an Wange, beide in seliger Harmonie.

    Nun ist nur mehr die Pflicht und die Unzufriedenheit uebrig, und natuerlich auch noch die beiden Koenige, falls diese sich am Tanz beteiligen sollten. Ein Moment der Stille kommt auf, als zoegerten die Verbliebenen, den Schritt nach vor zu tun. Die Pflicht macht dem ein Ende. Sie ist von kraeftiger Natur, in Overalls und festen Arbeitsschuhen, mit einem Guertel voll Werkzeug und nuetzlichen Utensilien. Die Maehne von Haar ist im Zopf nach hinten geflochten, wie das mit Arbeitspferden manchmal getan wird, so dass das Haar nicht in ihre Augen faellt. Sie traegt weder Schmuck noch Make-up, aber ihr Gesicht hat natuerlichen Charakter mit klarem Blick und scharfer Nase, einem Vollmund, streng zusammengepresst und einem kraeftigen Kinn, auf einem kraeftigen Nacken.

    Pflicht: „Es scheint, als haette mir die Verantwortung den passenden Partner abspenstig gemacht, aber dem ist nicht so. Zwar ist die Kombination Pflicht und Vergnuegen perfekt, doch gerade das wuerde mich inaktivieren, anstatt zu mobiliesieren, grad so wie eine Kaulquappe nie zum Frosch wird, wenn sie sich in optimalsten Bedingungen aufhaelt. Meine liebe Schwester Unzufriedenheit, du bist es, die ich brauche. Du bist mein sensitiver Fuehler, mein Detektor, der mich wissen laesst, ob ich meine Aufgabe im richtigen Sinn erfuelle. Meine Arbeit kann nicht immer nur Vergnuegen sein, das kommt ohnehin, wenn die Arbeit getan ist. Du wirst mich jedoch nie ueber unvollkommene Loesungen hinwegsehen lassen. Du wirst verhindern, mich auf meinen Lorbeeren zu lange ausruhen zu wollen. Mit deiner Hilfe werden alle unsere Werke zu Kunstwerken, immer das Beste, was auch immer wir tun. Ich werde dir jedoch Grenzen setzen muessen, um dich das Verweilen zu lehren und mir die verdiente Rast zu geben. Aber sag, bin ich auch deine Wahl?“

    Die Unzufriedenheit loest sich aus ihrer Gruppe, die nun nur mehr aus den Taenzern des Vergnuegens besteht. Sie ist eine hagere Gestalt, hohlwangig mit duennen langen Gliedern und beringten Knochenfingern. Bei jedem Schritt, den sie macht, hoert man ein Klingen und Klirren, was wohl von all den Silberketten kommt und all dem Schmuck, mit dem sie beladen ist.

    Unzufriedenheit: „Ja liebe Schwester, du bist auch meine Wahl. Ohne dich bin ich uersaettlich. Ich haeufe Dinge an, ohne dass ich sie brauche. Ich huepfe von Freundschaft zu Freundschaft, weil ich sie nicht pflege, verderbe allen die Freude, weil mich nichts und niemand fuer lange interessiert. Nur du kannst mir helfen, mich von meinem kuemmerlichen ‚Ich‘ zu befreien, das trotz all der Fuelle am Verhungern ist. Du musst mir auch Altruismus lehren, um mich zu naehren und nuetzlich zu machen. Zusammen koennen wir nicht nur Kunstwerke schaffen, wir koennen sogar, mit deinem Fleiss und meiner Energie, die Welt vom Hunger befreien und ein Paradies fuer alles Leben schaffen. Komm, liebe Schwester, tanz mit mir, zur Feier dieses Tages.“

    Der Tanz der beiden hat etwas Ruehrendes an sich. Sie sind nicht das attracktivste Paar, aber im Tanz zeigen sie ihre Staerke und ihre Bereitschaft, das beste aus sich und dem anderen zu machen. Die Unzufriedenheit entledigt sich bis auf wenige Stuecke ihres Schmucks, indem sie der Pflicht einige Ketten umhaengt und den Rest in deren Werkzeugtasche steckt. Sie gewinnt damit an Leichtigkeit mit der Sprungkraft einer Gazelle, waehrend die Pflicht unter neuem Gewicht der Kraft des Arbeitspferdes die Ehre gibt. Der Pas de Deux endet in einem crescendo solider Akrobatik, die jeden Kritiker begeistern wuerde. Danach fuellen sie die letzte Luecke in der Paarenreihe. Wange an Wange, ineinander verschlungen, Augen geschlossen und Gesichter ernst, sie sind ein gediegenes Paar in Harmonie miteinander.

    Weiss erhebt sich aus seinem Stuhl, geht um den kleinen Tisch, nimmt hinter Schwarz Stellung. Er legt seine Haende auf dessen Schultern und seine Wange auf dessen glaenzendes Haar.

    Die Buehne aendert sich. Alle Figuren verlassen den Raum. Eine weisse Wand senkt sich von oben auf den hinteren Rand des Schachfeldes, was die Buehne ein wenig verkleinert und das grosse Tor eliminiert.

    Weiss: „Komm, mein geliebter Bruder! Wir sind eins! Es gibt nicht mehr Schwarz oder Weiss, nur mehr Schwarz u n d Weiss. Ich bin du und du bist ich.“

    Schwarz folgt seiner Aufforderung. Sie begeben sich in die Mitte der Buehne, waehrendessen Tisch und Stuehle in den Boden versinken.

    Schwarz: „Bruder, bevor wir tanzen, lass mich mein Gestaendnis machen, denn auch wenn ich mit allem, was ich gesagt habe, der Wahrheit den Weg geoeffnet habe, es ist nicht alles, was dazu zu sagen ist. Ich vergebe dir deine Schuld, denn du hast recht, ich bin kein einfacher Lebensgefaehrte. Aber ohne dich bin ich die Hoelle, wo es nichts als Qualen gibt. Wir brauchen einander, um uns gegenseitig zu kontrollieren, nur dann kann die Welt gedeihen, an deren Schoepfung wir beteiligt waren, und zum Wohle aller Welten, die noch im Entstehen sind. Also, lass uns nun tanzen, zur Feier unserer Reunion.“

    Der Pas de Deux der beiden ist ein Hoehepunkt und eine Meisterleistung. Zuerst tanzen sie einzeln, doch immer in Beziehung zueinander. Ihre Bewegungen malen Bilder, erzaehlen eine Geschichte. Ihren Koerpern fehlt die staehlerne Haerte, die sie zuvor im Kampf gezeigt hatten. Obwohl nach wie vor voll Kraft und Staerke, jetzt sie sind biegsam und druecken Gefuehle aus. Zunehmend tanzen sie miteinander, zunehmend steigert sich der Ausdruck ihrer Gefuehle, intensiv, hingebungsvoll, ja zaertlich und liebkosend. Ihr Tanz verlangsamt sich, wird zeitlupenhaft. Weiss haelt Schwarz von rueckwaerts umfangen, Wange an Wange, die Haende uebereinander, so sinken mit einem Bein im Schritt nach vorne auf‘s Knie. Die Koerper beugen sich leicht, ihre Koepfe senken sich und so verbleiben sie, regungslos.

    Alle Lichter verloeschen, jedoch auf die weisse Wand im Hintergrund wird ein riesiges Gesicht projeziert, mit einem Mund, gross rot und rund. Femina erkennt, dass es ihr Gesicht ist. Der Kegel eines Scheinwerferlichtes wirft sein Licht an die Stelle, wo die beiden Maenner gekniet hatten. Aber sie sind fort. Stattdessen erhebt sich vom Boden eine einzelne Gestalt. Sie ist halb weiss, halb schwarz, von Kopf bis Fuss, doch nicht in geraden Haelften, sondern in einer Art Spirale, und das Gesicht hinter einer schwarz-weissen Maske. Die Figur reckt und streckt sich, als erwache sie aus tiefem Schlaf und wie um ihr Erwachen zu erproben, wirbelt sie in grossen Spruengen und Pirouetten ueber die Buehne, was einen interessanten Effekt ergibt, dank der schwarz-weissen Farbe. Schliesslich macht sie vor dem grossen Mund halt. Dieser oeffnet sich weit und einladend zu einem grosses Tor, die weissen Zaehne zwei Gatter, die lautlos auseinander gleiten. Schwarz-Weiss springt ueber die Lippenschwelle. Die grossen roten Lippen schliessen sich hinter ihm und verziehen sich zu einem Laecheln. Der blaue Vorhang faellt. Aber mit ihm verloescht jegliches Licht.

    Femina sitzt ploetzlich in voelliger Dunkelheit, schwarz und leer, koennte man meinen, denn Baba ist doch ganz sicher noch hier, so glaubt sie jedenfalls. Aber nichts ruehrt sich, kein Hauch der Luft, keine Vibrationen. Das einzige Licht, das nun scheint, ist in ihr. Sie fuehlt es leuchten, sie fuehlt sich leuchten, doch ist der Schein nicht stark genug, um das Schwarz, das sie umgibt, auszuleuchten. Sie ist also allein, wiederum. Wie brutal die Wahrheit sein kann! Aber irgendwo in diesem schwarzen Nichts gibt es ganz sicher noch andere in sich verborgene Lichter, Baba zum einen. Dass sie ihn jetzt weder hoeren, sehen, noch fuehlen kann, heisst nicht, dass er nicht existiert und so ist das ganz gewiss auch mit anderen Lichtern.

    Sie zieht ihre Beine hoch, umfasst sie mit beiden Armen und legt ihren Kopf auf die Knie. Ihre Aufmerksamkeit wendet sich nach innen, wo es Licht gibt. Sie fuehlt sich ploetzlich nicht mehr ganz so alleine. Im Gegenteil! Mag es sein, s i e hat Schwarz-Weiss verschluckt? Moeglicherweise, denn sie fuehlt sich ploetzlich aufbrechen wie ein Samenkorn, mit sich entfaltenden Trieben, die sich vermehren und ausbreiten und sie zu einer wunderschoenen intensiv leuchtenden Blume transformieren. Das Schwarz rund um sie macht sie nur noch leuchtender, noch intensiver. Es ist alles gut so wie es ist. ‚Schwarze Leere‘, – Gewalt und Geliebte.

    Die Dunkelheit weicht. Dort wo der blaue Vorhang gehangen hat, ist nun blauer Dunst. Und aus diesem Dunst steigen schemenhafte Gebilde auf, schweben aus dem naechtlichen Blau dahinter, um in den vorliegenden Schwaden zusammen zu fliessen und Gestalt anzunehmen. Chromglitzernde Lichter formen sich, bilden Lenkstangen, Scheinwerfer und Auspuffrohre gleich Trompeten. Schlanke Koerper aus schwarzgliemenden Metall fassen vom Hinterrad an die vordere Achse und tragen Saettel aus feinem Leder. Es sind zwei Motorraeder, die aus dem Nichts auftauchen. Es ist ganz still, wie im ersten Licht einer Daemmerung. Femina sitzt nur wenige Meter von den Raedern entfernt. Ihre Augen streifen ueber die Maschinen wie Finger, die rassige Kurven und elegante Linien lieben und fuehlen wollen.

    Dann wird sie zweier Gestalten gewahr, die auf grasigem Boden nahe den Motorraedern rasten, halb sitzend, halb liegend, mit den Helmen an ihrer Seite, und ihren schwarzen Lederjacken halb offen. Zwei junge Maenner sehen sie an. Es sind schoene Gesichter, eines blond bebaertet, das andere braun, die langen Haare zerzaust, wobei der Blonde seine glatten Straehnen zum Ponytail im Nacken zusammengefasst hat, der Braune jedoch seine lockige Pracht frei bis ueber die Schulter fallen laesst. Ihre Jeans stecken in robusten Stiefeln, aber ihre Lederhandschuhe haben sie abgelegt, liegen fein saeuberlich neben den Helmen. Der Braungelockte richtet sich auf und streckt ihr seine offene Hand entgegen: ‚Easy Rider.‘

    Femina verharrt regungslos, doch in ihrem Kopf hoert sie die Sekunden ticken, und jeder Atemzug ist kostbar, denn sie weiss nicht, wie lange sie atmen wird.

    Sie steht auf, nimmt die ausgestreckte Hand. Der junge Mann fuehr die ihre an seine Lippen. E a s y R i d e r !

    Sie schwingen sich auf die Saettel. Dumpf und kraftvoll toenen die Maschinen. Ihr Vibrieren breitet sich aus in Metall, Blutgefaessen und Nervenzellen. Und der Ritt beginnt.

    Femina spuert den Wind in ihrem Haar. Sie fliegen dahin ueber Ebenen mit sonnengebleichtem Gras, ueber Huegel und Busch. Immer weiter entfernt sie sich von ihrem Wartezimmer. Es schmilzt zusammen zu einem dunklen kleinen Ball. Er hat sein Gewicht, aber ist leicht genug zu fassen, um ihn mit sich zu tragen.

    Das Raetsel des Hauses ist ungeloest, die Stahltuere jedoch kein Hindernis mehr. Sie kennt die Loesung, doch sie wird sie sie nicht selber aufmachen, schon garnicht jetzt. Sie wird aber auch nicht laenger und unnoetiger Weise darauf warten, bis sie sich von selber auftut. Nicht jetzt jedenfalls.

    Die Maschinen haben auf dem Asphalt einer Strasse aufgesetzt. Sie folgen ihrem Band, das bis zum Horizont reicht und darueber hinaus. Das Meer hat sich an die Strasse herangeschoben. Es glitzert in tausenden von Diamanten. Sie gleiten vorbei an kleinen besiedelten Orten mit niedlichen Holzhaeusern, deren Gaerten und Bewohnern, und entschwinden in die Weite des Landes. Die Sonne wird rot und golden. Die Erde wird still. Nur das Droehnen der Motoren schwingt wohltoenend in den Ohren. Easy Rider.

  • DNS II, Kapitel 6, Teil 2

    Femina faellt auf, dass das Buehnenbild nichts Farbiges aufweist. Alles scheint in schwarz-weiss zu sein. Das bestaetigt sich, als auch der zweite Vorhang nach oben hochgezogen, die Buehne freigibt. Sie besteht aus einem grosszuegigen Raum, fast wie ein kleiner Saal, mit weissen Waenden und hohen Seitenfenstern, die mit duennen weissen Vorhaengen versehen, helles Licht durchscheinen lassen und sich bewegen, als gaebe es auch eine Brise. Es verleiht dem Raum eine luftig frische Atmospaehre. Der Boden hat auch noch einen Belag im Muster grosser schwarz-weisser Fliessen, allerdings mit einem breiten weissen Streifen rundum an allen Seiten. Es sieht aus, als habe ein weisser Fliessenboden ein grosses schwarz-weisses Feld. Die hintere Wand weist ein Tor auf und die Buehne ist leer bis auf einen kleinen Tisch mitten am vorederen Buehnenrand mit zwei einfachen Stuehlen, der eine rechts, der andere links, einer weiss, der andere schwarz. Auf seiner glaesernen Tischplatte, mit eingelegtem Schachfeld, stehen spielbereit Schachfiguren.

    Das Tor im Hintergrund oeffnet sich. Herein fluten paarweise Taenzer, jeweils eine Seite in weiss gekleidet, die andere in schwarz. Sie teilen sich auseinander, und rythmisch, mit tanzendem Schritt, marschieren sie am seitlichen Rand entlang, von wo aus sie sich auf die einzelnen schwarz-weissen Felder begeben, um dann regungslos zu verharren. Es wird damit klar, dass es sich hier um eine Schachbuehne handelt, mit lebenden Schachfiguren als besondere Attraktion.

    Die Taenzer tragen jeweils eine ihrem Rang entsprechende, symbolisch stilisierte Kopfbedeckung, damit ihre Funktion nicht verwechselt werden kann. Das ist durchaus notwendig, denn ihre Gewaender entsprechen nicht den allgemein ueblichen Traditionen. So scheint die schwarze Koenigin eine moderne Version der Kleopatra zu sein, die, wie man weiss, den Ruf einer Verfuehrerin hat. Und so wie sie hier dargestellt wird, laesst sich das kaum bezweifeln. Sie traegt naemlich ein eng anliegendes, schulterfreies Kleid aus schwarzem Satin, mit hohen seitlichen Schlitzen, das Figur und Beine wirksamst zur Geltung bringt. Ihr gerade geschnittenes schulterlanges Haar umrahmt das exotisch geschminkte Gesicht, was seine attraktiven Zuege erst recht betont. Ihre Erscheinung ist von arroganter Wuerde, dennoch verlockend schoen und voller Verheissung. Die weisse Koenigin hingegen entspricht den Vostellungen einer idealen Landesmutter; weissgoldene Lockenpracht, sanft schwingendes Gewand aus feinster Seide, das den Koerper lose umhuellt wie flimsig weisse Wolken. Alles an ihr ist rund und schoen, wuerdevoll warm und wohlwollend.

    Femina‘s Augen schweifen von Figur zu Figur. Sie ist fasziniert, denn trotz der relativ einfachen Kostueme, – zusammen mit den grossartig geschminkten Gesichtern, – hat sie den Eindruck, dass es sich hier nicht nur um die ueblichen Schachfiguren handelt, sondern um Figuren mit zweifacher Symbolhaftigkeit; einerseits representieren sie ihren Spielrang, andererseits eine besondere, oder besser, deren spezielle Eigenschaft. Das heisst, die schwarze Koenigin ist nicht nur Koenigin, sondern symbolisiert zudem die Versuchung und die weisse Koenigin ist Koenigin und das Symbol der Liebe. So gesehen gibt das dem Schach eine neue Dimension, die ueber die traditionelle Symbolik hinausgeht, – es gibt der politisch kriegerischen Ebene des Schach’s noch eine psychologische Platform.

    Femina macht sich eine imaginaere Skizze von der Spielformation in der neu hinzugefuegten Dimension:

    In den schwarzen Tuermen sieht sie den Hass und die Zerstoerung, in den Reitern die Unmoral und den Zweifel, und in den Bischoefen findet sie den Ungehorsam und die Unzufriedenheit.

    Die weisse Spielerschaft besteht neben der bereits erwaehnten Liebe, aus Moral und Ueberlieferung in den Tuermen, Pflicht und Gerechtigkeit in den Reitern, und Zufriedenheit und Verantwortung in den Bischoefen. Die Bauern sind eindeutig der Gehorsam, sind sie doch alle in Uniform, und damit die braven Soldaten.

    Die schwarzen Bauern sind dagegen ein unkonventioneller Haufen, alles andere als uniform. Da gibt es den Zigeuner, und den Clown, Roehrlhosen und Pluderhosen, kurze Hosen, sowie Kaftan und Minikleid, eben grad so wie’s gefaellt, – und als Kopfbedeckung tragen sie Kopftuecher oder Schals in jeder Art und Weise, manchmal als Stirnband, gedreht, geknuepft, oder mit langen Enden. Sie strahlen Froehlichkeit aus, – offensichtlich symbolisieren sie das Vergnuegen.

    Spielformation der Opponenten:

    Hass Zweifel Unzufriedenheit Versuchung Koenig Ungehorsam Unmoral Zerstoerung

    V e r g n u e g e n

    G e h o r s a m

    Moral Pflicht Zufriedenheit Liebe Koenig Verantwortung Gerechtigkeit Ueberlieferung

    Zwei Maenner treten auf, jeder von einer Seite der Buehne, der eine in schwarz, der andere in weisser Ausstattung. Beide tragen ein Koerpertrickot und darueber einen Umhang, oder eine Art Toga, was ihrer Erscheinung einen herrischen Ausdruck verleiht. Lose ueber Schultern und Ruecken fallend, der Umhang wird von einer handteller-grossen runden Plakette, wohl eine Art Spange oder Verschluss, mitten auf ihrer Brust, festgehalten. Trotz deren Einfachheit stechen sie ins Auge, da sie jeweils von der anderen Farbe sind. Die Maenner, gleich gross und athletisch gebaut, mit Muskeln in all den rechten Plaetzen und Proportionen, streben gezielt auf den Tisch zu, wo sie sich auf dem ihrer Farbe entsprechendem Stuhl niederlassen. Dort verharren sie schweigsam vor sich hin starrend, ohne Interesse am anderen. Femina findet, dass sie sich ungemein gleichen. Ihre Gesichter sind makellos, feingeschnitten, jedoch ohne Ausdruck und so glatt wie polierter Marmor. Das macht es nicht leicht ihnen ein Alter beizumessen. Weiss hat zwar weisses Haar, sieht deshalb aber nicht aelter aus als Schwarz; dessen Haar ist allerdings so schwarz wie das eines Raben. Und beide scheinen denselben Haarstil zu lieben, halblang und glatt zurueckgekaemmt bis in den Nacken. Aber nicht nur ihr Aeusseres, sondern auch die Art, wie sie sich geben und bewegen, alles spricht dafuer, dass sie zumindest Brueder sind.

    Ein Gong ertoent. Offensichtlich ein Signal, auf das sie gewartet haben, denn Weiss beginnt auch sogleich mit der Eroeffnung des Spiels.

    Der Kegel eines weissen Scheinwerferlichtes faellt auf einen Taenzer auf der Schachbuehne und ein anderer Lichtkegel weist auf das Feld das ihm zugewiesen wird. Ein braver Soldat marschiert gehorsam von seiner Position zwei Felder nach vorne, um seine neue Stellung einzunehmen. Die Lichtkegel treffen sich und erloeschen. Als Schwarz den Gegenzug macht, leuchten die Lichtkegel wieder auf, der eine wirft sein Licht auf einen der Taenzer, waehrend der zweite, wie zuvor, auf das ausgewaehlte Feld weist. Eine Pluderhose huepft vergnuegt von seinem Feld auf das vom Licht bezeichnete. Erneut, sobald die Lichter zusammentreffen, verloeschen sie. Gehorsam und Vergnuegen, beide zwei Felder nach vorne gerueckt, und auf derselben Linie, stehen sich nun unmittelbar gegenueber, aber wie vorher verharren sie regungslos. Offensichtlich ist das Spiel der Maenner mit dem des menschlichen Schaches synchronisiert, denn jedesmal, wenn einer der Maenner einen Zug macht, weisen die Lichtkegel auf eine Tanzfigur und auf das Feld, auf das sie sich zu begeben hat.

    Femina spielt gerne Schach und schaut auch gerne einem interessanten Spiel zu. Die beiden Maenner machen den Eindruck, als seien sie faehige Opponenten. Sie erwartet sich daher ein interessantes Spiel. Abgesehen davon vergroessert sich das Vergnuegen noch durch seine visuelle Darstellung und der Moeglichkeit einer zusaetzlichen Interpretation.

    Die ersten Zuege gehen recht schnell. Weiss hat seinen Koenig gut geschuetzt mit der Gerechtigkeit, der Liebe und den Gehorsamen. Schwarz ist auf Angriff aus. Er benutzt vorwiegend seine Koenigin, die Versuchung, aber er setzt auch den Ungehorsam, die Unmoral und den Zweifel ein, um Weiss herauszufordern. Bis jetzt hat keine Seite besondere Vor,- oder Nachteile, jedoch beide buessen zwei Figuren aus ihrem Volk ein, zwei Soldaten und zwei Vergnuegte gehen verloren. Femina laechelt. ‚Das Fussvolk muss wohl immer zuerst daran glauben.‘ Die gefallenen Tanzfiguren verlassen zwar das Spielfeld, versammeln sich aber am weissen Rand auf der Seite ihres Gegners.

    DA! Weiss war unachtsam. Die Zufriedenheit ist der Versuchung zum Opfer gefallen. Femina schuettelt den Kopf. Dieser Verlust kann nicht leicht verkraftet werden. Es bedarf auch einer Weile bis sich Weiss zum Gegenzug entschliesst. Es ist wieder der Gehorsam auf den er baut. Er stellt seinen Soldaten als Blockade vor die Unzufriedenheit und bedroht die Versuchung.

    Femina’s Sympathie fuer Weiss geht verloren. Der hat doch keine Uebersicht! Er schickt nicht nur seinen Soldaten in den sicheren Tod, hat er doch kaum eine ernst zu nehmende Deckung! Schwarz zoegert auch nicht mit der Antwort. Seine Koenigin eliminiert den Soldaten, setzt den weissen Koenig in ‚Schach‘, und nachdem sich Weiss aus der Bedrohung rettet, nimmt Schwarz ihm auch noch die Pflicht und setzt ihn erneut in ‚Schach‘. Weiss ist nun ernsthaft in Gefahr. Die Versuchung und die Unzufriedenheit stehen bereit, um ihm das ‚Matt‘ zu versetzen. Schwarz macht auch schon den naechsten einleitenden Zug, aber Weiss rettet sich, indem er noch einmal einen Gehorsamen opfert. Die Moral, die er dann einsetzt, ueberlebt auch nicht lange, denn die Versuchung macht kurzen Prozess mit ihr.

    Die beste Chance, die Weiss nun hat, ist der Angriff. Er muss angreifen, um den Gegner in Atem zu halten, so dass dieser, unter staendigem Druck, vielleicht Fehler macht. Freilich, es ist ein recht lahmer Versuch, von seiner Schwaeche ablenken zu wollen, aber ein ‚Remis‘ waere schon moeglich. In jedem Fall muss er die Offiziere seines Gegners kontrollieren und hoffentlich kann er den einen oder anderen auch ausschalten. Die staendigen Attacken bringen schliesslich Erfolg. In der Konfusion der sehr rasch gehaltenen Angriffe macht Schwarz prompt einen entscheidenden Fehler. Er hat seine Koenigin ungeschuetzt gelassen und sogleich wird sie von der Verantwortung eliminiert. Schwarz ist allerdings noch immer stark. Seine beiden Tuerme, der Hass und die Zerstoerung stehen maechtig, seine Reiter, die Unmoral und der Zweifel koennen jederzeit lospreschen, und der Ungehorsam steht auch noch schuetzend vor seinem Koenig.

    Das Spiel bleibt fuer eine Weile Geplaenkel. Jede Partei versucht ein neues Konzept auszuarbeiten und die Figuren in die entsprechenden Stellungen zu bringen. Und dann, in einem unbedachten Augenblick schlaegt die Liebe zu und nimmt den Zweifel gefangen. Es gibt jedoch keinen Grund zum Feiern! Indigniert schuettelt Femina wieder den Kopf. Weiss ist ein Versager! Er scheint weder besonders aufmerksam noch versiert zu sein, er verliert naemlich die Liebe an den Hass, der nun auch noch seinen Koenig bedroht. Aber Schwarz ist auch nicht besser, – oder er baut zu sehr auf seine Uebermacht. So oder so! Seine Nachlaessigkeit kostet ihm. Weiss hat naemlich die Gelegenheit, den Hass zu eliminieren, indem er den Schwerpunkt der Aktionen auf seinen einzig verbliebenen Turm, die Ueberlieferung, verlegt. Er ist recht beraten, denn Schwarz verliert an sie in der Folge auch noch die Unmoral.

    Femina weiss, dass das Ende des Spiels nahe ist. Wahrscheinlich wird’s ein ‚Remis‘ werden. Das ‚Unentschieden‘ ist durchaus angebracht, denn keiner der beiden verdient einen Sieg. Wohl hat Schwarz noch zwei aus seinem Volke uebrig, aber wenig Chancen, diese heil ans andere Ufer zu bringen, um etwa einen Austausch vornehmen zu koennen. Weiss hat mit seiner stoischen Ueberlieferung eine sehr wirksame Abwehr. Sie schaltet den Rest des Verguegens eiligst aus. Die letzten Ueberlebenden sind nun die Koenige und zwei Tuerme, die Ueberlieferung und die Zerstoerung, ihre einzig verbliebene, aber solide und treue Garde. Auch wenn sie sich nicht leicht eliminieren lassen, es ist unvermeidlich, dass sie letztenendes fallen. Somit verbleiben die Koenige allein und verloren auf dem Feld zurueck, getrennt nur durch das obligatore ‚Niemandsland‘ eines Feldes, das sie nie ueberschreiten koennen. Unentschieden, Remis! Es gibt nichts zu gewinnen. Der Vorhang faellt.

    *

    Femina wendet sich neugierig Baba zu. Er ist keineswegs mehr beim Meditieren, sondern gibt ihr, belustigt, zu verstehen, dass er das Ganze durchaus verfolgt hat. Sein Gesicht ist wie die Sonne an einem heiteren Fruehlingstag. In Augenblicken wie diesen, wuenscht sie sich sehnlichst, dass sie miteinander reden koennten. Zu gerne wuerde sie wissen, was er von dieser Vorfuehrung haelt, oder was er so amuesant daran fand. Sie selber ist sich naemlich garnicht sicher, was das ganze bedeutet. Warum ueberhaupt diese Vorstellung? Aber bevor sie noch weiter darueber nachdenken kann, oeffnet sich wieder der Vorhang.

    Die Kulisse ist diesselbe. Der Raum ist allerdings leer bis auf die zwei Maenner, die sich nach wie vor gegenueber sitzen.

    Schwarz: „Nicht zu glauben! Du lernst wohl nie dazu! Der Gehorsam als dein Fussvolk! Waren dir nicht einmal Adam und Eva eine Lehre? Wie waer’s mit der Zufriedenheit im Volk statt dessen?“

    Weiss: „Unsinn! Deine Koenigin, die Schlange, laesst es nie und nimmer in Ruh! Ausserdem! Um das Volk zufrieden zu halten bedarf es einer nie versiegenden Geldquelle. Es kriegt nie genug! ‚Gib dem Volk Brot und Spiele,‘ das hat Caesar so treffend zitiert, aber ohne seine Kriege haette er es sich nicht leisten koennen; seine Schatztruhe waere schnell leer geworden. Auch er hat den Gehorsam gebraucht, denn nur mit ihm gibt’s die Gewinne. Freilich, der weise Staatsmann sorgt dafuer, dass sie ihren Anteil kriegen, damit sind dann alle zufrieden. Im Gegensatz zu dir, wo es nur Ausbeutung gibt!“

    Schwarz (achselzuckend): „Wie auch immer! Mich langweilt unser Spiel. Seit Beginn aller Zeiten spielen wir nun und immer nur um die Ehre, nie wirklich um einen Einsatz. Das ist einfach nicht spannend genug.“

    Weiss: „Was heisst wir spielen ohne Einsatz? Die Welt ist unser Einsatz! Wenn du gewinnst, hast du nicht das Vergnuegen, sie in Schutt und Asche zu legen, mit rauchenden Truemmern und all dem Leid und geweinten und ungeweinten Traennen?! Ist dir das nicht genug?“

    Schwarz winkt ab: „Erspar mir dein Geschwafel und spiel nicht den Entruesteten! Mag schon sein, dass du, wenn du gewinnst, eine heile Welt propagieren kannst, aber du weisst so gut wie ich, dass es nie fuer immer sein kann. Irgendwann bin ich wieder der Sieger. Unsere unentschiedenen Spiele, unser Remis ist das beste Ergebnis, das je erzielt werden kann. Es gibt der Welt Frieden, zumindest, eine kleine Verschnaufpause, die sie braucht, um sich von ihren Kaempfen zu erholen. Gib endlich zu, – es kuemmert dich garnicht, was in der Welt vor sich geht. Oder hast du je versucht, diese nutzlosen und widrigen Kreaturen aufzuklaeren? D a s waere deine Aufgabe, du bist doch der Gute, der weisse Koenig in aller Glorie, der alle liebt!“

    Weiss (entruestet): „Nein, das ist nicht meine Aufgabe! Sie muessen das schon selber herausfinden, durch Erfahrung, nicht durch Indoctrination. Sie haben die Freiheit zu waehlen, wie sie ihre Welt gestalten. Sie brauchen dir schliesslich nicht zu folgen. Sie brauchen nur mir zu folgen, dann ist alles bestens! Allerdings! Sie aufzuklaeren waere das Ende unserer Macht! Das kann wohl nicht dein Ernst sein!“

    Schwarz (hoehnisch): „Nicht doch! Es waere bloss das Ende deiner Zeit! Du bist doch so hoch in Ehren gehalten. Dich verehren sie als Gott. Du bist es, auf den die Welt baut, dem sie vertraut, dem sie gedankenlos folgt und sie kruemmt sich vor Angst vor mir. Sollte sich jemand gegen dich zu stellen wagen, dann bin ich daran schuld, denn ich bin doch der Teufel, den man nur als das faule Uebel, als Tormenter und Zerstoerer kennt. Dass dieser sinnlose Aberglaube noch immer existiert, ist eine Schande. Aber sei’s drum! Also wie waer’s? Spielen wir um Zeit, um die naechste Dekade, oder besser, um das naechste Jahrhundert, und mit dem Planeten als Einsatz, Alles oder Nichts‘. Das koennte interessant werden!“

    Weiss: „Laecherlich! Warum den Planeten zerstoeren, der ist doch eine Pracht! Du willst mich bloss aergern, um dir im Spiel einen Vorteil zu schaffen.“

    Schwarz (winkt ab): „Voellig unnoetig! Ich bin mir meines Sieges vollkommen sicher was diese Welt mit diesen Wuermern betrifft. Aber du hast eine winzig kleine Chance den Planeten zu retten. Vorallem jetzt, wo sich ein wenig Vernunft unter den Erdwuermern geregt hat. Einige wenige haben mitgekriegt, dass sie sich in einer kritischen Lage befinden. Freilich, das heisst, dass du deinen Mythos aufgeben musst und dass die Welt die Wahrheit ueber uns erfaehrt. Ich habe damit kein Problem! Im Gegensatz zu dir! Du hast dich naemlich viel zu lange in Selbstherrlichkeit gesonnt. Allein der Gedanke, dass du deine Stellung verlieren koenntest, fuellt dich mit Schrecken. Es wuerde dich schliesslich entbloessen, als das was du wirklich bist, naemlich mein Zwilling und nicht mehr als ein Werkzeug, das weder allein, noch uneingeschraenkt, agieren kann. Du bist nicht Gott, noch bin ich der Teufel. Du hast mich weder aus deinem Reich verbannt, noch kannst du mich je loswerden. Wer auch immer diese Maerchen erfunden und verbreitet hat, sie dienen der Macht nicht der Wahrheit. Die ist leider der Ignoranz zum Opfer gefallen. Wie satt ich das alles habe, dich genauso wie das Gewuerm!“

    Weiss (verteidigend): „Du redest Unsinn! Du weisst doch genau, wie notwendig unsere Trennung war. Mit dir kann doch auf die Dauer keiner leben. Du brauchst schon dein eigenes Reich. Abgesehen davon, alle Welten sind nur dadurch erst moeglich geworden. Wie ein griechischer Philosoph es so treffend ausgedrueckt hat: ‚Der Krieg ist der Vater aller Dinge.‘

    Schwarz (kopfschuettelnd): „Nicht zu glauben! Und das von dir! Der Philosoph hat das zwar richtig festgestellt, aber er hat damit keine Rechtfertigung abgegeben, so wie du das gerade tust. Auch wenn es unsere Kaempfe immer geben wird, ist es doch deshalb nicht gerechtfertigt, deren Nutzen in Missbrauch zu verkehren. (Er schuettelt wieder den Kopf). Du laesst die Erdwuermer lieber sterben, als sie ueber die elementare Natur unserer Existenz zu unterrichten. Du propagierst stattdessen einen ideologischen Aspekt. Das macht den Krieg nicht zum Vater aller Dinge, sondern zum Vernichter aller Dinge. Freilich, nicht alles was da kriecht ist blind und es werden deren immer mehr.“

    Weiss (veraechtlich): „Es hat immer welche gegeben, deren Geist ueber den der Allgemeinheit hinausging und solche, die unser Arrangemant durchschauen. Doch das sind Eintagsfliegen. Die Zeit fuer Aufklaerung ist noch lange nicht reif. Ausserdem! Was klagst du? Die Welt hat unsere Spiele fein saeuberlich in ihren Geschichten festgehalten. Solange sie daraus nichts lernt, sehe ich keinen Grund, warum wir eine Kursaenderung vornehmen sollten.“

    Schwarz (aergerlich): „Idiot! Wenn die sich ausrotten, haben auch wir ausgespielt. Dann gibt’s kein Schachspiel mehr, noch uns beide.“

    Weiss (selbstsicher und herablassend): „Wir sind Ewigkeit! Wir koennen nicht sterben! Wir sind unzerstoerbar! Wenn eine Welt sich ausrottet, entsteht eine andere. Tatsaechlich ist es nicht mehr als ein Kommen und Gehen. Was glaubst du, was die Erdwuermer zu unserer Aufklaerung sagen wuerden?! Sie wuerden uns nicht ernst nehmen, sie wuerden nicht nachdenken, sie wuerden nur weiter ihren Fuehrern glauben, egal welche Maerchen die ihnen erzaehlen. Es ist geradezu laecherlich diesem Gewuerm Intelligenz zuschreiben zu wollen. Sie vermehren sich wie Unkraut, fressen alles kahl, falls sie sich nicht schon vorher erschlagen und bilden sich ausserdem ein, dass sie die Krone der Schoepfung sind! Ich bin nicht verantwortlich fuer ihren Aberglauben, noch fuer ihre Aktionen. Die haben sie schon selbst ausgewaehlt! Von mir aus koennen sie verschwinden, um anderem Platz zu machen. Ich finde sie ohnehin nutzlos, ja widerwaertig in ihrem Gehabe und ihrer Erscheinung. Hier! Nun hast du meine Erklaerung, warum unser Spiel so langweilig ist. Ich habe naemlich wenig Interesse an ihnen noch was aus ihnen wird. Sie sind deine Kreaturen. Sie folgen dem Wort der Schlange. Du kannst sie haben. Dein Gewinn! Mach was du willst!“

    Schwarz (verbluefft): „So ist das also! Du opferst sie lieber fuer deine Macht? Unglaublich! Abgesehen davon! Wir sind auch nicht ewig! Wir haben grad so gut einen Anfang und ein Ende. Stimmt, wir gehen nicht mit den Wuermern zu Grunde, aber ewig sind wir deshalb noch lange nicht. Als deren Idole sterben wir allerdings mit ihnen, das habe ich zuvor gemeint. Unsere Spiele koennen nur in einer schwarz-weissen Welt stattfinden. Unmoeglich, dass du das verwechselst!“ Kurzes Schweigen, dann (zornig): „Ah! Nun faellt der Groschen! Du hast mich betrogen! Du hast mich glauben lassen, dass unsere Trennung nur gut und notwendig war, weil es Schoepfung, Entwicklung und Fortschritt bedeutete. Offensichtlich hattest du was anderes im Sinn! Dir ging’s nur und ausschliesslich um die Macht! Aber eine Welt, geteilt in Gut und Boese, ist ein Misserfolg! Sie kann nie und nimmer ein Paradies sein oder zum Paradies werden. Das hast du mit Adam und Eva deutlich gemacht. Du hast sie aus dem Paradies vertrieben und wegen ihres „Ungehorsams“ gabst du nicht einmal ihren Nachkommen eine Chance! Natuerlich! Dir fehlt ja die Liebe. Du gibst nur vor, dass sie dir wichtig ist. HA! Du bist tatsaechlich schwaerzer als ich! Du bist der Manipulator, nicht ich! Und ich?“ (Rhetorische Pause) „Ich bin grad so gut dein Opfer!“ (Wuetend) „Aber damit ist jetzt Schluss! Runter mit dir von deinem Pedestal und Schluss mit deinem Groessenwahn! Die Zeit unserer Gleichberechtigung ist gekommen, egal ob du das nun willst oder nicht. Du bist entlarvt und alles was kriecht und kreucht soll es hoeren. Dafuer sorge ich!“

    Weiss (aergerlich): „Kommt nicht in Frage! Das lasse ich nicht zu! Es gibt keine bessere Alternative unsere Macht zu demonstrieren und nuetzlich zu machen. Weil d u Anerkennung suchst, willst du die Weltordnung ins Chaos bringen?! Nur ueber meine Leiche!!!“

    Schwarz (boese und laut): „Das kannst du haben!“

    Und damit schnellt er hoch und springt mit derartiger Geschwindigkeit um den Tisch hinter Weiss, dass dieser nicht zum Reagieren kommt. Schwarz haelt ihn mit seinem linken Arm rund um die Brust fest und mit seiner rechten Hand, ploetzlich ein Messer haltend, drueckt er ihm dessen Klinge an den Hals.

    Schwarz (aufgebracht und laut): „Du selbstherrlicher Protz! Laesst dich als den liebevollen und alles vergebenden Vater verehren, ruehrst keinen Finger fuer die, die leiden und schiebst alle Schuld auf mich. Du Heuchler, du Goetze! Es fuellt mich mit Genugtuung, dir die Lebensader aufzuschneiden. Und ich bin froh, dass ich tun und lassen konnte, wie mir gefiel, waehrend du dich in einem imaginaeren Himmelreich verstecken musstest und immer nur mich zum Spielen hattest. Aber jetzt hast du ausgespielt!“

    Von Weiss kommt weder ein Laut noch eine Bewegung. Das Messer an seinem Hals hat ihn erstarren lassen. Er macht allerdings nicht den Eindruck als habe er resigniert, sondern eher, dass er bereit ist, sobald sich die Gelegenheit ergibt, loszuschlagen. Und im naechsten Moment stoesst er sich auch schon ab und rammt sich samt Stuhl in seinen Gegner, so dass dieser nach hinten taumelt. Es scheint auch, als habe er nie die Absicht gehabt, Weiss zu verletzen, denn der Todesstoss bleibt aus. Statt dessen faellt das Messer klirrend zu Boden. Weiss hat sich mit aller Kraft gegen Schwarz gestemmt und mit seinem Koerper nach unten gegen den Boden drueckend, hat er gleichzeitig seine Arme nach oben unter die beiden Arme von Schwarz gestossen, so dass diese, mit einem Ruck nach vorne, ihren Griff verlieren. Er ist dabei zwar ruecklings auf dem Boden gelandet, doch geschmeidig und blitzschnell schnellt er auch schon wieder auf die Beine und in eine kampfbereite Abwehrstellung. Schwarz, Gleichgewicht und Kontrolle wieder hergestellt, nimmt ebenfalls schnellstens Kampfstellung ein. So stehen sie sich nun gegenueber, in sicherem Abstand, lauernd, ihre Augen aufeinander fixiert. Sie entledigen sich ihres nun hinderlichen Umhanges, indem sie der runden Plakette auf der Brust einen Schlag versetzen. So schnell wie das Cape zu Boden faellt, stossen sie es auch schon aus dem Weg. Das Messer ist ausser Reichweite liegen geblieben, aber seine Klinge glaenzt verlockend, als wolle es signalisieren, dass es zu Diensten steht.

    Schwarz beginnt zu attackieren. Der sich entwickelnde Kampf ist ein Tanz gezaehmter Kraefte, meisterhaft, ja elegant. Man koennte vergessen, dass es ein todernster Kampf ist, den nur die voellige Niederlage des anderen beenden wird. Auch wenn keiner das Messer direkt anzusteuern scheint, oder gar einen Blick dahin wirft, sie bewegen sich darauf zu und rund um. Als sie nahe genug herangekommen sind, ist Schwarz auch schon am Sprung. Doch Weiss wirft sich blitzschnell zu Boden und schlittert auf den glatten Fliessen wie ein Geschoss dazwischen. Er kriegt das Messer zu fassen, bevor Schwarz es an sich bringen kann, obwohl der sich zum Greifen bereits nach vorne gebeugt hatte. Weiss schwingt seinen Arm blitzschnell hoch und bevor Schwarz sich noch aufrichten kann, hat es ihm Weiss auch schon in den Leib gerammt.

    Schwarz sinkt auf die Knie. Unglaeubig starrt er auf den Griff des Messers, der aus dem linken unteren Rippenbogen ragt. Weiss, steht auf, weicht zurueck, fast scheint es, als wuesste er nicht, was er tun soll. Schwarz hebt den Kopf. Beide schauen sich an, wenn auch nur fuer einen kurzen Augenblick, erstaunt und fassungslos. Weiss wendet sich allerdings schnell ab und laeuft wie ein gehetztes Tier ueber das Schachfeld nach hinten, um durch das grosse Tor zu verschwinden.

    Schwarz erhebt sich, zieht sich das Messer aus der Brust und unter schallendem Gelaechter wirft er es Weiss in hohem Bogen nach. Er geht zum Tisch, hebt den weissen Stuhl auf und laesst sich, unter erneutem Lachen, darauf nieder. Der blaue Vorhang faellt.

    *