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  • DNS II, Kapitel 2, Teil 2

    Der lange Gang ist schrecklich kalt. Die Lampen scheinen mueder als je zuvor. Sie ist auf den Gang hinausgeschluepft, um sich erneut zu ueberzeugen, dass sie nichts uebersehen hat und doch noch einen Weg findet, der sie diesem Haus entkommen laesst. Wieder muss sie zur Kenntnis nehmen, es ist nach wie vor unmoeglich. Oder etwa nicht? Sie hoert Stimmen. Bisher war sie nie an den jeweiligen Tueren im Gang interessiert gewesen, versprachen sie doch keineswegs einen Ausweg. Oder sollte das ein Trugschluss sein und sie kann einen Weg auf ganz andere Weise finden?

    Die Stimmen kommen von einer einfachen Tuer, die im Dunkeln liegt, abseits vom ohnehin schwachen Licht der Lampen. Sie presst ihr Ohr dicht ans Holz. Sie kann nichts verstehen, doch da sind verschiedene Stimmen, die sich angeregt zu unterhalten scheinen. Sehr eigenartig, dass sie zuvor nichts derartiges vernommen oder bemerkt hatte, als sie den Flur entlang lief, um das Ausgangstor zu inspizieren! Wie auch immer! Alles was mit diesem Haus zusammenhaengt ist eigenartig! Jedenfall ist ihre Neugierde und ebenso ihre Hoffnung geweckt. Sie will zumindest herausfinden, was da los ist und ob es ihr in irgendeiner Weise helfen koennte.

    Sie drueckt die Klinke nieder. Es knackt leise, aber das kann drinnen sicher keiner hoeren. Sachte oeffnet sie gerade weit genug, um hineinschauen zu koennen.

    Sie ist verbluefft, denn da drin ist eine feine Abendgesellschaft beim Dinieren. Luster brennen, Kristall funkelt, Diener huschen geschaeftig hin und her. Die Damen tragen grosse Toilette und die Herren sind galant. An einem Ende der Tafel unterhaelt man sich laut, waehrend die anderen Anwesenden sich hauptsaechlich mit dem Essen beschaeftigen. Der Tisch biegt sich naemlich mit Koestlichkeiten. Ein Narr, wer sich das entgehen laesst!

    Sie erspaeht einen leeren Sitz. Ihr Entschluss steht fest, – genau da wird sie Platz nehmen und sich den Bauch vollschlagen, – man muss die Feste feiern, wie sie fallen, – und feiern tut sie immer gerne. Leider wird da nichts draus. Die Diener halten sie auf. ‚Sie sei nicht geladen‘, sagen sie, ‚sie gehoere da nicht hin.‘ Was wissen denn die!

    „Ihr seid wohl nicht bei Trost,“ sagt sie. „Ihr wisst nicht, wer ich bin! Ich bin die Comtezza Creme de la Creme!“

    Sie sind daraufhin verunsichert. Weil sie jedoch so selbstverstaendlich an der Tafel Platz nimmt und niemand der Herrschaften protestiert, laesst man sie in Ruh und serviert ihr denn auch, wie sich’s gehoert. Leider taucht ein neues Hindernis auf, das sie vom Genuss fernhaelt. Die Koestlichkeiten auf dem Tisch sind ungeniessbar. Sie sind nichts als gefaerbtes Papiermache`. Die lieben Leutchen um sie aber hauen rein, als aessen sie die besten Delikatessen. Sie essen wahrscheinlich nur mit den Augen, denn schmecken tut das Zeug nach dem, was es ist, – P a p p e . Sie langt nach der Karaffe mit Wasser, den Wein versucht sie gleich garnicht mehr. Sie schenkt sich ein, nimmt einen Schluck. Es ist ausgezeichnet und damit trinkt sie es in einem Zug leer. Also doch ein Tisch mit Koestlichkeit, wenn auch anders als erwartet. Sie lehnt sich zurueck und betrachtet die Gesellschaft. Dabei laeuft der volle Sound. Die aufgeregten Stimmen unterhalten sich ueber die Jagd. ‚Eine Gesellschaft also, die gern Boecke schiesst. Na ja!‘

    Ihre Tischnachbarin wendet sich ploetzlich an sie, nachdem sie sie zuerst einer genauen Musterung unterzogen hat. „Ach meine Liebe,“ sagt sie, „was haben sie doch fuer ein originelles Kostuem an. Zauberhaft! Wirklich ganz reizend! In Saturnia, muessen sie wissen, ist das der letzte Schrei. Oder waren sie grad erst dort?“

    Femina schaut an sich runter. Sie traegt noch immer ihre Jeans und ein T-shirt. ‚Aber wenn die Nachbarin meint, sie habe Saturnia’s dernier cri, bitte schoen!‘ Der Tischnachbar auf ihrer anderen Seite muss an Saturnia interessiert sein, denn sogleich fragt er sie: „Aus Saturnia kommen sie? Wie interessant!“

    Sie winkt ab. „Nein, nein! Ich komm von nebenan,“ sagt sie, um jedes weitere unnuetze Gespraech zu unterbinden.

    Der Nachbar laesst sich jedoch nicht beirren.„Seinen sie froh, dass es so ist. Die haben dort im Augenblick ganz wilde, soziale Probleme. Sie mussten den Notstand ausrufen.“

    „Ach, wen kuemmert das schon!“ antwortet die Madame Klunker. „Die Offiziere, meine Liebe, d i e muessten sie erleben! So charmant, und richtig verwegene Burschen!“ Ihre Augen funkeln verraeterrisch.

    Der Tischnachbar raeuspert sich, seine Augen zucken nervoes. ‚Er ist sicher impotent‘, denkt Femina, ‚sonst wuerde er ja wohl nicht in Verlegenheit kommen.‘

    Sie versucht, ein huebsches Gesicht unter den Anwesenden zu finden. Es gibt kein einziges. Weder Kleider, noch Schmuck, noch Make-up koennen da was retten. Kein Wunder! Bei der Lebensart, – Papiermache`fresser!

    Sie will gerade aufstehen, um diese Gesellschaft zu verlassen, als ein kleines Ensemble auftritt und eine Vorstellung gibt. Sie sind vom fahrenden Volk. Ihre Ausstattung ist bescheiden aber farbenpraechtig, und sie sind brilliante Komoedianten. Schoene Menschen, mit glutheissen Augen und Kraft im Blut, Femina kann ihren Pulsschlag wahrnehmen und sie bildet sich ein, sie muesste sie kennen. Sie sucht in ihren Gesichtern. Nein, die sind ihr zwar nicht fremd, aber gesehen hat sie sie trotzdem noch nie. In jedem Fall, der Geiger hat es ihr angetan. Sie will ihn unbedingt kennenlernen, was nicht schwer ist, denn das Interesse beruht auf Gegenseitigkeit. Ueberhaupt ist sie die Einzige, die die Vorstellung geniesst, und auch die einzige, die applaudiert. Die noblen Gaeste lachen halt nicht gerne. Das versteht sie, bei dem Essen muss einem ja das Lachen vergehen.

    Als das Ensemble abzieht, schliesst sie sich ihnen an. Sie bleibt ein paar Tage bei der Truppe. Das heisst, es sind die Naechte, die sie dort verbringt. Am Tag erscheint sie wie gewoehnlich im Bildungszentrum, um kein Aufsehen zu erregen. Aber sobald es dunkel wird, verschwindet sie hinaus an den Stadtrand zum Karavanenpark, wo sich ihre Freunde niedergelassen haben. Es ist eine intensive Zeit mit ihnen, voll von berauschender Romantik und ernuechternder Leidenschaft. Leider muessen sie bald wieder weiterziehen. Die Stadtvaeter weisen sie aus.

    Femina faellt das Abschiednehmen ungemein schwer. Es scheint, als naehmen sie alles Leben mit sich. Obwohl vieles dagegen spricht, sagt sie zu ihrem Geigenkuenstler impulsiv, dass sie mitkommen moechte. Er schaut sie lange an und schuettelt dann den Kopf. „Du suchst die Freiheit,“ sagt er, „nicht mich! Und was unsere Truppe betrifft, – koenntest du dich an unsere Regeln gewoehnen?“.

    Freilich hat er recht. Ueberfluessig, darauf zu antworten. Sie ist allerdings ein wenig enttaeuscht, dass er keinen Grund findet, sie mitzunehmen. Andererseits ist sie ihm dankbar, dass er seinen Verstand behalten hat. Ein Grund mehr ihm einen festen Platz in ihrem Herzen einzuraeumen. Abgesehen davon, von Anpassung will sie schon garnichts hoeren. So sagt sie denn adieu und winkt ihnen nach, als ein Wagen nach dem anderen den Karavanenpark verlaesst.

  • DNS II, Kapitel 2, Teil 1

    Sie kommt sehr spaet nach Hause, lange nachdem es dunkel geworden ist. Dimitri und Pia sind sehr aufgebracht. Sie sagen, sie haetten sich Sorgen um sie gemacht. Freilich ist das nicht unberechtigt, sie will schliesslich fortgehen. Das versucht sie ihnen zu erklaeren, doch sie verstehen sie nicht. Im Gegenteil, Dimitri macht ihr Vorwuerfe, nennt sie undankbar und egoistisch.

    „Was willst du denn?“ fragt er schliesslich. „Geht’s dir denn nicht gut?

    Gekraenkt und veraergert reagiert sie entsprechend heftig: „Gib mir einen vernuenftigen Grund warum ich nicht gehen sollte! Da verschwinden Menschen, ihr Kommen und Gehen ist von jemanden geregelt, der sich nicht zu erkennen gibt und niemand weiss wirklich Bescheid! Und ich soll nicht gehen, freiwillig, wohl gemerkt?! Das ist ein Spiel, an dem ich nicht teilnehmen will. Ich bin doch keine Marionette! Seht ihr denn nicht, es macht doch alle zu Marionetten!“

    Pia beginnt zu weinen. Dimitri ist ausser sich: „Halte gefaelligst deinen Mund! Da tun wir alles fuer dich und wie dankst du uns dafuer? Hauptsache du kriegst, was du willst! Du ruecksichtsloses Miststueck! Scheint dir ja egal zu sein, was Du anrichtest!“ Und er deuted auf Pia. „Als ob es nicht genug waere, dass wir unsere Freunde verloren haben, kommst du mit diesem Unsinn daher, von wegen Weggehen und Marionetten!!!! Was weisst du denn schon von diesem Leben! Du bist ja nicht einmal lange genug hier gewesen, um dir ein Urteil machen zu koennen! Was weisst du denn schon besser als wir!?“

    Damit hat er natuerlich einen wunden Punkt getroffen. Was kann sie dagegen schon vorbringen? Dass sie Zuflucht gesucht hatte, als sie sich in Not befand? Und dass sie ihnen nicht zugeteilt worden ist, zumindest nicht, soweit das ihren juengsten Erfahrungen entspricht? Niemand hat sie gezwungen, oder ihr den Auftrag gegeben, dieses Haus zu betreten! Sie hat das freiwillig getan, wenn auch nur um einer wuetenden Natur zu entrinnen! Darum entgegnet sie aufgebracht mit ebenso lauter Stimme:

    „Nein! Ich bin euch nicht ‚zugeteilt‘ geworden! Dieses Haus war bloss das einzige auf das ich gestossen bin, als ich mich in Noeten befand! Ja, es stimmt schon, dass eure Tuere offen stand, und dass ihr mich mit vollem Herzen aufgenommen habt. Doch niemand hat mich zu Euch geschickt! Das hiesse doch, dass jemand ueber mich verfuegt, sich Rechte ueber mich erworben haette. Faendet ihr das vielleicht in Ordnung? Nein, nein! Das waere doch wirklich unfassbar! Ganz unglaublich! Niemand kann, niemand hat ein Recht, ueber mich zu bestimmen!“ Sie haelt inne. Tatsaechlich, auch wenn sie freiwillig und nur umstaendehalber in dieses Haus kam, warum sie sich ueberhaupt in dieser Situation befand, ist ihr raetselhaft. Diese Frage, die sie nicht beantworten kann, ist schliesslich ihrem verdammtes Hirn zu verdanken, das sie so in Stich laesst! Sie weiss, sie hat eine wesentliche Gedaechtnisstoerung, deren Ausmass sie nicht einmal abschaetzen kann, doch indem sie sich dessen bewusst ist, macht das in vieler Hinsicht mehr Probleme als waere sie sich dessen nicht bewusst. Wie auch immer! Sie kann sich nur an den letzten Ereignissen orientieren und denen gemaess war niemand anderer fuer sie zustaendig als sie selber. Trotzig faehrt sie deshalb fort:“

    „Ich lasse mir nichts verbieten! Schon garnicht auf diese Art und Weise, wie du mich jetzt behandelst!“

    „Das werden wir ja sehen!“ bruellt er und baut sich drohend vor ihr auf. Femina ist bereit zurueckzuschlagen, falls er das versuchen sollte. Aber da springt Pia dazwischen, draengt sich zwischen sie beide.

    „Seid ihr denn verrueckt geworden? Wo bleibt eure Vernunft? In diesem Haus gibt es keine Handgreiflichkeiten!“ Ihre Stimme ist scharf und eindeutig. „Setzt euch beide aber sofort nieder! Wir reden darueber!“ Sie schaut so entschieden drein, dass Femina beinahe lachen muss. Pia scheint im Augenblick durchaus bereit zu sein, handgreiflich zu werden, sollte man sie dazu zwingen. Doch weder Dimitri oder sie wollen das. Also setzen sie sich, wie geheissen, an den Tisch und schweigen erst einmal. Femina spuert allerdings sehr genau, dass sie sich auf schwachem Boden befindet. Ausserdem mag sie die beiden zu gerne. Sie will sie weder kraenken noch beleidigen. Versoehnlich beginnt sie daher:

    „Es tut mir wirklich leid, wenn ich euch enttaeusche. Wahrscheinlich haette ich viel frueher mit euch reden sollen, nicht erst jetzt, wo wir alle drei von unseren Gefuehlen geplagt werden. Doch ich wollte schon lange fragen, was es mit diesem Haus auf sich hat, das mich zwar reinliess, aber dessen Eingangstuer einfach zugemauert worden ist. Und wie ich nun feststellen musste, kann ich es nicht einmal verlassen, ausser ihr koennnt mir sagen, wie sich diese automatische Tuere oeffnen laesst. Bitte versteht mich doch! Ich will euch ganz und garnicht verlassen! Ich wuerde gerne mit euch von hier weggehen. Nur das liegt ja nicht an mir. Ich kann ja nur fuer mich entscheiden. Leider bin ich zu dem Schluss gekommen, dass ich mich am falschen Ort befinde. Fuer mich ist es genau genommen ein fragwuerdiges Leben, wenn man in einem verlogenen System voll mit Scheinheiligkeiten und obskurer Willkuer leben muss. Da ziehe ich lieber weiter. Ich waere allerdings sehr gluecklich, wenn ihr euch dazu entschliessen koenntet, dass wir zusammen gehen.“

    „Was redest du da bloss fuer einen Unsinn!“ erwidert Dimitri duester. „Was fuer ein Haus, was fuer welche Eingaenge, die man zumauert oder was fuer ein Ausgang und welche automatische Tuer??? Wir wissen von nichts dergleichen, noch haben wir jemals von sowas gehoert!“ Er blickt fragend zu Pia und die nickt zustimmend.

    „Und was meinst du, wir sollten mit dir weggehen?! Wohin denn? Ausserdem, wir sind sehr zufrieden wo wir sind. Menschen sind nun mal nicht Heilige und es war immer schon so, dass neue kommen, und andere gehen. Es waere doch anders garnicht moeglich! Die Bevoelkerung wuerde doch sonst nicht bestehen koennen, waeren da zuviele oder zu wenige. Auch wenn es uns schmerzt, wenn wir unsere Freunde verlieren, es ist eine Massnahme. Doch waere es widersinnig zu glauben, man koennte normalen Menschen eine solche Kontrolle ueberlassen, eben weil keiner perfekt ist. Man kann natuerlich darueber spekulieren wer solche Macht handhaben sollte und es gibt dementsprechend verschiedene Meinungen. Nur, Pia und ich, und einige andere, glauben nicht, dass es jemanden bestimmten gibt, der diese Macht hat. Wir glauben, es ist das Leben selber, das bestimmt, Schicksal eben. Aber ein System ist notwendig, um das Zusammenleben der Menschen zu regeln, sonst gaebe es ja Chaos. — Und Mord und Totschlag, wenn jeder tun koennte, wie er will.“

    Sie sagt nichts mehr. Was sollte sie dazu schon sagen? Selbstverstaendlich soll jeder tun koennen, wie er will! Mord und Totschlag? Sie kann sich nicht vorstellen, dass alle Menschen Moerderer und Totschlaeger sind, weil sie von Natur aus gewalttaetig waeren. Und einige werden es wohl immer sein, egal welches System angewendet wird. Unter Ihresgleichen toetet keiner freiwillig, noch auf Befehl, sondern nur wenn es sein muss! – Sie akzeptiert allerdings seine Erklaerung was Schicksal betrifft. Ohne ihrem vollstaendigen Gedaechtnis kann sie ohnehin nicht argumentieren. Doch leider kann er ihre Realitaet nicht in Betracht ziehen. Die gibt es fuer ihn ueberhaupt nicht. Und wie es scheint, auch nicht fuer Pia.

    „Wie kann ich dann von hier, eurem Haus, in jenes andere gelangen, dort wo sich auch der Ausgang am Ende des Flurs befindet?“ fragt sie kleinlaut.

    Die beiden schauen sie bewildert an. „Du musst wohl traeumen, wenn Du auf dein Zimmer gehst!“ sagt er.

    „Und wie erklaert ihr euch das Kommen und Gehen der Menschen? Wo kommen sie her, wo gehen sie hin?“

    „Das wissen wir nicht,“ antwortet er, und Pia nickt zustimmend, „wir akzeptieren, dass wir nicht allwissend sind. Menschen, Tiere, haben Faehigkeiten, allwissend sind sie nicht. Leben ist an sich mysterioes.“

    Pia fuegt hinzu: „Und wunderbar.“ Die beiden sind sich ganz und gar einig.

    Femina ist jedoch tief betroffen. Ein Graben hat sich aufgetan, der sie erschreckt und bitterlich enttaeuscht. Sie hat keine Einwaende mehr.

    Pia nimmt das Gespraech wieder auf: „Wenn du gehen musst, meine Liebe, dann geh. Aber ich kann nicht verstehen, warum du mit uns nicht gluecklich sein kannst. Du warst es doch bisher. Wir haben dich doch von ganzem Herzen lieb. Und wo willst du denn hingehen? Freilich, du kannst derzeit noch nicht ausser Landes gehen, ausser mit uns, und wir haben weder die Mittel noch die Zeit auf Reisen zu gehen. Aber wir haben Freunde in anderen Staedten. Das koennten wir schon arrangieren.“

    Ganz langsam nur kehrt Femina‘s Aufmerksamkeit zurueck. Bedaechtig sagt sie: „Ach mit euch hat das ja weniger zu tun. Ich habe euch genau so lieb. Eine andere Stadt ist jedoch nicht die Loesung. Wenn schon weg, dann weit weg. Wohin! Das ist doch garnicht so wichtig. Uebrigens! Warum sollte ich nicht verreisen koennen?“

    Pia schweigt, wie es scheint, betreten, und Dimitri starrt sie an.

    Duester sagt er:„Deine Reiseerlaubnis muss amtlich eingeholt werden, aber du bist noch nicht lange genug hier, um eine Genehmigung zu kriegen. Bis dahin haben wir die Verantwortung fuer dich. Wir machen uns strafbar, wenn wir dich nicht beaufsichtigen. Solltest du weglaufen, schreited die Behoerde ein. Sie wuerden dich ausfahnden und dann in ein Heim fuer Ausreisser stecken und uns wuerden sie ins Gefaengnis bringen, weil wir unsere Pflicht nicht erfuellt haben. Das Amt bestimmt, wann du unabhaengig von uns werden kannst. Wir sind dabei nur hilfreich, aber nicht entscheidend.“

    Femina ist fassungslos. Dimitri holt Dokumente aus seinem Schreibtisch. Die knallt er vor ihr auf den Tisch und setzt sich dann wieder nieder. Sie nimmt sich ein Blatt nach dem anderen, schiebt die gelesenen weit von sich, als wollte sie sich soweit wie moeglich von ihnen distanzieren. So ist das also! Keiner von ihnen darf weggehen, solange sie ihre amtliche Genehmigung nicht erworben hat. Sie koennten nur fliehen. Selbst gemeinsame Reisen ausserhalb des Landes muessen amtlich genehmigt werden und waren alles andere als ein freies selbst geplantes Unternehmen. Femina findet das ganze schockierend. Die schlimmsten Befuerchtungen, die sie sich nicht einmal zu denken erlaubt hatte, erweisen sich als offizielle, amtlich dokumentierte Tatsache. Aller Verdacht hat sich bestaetigt, all ihr Misstrauen ist gerechtfertigt, sie ist wahrlich gefangen, eine Marionette, wie alle anderen auch. Und sie muss sich mit dieser Realitaet abfinden. Sie ist sich der Konsequenzen voellig bewusst. Solange sie sich in dieser Situation befindet, heisst das Anpassung, Gehorsam, kein Fleck auf der weissen Weste, um den Prozess ihrer Freilassung nicht zu gefaehrden und auch um Pia und Dimitri nicht in unnoetige Probleme zu stuerzen. Es ist die fortwaehrende Gehirnwaesche, der sie ausgesetzt sein wird und die es einem, kann man sie endlich abschuetteln, fast unmoeglich macht, zu seiner Urspruenglichkeit zurueck zu finden. Das ist kriminell! Diese Gesellschaft ist kriminell. Genau betrachtet sind Kerkermeister und Straefling Opfer des Systems, aber es ist keine Entschuldigung noch gerechtfertigt ein solches System zu vertreten.

    Femina spuert wie eine Bombe in ihr zu ticken beginnt. Sie schwoert sich, dass sie ein subversives Element, das Sandkorn im Getriebe, sein wird. Sie wird fraglos Kompromisse schliessen muessen, doch sie wird sich nicht fraglos assimilieren lassen. Und damit beginnt sie mit ihrer Arbeit als Resistenzkaempferin, im Untergrund. Sie fragt sich allerdings, ob die amtliche Unabhaengigkeit tatsaechlich jene automatische Ausgangstuere oeffnen wird oder oeffnen kann. Sie bezweifelt das durchaus, denn sie hat es mit zwei verschiedenen Realitaeten zu tun, auch wenn es im Moment so scheint, als waeren sie identisch. Unter keinen Umstaenden darf sie ihrem Verstand einseitiges Denken erlauben, so oder so. Das waere schlichtweg die sprichwoertliche Sackgasse.

    Femina entschuldigt sich bei den beiden und der Streit kann geschlichtet werden. Allerdings haben sich die Beziehungen zueinander geaendert mit zukuenftigen Entwicklungen voraussehbar. Die Bindung zu Pia staerkt sich, denn sie folgt mehr ihrem Herzen als Amtsbefehlen. Der Graben zu Dimitri wird breiter, denn er vertritt das System und hat damit Gewalt ueber sie erworben. Und sie? Sie zieht sich zurueck. Sie wird warten, warten auf ihre Gelegenheit, dem Ganzen zu entrinnen.

    Zwangslaeufig entwickelt sie einen renitenten Charakter. Aber fairer weise ist zu sagen, dass Pia, mehr so, als Dimitri, zu ihr stehen, auch wenn sie ihnen staendig Probleme macht. Pia ist immer bereit, sie zu verteidigen. Dimitri natuerlich viel weniger. Mit ihm gibt es dauernd Streit. Sie sind die reinsten Kampfhaehne, streiten sich um Prinzipielles. Ohne Pia wuerde es fuer sie nicht gut ausgehen. Pia ist letzendes immer die Vermittelnde, nicht gerade eine leichte Rolle. Aber leicht hat es keiner von ihnen.

    Schliesslich ist es fast eine Erloesung, dass Dimitri sie in ein Schulungszentrum schickt. Freilich in eines, das er fuer gut haelt. In gewisser weise, vom Curriculum her, ist es das auch, doch ist es eines der konservativsten, was seine politische Orientierung betrifft. Zwar sind diese Zentren generell eindimensional, sie schaetzt keines von ihnen, aber die Leitung jenes, das er ausgewaehlt hat, ist drakonisch, die reinste Zwangsjacke fuer einen Freigeist wie sie. Was sie am meisten aergert ist seine Rechtfertigung, naemlich, dass er nur das Beste fuer sie wolle. Offiziel stimmt das natuerlich, hat es doch die beste Reputation im Lande, doch sie weiss, dass es auch ein Versuch ist, ihre Resistenz zu brechen. Es ist aber gerade dieser Oppositionsgeist, der sie dazu bringt, sich auf dieses Manoever einzulassen, allein schon deswegen um sich und ihm zu beweisen, zu was sie faehig ist. Mit dem Anlegen der Uniform allerdings beginnt der Drill und erst recht der psychologische Horror. Es gibt viele Naechte in denen sie sich in den Schlaf weint. Das Zentrum ist nach militaeren Prinzipien organisiert. Das heisst, Gehorsam ist Pflicht und ein Regelverstoss kann eine koerperlicher Bestrafung mit sich bringen. Es macht Staerke zum Ideal und unterbindet Gefuehle, denn die sind als Zeichen von Schwaeche zu eliminieren. Die Grausamkeit, die meisterlich von der Obrigkeit ausgeuebt wird, findet ihr Echo unter den Zoeglingen. Es ist eine Schulung, die ein funktionierendes Endprodukt gewaehrleistet, nicht einen kritikfaehigen Geist. Sie bemueht sich, sich anzupassen und da sie koerperlich und geistig ein vielversprechendes Exemplar ist, das man zu jenem Produktideal formen koennte, schafft sie sich durchaus eine gute Basis von der aus sie manoevrieren kann. Doch Monate spaeter muss sie eingestehen, sie verschwendet ihre Zeit, vorallem deshalb, weil es sie intellektuell ganz und garnicht stimuliert. Sie hat kein Interesse Brillianz in der Doktrin zu erreichen, Computer sind dazu bestens geeignet. Sie will nicht zu sowas programmiert werden. Also muss etwas geschehen. Das heisst, sie wird es aendern muessen. Tatsaechlich ist das schnell arrangiert. Sie beginnt die Schwaechen jener, sie sie nicht mag mit gezieltem Zynismus oeffentlich blosszulegen. Die Betroffenen haben meist keine andere Moeglichkeit als sich mit hochrotem Gesicht abzufinden, denn jeglicher Gegenangriff wuerde ihre Laecherlichkeit nur vergroessern. Sie schafft sich Feinde aber auch Verbuendete und die Vortragenden sind sehr bedacht sich keine Bloesse zu geben. Tatsaechlich ist Eitelkeit die reinste Goldmiene und sie ist gut in der Goldgraeberei. Die Lehrer werden allerdings immer mehr frustriert mit ihr und waeren froh, sie los zu werden. Es ist daher nicht ueberraschend, dass es schliesslich zu jenem Zwischenfall kommt, mit jenen Konsequenzen, auf die sie hingearbeitet hatte, ohne es jedoch so geplant zu haben. Sie macht naemlich den Fehler, allein mit einer Vortragenden, die sie in ihr Zimmer geheissen hatte, um ihr eine Strafpredikt fuer irgendwelche Unterlassungen zu halten, so zu veraergern, dass diese ihr mit Schlaegen droht. Bisher war Femina immer faehig gewesen, koerperlichen Strafen zu entgehen, doch anstatt ihren Mund zu halten, sagt sie mit hoehnischem Grinsen, dass sie die koerperliche Zuechtigung wohl versuchen koennte, aber dabei wuerde es bleiben. Die Herausgeforderte kann sich nicht zurueckhalten und versucht ihr darauhin eine Ohrfeige zu versetzen. Femina weicht jedoch geschickt aus und verschanzt sich schnellstens auf der anderen Seite des Schreibtisches, ausser Reichweite. Sie schaetzt die Distanz zur Tuer. Leider ist diese zu weit weg, um der Furie entkommen zu koennen. Damit beginnt ein Ringelspiel um den Schreibtisch, das sie in jedem Fall gewinnen wird, denn sie ist juenger und wesentlich fitter als ihre Gegnerin. Die ist nicht nur uebergewichtig, sondern bereits ausser Atem und ihr Gesicht ist verdaechtig rot mit hervortretenden Augen. Es fehlt nur noch der Schaum um den Mund. Sie ist dem Kollaps naeher als sie jemals die Chance hat, Femina in die Haende zu kriegen. Sie laesst sich auch bald in ihren Sessel sinken, mit schriller Stimme, ihr Hoelle und Untergang prophezeiend. Femina hoert nicht weiter hin, sondern entschwindet schnellstens, nicht nur aus dem Zimmer, sondern auch aus dem Zentrum. Sie weiss sie verlaesst diese Folterstaette fuer immer. Dimitri kann dagegen nichts machen, denn die Zentrumsleitung wuerde sie nur zuruecknehmen, falls sie sich entschuldigte, aber es waere ohnehin ratsamer, wenn sie ihre Erziehung anderswo suchte. Klarerweise ist sie nie und nimmer bereit sich zu entschuldigen, im Gegenteil, sie besteht darauf, dass die Vortragende sich bei ihr zu entschuldigen haette. Und damit kann sie der „Zwangsanstalt“ erfolgreich den Ruecken kehren.

    Das oeffentliche Zentrum, das sie jetzt besucht, hat wenigstens keine koerperliche Zuchtordnung mehr, ist aber sonst auch nicht viel besser. „Wischen Sie sich die Kriegsbemalung aus dem Gesicht!“ hat heute eine Vortragende zu ihr gesagt. So eine bloede Person! Sagt sie zu ihr, dass sie wie eine Vogelscheuche aussieht und dass sie sich am besten verstecken soll, um den Kindern nicht Angst zu machen? Sie haelt nicht einmal einen guten Vortrag, aber mit Nebensaechlichkeiten, die sie garnichts angehen, da spielt sie sich auf. Was soll’s! Das ganze System ist zum Kotzen! ‚Diener des Herrn!‘ Gewalt ueber andere zu haben, Macht die einem nicht einmal gehoert, – igitt,- zum Kotzen. Die Vogelscheuche kann ihr den Buckel runterrutschen! „Tut mir leid,“ hatte sie ihr geantwortet, „aber ich muss sie aufklaeren. Das ist keine Kriegsbemalung. Es nennt sich Kosmetik. Ich trage es, weil es mir gefaellt, nicht, um ihnen zu gefallen.“ Freilich, damit hat sie sich einen neuen Feind geschaffen.

    Tatsaechlich , in der ganzen Zeit, mehr oder weniger seit ihrer Ankunft, hat sie keine wirklichen Freunde gefunden. Bekannte hat sie viele, aber troztdem sie versuchte Freundschaften zu schliessen, sie endeten in Enttaeuschungen. Genau betrachtet sind Dimitri und Pia die einzigen geblieben, denen sie vertraut. Auch wenn ihr Verhaeltnis zu Dimitri einem Minenfeld gleicht und sie sich staendig und verbittert streiten, sie weiss zumindest woran sie mit ihm ist. Abgesehen davon hat sie festgestellt, dass er ihr ziemlich oft, insgeheim, durchaus recht gibt. Aber er wuerde es nie eingestehen! Er gibt hoechstens nach. Er ist, obwohl er es im Grunde seines Herzens nicht unbedingt will, ein strikter Vertreter dieser Luegenwelt. Leider ist der Graben zwischen ihnen immer weiter geworden, so dass es kein Drueberspringen mehr gibt. Femina will sich mehr oder weniger von ihm fernhalten. Sie ist auf der Suche nach einer eigenen Bleibe. Ohne Pia’s Unterstuetzung waere das unmoeglich, denn Dimitri fuerchtet, die Kontrolle aus der Hand zu geben. Als es dann wieder, in diesem Zusammenhang, zu einem fuerchterlichen Streit kommt, endet es damit, dass Dimitri sie vor die Tuer setzt.

    „Es kann ohnehin nicht mehr lange dauern, bis ich die Verantwortung fuer dich los bin. Aber du kannst jetzt schon verschwinden. Tu was du willst! Doch erwarte dir keine Hilfe von mir! Du wirst schon sehen, wie weit du kommst, du wirst dir deinen Kopf auch noch anrennen! Ich hab genug von dir. Ich will dich, wenn ich heimkomme, nicht mehr sehen!“ Darauf laesst er sie, und Pia, allein. Nachdruecklich knallt er die Tuer hinter sich zu.

    Pia ist voellig niedergeschmettert und Femina kann nur sagen, dass sie sich den Kopf, seitdem sie hier ist, angerannt hat. Schlimmer kann’s garnicht werden.

    „Ich verstehe ihn nicht,“ sagt Pia klagend. Das hat sie aber noch nie. „Wie kann er nur so sein!“ Femina zuckt mit den Schultern. Er ist immer so gewesen!

    Seit ihrer Ankunft hier, oder zumindest ziemlich bald danach, ist nichts so gelaufen, wie die Beteiligten es sich gewuenscht haben. Femina muss eingestehen, dass sie nicht unschuldig ist. Oder ist es gar einzig und allein ihre Schuld? Sie fuehlt sich schuldig, so oder so. Nun ist es soweit, sie haben es geschafft: Sie beginnt, an s i c h zu zweifeln. All diese Kaempfe, ihre Schuld? All diese Ungluecklichkeit, ihre Schuld? Es ist hoechste Zeit! Sie muss fort! Sonst kann man sie doch noch beherrschen. Und warum? Weil sie das Gegebene nicht akzeptieren kann? Hatte sie wirklich ein Leben bevor dieses? Vielleicht hat Dimitri tatsaechlich mit allem recht und sie hat ihre Zeit damit verschwendet ihr Leben und das ihrer Freunde miserabel zu machen. Wann war sie das letzte Mal gluecklich? Wann hat sie das letzte Mal jemanden anderen gluecklich gemacht?

    Sie reisst sich zusammen. Es ist wahrhaftig hoechste Zeit, dass sie geht. Sofort! Ohne Verzoegerung! Sie ist tatsaechlich in Gefahr, sich zu verlieren.

    Pia versorgt sie mit Proviant und steckt ihr etwas Geld zu. Der Abschied faellt ihnen nicht leicht, obwohl es keineswegs eine endgueltige Trennung ist. Aber der Schritt ist markant, denn es ist ein Weg, den sie nicht kennt und Pia kann nicht mitkommen. Das muss wohl so sein, ihre Loyalitaet gehoert Dimitri und Femina ist lieber ungluecklich allein, mag ihre Freunde nicht laenger quaelen.

  • DNS II, Kapitel 1, Teil 3

    Femina findet es nicht schwierig, sich in dieser fremden Welt zurecht zu finden, vorallem da sie sich schnellsten die Sprache aneignete. Obendrein geniesst sie es, ihr Gehirn mit all den neuen Informationen vollzustopfen. Es geht ihr so gut, dass sie nachlaessig wird, ihrer nach wie vor bestehenden Amnesie jene notwendige Aufmerksamkeit zu schenken, wie sie sich vorgenommen hatte. Aber es bleibt ohnehin nicht so.

    Allmaehlich, und ganz unbemerkt, beginnt sich der glueckhafte Zustand zu veraendern. Es ist niemandes Schuld, eher zwangslaeufiges Geschehen. Nicht alle Erinnerung hat sie verlassen! Das zeigt sich immer dann, wenn es zu Konfrontationen zwischen ihrer eigenen Meinung und der der Umwelt kommt. Zuerst sind das nur kleine Angelegenheiten, die sie kaum wahrnimmt und weil sie ihr nicht wichtig erscheinen. Die Vorkommnisse haeufen sich allerdings und bald hegt sie den Verdacht, in eine Scheinwelt oder in eine Welt des Betruges geraten zu sein. Sie stellt fest, dass sie eigentlich kaum jemanden vertrauen kann, denn viele Leute reden anders als sie denken oder geben vor, was zu sein, das sie nicht sind, oder behaupten etwas zu wissen, wovon sie kaum oder gar keine Ahnung haben. Tatsaechlich, so scheint es, kann sie nur ihren engsten Freunden trauen. Na und soviele sind das ja nicht.

    Und dann passiert etwas Unerhoertes. Dimitri und Pia ueberbringen die Hiobsbotschaft und sind selbst sehr verstoert. Ihre beiden besten Freunde, das aeltere Paerchen, die Femina besonders lieb gewonnen hatte, sind verschwunden. Ploetzlich, und ohne Abschied zu nehmen! Sie sind einfach fort, und keiner weiss, wohin sie gegangen sind, oder gar warum.

    Femina eilt mit fliegenden Schritten dahin. Sie flieht zu ihrem Lieblingsplatz, einem Teich, der, friedlich eingebettet in den Huegeln, nahe ihrer Wohnstaette liegt. Nur sehr selten wird er von Leuten besucht, schon garnicht an einem Arbeitstag. Er ist somit der richtige Platz, an dem sie ungestoert sein wird, um in Ruhe nachdenken zu koennen. Es ist genug geredet worden und Dimitri hat obendrein noch Pia zu troesten. Femina ist ebenso traurig, aber noch mehr verwirrt. Luegen! Luegen! Unwahrheit! Nichts macht Sinn! Sie haette schon laengst nachdenken sollen, nicht erst jetzt! Aber war sie interessiert gewesen? Nein! Sie hatte nur an ihren vollen Bauch gedacht!

    Sie erreicht die kleine Bank, die einen besonders schoenen Blick auf den Teich gewaehrt. Aufatmend laesst sie sich nieder. Hier ist die Welt noch in Ordnung. Es ist einfach nicht wahr, dass Menschen spurlos verschwinden koennen und keiner weiss wohin oder weshalb! Da sind nun zwei ihrer besten Freunde einfach abhanden gekommen, und keiner stellt Fragen? Sie werden zwar betrauert, Pia hat staendig die Augen voll mit Traenen, aber das ist es auch schon. Man hat sie aufgeklaert, dass dies nicht aussergewoehnlich sei. Die Fragen, die Femina diesbezueglich stellte, brachten nur stereotype Antworten. Selbst die, die ehrlich versuchten auf sie einzugehen, zuckten letztendlich mit den Schultern, in Hilflosigkeit, Pia und Dimitri miteingeschlossen.

    Sie hebt einen flachen Stein auf, wirft ihn ueber das Wasser. Zweimal huepft er ueber die glatte Oberflaeche, bevor er beim dritten Mal versinkt. Sie ist wuetend, jawohl! Will man sie denn fuer bloed verkaufen?! Es gibt fuer alles eine Ursache, oder wenigstens versucht man diese finden, wenn man sie nicht kennt. Aber wie hat Dimitri gesagt? „Die Menschen kommen und sie gehen. Keiner weiss Bescheid!“ ‚Das sei doch mit ihr genauso gewesen!‘ So hat sie die Sache allerdings noch nicht betrachtet.

    „Ihr habt mich doch erwartet! Ihr muesst doch e t w a s gewusst haben!“ hatte sie weiter gebohrt.

    „Wir haben angesucht, und du bist uns zugeteilt worden.“

    Das war keine aufschlussreiche Antwort. Sie war nicht zufrieden damit.

    „ W e r hat w a s zugeteilt?! Wer oder was ist der grosse Unbekannte, der da gibt und der da nimmt?“

    Ihres Wissens ist sie von niemandem verschickt und niemandem zugeteilt worden! Auch wenn sie ein riesiges Loch in ihrem Hirn hat, es ist ausgeschlossen, dass sie wie ein Sklave gelebt haben sollte und es entspricht auch ganz und garnicht den juengsten Erinnerungen, die ihr sehr wohl zur Verfuegung stehen.

    Darauf haben die beiden nur einsilbig geantwortet, dabei den Kopf geschuettelt und mit den Schultern gezuckt. ‚Schicksal,‘ meinten sie. Na ja, wer oder was immer das ist!

    Und was haben andere zu sagen gewusst? Sie haben von einem maechtigen Supermann gefaselt, der alles weiss und alles kann. ER managed die ganze Schau. Geheim, versteht sich. Die ‚Untertanen‘ haben nur zu gehorchen. Femina fragte, was er denn zu verbergen habe, dieser Super-Ueberbruder. Das haette sie allerdings besser bleiben lassen, – man nannte sie dreist und unverschaemt. Das war noch das Mildeste! Irgendjemand hatte aber eine andere Antwort, die sie etwas aufhorchen liess: „Der grosse Potentator habe viele Namen. Er sei immer present. Man koenne ihn ueberall sehen. Man muesse nur wissen, wonach man sucht.“ Na ja, auch nicht besser! „So, und warum sieht ihn dann keiner“, hatte sie skeptisch weiter gefragt. Sie hatte noch nie jemanden getroffen, der etwas sah, was sie nicht sehen konnte. „Und wer hat ihn schon gesehn?“

    „Auserwaehlte,“ hatte der Betreffende geantwortet.

    „Und wer waehlt aus? Auch wieder er?“ Sie war dann eher ungehalten geworden, aber er schuettelte verneinend den Kopf und antwortete ganz sachlich: „Tombola! Das richtige Los, und schon ist man dabei.“ Er fand das ein sehr faires System.

    Femina wirft neuerlich einen Stein. Diesmal peppelt er sogar volle dreimal. Tatsache ist, ihre Freunde sind fort. Sie wird sie nie wiedersehen. Diese Endgueltigkeit ist gnadenlos, denn in ihr findet sich nichts, das troesten koennte. Damit kann nichts so bleiben wie es war und nur die Zeit kann die Wunde heilen. Ganz gewiss kann sie dem, was man ihr so sagt, wenig Glauben schenken. Auch Dimitri und Pia gegenueber hat sie ihren Vorbehalt, obwohl sie ihnen noch am meisten vertraut. Sie fuehlt sich erbaermlich und verdammt allein. ‚Aber was kann sie schon machen‘, sie seufzt, ‚ohne Gedaechtnis, ohne konkrete Erinnerung!‘ Man kann ihr weiss was erzaehlen, wahr oder auch nicht. Sie findet die Tombolaloesung noch am besten und „Schicksal, Zufall“, sind wohl die besten Antworten unter all dem Quatsch! Sie muss ihr Gedaechtnis wieder finden! Nur dann kann sie mit Vernunft argumentieren, oder Beweise erbringen. Hoffentlich! Oder vielleicht treibt ihr Gehirn einen Scherz mit ihr? Vielleicht ist das, was da ist, alles was ist? Ihre Gedanken beginnen im Kreis zu laufen. Sie ist ihnen ausgeliefert und dementsprechend fuehlt sie sich. Wie soll sie grossartig Raetsel loesen, wenn keiner da ist, der ihr hilft! Zu wissen, wie man heisst, ist auch nicht gerade die Offenbarung. Anstatt auf ihre eigenen unbeantworteten Fragen Antworten zu finden, entstehen neue. Und was kann sie tun? Garnichts!

    Sie laesst ihren Blick ueber die spiegelglatte Wasseroberflaeche gleiten. Der Teich ist so huebsch. Er hat einen Schilfguertel und traegt leuchtende Wasserrosen. Fische tummeln sich in seinem milchig gruenen Wasser. Er ist reich an Plankton und Schlingpflanzen bedecken Teile seines Grundes. Sie ist einmal beim Schwimmen in diesen Unterwassergarten geraten. Das fand sie allerdings nicht sehr angenehm. Es war, als wollten sie viele gruene Arme in die Tiefe ziehen. Inzwischen kennt sie den Teich genau, weiss, an welchen Stellen man baden kann und welche man besser vermeidet. Die Pflanzen wuerden ueberhand nehmen, wuerde man den Grund nicht hin und wieder umpfluegen. Der Teich sieht dann fuer eine Weile ganz nackt aus, nicht so huebsch wie jetzt jedenfalls. Sie zieht sich bis auf die Unterwaesche aus, geht die paar Meter hinunter zum Wasser und taucht prustend ins frische Nass. Sie schwimmt zu einem kleinen Felsen am anderen Ufer, den man von der Bank aus nicht sehen kann. Er ist viel zu klein und teilweise von Schilf umgeben, aber wie geschaffen, sich auf ihm nieder zu lassen, was sie, dort angekommen, auch tut. Die Sonne scheint warm. Junge Schlingpflanzen recken sich sehnsuechtig durchs Wasser nach oben. Noch sind sie weit genug von der Oberflaeche entfernt, so dass man leicht ueber sie hinweg schwimmen kann. Aber man kann sie sehen, wie sie sanft in der leichten Unterwasserstroemung wehen. Hin und her, und her und hin. Sie schliesst die Augenlider und gibt sich dem Wiegenlied hin.

    Brrr! Sie froestelt. Es ist ploetzlich so kuehl geworden! Sie schaut auf. Da ist er wieder, der lange Gang. Die trueben Lampen schwingen sacht hin und her, und der Steinboden ist glatt und kalt. Sie steht auf, eilt den Flur entlang. Links und rechts gehen Tueren ab. Keine steht offen, aber das kuemmert sie im Moment wenig, denn sie sucht nach ganz was anderem. Sie ist schliesslich i n das Haus gelangt, also muss es wohl auch einen Ausgang geben. Sie will raus! Sie will nicht laenger bleiben. Tatsaechlich findet sie, was sie sucht. Am Ende des Ganges leuchtet matt ein Schild. „E X I T“, in roten Buchstaben auf weissem Grund steht da geschrieben. Es leuchtet allerdings nur schwach. Die Lampe, die das Gehaeuse ausleuchtet, ist genauso muede, wie alle anderen. Ein schwaches Licht nur, das nicht so weit reicht, um es von der anderen Seite des Ganges sehen zu koennen. Leider, so stellt sich schnell heraus, auch wenn da EXIT steht, sie kann das Haus durch jene Tuer, die als Ausgang bezeichnet ist, nicht verlassen. Es ist ein durchaus gediegener Ausgang, gross und weit, aber durch eine Stahltuere verschlossen. Da ist weder ein Griff, noch ein Schloss, noch ein Knopf oder gar ein anderer Mechanismus an der Tuer, noch den Waenden anbei. In der Mitte verlaeuft senkrecht eine feine Spalte. Offensichtlich handelt es sich um eines jener Tore, deren Fluegel automatisch auseinander gleiten, in die dafuer eigens angelegte Oeffnung im Gemaeuer. Femina kann probieren, soviel sie will, die Tuere laesst sich nicht oeffnen. Sie ist enttaeuscht, aber auch befriedigt, dass es zumindest einen Ausgang gibt. Sie wird das Weitere schon noch herausfinden.

    Der Grundriss des Hauses scheint ein T zu sein. Links und rechts gehen zwei weitere Gaenge ab, wobei die Aussenwand Fenster hat und jene Waende, innerhalb des Hauses, haben weitere Tueren. Die Fenster sind gross und hoch, reichen bis zum Plafond. Sie haben Scheiben aus Milchglas. Man kann also nicht nach draussen sehen und leider kann man sie auch nicht einschlagen, weil sie naemlich vergittert sind, mit einem Gitter so fein, dass es mehr einem groben Netzwerk gleicht, als ueblichen Gitterstaeben.

    Die beiden Gaenge enden in einer fensterlosen glatten Wand, also ist auch keine Nottuere vorhanden, wie das manchmal in groesseren Gebaeuden der Fall ist.

    Sie kehrt zum Ausgangstor zurueck, laesst sich an der schraeg gegenueber liegenden Wand zu Boden gleiten und starrt auf den matten durchaus makellosen Stahl. Mutlosigkeit steigt in ihr hoch. Wie auch immer sie die Situation betrachtet, im Moment sitzt sie in der Falle. Was ihr einst als Rettung erschienen war, ist nichts anderes als eine Riesenfalle. So ungerecht, so eine Sauerei! Da war sie ohnehin bereits halbtot gewesen, aber anstatt zu sterben, ist sie in diesem Haus gelandet, und nun eine Gefangene, ohne Gedaechtnis und nur mit vager Erinnerung. Diese ist ganz sicher auch nur deshalb vorhanden, weil sie sich im Instinktiven verankert hat und damit habituell zur Gewohnheit geworden ist. Verzweiflelt versucht sie erneut ihren Verstand einzusetzen, um in die Tiefe ihres Bewusstseins zu tauchen und in den Spalten und Graeben ihres Gehirns zu stoebern, nach etwas, das Sinn ergibt. Aber so sehr sie auch ihren Verstand bemueht, er bringt nichts zutage. Also ist es wohl besser, sich mit dem Gegenwaertigen zu beschaeftigen, anstatt sinnlos nach ihrem Gedaechtnis zu graben.

    Ihr Verdacht hat sich also bestaetigt. Sie ist in einer hoechst fragwuerdigen Welt gelandet. Wie soll sie diesen Ort nun nennen? Ph! Ihre Gedanken beginnen ein Ringelspiel. Sie kann sie richtig hoeren, so wirr ist ihr Geschwirr. ‚Ordnung muss sein‘, sagt ihre Vernunft. ‚Ruhig, nur ruhig‘, sagt sie sich. Weder Verstand, noch Koerper haben Grund zum Uebertreiben. Was heisst, sie sitzt in einer Falle!? Bisher ging es ihr doch recht gut. Nur jetzt ist klar, dass das, was ist, anders ist, als erwartet. So wie alles, was sie in diesem Haus erlebt hat, zweideutig und zweiseitig ist. Scheinwelt, Illusion einerseits, oder Welt des Betruges, Luege, andererseits. Damit ist die gegebene Realitaet weder eindeutig noch absolut.

    Oder ist es wirklich moeglich, dass das was da ist, alles ist, was ist? Wer weiss, vielleicht ist tatsaechlich sie der Illusionist! Na dann ist sie in einem Zirkus gelandet! Das versoehnt sie ein wenig, denn sie hat immer eine Schwaeche fuer den Zirkus gehabt. Sie mag die Clowns ganz besonders. Die bringen Menschen zum Lachen, was besseres gibt es wohl nicht. Aber auch die Seiltaenzer haben ihre Bewunderung, meistern sie doch ihr Gleichgewicht.

    Was soll’s! Fuer den Ort hier gaebe es wohl viele Namen, – sooo wichtig ist Ordnung nun auch wieder nicht! Zweckdienlich, das ist sie und dabei soll es bleiben. Was macht es schon aus, wenn die ganze Welt sie beluegt! Das ist doch wirklich egal! Eines steht allerdings fest: Sie muss aufpassen, dass sie sich nicht selber beluegt und sie muss ganz gewiss darauf achten, Schein nicht mit Wahrheit zu verwechseln. Aber am aller wichtigsten ist, dass sie nicht an sich selber zu zweifeln beginnt. Das mag unter den gegebenen Umstaenden tatsaechlich das Schwierigste sein.

    Ausserdem, sie kann nicht umhin, fuer alles, was recht und wahr ist, einzutreten. Und damit hat sie ein Dilemma. Es bedeuted naemlich in jedem Fall Konfrontation und unangenehme, wenn nicht gar traurige und schmerzliche Zeiten, nicht nur fuer sie. Dem moechte sie am liebsten aus dem Wege gehen. Sie mag weder andere leiden sehen, noch mag sie Heldin spielen. Es waere gewiss besser, wenn sie dieses Haus so schnell wie moeglich verlassen koennte. Weil das aber im Moment unmoeglich zu sein scheint, muss sie sich mit dem banalen, ‚was nicht ist, kann noch werden‘, zufrieden geben.

    Da bleibt also nur noch die Trauer um ihre Freunde. Sie seufzt. Sie waren herzensgute Menschen und haben ihr mit sovielem geholfen. Sie wird sie wohl lange vermissen und nie freiwillig vergessen. Es faellt ihr ungemein schwer, ihre Gefuehle in Worte zu fassen. Tatsaechlich ist ihre Trauer bodenlos. Ein Lied faellt ihr ein, dass sie ihr oft vorgesungen haben:

    „Mariechen sass weinend am Strande……….“

  • DNS II, Kapitel 1, Teil 2

    Viele Sonnenaufgaenge hat sie erlebt. Viele Tage und Naechte sind dahingeganngen ohne dass sich etwas geaendert haette. Sie ist ein Punkt in einer weiten Ebene. Die Felsbarriere ist laengst nicht mehr zu sehen und ueber ihr spannte sich wie immer ein ein wolkenlos blauer Himmel. Heute ist er jedoch, kaum nennennswert, aber doch, mehr gruenlich denn blau und weit in der Ferne vor ihr glaubts sie etwas zu sehen, nicht mehr als eine Unebenheit auf einem sonst flachen Grund. Eine Welle der Erregung laeuft durch ihren Koerper. Vorahnungen, – etwas wird geschehen. Sie haelt nicht inne. Wozu auch! Sie ist nicht muede. Da ist auch ein leichtes Bangen obwohl das schon garnicht erklaerbar ist. So ueberlaesst sie es der Logik, sie zu beschwichtigen. Sie hat nichts zu verlieren, kann nur gewinnen, von welcher Seite man es betrachten mag. Damit koennen sich ihre Gedanken beschaeftigen, denn es bereitet mehr Vergnuegen, sich als Gewinner zu sehen. Das laesst auch ihren Koerper in Ruh, so dass er Distanzen hinter sich bringen kann, ohne sich aufzuhalten. Eine Weile geht das gut, doch weil sie ihre Gedanken nicht kontrolliert, beginnen diese wieder, sie mit Fragen zu plagen. Es ist daher besser, wenn sie sich auf den Weg unter ihren Fuessen konzentriert. Vielleicht entdeckt sie heute etwas, eine seltene Pflanze oder gar die Spur von einem Tier. Bis jetzt hat sie naemlich noch nie etwas derartiges entdeckt. Es wird sich schon zeigen, ob oder was sich ereignen wird.

    Nach einer Weile spuert sie, wie sich die Luft zu veraendern beginnt. Eine sanfte Brise streicht um sie. Das ist ganz ungewoehnlich. Seit sie ihre Wanderung begann war nichts dergleichen geschehen. Es umgab sie immer vollkommene Stille, nicht einmal die Luft war davon ausgenommen. Sie loest ihre Blicke vom Boden, schaut neugierig umher und entdeckt am Himmel eine kleine weisse Wolke. Der einsam Dahinwandernden huepft das Herz. Ach, arme Seele! Wuensche, die sich erfuellen, bringen nur neue Sehnsuechte mit neuen Fragen, naemlich ob denn diese erfuellt werden koennen. Das oeffnet die Tore zu einer ganz anderen Art von Schmerz.

    Die weisse Wolke am Himmel bleibt nicht allein. Andere folgen. Wind treibt sie vor sich her. Es werden ihrer immer mehr. Eine wilde Jagd beginnt, als wollten sie sich vom Wind befreien. Sie eilen voran vom freien weiten Himmel zum Himmelsrand. Dort bilden sich massive Wolkenberge. Die sind aber nicht mehr unschuldig weiss. Graue Wolkenarme greifen nach der Sonne. Lautlos verschlingen sie sie samt Waerme und Licht. Sogar der Wind verliert seinen Atem und die Luft bewegt sich nicht mehr. Die Wolken werden immer dunkler, sind an manchen Stellen beinahe schwarz. Sie schliessen sich zu einer dichten Decke aus der dicke und schwere Baeuche nach unten haengen. Vereinzelt sieht sie Wetterleuchten, einmal hier, einmal da. Zuerst ist es noch stumm und die Stille um sie ist dichter als je zuvor. Sie fragt sich ob das was sie in der Ferne zu sehen glaubte, ihr Schutz bieten koennte und sie beschleunigt ihren Schritt. Doch nicht lange danach kehrt der Wind zurueck, wuetend, wie ihr scheint ob der Pause, die ihm aufgezwungen worden war. Fauchend rast er nun ueber die Erde. Nichts haelt ihn zurueck, kein Baum, kein Strauch, kein Huegel, kein Haus. Er treibt Staub und trockene Graeser vor sich her und lustvoll heulend faehrt er in die Wolkenbaeuche, um deren Schleusen zu oeffnen. Zuerst ist sie weiter gegangen, doch der Wind wird immer staerker, ist jetzt ein Sturm, gegen dessen wuetende Boen sie sich kaum zu wehren vermag und die sie von allen Seiten angreifen. Vielleicht wollen sie auch nur ein Spiel mit ihr treiben wie eine rauhe Mannschaft sich mit einem Ball vergnuegt. Der Himmel ist so schwarz, dass man glauben moechte, die Nacht sei zurueckgekehrt. Durch ihn zucken nun die ersten Blitze und donnerndes Rollen und Krachen erfuellt die Luft. Sie zittert. Angst bemaechtigt sich ihrer. Sie kauert sich auf den Boden so flach sie kann. Die ersten dicken Wassertropfen klatschen auf ihre Haut. Ein Blitz folgt dem andern knapp nacheinander. Der vorige hat noch nicht sein Werk beendet, wenn der naechste bereits ein neues Feuerwerk beginnt. Sie werden immer greller und mit dicken Venen zeichnen sie bizarre Muster auf bleischwerem Grund. Donner rast pausenlos ueber sie drueber, uebertrumpft das Sturmesgebruell. Der Regen stroemt gnadenlos aus dem Himmel. Die Erde kann garnichts mehr aufnehmen, nachdem sie sich schnell satt getrunken hat. Es formen sich riesige Pfuetzen und wilde Rinnsale breiten sich aus. Der Boden wird schlammig. Es bleibt ihr nichts anderes uebrig als aufzugeben. Sie kauert sich mitten hinein in den Schlamm, denn das ist nun ihr bester Schutz. Der Regen verdichtet sich so sehr, dass sie kaum Luft zum Atmen hat. Aber die Anst, die sie verspuert, wird langsam stumm. Da ist nichts, was sie tun koennte. Sie kann weder dem Blitz sagen, dass er aufhoeren soll so ohrenbetaeubenden Laerm zu machen. Noch kann sie dem Donner befehlen, sein grausames grell leuchtendes Zucken aufzugeben. Auch der Sturm wuerde ihr den Gefalllen nicht tun, seine peitschende Naesse abzulegen. Der Regen ist der schlimmste von allen. Seine Tropfen werden zu blankem Eis. Sie versucht so tief wie moeglich in den schlammigen Boden zu kriechen. Mit den Armen schuetzt sie ihren Kopf. Ihr Herz schlaegt ganz wild. Sie laesst ihren Willen wegwandern und laesst sich von ihren Sinnen betaeuben. Ploetzlich wird alles so leicht. Die Empfindungen sind von ihr gewichen und sie beginnt zu traeumen. Man koennte ihren Zustand dahindaemmern nennen, dort wo die Realitaet zwar ein Muster ergibt, doch ihre Forderungen enden. Es ist ein Zustand, der durchaus angenehm ist. Keine Verantwortung mehr, keine laestige Konsequenz, – damit laesst es sich leben und ohne Furcht sterben. Gerechterweise muss gesagt werden, da ist wirklich nichts, was sie tun koennte. Sie muss sich einfach ergeben.

    Wilde Traeume bemaechtigen sich ihrer und sie verliert den Zugang zu ihrem Verstand. Sie kann nicht mehr unterscheiden, was Wirklichkeit ist oder Traum. Sie weiss nicht, wie lange sie sich in diesem Zustand befunden hatte, denn irgendwann kommt sie zu sich, aber so bizarr diese Traeume auch gewesen sein moegen, mit dem Oeffnen ihrer Augen fallen diese, wie Traeume das so tun, in den Brunnen des Vergessen. Sie hat immer noch das Sturmgebruell in den Ohren, doch da ist kein Unwetter mehr. Das scheint nun eine Gewohnheit zu werden, dass sie an Orten erwacht, die sie nicht kennt und dann nicht weiss, wie sie dahin gekommen ist. Freilich, diesmal ist es nicht ganz so losgeloest von Erinnerung, auch wenn sie sich vieles selbst zusammenreimen muss, gibt es doch eine bessere Erklaerung. Sie befindet sich naemlich in einem Haus, lehnt mit dem Ruecken an einem grossen Tor. Sie hoert den Regen draussen gegen das Holz trommeln, was soviel heisst, dass sie sich irgendwann weitergeschleppt haben muss, und die wilden Traeume durchaus mit dem Wirklichen im Zusammenhang standen. Wahrscheinlich hatte sie ihren Weg fortgesetzt, nachdem das Aergste des Sturmes vorbei war, in der Hoffnung, dass das Etwas in der Landschaft, das sie wahrgenommen hatte, doch keine Fata Morgana war, sondern eben etwas, das ihr helfen konnte. Dass sie nun in einem Haus gelandet ist, ist natuerlich eine mehr als willkommene Ueberraschung. Im Moment hat sie keinen Platz fuer Fragen oder Vorbehalte oder was auch immer ihr Verstand vorbringen koennte, denn sie ist, wie sie glaubt, mehr beim Sterben gewesen, als in Erwartung zu ueberleben.

    Sie schaut vom grossen Tor geradewegs in einen langen Gang, mit einem Steinboden, glatt und kalt. Er ist nur spaerlich beleuchtet. Das Haus scheint allerdings sehr gross zu sein, mehr ein Gebaeude, denn Haus. Die nackten Lampen, die von der Decke haengen, schwingen in der Zugluft, die wahrscheinlich durch irgendwelche offene Tueren oder Fenster kommt. Sie froestelt, blickt an sich runter. Sie ist bedeckt mit Schmutz und Schlamm. Die nassen Haare kleben an ihr und ihr Koerper schmerzt, doch hat sie keine Wunden. Sie hat also alles heil ueberlebt.

    Ist das nun die Rettung oder ist es nun doch nur Einbildung oder ein anderer Traum? Nein, nein! Es hat schon alles seine Richtigkeit, denn gleich am Anfang des Ganges, nur wenige Schritte von ihr, steht eine Tuer offen. Als sie darauf zugeht, vernimmt sie Stimmen und Geraeusche. Sie bleibt im Tuerrahmen stehen und schaut in einen einfachen Raum. In einer Ecke steht ein Bett mit frisch bezogenem Leinen, in einer anderen ein grosser Holzbottich, aus dem heisses Wasser dampft. Eine rundliche, aeltere Frau ist damit beschaeftigt mehr Wasser heranzuschaffen, um den Bottich anzufuellen. In der Mitte des Raumes steht ein Tisch voll mit Speisen und Getraenken, an dem eine andere junge Frau geschaeftig Teller und Tassen arrangiert. Der Frau mit den Kruegen entfaehrt ein Schrei, als sie die Gestalt im Tuerrahmen erblickt. Sofort hoeren die beiden mit ihren Arbeiten auf und stuerzen sich auf den Ankoemmling, gerade rechtzeitig, denn die Gestalt haelt sich nur noch mit Muehe auf den Beinen. Die Junge drueckt sie liebevoll an sich und plappert drauf los, ohne auf Antworten zu warten. Das waere ohnehin sinnlos, denn sie sprechen eine fremde Sprache.

    Man ist sehr besorgt um sie, steckt sie ins heisse Bad und gibt ihr frische Kleider. Sie wollen auch, dass sie etwas isst, aber sie kann nur etwas trinken und ist froh, als sie ins Bett kommt. Ein Mann erscheint, inspiziert sie sorgfaeltig, scheint mit den Ergebnissen zufrieden. Er und die aeltere Frau verlassen den Raum, waehrend die Junge sich ans Bett zu ihr setzt und froehlich drauf los redet, sie immer wieder taetschelt und gluecklich lacht. Es scheint ihr nichts auszumachen, dass die Unterhaltung voellig einseitig ist. Weil der Neuankoemmling ohnehin muede ist, klingt das pausenlose Reden, wie ein beruhigendes Lied und sie faellt alsbald in einen erquickenden Schlaf.

    Sie braucht Tage, bis sie sich erholt. Es fehlt ihr an nichts. Man sorgt fuer sie umsichtig und liebevoll. Nach einigen Tagen gibt man ihr einen Namen, wie sie feststellt. “Goerlim“ rufen sie sie. Wie laecherlich!

    „Ich heisse nicht Goerlim,“ protestiert sie empoert. „Ich heisse Femina!“ ——-, es durchfaehrt sie heiss. Sie koennte vor Glueck zerspringen! Sie weiss wieder, wie sie heisst! Sie kennt wieder ihren Namen! Was macht es da schon aus, dass niemand ihre Sprache versteht und keiner auf ihre Proteste reagiert! Sie laesst es, bis auf weiteres bei ‚Goerlim‘ bewenden.

    Mit jedem Tag fuehlt sie sich besser. Nicht einmal der Umstand, dass sie eine Fremde ist, macht ihr zu schaffen. Da sind haufenweise Gefuehle, nach denen sie sich orientieren kann. Gefuehle sind ueberall gleich und damit leicht zu begreifen. Der Rest ist eine Frage der Zeit und der Bereitschaft zu lernen. Sie entwickelt eine besonders gute Beziehung zu der jungen Frau, die sie von Anfang an so liebevoll aufgenommen hat. Mit ihr kann man auch ohne Worte viel lachen und manchmal ist es schon allein deshalb komisch, weil man nicht immer weiss, ob man sich ueber diesselben Dinger amuesiert. Pia heisst sie, das hat sie verstanden. Ein huebscher Name, passt gut zu ihr. Sie hat sich mit ‚Goerlim‘ abgefunden, wenn man sie schon unbedingt so rufen will. Das ist doch nur zur allgemeinen Erleichterung. Sprachen haben ganz allgemein diesen Zweck, sind eine Hilfe und im weitesten Sinne Notwendigkeit. Somit beginnt sie sich mit der ihr fremden Sprache intensiv zu befassen. Sie lernt sie sehr schnell, doch hoert sie lieber zu, als selber zu sprechen, – vorlaeufig wenigstens.

    Es hat ziemlich viele Besuche gegeben seit sie aufgenommen worden ist, so hat sie vernommen. Da sie nicht weiss, wie sie sich verhalten soll, zieht sie es vor, reserviert zu bleiben. Ehrlich gesagt, die meisten Leute interessieren sie auch nicht. Aus einer ganzen Schar konnte sie nur zu drei weiteren Personen gefuehlsmaessige Beziehungen herstellen. Einer davon ist Dimitri, Pia’s Lebensgefaehrte. Die anderen zwei sind ebenfalls ein Paar, etwas aelter an Jahren und Freunde der Familie, von seiten Pia’s, wie man sowas zu bezeichnen pflegt. Dimitri ist ein gutaussehender junger Mann mit dichtem Schwarzhaar und blauen Augen. Er war anfangs richtig unbeholfen, wenn er versuchte mit ihr zurecht zu kommen, allein schon wegen der sprachlichen Schwierigkeiten. Aber er war sehr geduldig und aufmerksam, das knuepfte die ersten Bande. Inzwischen sind diese durchaus stark geworden. Er ist selber kein Mann vieler Worte, geht jeden Tag zur Arbeit, kommt immer gleich nach Hause und verbringt jegliche Freizeit mit Pia und natuerlich jetzt mit ihnen beiden. Er scheint ebenso wenig, wie Femina, an jeweiligen Besuchern interessiert zu sein. Er liest viel und weiss viel zu erzaehlen, denn er ist viel herumgereist. Viele seiner Reisen waren bei Fuss, als Handwerksbursche und das ist ihm geblieben. Er liebt das Wandern und geht, wo er nur kann, ueberallhin zu Fuss. Pia ist ganz und gar anders. Sie ist von geselliger Natur und hat ein offenes Herz fuer alle. Allerdings, mit dem Wandern hat sie es nicht. Das muss Dimitri meistens alleine tun, obwohl er nun ohnehin nur mehr Ausfluege macht, nicht grosse Wanderungen. Nein wirklich! Sie hat grosses Glueck gehabt, von diesen beiden aufgenommen worden zu sein. Es ist ihr Zuhause, sagen sie. Na ja, das ist es nun wohl nicht, das weiss sie besser, aber sie fuehlt sich zu Hause bei ihnen und will sie nicht kraenken, indem sie sich ablehnend verhaelt.

    Manchmal schluepft sie hinaus in den langen Gang mit dem kalten Steinboden und den mueden Lampen. Doch das Eingangstor ist weg. Da ist nur eine mit Holz verkleidete Wand. Sie fragt sich natuerlich, was wohl damit geschehen ist und warum. Irgendwann wird sie Pia und Dimitri darueber befragen. Offensichtlich, der Weg aus dem Haus muss nun ein anderer sein, denn ein zurueck gibt es nicht, obwohl sie das auch garnicht wollte. Trotzdem kann sie sich aber nicht damit anfreunden, das Haus als Endstation zu sehen, und, es stimmt sie unbehaglich, dass ein Tor nicht zum Hinein- und Hinausgehen dienen sollte und nun wegge- schlossen war oder gar ueberhaupt nicht mehr existiert.

  • DNS II, Kapitel 1, Teil 1

    Die Geschichte beginnt zwischen Tag und Nacht, mit der Morgendaemmerung, um genau zu sein. Nichts ungewoehnliches, denn es wird ein Morgen wie jeder andere auch, aber fuer die eine Person wohl nicht, die jetzt noch schlaeft, friedlich zusammengerollt, in einer Mulde zwischen Felsgestein. Der Kopf ruht auf dem angewinkelten Arm. Der Brustkorb hebt und senkt sich. Die langen Haare fallen wie ein Vorhang ueber Gesicht und Schultern. Es ist eine weibliche Gestalt, voellig nakt, und obwohl um diese fruehe Stunde die Luft am kuehlsten ist, scheint die Schlafende davon nichts zu spueren.

    Am Horizont kuendet sich zaghaft der Morgen an. Blass bahnt er sich durch dunstige Schleier und es ist ausnehmend still, kein Vogelgeschrei, kein Rascheln von Gras, die Nacht verschwindet ganz leise. Zwischen Himmel und Erde faerbt es sich orange-rot und ueber das Land ergiesst sich langsam ein waermendes Licht, taucht alles in goldrote Farbe. Die Schlafende dehnt sich im Schlummer, streckt ihre Glieder und schlaegt die Augen auf. Der Schlaf verlaesst sie nur schleppend, obwohl die Sinne ihm hart an den Fersen sind. Sie setzt sich auf. Just in dem Augenblick steigt am Horizont die Sonne auf. Zuerst ist nur ein gold leuchtenden Rand zu sehen, aber nach und nach erscheint sie in all ihrer runden Fuelle. Muehelos laesst sie die Morgenschleier hinter sich zurueck, die schliesslich in verschaemter Roete verloren gehen. Es ist eine wundersame Sonne. Sie schwebt leicht zu wie eine Feder, obwohl sie schwer sein muss, denn sie ist so gross und glaenzt als sei sie eine Kugel aus purem Gold. Man koennte meinen eine unsichtbare Hand habe sie aus der Tiefe der Nacht ueber den Horizont gehoben und auf ihre Bahn gesetzt. So wie die Morgenroete verlischt, ist der neue Tag geboren.

    Die eben Erwachte hat diesem Schauspiel bewundernd zugesehen. Nun erst schaut sie um sich. Verstaendnislos, verwirrt und erstaunt mustert sie ihre Umgebung, nahe und ferne, egal wohin sie blickt, sie kennt sich nicht aus. Die Gegend ist ihr voellig fremd und sie kann sich auch nicht erinnern, wie sie hierher gekommen ist. Da befindet sich hinter ihr eine Barriere aus Felsen, die sich wie ein Band nach rechts und links vom Lager in die Ferne zieht und vor ihr liegt eine Ebene soweit das Auge reicht. Die Felsen hinter ihr tuermen sich hoch, sind rund und glatt geschliffen. Steinruecken greifen wie riesige Finger nach vorne hinein in die trockene und harte Erde, die dann groessere und je weiter weg sie sind, kleinere Steininseln formen, bis schliesslich auch diese verschwinden und in losem Gestein untergehen. Und dann ist nichts wie Ebene. Flach, wie ein gepresstes Stueck Holz, kein Busch, kein Baum, nicht einmal Gras. Im gelblichen, von feinen Rissen durchzogenen Boden gedeihen nur wenige sehr bescheidene Halmgewaechse. Es mangelt ganz offensichtlich an Wasser und von Tieren ist keine Spur.

    Die junge Frau schliesst ihre Augen, versucht ganz tief in sich hineinzugehen, um sich zu besinnen. Oder ist das alles nur ein Traum? Sie stellt bald fest, sie ist schon wach, aber sonst kann sie sich an nichts erinnern.

    ‚Verdammt! Wie kommt sie bloss hierher? Was wollte sie da? Warum ueberhaupt?‘ Sie versucht sich erneut zu konzentrieren mit aller Kraft, hoert nach innen, schaut nach innen, durchforstet ihr Gehirn. Aber da sind nur sehr wenige klare und sonst nur sehr viele verschwommene Bilder, mit denen sie nichts anfangen kann. Da ist kein Hinweis auf was Konkretes und schon gar keine Antwort auf ihre Fragen. Es kommt aber noch schlimmer. Sie stellt naemlich fest, dass sie nicht einmal weiss, wer sie ist, oder wie sie heisst.

    Panik beginnt sich in ihr auszubreiten. Sie springt hoch und versucht verzweifelt einen Weg nach oben ueber die Felsen zu finden. Schliesslich muss sie die Sinnlosigkeit dieses Unternehmens einsehen. Sie wuerde nur ihren Hals riskieren ohne Aussicht auf Erfolg. Der Felswall scheint sich immer hoeher und hoeher aufzutuermen, und der Stein ist zu glatt, sie findet keinen Halt. ‚Zurueck kann sie also nicht, dieser Weg scheidet aus.‘ Sie laesst sich verzagt nieder. Steinsitze gibt’s ja genug.

    Langsam beruhigt sie sich, beginnt sich sogar wegen ihres Kleinmutes zu beschimpfen. Sie hat schliesslich keinen Grund so vorschnell zu verzweifeln. Ihren Verstand hat sie ja noch, und der sollte ihr helfen, anstatt sie in Panik zu treiben! ‚Eines nach dem anderen,‘ sagt sie sich und beginnt systematisch mit einer Bestandsaufnahme: ‚Sie kann sich also an nichts erinnern, das ist die Basis von der aus sie agieren muss. Zweitens, ein Weg scheidet bereits aus, um etwaige Klarheit zu finden, hat sich bereits als unmoeglich erwiesen, die Felsen hoch zu klettern. Wohl koennte sie die Felsbarriere entlanglaufen, aber sie scheint genauso fern sich hinzuziehen, wie die Ebene vor ihr. Und wer sagt schon, dass sie dann einen Weg ueber die Felsen findet. Sie koennte durchaus im Kreis laufen, und was hinter ihr liegt, – nun, – das muss ja auch nicht unbedingt des Raetsels Loesung bringen.‘

    Sie seufzt. ‚Was bloss ist passiert? Und warum?‘ Sie kann nicht umhin, sie fuehlt sich ausgeliefert und voellig verlassen. Dieses verdammte schwarze Loch in ihrem Kopf, dort, wo ihr Gedaechtnis einmal war! Wut steigt in ihr hoch und Aggressionen, aber damit ist ihr auch gedient. Sie kann sie nur gegen sich selbst richten und das ergibt keinen Sinn. Es muss schliesslich auch, oder zum Teil wenigstens, ihre Schuld sein, fuer das, was auch immer, geschehen ist. Wer weiss, worauf sie sich eingelassen hat und aus welchen Gruenden. Und jetzt hat sie’s einfach mit Konsequenzen zu tun. Sie seufzt wieder. Selbstvorwuerfe bringen sie auch nicht weiter. Was kann sie wirklich tun? Hier sitzen bleiben? Warten? Die Sonne hat bereits einen Teil ihres Weges am Himmel zurueckgelegt, unbeirrt, und die Schatten wandern mit ihr. Sie gleisst ganz in Weiss, ihre Roete ist laengst Vergangenheit.

    Langsam beginnt die Gedaechtnislose zu begreifen. Sie hat zwar ihr Gedaechtnis verloren, dafuer aber ein nagelneues Bewusstsein erhalten. Genau betrachtet kann das ein Vorteil sein, eroeffnet es doch neue Moeglichkeiten. Nichts zu wissen, frei sein von Vergangenem, – das ist wie das Aufschlagen eines neuen Buches mit unbeschriebenen Seiten. Es bietet die Chance, neue Wege zu gehen, die man sonst nicht ins Auge fassen wuerde, weil Gedaechtnis schliesslich auch beschraenkend sein kann. Ploetzlich scheint ihr ihre Situation nicht mehr ganz so trostlos. Sie spuert sogar etwas Optimismus. Na wenn schon alles so ziemlich raetselhaft ist, sie ist ein Fatalist. Sie kann nehmen, was da ist und viel braucht sie ja nicht. Damit steht fest, dass sie nicht hierbleiben und auf Ominoeses warten wird. Sie wird sich auf die Beine machen. Die Ebene vor ihr waehlt sie als ihre Zukunft. Es ist egal, ob das was bringen wird, sie will jedenfalls was tun. Vielleicht kehrt auch allmaehlich ihr Gedaechtnis zurueck, vielleicht hilft ihr das Neue sich zu erinnern. Mit Hoffnung lebt’s sich immer gut und Mut hat sie auch genug. Was hat sie denn schon zu verlieren! Ihr Leben? Das scheint ihr augenblicklich kein grosser Verlust, – es laesst sich nicht einmal identifizieren. Sie kann sich ohnehin gluecklich schaetzen, – ihre Sinne, ihr Verstand, ihre Organe funktionieren reibungslos und stehen ihr voll zur Verfuegung. Sie ist weder verletzt, noch irgendwie behindert, – dem Himmel sei Dank! Es ist ihr aber auch klar, dass sie nach ihrem Gedaechtnis suchen wird, daran soll sie niemals etwas hindern. Sie weiss naemlich, dass altes Wissen vieles leichter macht, wenn man es nur richtig verwendet. Sie wird daher jeder aufsteigenden Erinnerung nachgehen, egal wie vage sie sein mag. Sie will, ja sie muss sich Klarheit zu schaffen. Sie verzichtet auf ihren Verstand zu hoeren, mit seinem wenn und aber, dafuer ist es laengst zu spaet. Das haette sie frueher tun muessen. Und fuer zum Reue hat sie erst recht keinen Grund, – sie wuesste nicht einmal was. Besser, sie beschaeftigt sich mit dem, was ist und was sie hat.

    Ihre Augen schweifen umher, um sich mit dem was da ist, vertraut zu machen. Sie muss gestehen, sie findet die Gegend bizarr. Leben scheint kaum zu existieren und doch, die Landschaft ist in ihrer Einfachheit aufregend schoen und auch Bewegung ist da, – das Auge nimmt nur nicht alles wahr.

    Die Sonne hat den Zenit ueberschritten und brennt nun gnadenlos heiss. Die Felsen reflektieren die Strahlen, glaenzen selbst ganz metallen. Sie beobachtet ihre Umgebung fuer eine Weile ganz genau. Es ist, als halte sie Zwiesprache mit ihr. Sie versteht das Land in seiner Sprache. Es geht um Sein und Endlichkeit und um fortschreitendes Veraendern, aber auch um Schein und Wirklichkeit, um Information und Beweisen. Sie fuehlt sich stark werden, ist wie ein Schwamm, der sich voll saugt mit Kraeften vom Fels, und wie die Halme wird sie sich mit Tau begnuegen. Verzagen? Verzweifeln? Wovor! Wofuer!

    Sie steht auf und beginnt geradewegs in die weite Ebene heineinzuwandern. Im Moment scheint das das einzig Sinnvolle zu sein. So wird sie ihr Bewusstsein vergroessern und ihr bewusst Sein erweitern. Sie wird anstatt verzagen, lernen und die Verzweiflung der Kritik ueberlassen. Damit schreitet sie schnurstracks voran, ungewiss dessen, was sie erwartet, oder was sie erwarten kann.

  • DNS, Kapitel 3, Epilog

    “Sein oder Nichtsein? “ – Was ist hier die Frage? Ob das Hier oder das Drueben schoener ist? Auch, doch das beruehrt wohl nicht den Kern der Sache. Vielmehr geht es um das Warum?

    Das Sein kann man sehen, sein Wie beantworten. Das hat natuerlich seine Tuecken, weil man zu sehr auf das Wahrnehmbare baut, ohne das Nichts zu beruecksichtigen. Tatsache ist, beides existiert, Sein und Nichts, denn die Logik bestimmt, dass, wo es ein Hier gibt, gibt es ein Drueben.

    Die Frage ist daher nicht ein ‚entweder- oder‘, sondern ein ‚und‘, „Sein und Nichtsein.“ Doch beides laesst die Frage offen: Warum? Wo bleibt der Sinn, was ist der Grund?

    Da behilft man sich halt irgendwie, – mit Phantasie, mit Theorie, mit Wissenschaft, mit all den verschiedenen Religionen und den intelligenten Konzepten verschiedener Philosophen.

    Das ist jedoch der Grund fuer die allgemeine Unsicherheit, fehlt es doch an der ersehnten und nachweisbaren

    ALLGEMEINGUELTIGKEIT

  • DNS, Kapitel 3, Teil 2

    Es scheint sie muss sich an die ploetzliche Stille erst gewoehnen. Die Sinne sind noch immer im ‚overdrive‘. Sie streckt sich aus, benutzt den zusammengerollten Schlafsack als Kopfkissen. Sie starrt eine Weile in den Himmel. Waessrig blau ist er und kuehl. Die feuchten Nebel lassen sich bereits erahnen und Sterne wird sie heute Nacht vielleicht keine sehen. Feuchte Luft streichelt ihre Wangen. Wie eilig die Sonne es mit einem Male hat! Grad war sie noch hinter den Baeumen zu sehen, jetzt ist sie weg und die Schatten werden immer laenger.

    Sie springt auf, nimmt sich die notwendigen Dinge und eilt zum Wasserfall. Besser sie macht sich fertig fuer die Nacht, spaeter wird sie dazu keine Lust mehr haben. Sie waescht sich sorgfaeltig. Das Wasser ist kalt, aber es regt die Durchblutung an. Nachdem sie sich vehement trockenreibt und in den warmen Trainingsanzug schluepft, fuehlt sie sich behaglich frisch. Sie fuellt die Thermosflasche voll und kehrt zum Lager zurueck. Dort werkelt sie munter weiter, sammelt Holz fuer’s Feuer und richtet sich ihr Nest zum Schlafen. Irgendwann faellt ihr auf, dass die Voegel rund um sie laermen, grad so als befaende sie sich auf einem Schulhof voll schreiender Kinder. Sie schaut um sich. Die Daemmerung ist fortgeschritten und die Muecken tanzen nicht mehr. Der Nebel sammelt sich im Tal. Der Himmel glaenzt metallen blau und tatsaechlich blinken vereinzelt die Sterne. Nur der Mond laesst sich noch nicht blicken. Er ist im Abnehmen, – also nicht grade in seiner romantischen Phase. Aber das ist sie auch nicht, und die Duefte aus dem Wald erinnern an Moder und Schimmelpilz. Es ist die Wuerze des Herbstes, mit unverkennbarem Geschmack.

    Sie stuelpt sich einen Pullover ueber und setzt sich mit verschraenkten Beinen auf die Matte, schaut aufmerksam das Tal entlang. Graue Schwaden kriechen die Huegel hoch und der Nebel wird immer dichter. Nebel hat sie als Kind schon gemocht. Da gab es die weissen Nebelfrauen in ihren Maerchen, die um ihrer Schoenheit willen, Schleier trugen. Und da war der Prinz, der sich in ihre Prinzessin verliebte, als er sie einst im Spiel auf den Feldern sah. Er hat seine Angebetete nicht bekommen, denn jedesmal, wenn er nach ihr greifen wollte, hatte er Nichts in der Hand. Er wurde krank vor Liebe, bis er eines Tages beschloss, ins Reich der Nebel zu gehn. Dort hat er seine Liebe dann wohl gefunden, denn fortan wurde er nicht mehr gesehn. Traurig schoen!!!!!

    Oder schoen traurig???? Ist das nicht der sprichwoertliche Widersinn? Vielleicht ist es die Widerspruechlichkeit in den Worten, die sie mit einem Male irritiert. Oder auch nur ihre Abneigung Schoenheit mit Traurigkeit zu verbinden? Hm, sie macht wirklich den Fehler, Absolutes zu isolieren und Zusammenhaenge zu negieren. – Trauer ist schoen?! – Igitt! – Auch wenn das der Fall ist, – sie lacht lieber. Aber drum gibt es die Maerchen, sie machen selbst das Traurige schoen.

    Mittlerweile hat der Nebel das Tal unter ihr mit seiner dunkelgrauen Decke weggeschluckt. Es ist nun ziemlich dunkel und auffallend still. Jetzt kann sie den Wasserfall rauschen hoeren und das Rascheln von Nachtgetier. Sie macht Feuer, bringt es richtig schoen zum Brennen. Kein Windlueftchen regt sich und die trockenen Zweige knistern und knacken, spucken die Funken uebermuetig umher. Sie schiebt groessere Aeste nach, und schichtet schliesslich ein paar dickere Holzstuecke drueber, solange bis sie genug Glut hat, um ihre Maiskolben zu roesten, die sie zu diesem Zweck mitgebracht hat. Sie plaziert die preparierten Paeckchen in den Kohlen seitlich des Feuerherdes. Das Feuer ist hoch genug und strahlt in wohltuender Waerme. Es wird kein Problem sein es wach zu halten und wenn sie es noch fuer eine Weile mit den dicken Aesten fuettert, wird die entstehende Glut lange genug weiterglosen, vielleicht sogar bis in die kuehlen Morgenstunden, sollte sie es neu anfachen wollen. Doch das ist diesmal nicht unbedingt noetig, da sie vorhat, mit Tina und der Kleinen im Gasthaus zu fruehstuecken.

    Eine Weile spaeter angelt sie die Maiskolben aus der Glut und ist sehr zufrieden mit dem Resultat. Tief golden sind sie, mit einigen wenigen dunkelbraunen Brandflecken, grad richtig, um sie saftig genug sein zu lassen. Die Aluminiumfolie, mit der sie sie eingewickelt hatte, dient gleichzeitig als Behaelter, der das Ablaufen der zerschmolzenen Butter verhindert. Hmhm, yumm! Sie ist versucht, ihre Delikatessen zu verschlingen, doch damit waere dem Genuss ein zu schnelles Ende gesetzt. Sie nimmt daher jeden Bissen mit all ihrer sinnlichen Aufmerksamkeit und kaut ganz langsam, sodass das Aroma sich entfalten kann und seinen direkten Weg in ihr Gehirn findet. Die leeren Kolben schmeisst sie ins Feuer, schuert die Glut und legt mehr Astwerk und dicke Holzstuecke drauf um das Feuer zu beleben. Sie unterlaesst es sich Tee zu bruehen. Stattdessen langt sie nach der Thermosflasche und trinkt das klare Wasser, das vorzueglich schmeckt. Was koennte im Augenblick besser sein!?

    Nachdem sie sich befriedigt ausstreckt, haben ihre Gedanken wieder freie Bahn, um ihre Aufmerksamkeit zu erlangen. Eigentlich wuenscht sie sich nichts mehr als Ruhe, aber sie ist zu satt fuer Widerstand. Sie laesst ihnen daher freien Lauf.

    Abschiednehmen! Das ist das Thema, mit dem sie sie herausfordern, ist es doch das letzte Mal, dass sie diesen Platz besucht. Zweifelsohne, sie will nichts wie weg. Und doch, sie muss gegen ihr eigenes Verharren wollen ankaempfen. Das Bekannte macht alles bequem, eben weil es so vertraut ist. Das Unbekannte mag zwar vielversprechend sein, aber es ist ebenso mit Angst besetzt. Der Verstand will naemlich immer alles ganz genau wissen und Kontrolle haben, draengt damit auf einen detailierten Plan. Er weiss aber gleichzeitig, dass die beste Planung nichts hilft, denn Unvorhergesehenes kann man nicht einplanen und es mag unter Umstaenden jeden noch so guten Plan voellig ueber den Haufen werfen. Am meisten bedrueckt sie jedoch der Abschied von ihren Eltern. Sie sind grossen Reisen nicht mehr gewachsen. Selbst die kleineren werden immer seltener. Sie hat keine Garantie, dass sie sie wiedersehen wird. Doch das ist Abschied. Jeder Augenblick ist Abschied. Nur weil ein Augenblick so kurze Zeit fuer Trauer laesst, nimmt man davon keine Notiz. Abschied hat das Endgueltige im Schlepptau, egal ob es sich dabei um einen Augenblick oder einen Atemzug handelt, oder um Stunden, Monate oder ein Leben. Es bleibt einem nichts anderes uebrig als die Trauer miteinzubeziehen, jedesmal, auch wenn man nur ‚Auf Wiedersehen‘ sagt oder gar ‚Adieu‘. Das Unvorhergesehene kann naemlich immer geschehen. Man wuerde jedoch seinen Verstand ueberfordern und von Trauer ueberwaeltigt sein, wuerde man das Ende in jedem Augenblickes bewusst erleben, oder gar erleben wollen. Allerdings findet sich darin aber auch das Einmalige, sozusagen, jeder Augenblick ist ein Grund zum Feiern. Abschied nehmen ist viel schlimmer, wenn man das Feiern nicht wahrgenommen hat. Zweifelsohne, sie wird ihre Lieben vermissen, jetzt oder spaeter, denn irgendwann werden naemlich ihre Eltern sich von ihr verabschieden. Die Trauer bleibt ihr nicht erspart.

    Was aber ist es, das ihre Flucht so brennend macht? Es ist Flucht, auch wenn sie keine Gefangene ist. Es war freiwillig, dass sie einen Arbeitsvertrag einging. Sie war sich bewusst, dass das Land einiges zu wuenschen uebrig liess, aber es ist ganz gewiss nicht das Schlechteste von allen. Ja, die Menschen moegen wenig Toleranz haben, strikt an ihren Traditioenen haengen, sie moegen wenig Humor haben und ziemlich phantasielos sein, aber das ist keineswegs schlimmer als es andere Voelker sind, oder? Freilich, man kann sich schwer vorstellen wie sich die taegliche Realitaet auf seinen Gemuetszustand auswirkt. Der stete Tropfen hoelt den Stein. Es gibt schliesslich nicht umsonst eine Folter, die tatsaechlich diesen Effekt zur eleganten Anwendung bringt. Man laesst einen Wassertropfen stetig auf den Kopf des armen Individuums fallen. Nach einer Weile ist der Wahnsinn garantiert. War sie diesen Tropfen zu lange ausgesetzt? Ist es die Borniertheit, das Schienendenken, oder nur Einbildung und Unfaehigkeit, die das hiesige Volk selbstgefaellig macht und hindert, sich dem Neuen oder Fremden gegenueber aufgeschlossen zu zeigen? Sie lieben Uniformismus, leben mit Scheuklappen, um ja nicht in ihrem Trott gestoert zu werden. Sie luegen sich frei von jeder Verantwortung, wenn man ihre korrupten Entscheidungen aufdeckt und sind ziemlich humorlos, ausser sie koennen andere zum Gespoett mach. Es scheint, sie haben nicht einmal Zeit zum Traeumen und verstehen sich selbst nur durch ihre Arbeit. Tatsaechlich, das kann jeden gesunden und lebensbejahenden Menschen zur Flucht veranlassen! Nicht dass der Rest der Welt ein Paradies ist. Das gibt es nirgends, wo man Menschen findet, vorallem nicht, wenn sie in Massen auftreten. Deren Verhalten mag anderswo noch viel grausamer sein. Allerdings es noch nicht lange her ist, dass hier der Wahnsinn stattgefunden hat. Seine Spuren sind noch deutlich zu sehen und die Ereignisse sind unvergessen. Sie laechelt zynisch. Sie haben sehr oft von Vergangenheitsbewaeltigung gesprochen, – sie haben sie nicht bewaeltigt, sie wollen bloss nichts mehr davon hoeren. Letztlich ist alles beim alten geblieben. Systeme moegen sich aendern, aber der Mensch aendert sich nicht. Damit sind die Vorzeichen fuer kommende Zeiten mehr als besorgniserregend. Tatsaechlich, sie hat genug Gruende fuer’s Weiterziehen. Vielleicht ist Alpha 7 auch nur eine Fata Morgana, aber es ist zumindest die Muehe wert, es herauszufinden.

    Sie starrt in die lodernden Flammen. Orange-rot sind sie und heiss. Sie rutscht ein wenig zurueck, ihre Beine bleiben verschraenkt. In dieser Stellung ist es leicht, die Wirbelsaeule grad zu halten und dabei durchaus entspannt zu sein. Der Mond ist nun auch aufgegangen. Er sieht ein wenig verbeult aus. Das einseitige Abmagern scheint ihm nicht zu bekommen. Er versucht den akuten Verlust seiner Schoenheit durch helles Silberlicht auszugleichen, aber feiner Dunst schiebt sich vor ihn. Tatsaechlich braucht er sich keine Sorgen zu machen. Die Zeit loest seine Probleme und verhuellende Nebel helfen ihm. Ihr Blick kehrt zurueck zum Feuer und ihre Gedanken zum Widersinn. Ihre Stimmung hat umgeschlagen. Es gibt kein Karussel mehr in ihrem Kopf. Sie braucht sich ebenfalls keine Gedanken zu machen. ES hilft sich selbst und sie bedarf keiner Eitelkeiten. Sie ist viel zu ehrlich, um ihre Schwaechen zu uebersehen. Sie ist viel zu aufgeklaert, um die Wahrheit zu verkennen und viel zu abgeklaert, um das Schicksal des Menschen zu beweinen. Sie glaubt naemlich nicht, dass die Menschheit sich friedlich regulieren kann. Sie wird sich zu diesem Zweck dezimieren muessen, sonst hat sie insgesamt wohl keine Chance. Und es ist faszinierend, wie konsequent sie auf ihren Selbstmord hinarbeiten, obwohl sie’s garnicht wollen, das behaupten sie wenigstens. Es ist durchaus glaubwuerdig, denn der Grossteil weiss wirklich nicht, was er tut. Ewiges Leben ist nicht erstrebenswert, ausser man lebt im Paradies. Die Erde koennte sowas werden. Ohne Mensch ist sie es ohnehin. Dann wuerde sie bleiben und nicht mehr weiterziehen. Waere das ein Stagnieren? Sie lacht. Das eine ist nicht besser als das andere, die Frage ist nur, was sie gluecklich macht. Ein wunderhuebscher Gedanke fliegt durch ihren Kopf. Er ist viel zu schnell, sie kann ihn kaum fassen. Es war schliesslich nur ein Wort. – Liebe – ,das war’s! Tja, die verdient ganz gewiss einer besonderen Beachtung. Ist es als Ersatz fuer das Paradies? Nicht doch! Als Intrument des Diesseits?! Oder als Verheissung des Jenseits? Weder noch! Der Gedanke an Liebe ist deshalb so schoen, weil sie im wahrsten Sinne des Wortes eine Urkraft ist, hueben wie drueben. Doch auch sie beinhaltet das Gegensaetzliche. Oh Liebeskummer, oh Toetungsschmerz, oh schaurigschoene Himmelsmacht!

    Sie wird immer vergnuegter. Die Flammen tanzen ein verruecktes Spiel. Schizophrenie des Natuerlichen, Zerrissenheit der Seele, Kampf im geschlossenen System. Heiss leckende Zungen sprechen von Vernichtung, rot gluehende Glut zeugt von dramatischen Erfolg. Wie uebermuetige Kobolde vergnuegen sich die Funken. Es knistert und knackt wie toll. Es ist ein Schauspiel sondergleichen. Feurige Liebe, schaurig schoen, – s’ist keine Komoedie, nichts zum Lachen, – aber alles kann man einseitig sehen. Ihr Vergnuegen liegt im Betrachten. Sie hat nicht den Wunsch durch ein Feuer zu gehen. Angst? Aber natuerlich! Tod durch Verbrennen? – Nicht, wenn sie die Wahl hat! Da ist ihr eine scharfe Klinge lieber. Wirklich spassig! Werden und Sterben, aus Liebe…….! Na ja, eine Kraft wirkt in zwei Richtungen, sagt die Physik. Eine Kraft kann sowohl schoepferisch wie zerstoerend sein, sagen die Philosophen. Kraft ist Macht, sagt sie, Femina, und kennt damit die Ursache aller Triebe.

    Sie streckt sich durch, verlegt den Schwerpunkt ihres Kopfes in die Achse ihrer Wirbelsaeule. Darauf kann der Schaedel ruhen, ist nicht mehr als ein Teil der Achse. Sie streckt ihre Arme, lagert sie auf ihren gebeugten Knien. Das gibt ihrem Koerper optimales Gleichgewicht. Wie angenehm ihm das ist! Spannungen loesen sich, sammeln sich in Kanaelen und fliessen ab, ohne Schaden anzurichten. Sie verlassen ihren Koerper durch ihre Knee, Fingerspitzen und Kopf, sanfte Kaskaden stetig im Lauf als waeren Wassertraufen ploetzlich geoeffnet worden. Sie versenkt ihren Blick in die heisse Glut. Die Gedanken benutzen dies als Bruecke, am Ende verbrennen sie dabei. Und das Feuer kriecht hoch zu ihr, als sei da ein Geruest. Bald kann sie nicht mehr sagen, was Feuer und was Femina ist. Sie schliesst halb die Augen, macht ihre Laeden dicht. Jetzt hat sie jedenfalls keinen Koerper mehr. Sie ist frei und kann durch den Kosmos fliegen. Der herbstliche Nebel bildet bloss eine duenne Wand und bietet tatsaechlich keinen Widerstand. Ihr Geist darf gluehen, weiss wie die Sonne und ebenso heiss. Sie versucht mit den Sternen und Planeten zu spielen, doch ach, die duerfen nichts aendern an ihrer Bahn. Die Monde sind damit sehr zufrieden, selbst der ueber der Erde lacht. Er meint, das Chaos da unten sollte genuegen, doch sie sollte an mehr denken, als nur an Gaude und Schabernak. Hm, was ist er doch fuer eine brummige Seele, aber bitte, jeder wie er will! Sie transferiert sich in andere Dimensionen. Sie sucht das Heitere, Zwangslose, mit einem Wort, das froehliche Spiel, ein lebensbejahendes und glueckliches Gefuehl. Aber ueberall gibt es Gerichtetheiten, und egal welcher Art sie sind, – sie repraesentieren Zustaende, und die kann man moegen oder auch nicht. Sie fuehlt sich schwer werden. Sie kehrt zum Boden zurueck. Doch der Raum dehnt sich ins Uferlose, da ist keine Erde zu sehen. ‚Was braucht sie dann Fluegel‘, fragt sie sich und schuettelt sich. Die Federn wirbeln wie Schneegestoeber. Ein paar fliegen ihr in den Mund. Ph, pf, tt……—-, sie spuckt. Die Materie hat sie also wieder. Und das ist nicht besser oder schlechter als sonst irgendwas.

    Sie sinkt weiter in die Tiefe, die Federn hinter ihr drein, gleich dem Schweif eines Kometen. Sie koennten aber auch die Schleppe eines Pfauenvogels sein. Ihr ist beides recht, denn eines hat sie auf ihrer Reise schnell festgestellt: Nirgendwo anders als in sich selbst, kann sie finden, wonach sie sucht. Der Versuch, andere fuer ihr Spiel zu interessieren, hat nichts mit ihrer Existenz zu tun. Sie kann sich auch allein amuesieren, ihr tut das auf jeden Fall gut. Doch sie will nicht ungerecht sein. Das „Draussen“ hat gewiss seinen Sinn. Auch wenn es nur darum geht, Hilfe zu geben, und das Sinnvolle des Lebens wahrzunehmen. Na ja, es schuettelt sie nicht vor Dankbarkeit. Man springt durchwegs brutal mit ihr um. Da sind die starren Systeme, da ist der sture Geist. Aber bitte, jedem das Seine! Es gibt soviel anderes mehr, zum Beispiel, Gleichgesinnte und erfuellte Seelen, die Wahl ist damit garnicht schwer. Doch eines steht fest: Wenn Pflicht zum freudlosen Leben wird und das Glueck daraus verschwindet, dann ist es hoechste Zeit herauszufinden, wie oder was moeglich ist, diesen Zustand oder die Umstaende zu aendern.

    Sie kommt grade am abmagernden Mond vorbei. Sie vergibt ihm die Ruege an ihr, weil er so schoen lacht. Sie laesst sich auf seiner Schlagseite nieder. Der Pfau entfaltet sein schillerndes Rad. Der Mond erkennt sie gleich wieder. Auch er ist ihr nicht mehr gram. Ihm gefaellt ihr praechtiges Gefieder. Sie moege bei ihm bleiben, solange sie mag, zusammen seien sie ein ungewoehnliches Paar. Sie hat nichts dagegen, in Symbiose zu leben, doch leider diktiert er den Lauf. Drum sagt sie ihm nach einer Weile ‚Auf Wiedersehen‘. Das stimmt ihn zwar traurig und er wird richtig blass, aber er kann sie verstehen, macht keine Szene daraus. Sie schenkt ihm die Pfauenfedern und gleich scheint er vor Freude hell auf. ‚Sie solle sich eine seiner Strahlen nehmen‘, meint er, ‚dann kaeme sie sicher und schneller nach Haus. ‚Gute Idee!‘ Das klingt ganz und gar nach Vergnuegen. So hopst sie auf eine seiner Bahnen und ab geht’s…….. – aber herje! – Sie gleitet nicht, sondern sie rast!!!! Die Bahn ist eisig und glatt wie Glas. Die Reibung bringt sie zum Gluehen. Und wenn schon! Das ist jetzt voellig egal, denn sie findet, dass es keinen Unterschied macht, ob sie verbrennt oder am Boden zerschellt. Aber nichts dergleichen geschieht. Ploetzlich endet die rasende Fahrt. Es sind die Herbstnebel, die sie fangen und die kuehlen sie auch ab. Zugegeben, – sie fuehlt sich ziemlich mitgenommen. Alles dreht sich, Uebelkeit steigt in ihr hoch. Sie versucht, irgendwo Halt zu bekommen. Doch wo? Scheint ein recht aussichtsloses Unternehmen, denn um sie ist es kohlrabenschwarz und die Haende begreifen nur Leere. D a i s t e i n f a c h n i c h t s ! ! ! NICHTS ? ? ? Sie faengt lautschallend zu lachen an. Nichts? Das ist doch immerhin etwas. Ihr wird augenblicklich warm ums Herz. Und weil das Herz eine Pumpe ist, hat auch der Koerper was davon. Wenn das Nichts auch nicht viel zu sein scheint, es ist zumindest Alles, was da ist; es ist alles, was ihr zur Verfuegung steht. Ganz ehrlich! Durch d i e s e Deminsion ist sie wissentlich noch nicht gegangen. Jetzt hat sie gar keine andere Wahl. Doch sie straeubst sich. Sie ist nicht mutig, hat Angst verloren zu sein.

    Ein Kauz ruft lockend: „Komm mit! Komm mit!“ Sie hoert den Wasserfall rauschen. Sie ist also zurueck, am Ausgangspunkt, vor dem kosmischen Trip! Das Feuer ist abgebrannt, die Glut beim Verloeschen. Sie ruehrt sich nicht. „Jetzt oder nie!“ faehrt es ihr heiss durch den Kopf. Es gilt die Angst zu ueberwinden. Die war es schliesslich, die sie runtergeholt hat von ihrem Trip. Sich mit seinen Widerstaenden zu arrangieren und sich mit seinen Aengsten zu verbuenden, ist keine gute Idee. Diese Artgenossen bringt man schwer wieder los. Sie werden zum Muehlstein um den Hals, oder zum Klotz an den Beinen. „Komm mit! Komm mit!“ ruft der Kauz. Sein Ruf hat einen suessen Klang. Die Glut ist tot, der Herbstnebel undurchdringlich. Der Wasserfall singt sein monotones Lied.

    Bevor sie ins Nichts geht, will sie sich selbst noch einmal fuehlen, denn das ist das Einzige, das sie mitnehmen kann. Sie schliesst ihre Augen, kehrt den Blick nach innen. Dort ist alles ruhig. Sie fliesst mit dem Blut durch ihren Koerper, diffundiert durch Zellwaende und wieder zurueck, benuetzt ihre Nervenbahnen zum schnellen Transport in ihren Bestimmungsort. Im Hirn sammelt sie sich wieder. Sie besinnt sich und checkt die Speicher ihrer Gefuehle. Die sind voll. Das gibt ihr das noetige Vertrauen. Wenn sie das Nichts, als nichts begreift, dann kann sie sich auf nichts verlassen. Doch Wellen brauchen nicht viel, und ihr Pontential ist gross. Sie pflanzen sich fort, koennen sich arrangieren, kommen entweder als Echo zurueck oder reisen durch die Leere. Sie koennen sich sammeln oder divergieren und sind schwerelos.

    Sie gleited hinunter in ihren Bauch. In seiner Tiefe findet sich eine Hoehle und darin ein wundersamer, angenehm warmer See. Er liegt geschuetzt in seinem Becken und lockt sie an ein Bad zu nehmen. Sie entledigt sich aller Habseligkeiten, die sie noch an sich hat. Nackt taucht sie hinein in seine Fluten. Fliessende Seide huellt sie ein und sie schwebt in Schwerelosigkeit. Sie laesst sich treiben, das Wasser spuelt alles fort, alles Unangenehme und alle Sorge. Es ist still, nur manchmal fuehlt sie das Rippeln sanfter Wellen, nur manchmal hoert sie deren Geraeusch als bewegten sie feinen Sand an fernen Straenden oder plaetscherten sie an glatten Felswaenden.

    Eine Stroemung erfasst sie. Sie laesst es geschehen. Sie will nicht laenger verweilen. Sie ist auf dem Weg, wer weiss wohin. Die Stroemung wird stark und staerker, sie koennte sich, auch wenn sie’s wollte, nicht mehr daraus befreien. Die Zeit bleibt weit hinter ihr zurueck. Das Kohlrabenschwarz ist ihr neuer Begleiter. Dann ploetzlich bemerkt sie, dass da, wo eben noch Wasser war, ein Vakuum entstanden ist. Da ist auch keine Stroemung mehr. Stattdessen wirkt auf sie ein Sog, rund um sie und gewaltig.

    Ist das das Ende ihres Trips? Sie beginnt sich aufzuloesen. Nichts bleibt von ihr zurueck.

    Nichts? Das ist immerhin Etwas. Wellen pflanzen sich fort. Diesseits und Jenseits, Drinnen und Draussen.

  • DNS, Kapitel 3, Teil 1

    Wochenende! Es ist rasch gekommen, aber das denkt sie immer, sobald es da ist. Sie sind ins Gruene gefahren. Um diese Jahreszeit allerdings ist nicht mehr viel Gruenes zu sehen. Die Wiesen sind es noch und einige Baeume, aber groesstenteils ist das Laub bunt geworden und eifert im Wettstreit um die leuchtendste Farbe. Sie spazieren durch lichten Mischwald. Die Kleine sammelt verschiedene Blaetter, Samenkapseln und Zweige. Sie haben Warmes zum Anziehen mitgenommen, denn ohne Sonne ist es recht kuehl. Femina hat mehr dabei. Sie wird die Nacht im Freien verbringen. Fuer dieses Jahr das letzte Mal, in dieser Gegend das letzte Mal ueberhaupt. Sie hat keine Absicht jemals wieder zurueckzukommen, wenn sie das Land erst einmal verlassen hat.

    Es gibt hier wenig unberuehrte Natur, ein Umstand, den Femina ungemein bedauert, da es fuer sie ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens ist. Hier gibt es sie nicht, die Schoenheit der Natur, die ihre Sinne anregt. Das war einmal, bevor die Menschen es schnellstens geschafft haben, all das loszuwerden. Tatsaechlich ist das Land verbaut. Es gibt Betonlandschaften, ja, und es gibt Erholungsstaetten fuer die Bevoelkerung, die an den Wochenenden massenweise aufgesucht werden. Aber es ist ganz selten, dass man Gegenden findet, die noch nicht voellig zerstoert worden sind. Da, wo sie gerade spazieren und die unmittelbare Umgebung, ist so eine Oase. Es ist erstaunlich, dass es sie gibt. Wahrscheinlich liegt das daran, dass die Gegend zu weit weg ist fuer Tages- und auch Wochenendausfluege. Obendrein gibt es keine richtige Strasse fuer die blitzblanken Autos und Motorraeder. Es ist nur ein breiter Landweg vorhanden, holprig und ohne Asphalt. Es gibt ausserdem nichts Interessantes zu sehen, das die Massen anlocken koennte und schon garnichts zu tun, das die Anreise die Muehe wert machen wuerde. Femina war hoechst beglueckt, dieses verlassene und vergessene Stueck Natur zu entdecken, eine Insel in einer sonst oeden Gegend. Sie kam des oefteren an einem Wochenende und verbrachte die Nacht im Freien. Sie blieb vollkommen ungestoert, denn nur selten gab es Leute, die sich hierher verirrten und wenn schon, blieben sie auf keinen Fall fuer die Nacht. Meist waren es ohnehin nur die lokalen Dorfbewohner, denen sie begegnete, eine winzige Ansiedlung mit vorwiegend alten Leuten, weil die Jungen in die Staedte zogen um Arbeit und Vergnuegen zu finden. Sie glaubt nicht, dass jemals jemand ihre naechtliche Anwesenheit wahrgenommen hat. Die Leute schienen mit ihren Huehnern schlafen zu gehen. Sie hatten kleine Gaerten, in denen sie Gemuese fuer den Eigengebrauch anlegten und es gab einige Kuehe, Schafe und Ziegen, die sie tagsueber auf ihren Wiesen grasen liessen. Femina fand es idyllisch, doch sie wusste, dass die Bewohner aus Notwendigkeit handelten, ganz und garnicht privilegiert waren oder einem Hobby nachgingen. Sie waren allerdings freundlich und schienen mit ihrem Los zufrieden zu sein. Das hatte sie bei diversen, wenn auch seltenen Gelegenheiten, feststellen koennen.

    Sie muessen noch ein wenig weiterwandern um zum Steilstueck mit dem verwachsenen Pfad zu kommen. Es geht dann vielleicht dreihundert Meter aufwaerts. Man muss genau schauen, um seinen Weg zu finden, denn es geht zwischen den Baeumen und Gestein, mit Laub und Astwerk bedeckt, wie es scheint, nach nirgendwo. Doch sie ist so oft hierhergekommen, sie weiss wo es lang geht. Und so ist es auch heute. Sie findet den Einstieg vom Hauptweg ohne Probleme. Sie steigen hoch bis sie an einen anderen Pfad gelangen, der sie quer ueber den Hang fuehrt. Das ist viel leichter als der Anstieg, denn er verlaeuft in weicher Erde, ziemlich frei von Gestein. Nach kurzer Zeit erreichen sie ein kleines grasiges Plateau, das teilweise durch eine ueberhaengende Felsnase wettergeschuetzt ist, zumindest gut genug, um einen unerwarteten Regenschauer trocken zu ueberstehen. Weniger, wenn es sich um ein Unwetter handelt, wie sie aus Erfahrung weiss. Verfolgt man den Pfad noch ein Stueckchen weiter, gelangt man an einen kleinen Wasserfall, der zwar kein besonderer seiner Art ist, aber gutes Wasser fuehrt, vom Inneren der Erde und dem Gestein hoeher ab. Man kann sein Rauschen hoeren, wenn man auf dem Plateau sitzt und auf die Geraeusche der Natur achtet.

    Sie setzen ihre Sachen ab. Femina breitet ihre Isoliermatte aus und daruber die Strohmatte, worauf sie sich niederlassen. Von hier aus hat man eine herrliche Ausicht, denn irgendwann war ein Streifen Wald abgeholzt worden und obwohl Buschwerk versucht, die Wunde abzudecken, ist es noch nicht hoch genug gewachsen, so dass der Ausblick freie Sicht erlaubt.

    „Da bleibst du heute Nacht?“ fragt die Kleine, und langt begeistert nach den Wurstsemmeln, die Tina auspackt.

    Femina nickt. „Es ist schoen hier,“ sagt sie. „Schau doch, wie weit du deine Augen schweifen lassen kannst! Und all die Farben, die dir da entgegenleuchten! Und wenn dann am Abend die Herbstnebel aufziehen und am Morgen wieder entschwinden, das ist ein Schauspiel ganz zauberhaft und meisterhaft.“

    „Warum bleiben wir nicht auch?“ fragt die Kleine weiter.

    „Heute nicht, mein Schatz,“ erwidert Tina. „Wir schlafen im Gasthaus, im kleinen Dorf da unten. Es ist viel zu kalt fuer dich.“

    Die Kleine schaut suchend in die angegebene Richtung. Sie braucht eine Weile bis sie die Giebel einiger Haeuser ausmachen kann, da die Daecher mit ihrem Grau und verblichenem Rot im Bunt der Blaetter verborgen sind. Sie scheint nicht besonders beeindruckt zu sein.

    „Ich kann mich warm anziehen. Also warum bleiben wir nicht hier mit Femina?“

    Doch Femina winkt ab. Sie erklaert ihr, dass sie lieber allein bleiben wuerde, da sie vorhat zu meditieren und sich nicht vorstellen koennte, dass das fuer ihre liebsten Freundinnen von Interesse sei.

    „Ach so,“ meint die Kleine und ist damit zufrieden. Sie hat tatsaechlich keine Lust dazu. Ihre Mutter hat sie bereits mit den Prinzipien vertraut gemacht, sie weiss also Bescheid, aber wenn es Dinge zu entdecken gibt, mag sie garnicht stillsitzen und ein Abend in Meditation ist fuer sie kein Beduerfnis. Sie leert den Inhalt ihres Stoffbeutels mit den angesammelten Schaetzen auf die Matte und beginnt diese auszusortieren und einer genaueren Betrachtung zu unterziehen.

    Die Sonne wandert stetig auf flacher Bahn, scheint mild und laesst die Muecken tanzen. Da drueben sind ein paar ganz uebermuetige. Sie schrauben sich wie Helikopter in die Hoehe und ueben sich dann im freien Fall, die Fluegel als Fallschirm ausgespannt. Die langen Beine haengen dabei locker nach unten und helfen auf dem Wege nach oben mit Schwimmbewegungen grad so als tauchten sie vom Meeresgrund zur Wasseroberflaeche. Sie koennen von ihrem Spiel, so scheint’s, garnicht genug kriegen, denn es geht auf und ab, und auf und ab. Sie sehen aus wie quietschvergnuegte Elfenwesen, die nichts anderes als Unsinn im Kopf haben und die Natur als ihre Spielwiese betrachten. Femina macht die beiden auf diese Spassvoegel aufmerksam. Sie betrachten eine Weile deren Treiben, das unermuedlich weitergeht und werden selbst ganz froehlich dabei.

    „Wie lange diese Tierchen wohl leben?“ meint Femina nach einiger Zeit sinnierend.

    „Keine Ahnung!“ Tina lacht vergnuegt. „Vielleicht nur ein paar Stunden, so wie sich auffuehren! Ich weiss nicht einmal welche Spezie das ist. Sie sterben aber sicher unbekuemmert und hatten auf jeden Fall ihren Spass, zumindest schaut es so aus, nicht wahr? Ob fuer Stunden, Wochen, das spielt doch keine Rolle! Ich muss schon sagen, ich finde sie umwerfend. Ich habe diese Art Muecken nie zuvor gesehen.“

    Irgendwo zwischen den Baeumen ruft ein Kuckuck. „Huebscher Platz,“ meint sie, „wie geschaffen, sein ICH zu pruefen und sein Gleichgewicht zu spueren.“

    Femina nickt: „Absolut! Wie oft habe ich mich hier regeneriert und stabilisiert!“

    „Na ja,“ meint Tina, „jetzt dauert es ja nicht mehr lange, dann hast du’s hinter dir und kannst adieu sagen!“

    Femina seufzt tief auf. „Viel laenger koennte ich es auch nicht ertragen. Wenn mein Leben so grauenvoll bleiben wuerde, ich koennte mich garnicht genug mit dem Sterben beeilen.“

    Sie schaut das Tal entlang. Es ist zum Weinen. Weit draussen, unter einer braunen Dunstglocke verborgen, lauert gnadenlos der Tod. Sein stinkender Atem steigt hoch in die Luft. Viele meinen, er bringe den Segen, Armut gibt es doch nicht mehr. Zur Zeit bringt er allerdings mehr sauren Regen und Hungernde gibt’s wie Sand am Meer.

    ‚Na ja,‘ sie seufzt erneut. ‚Wem sollte sie einen Vorwurf machen? Nur wenige verstehen das PRINZIP DES GEGENSAETZLICHEN, und dass das ERHALTENDE in dessen Mitte liegt.

    Sie wird schweigsam, ihr Koerper will einfach nicht mehr. Tina geht mit der Kleinen zum Wasserfall, laesst sie verstaendnisvoll allein.

    Mit der Stille, die sie ploetzlich umgibt, erholt sie sich sogleich wieder und sie sieht wieder klar. Sie fuehlt sich mit der Natur verbunden, – Materie – , verbindende Strukturen. Muster, – Gitter – , – Kerkerfenster – , so argumentiert allerdings nur ihr Verstand, weil er naemlich nicht ohne Koerper leben kann. Sie selbst fuehlt sich in der Materie durchaus zu Hause. Da ist ihr Ursprung und da endet sie. Sie laechelt. Das tut sie immer, wenn sie die Natur zum Spiegel macht. Die Komplexitaet eines harmonischen Systems blickt ihr entgegen, und mehr will sie garnicht sein.

    Durch den Himmel zieht brummend ein kleiner silberner Fisch. Nicht weit von ihr, auf einem Gestein, macht sich’s eine Schlange gemuetlich. Wie verschieden die Welt der Schlange zu der ihren ist. Infrarotbilder kann Femina nicht sehen, um nur einen Unterschied zu nennen. Aber das WOHLBEFINDEN gilt wohl allen gleich, ob Schlange oder Fisch oder Gestein, nicht einmal das laesst sich davon ausnehmen, sucht es sich doch immer einen Platz zum Ruhen. Intelligenz als Regisseur ist nur halb so gut, es sind die Gefuehle die dirigieren. Das eine wie das andere ist unbegreiflich, ja schwer zu fassen, weil ihr Korrelat zur Struktur unbekannt ist, auch wenn die Prozesse ersichtlich sind. Wer weiss, das mag durchaus das Beste sein fuer alle, denn es gibt immer den Missbrauch, die Kehrseite jedes Nutzens. Und doch! Beweise sind notwendig! Der Glaube allein reicht nicht. Sonst bleibt die Wahrheit immer nur Geschmacksache.

    Zuviele Gedanken beginnen durch ihren Kopf zu schwirren und versuchen einen Aufruhr. ‚Femina, Femina,‘ ruft sie sich zur Ruhe, denn sie scheint auf eine Krise zuzusteuern. Sie versucht allerdings den Krisenherd zu vermeiden, eine automatische Reaktion, aber voellig sinnlos, denn sie verpufft damit nur ihre Energie mit all dem Probieren und Strampeln um der Konfrontation aus dem Wege zu gehen. Da sind Tausende von Dingen, die sie abzulenken versuchen und sie faellt prompt darauf rein! Dabei ist es nur Zeit, die Zelte abzubrechen, oder….? Aber was ist dann der Krisenherd?

    Die Rueckkehr ihrer Freunde unterbricht sie. Sie waren tatsaechlich eine gute Weile fortgewesen, stellt Femina fest. Die Sonne beginnt bereits blass und kalt zu werden.

    ‚Wir werden bald aufbrechen,“ meint Tina, waehrend sie Obst verteilt. Femina’s Orange ist leider ein ausgetrocknetes Exemplar. Sie versucht es mit einer anderen, die ist aber auch nicht besser. Tina rollt ihre Augen.

    „Warum schmecken die Orangen nicht, wie sie schmecken sollen?!“ faucht Femina. Tina unterlaesst es zu antworten. Es ist am besten, nicht die Glut zu schueren.

    „Nimm meine, die ist in Ordnung,“ sagt die Kleine und streckt ihr die Frucht entgegen. Tina schmunzelt still vor sich hin.

    „Iss nur,“ erwidert Femina, „mir ist die Lust vergangen. Aber danke fuer dein Angebot.“

    Die Kleine zuckt mit den Schultern und verzehrt die Frucht ohne weiteren Komentar.

    ‚Ich koennte Tina an die Gurgel springen!‘ denkt Femina. Sie starrt ihre Freundin an, ohne Erfolg. Sie bleibt stumm, als gaebe es garnichts, worauf sie reagieren sollte. Das schuert Femina’s Glut erst recht. Sie starrt noch intensiver.

    „Ach lass mich doch aus dem Spiel!“ sagt Tina schliesslich, „dein Zustand oder deine Krise,“ sie verdreht die Augen, „ist doch nichts Neues. Es ist hoechste Zeit dich deiner Widersprueche zu entledigen. Am besten ist, du gehst schnurstracks den Weg dazwischen.“

    „Dass die Orange nicht gut ist hat doch mit banaleren Dingen zu tun als mit meinen Angelegenheiten!“ entruestet sich Femina

    „Wenn du so meinst,“ stellt Tina nuechtern fest. „Du weisst natuerlich auch, wie sich das aendern liesse………“

    Femina nickt.

    „Gut,“ sagt sie, „dann aendere es!“ Ihre Freundin bleibt gelassen.

    Aufforderndes Schweigen folgt. Femina sinkt in sich zusammen wie der angestochene Luftballon. Sie wird richtig kleinlaut. Puff, da gehen sie die Aggressionen. Wie kann sie vergessen, dass Tina sie so leicht durchschaut. Falsches Manoever, entschaerfte Munition!

    „Ich tu was ich kann,“ antwortet sie vage.

    „Ph,“ erwidert Tina abwehrend. „Kosmetik betreibst du, rennst im Kreis wie eine Verrueckte auf der Suche nach des Pudel’s Kern. Ehrlich meine Liebe, du wirst dein seelisches Gleichgewicht nie halten, wenn du Harmonie hochjubelst, aber deren Kehrseite nicht akzeptieren willst.“

    „Du kannst ja auch einen Apfel essen, wenn dir die Orange nicht schmeckt,“

    mischt sich die Kleine ins Gespraech.

    Sie will natuerlich helfen, aber Femina bleibt in der Defensive. „Ich koennte ja auch ins Orangenland fahren, wenn ich eine gute Orange will!“ sagt sie daher indigniert.

    Tina schmunzelt. „Sie koennte natuerlich auch das System aendern, damit sie hier und jetzt eine gute Orange kriegt! – Nein, nein, meine Liebe! Femina leidet unter einem ganz anderen Problem.“

    „Unter welchem Problem?“ Die Kleine laesst nicht locker.

    Wie starrsinnig Kinder sein koennen! Oder ist das die Eigenschaft des Alters?“ Verdammt! Schon geht sie wieder rund, die Schaukel in ihrem Kopf. „Das verstehst du doch nicht!“ sagt sie daher ein wenig ungehalten

    Die Kleine schaut sie vorwurfsvoll an. „Kannst du es mir denn wenigstens erklaeren?“

    „Eben nicht,“ klaert Muetterlein ihre Tochter auf, „drum ist sie ja so geladen, und selbst die Orangen werden zum Pulverfass.“

    Die Kleine schuettelt verstaendnislos den Kopf. „Erklaer’s du mir, wenn sie es nicht kann!“

    Nun ist es an Femina amuesiert zu sein. ‚Wie sag ich’s meinem Kinde??? Ein Thema so kompliziert!‘ Sie lehnt sich zurueck und wartet gespannt auf Tina’s Antwort.

    Ihre Freundin ueberlegt, denn sie muss das Abstrakte beispielhaft machen, sonst kann’s die Kleine tatsaechlich nicht verstehen. Mit Philosphie hat sie noch nichts im Sinn, nur mit der Praxis.

    „Vielleicht vergleichen wir es am besten mit einem Orchester,“ sagt sie daher nach einer Weile. „Also Femina hat ein Orchester und sie ist der Dirigent. Es spielt ausgezeichnet, besonders, wenn sie gemeinsam musizieren. Aber es aergert sie, dass die Musiker nicht immer so spielen, wie sie es wuenscht. Manchmal spielt naemlich jeder wie er will und was er will. Das kann ziemlich chaotisch sein und Femina rauft sich die Haare. Andererseits finden sich genau in diesem Chaos Gruppen zusammen, die was ganz Neues probieren, oder einfach nur Spass haben, ihre eigenen Talente unter Beweis zu stellen. Doch nein, das passt der lieben Femina nicht. Sie will Melodie, nicht Disharmonie. Im Uebrigen braucht auch das beste Orchester seine freie Zeit!“

    Die Kleine schuettelt missbilligend ihren Kopf. Sich an Femina wendend, sagt sie: „Na hoer mal, in ihrer Freizeit koennen sie doch tun, was sie wollen!“

    Femina nickt. „Das schon! Doch ist es viel schlimmer! Sie weigern sich auf meine Anweisungen zu hoeren. Sie unterlaufen meine Befehle! Sie revoltieren! Das ist das Problem!“

    Die Kleine schaut ihre Mutter gross an. Femina hat durchaus ihre Sympathie.

    Jedoch Tina erwidert prompt: „Mein Schatz, leider verdient sie dein Mitgefuehl ganz und garnicht. ‚Befehl! Order! Revolution!‘ Das ist der Wortschatz von Despoten, Tyrannen, Diktatoren!“

    „Also erlaube mal! Ich als Dirigent hab‘ die Verantwortung! Ich weiss doch, worauf’s ankommt! Ich muss entscheiden, was gut ist und was notwendig!“

    Doch da lachen die beiden anderen nur mehr. Kein Zweifel, die Kleine ist anti-autoritaer erzogen und sie kann daher mit ihren alten Ausreden baden gehen.

    „Frag sie, ob sie schon einen Leibwaechter braucht, wenn sie das Pult betritt. Oder gar die Garde, um die Ordnung wieder herzustellen.“

    Die beiden machen weiter ihre Witze und lachen.

    „Ihr seid mir liebe Freunde,“ unterbricht sie sie. „Ich leide, und ihr treibt Spaesse mit mir!“ Das mit dem Leiden meint sie durchaus ernst und so versteht es auch die Kleine. Sie kommt heran und drueckt Femina einen dicken Kuss auf die Wange. Sie kriegt auch nicht immer, was sie will. Diesbezueglich fuehlt sie sich mit Femina durchaus solidarisch. Tina nimmt ihre Hand und drueckt sie in Mitgefuehl, waehrend sie eine Melodie zu summen beginnt. ‚That’s life……‘

    Wie eigenartig, dass in Banalem soviel Drama stecken kann und im Drama soviel Genuss.

    „Ach, ihr meine zwei suessesten, allerliebsten, treuen Freundinnen……!“ sagt sie und umarmt beide gleichzeitig, drueckt sie impulsiv an sich. Sie haelt sie solange fest, bis sie nach Luft schnappen muessen. Lachend befreien sie sich aus der Umklammerung, puffen sie in die Seite und kneifen sie, und schon ist die schoenste Balgerei im Gange. Die Voegel fliegen erschreckt auf einen hoeheren Ast, um das Ganze aus der Distanz zu beaeugen. Die Schlange hat sich laengst fortgemacht. Zuviel Rummel, koennte ja auch Gefahr bedeuten! Nur die Muecken tanzen weiter, ganz ungeniert. Sie sind sorglos, auch wenn die Welt auseinander bricht.

    Femina ist den beiden im Ringkampf unterlegen. Die Kleine kitzelt sie, waehrend Tina sie festhaelt. Sie wehrt sich ausgiebig, lauthals lachend, gibt aber schliesslich auf und sie lassen sie los. Sie verschnaufen ein wenig. Die Kleine wuerde ganz gern noch weiterbalgen, doch die Sonne steht bereits tief und Tina will aufbrechen. So beginnen sie ihre Dinge einzusammeln und arrangieren ihr morgiges Treffen unten im Dorf. Schliesslich verabschieden sie sich. Das Gelaechter der Kleinen ist noch kurz zu hoeren, doch dann ist Femina mit sich allein.

  • DNS, Kapitel 2, Teil 3

    Femina moechte noch einmal auf das Thema Emanzipation zurueckkommen, findet aber nicht so recht den passenden Einstieg. ‚Unsinn‘, faehrt es ihr durch den Kopf, ‚sie koennte grad so gut damit beginnen, dass der Kosmos in eine neue Periode eintritt, oder sie koennte jene Frage aufwerfen, die sich jeder irgendwann einmal stellt, naemlich, ‚was bin ich?‘ Oder sie kehrt zurueck zu ihrem Verhaeltnis mit Maennern, oder zu ihrem jetzigen Freund. Alles laesst sich auf das Thema Emanzipation reduzieren: Die Menschheit ist vor die Alternative gestellt, sich entweder auszurotten oder sich von ihrem primitiven Schema des Ueberlebens zu befreien; jeder einzelne Mensch muss Selbstverantwortung akzeptieren und sich von seinen Abhaengkeiten trennen; na und sie selber muss sich von ihren eigenen Anspruechen und Erwartungen befreien, um ihre eigene Freiheit wahrnehmen zu koennen.

    Femina wendet sich Tina zu. Waehrend sie sie betrachtet verzieht sich ihr Mund zu einem breiten gluecklichen Laecheln. Ihre Freundin ist Mitstreiterin, das genuegt. Sie laesst das Thema Emanzipation fallen und gibt sich stattdessen dem Gefuehl der uneingeschraenkten Dankbarkeit hin.

    „Jeden Tag stelle ich mindestens einmal fest, wie sehr Fortuna mich beguenstigt,“ sagt sie daher. „Was meinst du, haben wir nicht alles was wir brauchen, und mehr als das? Wir leben im Ueberfluss. Wenn ich mir vorstelle, unter welch miserablen Bedingungen andere leben muessen……“ Sie hebt die Hand, weil Tina sich anschickt, sie zu unterbrechen, und sie weiss genau, was diese sagen will, naemlich, dass dies kein Grund sei, sich ein schlechtes Gewissen zu machen. Seien doch Sozieterna‘s Vorfahren durch soviel Trauma und Widrigkeiten gegangen, wie selten eine Volksgruppe. Sie wurden verfolgt, gefoltert, ermordet, – in manchen Gegenden tut man das heute noch, auch wenn sie sich nichts zu Schulden kommen lassen. Sie sind bloss andersartig und andersdenkend. Allerdings kann das jedem passieren. Etablierte Gesellschaften wehren sich immer gegen das Neue oder Fremde. Die Geschichtsbuecher berichten hinlaenglich davon.

    „Ich mach mir keine Gewissensbisse,“ faehrt sie deshalb fort, „ich bin bloss froh, dass ich eine Sozieterna bin. Zugut erinnere ich mich daran, wie ich mich fuehlte, als ich mir dessen nicht bewusst war.“

    Tina nickt zustimmend. Allerdings, im Gegensatz zu Femina, war sie sich ihrer Herkunft immer bewusst. Sie ist ausserdem vollkommen davon ueberzeugt, dass sie sich ihr Glueck verdient haben. Dementsprechend antwortet sie:

    „Das Glueck gehoert dem Tuechtigen! Was tun die anderen schon fuer ihr Glueck! Sie warten darauf, dass sie es geschenkt bekommen. Von Gott, Koenig, Regierung, Gatten oder Gattin, wem auch immer sie Macht zugestehen. Selber tun sie dafuer aber nichts! Und wenn sie was tun, dann ist das meistens das Falsche. Sie tanzen um das goldene Kalb. Tut mir leid, ich habe kein Mitleid und kein Verstaendnis fuer sie, zumindest heute habe ich kein Mitleid.“

    Femina’s Gedanken wandern zuruck zu ihrer Jugend. Sie hat lange nicht gewusst, dass sie eine Sozieterna war. Ihre Eltern erzogen sie zwar in diesem Sinne, aber sie sprachen nie ueber Sozieterna. Hin und wieder erwaehnte ihre Mutter ihre Herkunft, doch als Kind schenkte sie dem keine Aufmerksamkeit, fand es nicht bedeutend und mehr oder weniger vergass es. Sie hatte eine sehr behuetete Kindheit. Obwohl ihre Mutter eine zahlreiche Sibschaft hatte, der Kontakt blieb beschraenkt, teilweise wegen der Entfernungen zwischen ihnen aber auch weil ihr Vater weniger daran interessiert war. Er hatte keine Verwandten, ausser einer Schwester, die er erst sehr spaet in seinem Leben ausfindig machte und die bald danach verstarb. Er war ein Einzelgaenger und pflegte keine regelmaessigen Kontakte ausserhalb ihres eigenen Haushaltes. Dafuer schenkte er ihr seine vollkommene Aufmerksamkeit. Sie fuehrten ein bescheidenes Leben, aber es war reich an Dingen, die man nie und nimmer kaufen kann. Mutter war voll mit Liebe und Frohsinn, begeisterte sich fuer Musik, singen und tanzen. Sie spielte ihr eigenes Instrument and ihre Eltern sangen zusammen manche Weisen, die man eher selten anderswo hoeren konnte. Vater hatte viele intellektuelle Interessen und las gerne. Er wusste ausserdem viele Geschichten zu erzaehlen, von seinen zahlreichen Reisen, nah und fern. Er war Fremden gegenueber hoechst aufgeschlossen. Sie hatten des oefteren Gaeste bei sich im Haus, Reisende aus allen moeglichen Ecken der Welt, was tatsaechlich voellig im Gegensatz stand zu seinem sonstigen Unwillen soziale Kontakte zu pflegen. Femina allerdings, obwohl sie das einzige Kind war, fand in ihrer Familie die beste Unterhaltung. Sie genoss auch die seltenen Kontakte mit ihren Verwandten und liebte die Zeiten, die sie mit ihren Grosseltern auf dem Lande verbringen konnte. Es war vollkommenen gegensaetzlich zu ihrem Leben in der Stadt mit ihren Eltern. Doch Frohsinn, Musik und Tanz war da wie dort. Mit Eintritt ins Schullebens begann sich ihre Welt zu aendern, zuerst langsam und unauffaellig, aber in zunehmendem Masse. Sie wurde sich ihrer Andersartigkeit langsam bewusst. Vorallem als sie ins Internat kam, wo sie mehr oder weniger auf sich allein angewiesen war, ohne elterliche Fuersprache, entstanden Probleme. Das waren traurige Zeiten. Deprimierende Zeiten! Immer nach Fehlern bei sich suchend, wenn sie Probleme bekam, ratlos wenn sie sich keiner Schuld bewusst war, und verwirrt, wenn man darauf bestand, dass sie schuldig war. Doch der Groschen fiel lange nicht. Es wurde leichter fuer sie, als sie das Internat hinter sich lassen konnte und waehrend ihres Studiums auf Reisen ging. Als Auslaender ist man gezwungener Weise andersartig als die lokale Bevoelkerung. Das Reisen tat ihrer Seele gut. Trotdem, es fiel ihr auf, dass sie eine merkwuerdige Affinitaet zu einem bestimmten Menschentyp zeigte. Dann bekam sie zufaellig einen Bericht in die Hand, der ueber diese voelkische Minderheit, Sozieterna, recherchierte. Sie war wie vom Blitz getroffen, – kein Wunder, dass sie ihre Fehler nicht finden konnte, – da waren keine, – sie war bloss von einer anderen Kultur! Mutter’s Hinweise auf ihre Herkunft schienen ploetzlich aus der Tiefe ihres Gedaechtnises aufzutauchen.

    Klar, bei der naechsten Gelegenheit wurden ihre Eltern befragt. Sie wollte sicher sein, was ihre Herkunft betraf. Sie laechelt. Genau an diesem Tage hat sie Tina kennengelernt, kurz nachdem sie mit ihren Eltern gesprochen hatte, um genau zu sein. Die Unterhaltung mit ihnen war naemlich anders abgelaufen, als sie erwartete und sie war ziemlich verwirrt ins naechste Beisel gegangen, um sich zu beruhigen. Spaeter konnte sie nachdenken.

    ‚Ja, ja, sie sei eine Sozieterna. Warum das ploetzlich so wichtig sei?!‘ Verdammt, sie verstanden ueberhaupt nicht! Sie wussten nichts von ihren Depressionen. ‚Und ob das wichtig sei‘, war ihre Antwort. Da meinte der Vater nur, ‚sie solle sich nicht an anderen messen,‘ und ihre Mutter sagte, sie haetten es ihr deshalb nicht dauernd vor Augen halten wollen, weil sie, Femina, die Wahl haben sollte. ‚Die Sozieterna habe schliesslich kein Monopol auf ihr Leben, nur weil sie eine war. Obendrein, beide Eltern waren in einer Zeit aufgewachsen, wo man seine Herkunft am besten verschwieg, denn das herrschende Regime war im Rassenwahn auf Voelkerreinigung aus. Die Grosseltern mussten sogar eine Namensaenderung vornehmen, um keinen Verdacht auf sich zu lenken. Zwar sind diese Zeiten nun vorbei, doch Sozieterna generell war nie an ethnischer Deklaration interessiert gewesen. Ihre Eltern sahen keinen Grund dies zu aendern.‘

    Was gaebe es zu darauf erwidern? Sie konnte ihnen nicht einmal ernste Vorwuerfe machen. Da war erstens dieses abgeschiedene Leben waehrend der ersten Jahre ihrer Kindheit, dann diverse Schulen im Zentrum, spaeter im Ausland, sodass sie ihre Eltern nur in den Ferien sah. Tatsaechlich war fuer dieses Thema nie Anlass gewesen. Sie hat schliesslich nie gefragt. Da ist sie dann ins Pub gegangen. Ihren Oldies zu erklaeren, dass sie aus Unwissenheit viel gelitten habe, unterliess sie, sonst wuerde ihr Papa gewiss eine Moralpredigt loslassen und ihre Mama ein schlechtes Gewissen kriegen. Sie wollte weder das eine noch das andere. Aber sauer war sie, auf ihre Eltern, auf sich und erst recht auf alle anderen. Femina laechelt.

    „Hey,“ Tina schnippt mit den Fingern. Das bringt sie zurueck aus der Vergangenheit.

    „Ich dachte eben daran, wie wir uns kennengelernt haben,“ sagt sie entschuldigend. „Erinnerst du dich, wir waren beide ziemlich veraergert.“

    „Ja, das waren wir,“ bestaetigt ihre Freundin, „allerdings, im Gegensatz zu dir war ich stocksauer, eine Sozieterna zu sein. Ich hoerte jeden Tag von meinen Eltern, wie gut , wie schoen es sei, dieser Voelkergruppe anzugehoeren, aber ich hatte Schwierigkeiten mit den meisten Menschen. Probleme, genauso wie! Nur habe ich damals die Sozieterna dafuer verantwortlich gemacht. Hm, mir sind meine Eltern total auf die Nerven gegangen und die ganze Sozieterna konnte mir den ‚Buckel runterrutschen,‘ nicht wahr!“

    Belustigt schwelgen sie in Erinnerung. Fuegung des Schicksals, gluecklicher Zufall, – wie auch immer, – daraus ist eine Freundschaft entstanden, die sich bereits beim ersten Treffen als hoechst produktiv erwies und ihre Zusammengehoerigkeit besiegelte. ‚Spieglein, Spieglein an der Wand…….‘, sie fanden den Zauberspiegel in den Augen des anderen, der es ermoeglicht, eine Reflexion hinter dem oberflaechlichen Selbstportraet zu sehen, sozusagen das Selbst mit einer neuen Facette, das erst unter anderer Beleuchtung zum Vorschein kommen kann.

    Der Abend wird heute kurz gehalten. Sie sind zu muede fuer eine andere lange Nacht. Die Kleine hat nach einigen Niederlagen vom Spiel mit Robbi genug und setzt sich zu ihnen. Sie beschliessen, sich eine Dokumentation im TV anzusehen. Um im Thema des heutigen Tages zu bleiben waehlen sie eine Sendung, die ueber seltene Tiere in einer fernen Ecke der Welt zu berichten hat und die, in grossartiger und aufwendiger Photographie, dem Programm alle Ehre macht. Es gefaellt allen dreien ungemein und bewerkstelligt, dass der Tag in versoehnlicher Stimmung endet. Danach wuenschen sie sich eine gute Nacht und gehen zu Bett. Die Lichter sind bald ausgeloescht und der Schlaf nimmt sie in seinen Arm. Die Traeume spinnen ein glaenzendes Garn.

  • DNS, Kapitel 2, Teil 2

    „Hei Femina,“ ruft ihr die Kleine auch schon zu. „Weisst Du wo wir waren?“ Sie ist ganz und gar begeistert. „Im Tiermuseum waren wir! Das war wirklich ganz toll, nicht wahr, Mama?“

    Diese nickt bestaetigend, aber mit wenig Begeisterung. „Die haben sich tatsaechlich was einfallen lassen! Die Tiere sehen echt aus und sind in ihrem entsprechenden Lebensraum plaziert. Gute Nachbildungen, liebevoll gestaltete Kulissen, ueber Kopfhoerer gibt’s den Originalton. Ausserdem haben sie Videoshows und einen kleinen echten Zoo haben sie auch, wo gestreichelt werden darf. Mich wundert’s allerdings, dass sie keine Hologramme haben.“

    Femina zuckt die Schultern. „Das fragst du dich? Ich sag’s ja, – hier lebt man auf dem ……..“

    „Schon gut,“ unterbricht Tina. Sie ist tatsaechlich nicht in bester Laune, trotzdem sie es zu verbergen sucht.

    „Was hat dir denn am besten gefallen?“ fragt Femina die Kleine, waehrend sie Robbi den Auftrag gibt, Tee zu bringen. Sie setzt sich den beiden gegenueber auf die Couch und wartet auf Antwort.

    Die Kleine schmiegt sich an ihre Mutter. In ihrem Gesicht spiegeln sich die unterschiedlichsten Empfindungen. Schliesslich sagt sie: „Die Kaenguruhs im Streichelzoo! Da waren einige mit Jungen in ihren Bauchtaschen. Und huepfen koennen die! Hopp, hopp! Ich moechte das auch koennen. Sie haben mir aus der Hand gefressen und wenn ich aufhoerte, haben sie mich gestupst“ Sie spricht nicht weiter, scheint mit ihren Gedanken in der Erinnerung stecken zu bleiben.

    Stattdessen faehrt Tina fort: „Wir werden auch weiterziehen. Sie soll mehr kennenlernen als Museen. Sie soll Lebendiges sehen und das Leben begreifen! Das heisst also, dass wir weiterreisen muessen!“

    Femina nickt. ‚Absolut! Die Kleine soll eine all umfassende Ausbildung erhalten. Theorie und Praxis sind eine besonders fruchtbare Kombination.‘

    „Uebrigens,“ wirft die Kleine ein, „ich habe fuer heute das Abendessen programmiert. Ich hoffe, dass du mir nicht boese bist!“

    Femina meint, das haenge wohl davon ab, ob sie dabei nicht vergessen worden sei. Die Kleine lacht etwas verlegen, zoegert ein wenig mit der Antwort, aber meint abschliessend: „Mmh ja doch! Es wird Euch schon schmecken.“

    „Ah,“ erwidert Femina, „davon bin ich ueberzeugt!“ Sie denkt allerdings dabei an ihre erfolgreiche Abstinenz von Kuchen und Schokolade und anderen derartigen Verlockungen. Einmal ‚umfallen‘ genuegt, – daraus ist noch immer eine Orgie geworden. Sie ist eine ‚Quartalschokoladenabhaengige‘. Zeitweise koennte sie davon leben. Sie hat derzeit kein Verlangen danach. Doch sie weiss, damit ist es vorbei, sobald das erste Stueckchen Schokolade auf ihrer Zunge zergeht. Besonders in diesen Landen ist Abstinenz schwierig. Hier uebertreffen sich die Zuckerbaecker und Kochkuenstler gegenseitig, und das Angebot ist riesig gross. Obendrein gibt es keinen Ersatz, der troestlich waere. Femina denkt dabei an die wundervollen tropischen Fruechte, oder Obst von hier. Zwar kann man hiesiges und auslaendisches kaufen, aber essen mag sie keines. Die Fruechte schmecken als haetten sie nie die Sonne gesehen. Dafuer sind sie durch verschiedene Laborsuppen geschwommen, – nein als Ersatz taugen sie nicht. Femina glaubt nicht einmal, dass sie als Vitaminspender was taugen. Sie isst hier zu diesem Zweck vorwiegend Tabletten. Da weiss sie wenigstens was drin ist. Vielleicht! Auf jeden Fall ist’s Chemie, ohne oebstliche Verkleidung.

    Robbi’s verzerrte, monotone Quaekstimme holt sie aus ihren abschweifenden Gedanken. Weil ihm niemand antwortet, sammelt er das leere Geschirr ein und tuckelt damit ab in die Kueche. Die Kleine saust ihm nach und kommt mit einer Flasche ‚Lifespender‘ zurueck. Kinder sind ganz versessen auf dieses Zeug und weil sich’s gut mit Alkohol mischen laesst, lieben es auch die Erwachsenen.

    „Du hast vollkommen recht,“ wendet sich Femina an ihre Freundin, „auch ihr solltet bald weggehen! Uebrigens, ich bin gestern wirklich voll gewesen. Ich vertrag den Alkohol nicht. Aber es war schon laengst wieder einmal faellig daran erinnert zu werden.“ Tina nickt nur dazu.

    „Ich wuenschte, ihr koenntet laenger bleiben! Dann wuerdest du auch meinen Freund kennenlernen,“ faehrt sie fort

    „Ich wuerde ihn auch gerne kennenlernen!“ bemerkt die Kleine trocken, weil Femina sie nicht mit einbezogen hat.

    „Entschuldige“, sagt sie daher, „ich dachte nicht, dass dich das interessieren wuerde.“

    „Und ob,“ beteuert die Kleine, „ ich habe auch einen boy-friend. Er geht in diesselbe Schule wie ich und er gibt mir jeden Tag einen Kaugummi, damit ich keine Zahnspange krieg, so wie er. Kauen sei gesund, sagt er.“

    „Sehr aufmerksam von ihm,“ bestaetigt Femina, klaert sie jedoch auf, warum das Kauen so gesund sei und dass das nicht unbedingt mit dem Genuss von Kaugummi zu verbinden sei. Tina hat ihr das natuerlich auch schon erzaehlt. „Ja, ja, ich weiss,“ sagt sie daher recht uninteressiert.

    Tina hat sich nicht geaeussert. Sie starrt Femina an, mit Lippen verkniffen aufeinandergepresst. Sie scheint nicht begeistert ueber die Aussicht Femina’s Freund kennen zu lernen. „Ist er denn so aussergewoehnlich?“ fragt sie schliesslich. „Maenner sind doch einer wie der andere! Solange sie dich nicht haben, laufen sie dir nach wie verliebte Kater. Haben sie dich, dann bist du nur noch eine Trophaehe. Oder sollte dein Goldstueck da anders sein?! Oder wuerdest du nur gerne mein Urteil hoeren, weil du dir selber nicht sicher bist?“ Sie schuettelt missbilligend den Kopf: „Du bist unverbesserlich!“

    Femina ist einen Moment lang verbluefft und reagiert dann saeuerlich: „Erstens finde ich, dass er wirklich die Ausnahme ist und zweitens, was nennst du an mir unverbesserlich? Du hast die Maenner aufgegeben, na und ich das Kinderkriegen. Was oder wer ist da nun unverbesserlich!?“

    „Du glaubst doch noch immer dran, dass es mit ihnen ein „gemeinsam“ gibt! Vergiss es!!!!“

    Femina laechelt sueffisant: „Es gibt das ‚gemeinsam‘ mit ihnen durchaus, meine Liebste!“

    Doch Tina laesst sich nicht ablenken. „Gemeinsamkeiten, vielleicht, mehr schon nicht!“ erwidert sie.

    Femina ueberlegt und nickt dann langsam. Stimmt, ihre Freundin hat natuerlich recht. Das war schliesslich mit ein Grund, dem Kinderkriegen aufzukuendigen. Zu diesem Zweck braucht man das Miteinander ohnehin nicht. Es gibt Samenbaenke und tiefgefrorene Embryos, und noch viel mehr Waisenkinder. Trotzdem…….., sie kann das andere Geschlecht nicht so ablehnen wie Tina das tut.

    „Also was erwartest du dir von mir?“ fragt sie daher ihre Freundin. „Soll ich ploetzlich Frauen lieben, nur weil du den Maennern nicht vergibst, dass sie existieren?“

    „Unfaehig sind sie, immer noch, was Liebe betrifft. Viele bevorzugen ohnehin Maenner, ‚weil die viel weniger kompliziert sind wie Frauen‘,so hat mir ein Klient erklaert. Schlimmer noch, oder hast du vergessen, welches Leid den Frauen angetan wird, weltweit? Und was ist mit unseren Sozieternas? Sie moegen zwar besser sein als alles andere, aber wenn die Beziehung beendet ist, wer zieht denn letzten Endes die Kinder gross? Wir, wir!!“ Sie wird immer wuetender. „Pfaue sind sie,“ zischt sie boese. Sie vergass offenbar, dass es vorwiegend die Muetter sind, die ihre Kinder nicht aufgeben, wenn eine Verbindung endet, vorallem wenn es sich um Non-Sozieternas handelt.

    „Und was hast du gegen Pfaue? Sind doch schoene Tierchen!“

    „Das finde ich auch,“ mischt sich die Kleine ins Gespraech

    „Na dann sind sie halt Blutegel!“ korrigiert Tina stoerrisch

    „Igitt!“ lacht die Kleine naseruempfend. „Aber Charlie ist kein Blutegel.“ Das muss wohl ihr Kaugummilieferant sein.

    „Der ist im verliebten Katerstadium,“ erwidert Muetterchen aufklaerend

    Femina und die Kleine sehen sich vielsagend an, zucken mit den Schultern und geben auf. Argumentieren bringt da nichts. Die Freundin sitzt in einer emotionalen Falle. Sich daraus zu befreien, bedarf der Ehrlichkeit und nicht der Wut. Auch wenn ihre Argumente durchaus der Wahrheit entsprechen, ist das nichts Neues und sie sieht keinen offensichtlicher Grund, der Tina’s Verhalten erklaeren koennte.

    Das Abendessen ist fertig. Vielleicht bringt das ein Glaetten der Wogen. Die Kleine stuermt begeistert voran und in Femina‘s Gedaermen sitzt lauernd der Appetit. Na ja, er entwickelt sich zu einem gefraessigen Ungeheuer. Er verschlingt Pizza, Topfenpalatschinken, Fruchtsalat mit Eiscreme und zum Schluss noch einen Kaffee mit Schlag. Weil der Bauch dabei ein kleiner Stein wird, braucht er zum Aufweichen frischen, eisgekuehlten Orangensaft. Eisgekuehlt ist er, aber frisch? Das ist bereits fraglich. Zumindest die Farbe stimmt, na und das Aroma ist ziemlich orangenhaft, er schmeckt garnicht so schlecht.

    Tina blieb selbst waehrend des Essens wortkarg. Sie haben sie in Ruhe gelassen. Femina fragt sich allerdings was ihrer Freundin so sehr die Laune verdorben hat. Es muss was mit dem anderen Geschlecht zu tun haben! Kann es sein, sie hat Schwierigkeiten einzugestehen, dass mit dem Aufgeben der Maenner noch nicht die Traeume oder die Zukunft erledigt sind? Sie selbst hat es da wohl leichter, – sie erwartet sich nichts vom anderen Geschlecht, weder eine Zukunft miteinander, noch eine Zukunft schlechthin. Fuer sie bedeuted Zukunft ohnehin nur Moeglichkeit, so oder so. Ein Muss ist sie nicht. Trotzdem, auch ihre eigenen Traeume sind nicht begraben. Wenn die Realitaet allerdings fuer ein grausames Erwachen sorgt, kann man schon zornig werden. Sie erinnert sich sehr wohl an den gestrigen Abend, wo sie selber sich kaum beruhigen konnte.