{"id":3483,"date":"2026-02-03T00:00:00","date_gmt":"2026-09-26T00:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/axisdata.com.au\/de\/feminas_buch\/dns-ii-kapitel-8\/"},"modified":"2026-09-26T07:56:30","modified_gmt":"2026-09-26T07:56:30","slug":"dns-ii-kapitel-8","status":"publish","type":"feminas_buch","link":"https:\/\/axisdata.com.au\/en\/feminas_buch\/dns-ii-kapitel-8\/","title":{"rendered":"DNS II, Kapitel 8"},"content":{"rendered":"<p>Femina kann sich nicht erinnern, wie lange sie am Ort des Vergessens gewesen war und auch nicht, wie oft sie von einem Bewu\u00dftseinszustand in einen anderen verfiel. Alles war unwirklich, verschwommen, ein unscharfes Bild, aufgenommen von einer nicht so recht funktionierenden Kamera. Aber sie war nicht alleine. Rocky ist an ihrer Seite, ob sie aus dem Schlaf erwacht, oder d\u00e4mmernd in einen anderen verf\u00e4llt, er ist immer da. Er gibt ihr gutes klares Wasser zu trinken und, als sie langsam mehr Details wahrzunehmen beginnt, bemerkt sie, da\u00df er ihr manchmal auch aus einem zu einer T\u00fcte geformten gr\u00fcnen Blatt, eine kleine Menge gr\u00fcnen Saftes einfl\u00f6\u00dft. Sie wird sich auch bewu\u00dft, da\u00df sie l\u00e4ngst nicht mehr in der schwarzen Stille einer H\u00f6hle liegt, sondern Zwielicht um sie herrscht, voll mit Ger\u00e4uschen, \u00fcber einem steten, dumpfen Donnerollen, das Luft und Boden leicht vibrieren l\u00e4\u00dft. Sie versucht immer \u00f6fter ihre Augen offen zu halten, was sie anfangs allerdings nicht lange vertr\u00e4gt. Es ist das Licht, das sie besser f\u00fchlt, als sie es zu sehen vermag, denn es schmerzt ihre Augen. Sie glaubt manchmal sogar, Wilson habe sie nun doch in seine Gewalt gebracht und da\u00df er sie nun qu\u00e4le. Vielleicht will er sie einfach blind machen. Sie versucht des \u00f6fteren hochzuspringen, um davonzulaufen, doch dazu ist sie zu schwach. Sie rollt dann den Boden entlang, nicht wissend in welche Richtung sie eigentlich fliehen k\u00f6nnte, aber da ist dann wieder Rocky an ihrer Seite und versichert ihr, da\u00df Wilson sie nicht gefunden habe. Immer wieder beruhigt er sie, wenn sie in ihrer Verwirrung nicht wei\u00df, was Traum, oder wirklich ist. Immer wieder sagt er, sie seien sicher und sie solle nur schlafen, solange sie es n\u00f6tig h\u00e4tte. Er w\u00e4re immer in ihrer N\u00e4he, sie brauche nur etwas mehr Zeit und etwas mehr Kraft, um sich an Licht und Nahrung zu gew\u00f6hnen, und, da\u00df sie sich ganz gewi\u00df auf etwas Sch\u00f6nes freuen k\u00f6nne.<\/p>\n<p>So wie ihr Wachsein zunimmt, also ihr Wirklichkeitssinn zur\u00fcckkehrt, so h\u00f6rt sie auch immer mehr vertraute, nicht nur verwirrende und alarmierende Ger\u00e4usche. Da ist ein Surren und Summen von Insekten und Bienen, ein Flattern und Schlagen von Fl\u00fcgeln, Gezwitscher und Vogelgesang. Seltsamerweise lassen sie l\u00e4stige Insekten in Ruhe. Aber vielleicht ist sie nur derart blutlos geworden, da\u00df sie selbst f\u00fcr diverse Blutsauger keine gute Nahrungsquelle ist. Sie stellt fest, da\u00df ihr Bett aus Moos und Farnen besteht und, wenn das Zwielicht zur Nacht wird, sorgt Rocky f\u00fcr ein kleines Lagerfeuer, das sie trotz k\u00fchler Luft warm h\u00e4lt. Nur ihre Haut ist ihr so fremd, als geh\u00f6re sie ihr gar nicht. Sie ist aschgrau und f\u00fchlt sich seltsam glatt an, als sei sie keine wirkliche Haut, sondern ein hauchd\u00fcnner Film aus Schmierseife, oder gebrauchtem Wachs.<\/p>\n<p>All diese Wahrnehmungen sind nat\u00fcrlich Zeichen ihrer Genesung. Auch ihr Wohlbefinden ist keine Einbildung, sondern verbessert sich mit jedem Tag. Sie kann nun neben Wasser allerlei andere S\u00e4fte trinken, aus Pflanzen und Beeren, wie Rocky sagt. Er gibt ihr zunehmend kleine Mahlzeiten, Breiartiges aus Wurzeln und Knollen, die er t\u00e4glich zubereitet und oft mit allerlei Gr\u00fcnzeug vermischt. \u201a\u00c4hnlich wie Gem\u00fcse\u2018, meint er l\u00e4chelnd. Sie i\u00dft Fr\u00fcchte, die sie nicht kennt, ja noch nie gesehen hat, ihr Appetit wird immer gr\u00f6\u00dfer, sowie die Portionen, die sie nun geradezu hei\u00dfhungrig verschlingt und, ihre K\u00f6rperfunktionen haben sich normalisiert. Rocky hat ihr sogar eine Art Plumpsklo gemacht. Etwas zur\u00fcck im Tunnel, wo es Felsspalten im Weg gibt, hat er eine geeignete gefunden, \u00fcber der er mit kleinem und gr\u00f6\u00dferem Gestein einen zweckdienlichen Sitz errichtet hat. Es ist nur f\u00fcr sie, denn er selber kann jederzeit die H\u00f6hle, ihre derzeitige Wohnst\u00e4tte, verlassen. Das tat er ohnehin jeden Tag, um f\u00fcr frisches Wasser und Nahrung zu sorgen. Im Gegensatz zu ihr war er dazu f\u00e4hig, war auch nie am Ende seiner Kr\u00e4fte gewesen, nur, wie er sp\u00e4ter zugibt, zunehmend schw\u00e4cher geworden. In den ersten Tagen ihrer Rettung, mu\u00dfte er sie zu ihrem \u201a\u00d6rtchen\u2018 tragen. Allerdings war sie derart dehydriert gewesen, da\u00df es sich nur wenige Male als n\u00f6tig erwies. Unterst\u00fctzung beim Gehen brauchte sie schon l\u00e4nger. Sich ihrer Hilflosigkeit und Abh\u00e4ngigkeit von ihm jedoch recht bald bewu\u00dft werdend, war heilsam. Es gab ihr einen Energieschub, grad so, als w\u00fcrde man eine tote Batterie durch ein Starterkabel zu neuem Leben erwecken, um sie danach am Laufen zu halten, ein Auftrag, dem ihr Lebenswille nur allzu gerne nachkommt. Freilich \u00e4ndert das nichts an der Tatsache, &#8211; Rocky ist ihr Lebensretter, ihr Schutzengel. Er hat sie nicht nur durch, sondern auch aus dem Niemandsland gef\u00fchrt und ist nach wie vor, dank seiner Kenntnisse als Ureinwohner dieses Landes, unentbehrlich. Obwohl auch er nicht wirklich wei\u00df, wo sie sind, noch, wie es weitergehen soll, ohne ihn w\u00e4re sie nat\u00fcrlich auch jetzt verloren. Ihr Verstand sagt, Rocky ist ein au\u00dfergew\u00f6hnlicher Mann. Ihr Herz wei\u00df, er ist ein ganz besonderer Mensch.<\/p>\n<p>Sie bemerkt, da\u00df er ihr Schlaflager, wenn er es erneuert, immer weiter nach vorne Richtung H\u00f6hlenausgang verlegt, wo auch er sein Lager hat. St\u00e4ndig weist er sie an, Muskel\u00fcbungen zu machen, sich so viel wie m\u00f6glich zu bewegen. Er will ihre Flucht baldigst fortsetzen. Ihre Mithilfe, nicht Hilflosigkeit, ist mehr als gefragt. Er rechnet mit vielen Herausforderungen, die sie sich, wahrscheinlich naiverweise, nicht einmal vorstellen kann.<\/p>\n<p>Obwohl sie Erinnerungsl\u00fccken hat, vieles kommt nun doch zur\u00fcck; auch, da\u00df sie in der Anfangsphase ihrer Rettung nackt gewesen war, was sie damals nat\u00fcrlich nicht bek\u00fcmmerte, wu\u00dfte sie doch nicht einmal, ob sie nicht ohnehin schon tot war. Als sie sich ihrer Bl\u00f6\u00dfe bewu\u00dft wurde und Rocky fragte, ob sie nicht etwas zum Bekleiden h\u00e4tte, \u00fcbergab er ihr auch gleich alles, das er aus ihrem Gep\u00e4ck rausgesucht und mitgenommen hatte, als sie gehunf\u00e4hig geworden war und er sie tragen mu\u00dfte. Ihre Frage, warum sie \u00fcberhaupt nackt gewesen war, beantwortete er nur mit Achselzucken und einem kurzen Kommentar. \u201aDas sei letzendes das praktischste gewesen.\u2018 Au\u00dferdem mu\u00dfte er immer mehr Dinge auf dem Weg zur\u00fccklassen, allein schon, um mit seinen Kr\u00e4ften sparsam umzugehen. Er habe sie aber erst wirklich v\u00f6llig entkleidet, als sie in der rettenden H\u00f6hle gelandet waren. Sie sah schnell ein, da\u00df er nur getan hat, was getan werden mu\u00dfte. Abgesehen davon war ihr Schamgef\u00fchl ohnehin unn\u00f6tig. Rocky war nicht nur homosexuell, sondern ist auch v\u00f6llig Oliver ergeben, der Liebe seines Lebens, wo es kein Wenn und Aber gibt. Sie war also nie sein Interesse gewesen, sondern ist nur jemand, der seine Hilfe braucht.<\/p>\n<p>Was Rocky aus ihrem Rucksack rausgesucht hatte, ist wirklich nur das Notwendigste, doch den Umst\u00e4nden entsprechend ist es mehr als genug. In dieser vergessenen Welt isolierter Abgeschiedenheit k\u00f6nnte sie sich eigentlich auch mit einem Feigenblatt begn\u00fcgen. Der Rest ihrer Habe ist jedoch, verstreuten Brotsamen gleich, auf dem Weg durch das Labyrinth, im Berginneren zur\u00fcckgeblieben. Wo genau, das wei\u00df nicht einmal Rocky. Sp\u00e4ter, als sie ihn fragte, ob er nicht auch ans Aufgeben gedacht habe, sagte er nur \u201aNein! Aufgeben war keine Option. Nicht er bestimme sein Ende, die Natur bestimme das f\u00fcr ihn.\u2018<\/p>\n<p>Sie erfuhr dann auch, was es mit ihrer Haut auf sich hatte. Rocky hatte sie mit einem selbst hergestellten \u201aSchutzmittel\u2018 gegen Insekten eingerieben. \u201aEr brauche es nicht oft, sagte er, da er, hier aufgewachsen, sowas wie eine nat\u00fcrliche Abwehr entwickelt habe. Aber es w\u00fcrde von ihnen allen verwendet. Jedes Kind lernt, es herzustellen. Es g\u00e4be oft M\u00fcckenplagen, die ihnen zusetzen w\u00fcrden. Und es sch\u00fctze nicht nur vor M\u00fccken, sondern helfe auch gegen K\u00e4lte,\u2018 f\u00fcgte er noch hinzu. Tats\u00e4chlich braucht man nur Asche und Wasser, das man zu einer Paste verarbeitet, mit der man sich dann einreibt. Er hatte nat\u00fcrlich, wie immer, recht, auch was den K\u00e4lteschutz angeht, denn, trotzdem sie sich in der Trockenzeit befinden, sind die N\u00e4chte hier feucht und, wenn schon nicht kalt, so doch unangenehm k\u00fchl. Sie sind zudem im Landesinneren, in den Bergen und obendrein in dichtem Regenwald. Sie hat nie unter K\u00e4lte gelitten, nicht einmal, als sie nackt war, aber auch jetzt nicht, trotz sp\u00e4rlicher Bekleidung. Das Feuer, das Rocky jeden Abend anfacht, ist auch nicht all zu gro\u00df. Sie lernt die Paste selber zu machen und verwendet sie immer wieder, wenn auch sp\u00e4rlicher und nur auf der blo\u00dfen Haut. Die M\u00fccken summen zwar immer gierig um sie rum, aber stechen tut sie keine. Sie zieht es vor, sich einzureiben, statt mehr anzuziehen, denn das mu\u00df ja auch gewaschen werden, was derzeit noch immer Rocky erledigt. Nicht, da\u00df sie viele Kleidungsst\u00fccke zur Auswahl h\u00e4tte. Au\u00dfer einem d\u00fcnnen Wollpullover, ihrer Daunenjacke, neben 2 singlets, einer leichten Sommerhose und einem Sarong, das ist auch schon alles, was sie an Kleidung besitzt.<\/p>\n<p>Sie erfuhr auch, warum Ger Rocky zum Zeitpunkt ihres Zusammenbruchs nur wenig helfen konnte. Er hatte n\u00e4mlich genug mit seinem Bruder zu tun. Gegenseitige Hilfe beschr\u00e4nkte sich also auf Notsituationen, die sich ohnehin mehr und mehr h\u00e4uften. Oliver\u2018s Zustand war schlie\u00dflich schon seit Beginn ihrer Flucht, auf Grund seiner K\u00f6rperverletzungen, nicht grade gut gewesen, aber die geistige Verwirrung, im Rahmen zunehmender Delirien, machten ihn unberechenbar und manchmal schlichtweg gef\u00e4hrlich. Femina gab sich damit vorerst mal zufrieden. Erst als ihre eigene Genesung fortschritt, wurden ihr die Fragen, was Ger und Oliver betraf, wichtig. Sie wollte, nein, mu\u00dfte wissen, warum sie mit Rocky alleine war. Er gab ihr daraufhin eine kurze Zusammenfassung der Ereignisse: \u201aGer h\u00e4tte seinen Bruder nur mit gro\u00dfer M\u00fche aus der \u201eUnterwelt\u201c bringen k\u00f6nnen. Oliver versuchte sich st\u00e4ndig von ihnen zu trennen. Femina vermutete sogleich, da\u00df das nicht nur aus Gr\u00fcnden zunehmender Verwirrung geschah, sondern auch aus seelischer Verzweiflung und er eigentlich gar keine Rettung wollte. Wie auch immer! Letzendes hatte er keine Lichtblicke mehr, sondern verfiel in ein permanentes Delirium, unzurechnungsf\u00e4hig, orientierungslos, geplagt von Paranoia und Ged\u00e4chtnisverlust. Zuletzt konnte er nicht einmal mehr seinen Bruder erkennen. Es blieb Ger nichts anderes \u00fcbrig, als ihn so gut wie m\u00f6glich, zum B\u00fcndel verschn\u00fcrt, den Weg entlang zu f\u00fchren, oder auch streckenweise zu tragen. Femina ist geradezu dankbar, da\u00df sie das alles nicht mehr bewu\u00dft miterlebt hat. Es mu\u00dfte der reinste Horror gewesen sein. Nachdem sie trotz aller Probleme dem Berginneren entkommen und in dieser H\u00f6hle gelandet waren, und sich mit lebensrettendem Wasser versorgen konnten, wurden ihre ersch\u00f6pften und kaputten K\u00f6rper vom l\u00e4ngst f\u00e4lligen Ruhebed\u00fcrfnis \u00fcbermannt. Sie alle verfielen ausnahmslos, so schien es zumindest, in einen tiefen Schlaf, von dem es dann allerdings ein b\u00f6ses Erwachen gab: Oliver war nicht mehr bei ihnen. Ihr verzweifeltes Rufen blieb unbeantwortet. Er war auch nicht ins Freie gerannt, wie sich Rocky sogleich vergewisserte. Was das bedeutete, lie\u00df keinen Zweifel zu. Ger wollte nat\u00fcrlich gleich wieder in den Berg zur\u00fcckgehen, eine v\u00f6llig unlogische Reflexreaktion, war er doch selber zu ersch\u00f6pft und obendrein planlos. So h\u00f6rte er dann doch auf Rocky, der ihm vorschlug, sich erst mal auszuruhen. Oliver w\u00fcrde in seinem Zustand sicher nicht weit kommen. Zudem, ob, wie und wer wei\u00df in welchem Zustand Ger ihn finden w\u00fcrde und ihn dann auch noch versorgen zu m\u00fcssen, wahrscheinlich sogar gegen dessen Widerstand, das w\u00e4re kein Rettungsversuch, sondern schlichtweg aussichtslos. Rocky w\u00fcrde mit ihm auf die Suche gehen, sobald Femina erst mal versorgt war und sie sich selber ein wenig erholt h\u00e4tten. Freilich k\u00f6nnte auch Ger bei Femina bleiben und er, Rocky w\u00fcrde auf Suche gehen, aber auch er brauche eine Rast, um wieder zu Kr\u00e4ften zu kommen. Ger stimmte halbherzig zu, wollte aber die Suche nicht Rocky \u00fcberlassen. Und leider hielt er es auch nicht lange aus, ging also schneller wieder in den Berg zur\u00fcck, als vern\u00fcnftig schien. Wohl mit Wasser im Notgep\u00e4ck, sowie den dehydrierten, vakuumverpackten Mahlzeiten, die sie ohne Wasser nicht mehr konsumieren konnten, aber vern\u00fcnftigerweise auch nicht weggeworfen hatten. \u201aLeider sei das nun doch schon mehr als ein paar Tage her,\u2018 meinte Rocky abschlie\u00dfend und schwieg.<\/p>\n<p>Femina sah nat\u00fcrlich, wie bek\u00fcmmert er war. Als sie ihn zu tr\u00f6sten versuchte, winkte er ab. Freilich! Es war schlie\u00dflich sie, die ihn hinderte, mit Ger auf Suche zu gehen. So nahm sie denn seine H\u00e4nde und dr\u00fcckte sie ganz fest und inniglich.<\/p>\n<p>\u201eIst schon gut,\u201c meinte er gleich: \u201eEines nach dem anderen. Wir haben noch Zeit ein wenig zu warten und was wird, werden wir schon sehen. Es gibt ohnehin viel zu tun. Du mu\u00dft erst mal raus aus der H\u00f6hle, dich ans Sonnenlicht gew\u00f6hnen, und ja, ins normale Leben zur\u00fcckkehren. Du mu\u00dft stark genug werden, denn noch sind wir nicht im sicheren Hafen, blo\u00df aus der unmittelbaren Gefahrenzone.\u201c Sie lie\u00df es dabei bewenden. Was k\u00f6nnte sie dem schon beif\u00fcgen!<\/p>\n<p>Ihre Unruhe w\u00e4chst. Immer weniger kann sie ertragen, alles und jedes Rocky zu \u00fcberlassen und beginnt damit, Arbeiten zu \u00fcbernehmen. Manchmal glaubt sie mehr ein Hindernis zu sein, doch zeigt er nie auch nur die kleinste Geringsch\u00e4tzung. Im Gegenteil! Er ist geduldig mit ihr. \u00dcberhaupt erledigt er alles mit Sorgfalt und Umsicht, fast stoisch k\u00f6nnte man sagen. Wie er ein Desperado sein konnte, wird ihr immer r\u00e4tselhafter.<\/p>\n<p>Er l\u00e4\u00dft sie jetzt tags\u00fcber alleine in der H\u00f6hle zur\u00fcck. Was er macht, dar\u00fcber hat sie ihn wohl befragt, er sagt aber nur, da\u00df er dabei sei, sich um ihren weiteren Fluchtweg zu k\u00fcmmern und f\u00fcr ihre anderw\u00e4rtigen t\u00e4glichen Bed\u00fcrfnisse zu sorgen. Schlie\u00dflich gibt sie sich damit nicht mehr zufrieden und besteht darauf, da\u00df er \u00fcber Pl\u00e4ne und Vorhaben mit ihr spricht.<\/p>\n<p>Er schaut sie nachdenklich an. \u201eOkay!\u201c sagt er dann: \u201eWir werden klettern m\u00fcssen, um von hier weg zu kommen. Wir sind n\u00e4mlich in einem Senkloch. Wie tief es ist, kann ich nicht sagen, aber du wirst viel mehr Muskelkraft brauchen, als du es derzeit hast. Fang also an zu trainieren. Es gibt genug Wurzelstr\u00e4nge an den W\u00e4nden, die sich f\u00fcr diverse \u00dcbungen eignen. Abgesehen davon, um diese unsere H\u00f6hle zu verlassen, mu\u00dft du ohnehin klettern. Der H\u00f6hlenausgang liegt in einer Felswand ungef\u00e4hr 15 bis 20m vom Boden. Das hei\u00dft, um rein oder raus zu kommen, mu\u00df man klettern. Das hei\u00dft aber auch, deine Augen m\u00fcssen wieder f\u00e4hig werden, sich den unterschiedlichen Lichtverh\u00e4ltnissen anzupassen. Zu fallen und dich verletzen, w\u00e4r\u2018 wohl das Letzte, das wir brauchen k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p>Sie verbringt ihre Zeit nun vorwiegend am H\u00f6hleneingang und h\u00e4lt sich an einen von ihr erstellten Plan f\u00fcr all ihre Aktivit\u00e4ten; ob h\u00e4usliche Routinearbeiten, Muskeltraining, oder Pausen, auch die sind miteingeplant. Ihre Disziplin lohnt sich, denn sie kommt schneller voran, als sie zu hoffen gewagt hatte. Ihre Muskeln st\u00e4rken sich, ihre Konzentrationsf\u00e4higkeit wird immer besser und erst recht ihre Sehkraft. War die H\u00f6hle anfangs mit einem Vorhang aus grellem Licht verschlossen, ist dieser nur mehr ein Schattenspiel aus mildem Gr\u00fcn, wo am oberen Teil sogar etwas blau zu sehen ist. Es gibt noch andere Vorteile, denn je n\u00e4her sie dem Ausgang ist, desto lauter und lebendiger wird auch alles rund um sie. Hin und wieder wagen sich sogar kleine V\u00f6gel und Schmetterlinge etwas weiter in die H\u00f6hle rein, doch vorwiegend finden sie sich vor, oder im Eingang ein.<\/p>\n<p>In ihren Pausen sitzt Femina also auf dem mit Moos und Gr\u00e4sern bewachsenen Boden des H\u00f6hlenzuganges, vor allem, um ihre Sinne zu st\u00e4rken, wie zum Beispiel im Licht so viele Details wie m\u00f6glich zu finden, bevor ihre Augen zu tr\u00e4nen beginnen, oder sich auch immer mehr an all die Ger\u00e4usche zu gew\u00f6hnen, die auf sie einstr\u00f6men. Sie kann diese nun sogar \u201aabschalten\u2018. Das konnte sie in den ersten Tagen ihrer Rettung, wo Realit\u00e4t und Verwirrung ineinander \u00fcbergingen, nicht, so erinnert sie sich wenigstens. Da gab es nebst Vertrautem auch viel Beunruhigendes und manchmal wurde alles geradezu unertr\u00e4glich, weil es einfach nie aufzuh\u00f6ren schien. Das hat sich nun grunds\u00e4tzlich ge\u00e4ndert. Sie empfindet nichts mehr als unertr\u00e4glich, h\u00f6chstens als \u00fcberw\u00e4ltigend; und nichts ist mehr bedrohlich. Stimmt! Es kann schon laut werden, doch sie mu\u00df ja nicht hinh\u00f6ren. Langweilig ist es jedoch nie. Ganz im Gegenteil! Sie lauscht eigentlich gerne und genie\u00dft die F\u00fclle, wie sie das noch nie zuvor in ihrem Leben getan hat. Ihr Stillsitzen ist also keine wirkliche Pause, sondern blo\u00df eine andere Art von Aktivit\u00e4t.<\/p>\n<p>Sie l\u00e4chelt. Sie freut sich auch immer \u00fcber die kleinen Besucher, die anflattern und ohne Scheu um sie herumh\u00fcpfen. Kleine tschirpende, zum Schalk aufgelegte Federb\u00e4llchen sind sie, in allerlei Mustern und Farben und mit wi\u00dfbegierigen Augen. Richtig neugierig sind sie, k\u00f6nnte man meinen, so wie sie um sie herumhopsen und sie bezwitschern. F\u00fcr Femina sind sie einfach beste Unterhaltung. Sie werden auch immer zutraulicher und, manchmal, auch dreister.<\/p>\n<p>Heute verirrte sich ein wundersamer Vogel zu ihr rein; der K\u00f6rper samtdunkel schwarz, mindestens so gro\u00df wie ihre Hand, mit wundersch\u00f6nen Schwingen, die mit einem breiten t\u00fcrkis, blaugr\u00fcn schillernden Band versehen sind, das quer \u00fcber den R\u00fccken von Fl\u00fcgel zu Fl\u00fcgel und dann entlang deren Konturen verl\u00e4uft, als sollten diese besonders leuchten, um ihre Pracht zu vertiefen. Allerdings fliegt dieser Vogel irgendwie ganz anders wie ein Vogel. Es ist einerseits ein Schwingen, dann wieder ein Flattern und die irisierenden Farben funkeln dabei wie das t\u00fcrkise Licht in einem schwarzen Opal. Kein Laut ist zu h\u00f6ren. Es bewegt sich nur die Luft, deren sanfte Wellen Femina\u2018s Haut ber\u00fchren. Fasziniert verfolgt sie seinen Flug bis er sich, nicht weit von ihr, auf einem aus einer Felsspalte hervorragenden Wurzelstrang niederl\u00e4\u00dft. Erst jetzt sieht sie, da\u00df es kein Vogel ist, sondern ein Schmetterling. Was f\u00fcr ein wundersames, zauberhaftes Gesch\u00f6pf! Mu\u00df wohl aus dem Paradies selber gekommen sein. Er hat sich sicherlich verirrt und ist nun verwirrt, denn was k\u00f6nnte er in dieser H\u00f6hle ohne viel Pflanzen und Sonnenlicht schon finden! Sie starrt auf ihn und r\u00fchrt sich nicht. Sie will ihn nicht be\u00e4ngstigen. Aber da hebt er auch schon wieder ab, umflattert sie und dann entschwindet er, fliegt gradewegs hinaus ins Licht, zu dem, was auch immer drau\u00dfen auf ihn wartet. Oh mei! Es war ihr, als h\u00e4tte er ihr eine Botschaft \u00fcberbracht: \u201aMach dich bereit, es ist an der Zeit! Geh durch\u2018s Licht! Folge mir hinaus in die Sonne!\u2018<\/p>\n<p>Als sie mit Rocky zusammensitzt und ihm begeistert davon erz\u00e4hlt, sieht er sie gedankenvoll an und nickt schlie\u00dflich zustimmend. Auch er glaubt, da\u00df es zumindest ein Zeichen, oder eine Einladung war, sich endlich aus der Sicherheit der H\u00f6hle zu begeben.<\/p>\n<p>\u201eIch w\u00fcrde allerdings lieber dabei sein, wenn du dich dazu entschlie\u00dft\u201c, sagt er. \u201eSo wie ich dich kenne, wirst du dich nicht grad in Geduld \u00fcben, trotzdem ich dir genau das rate. Deine Augen sind sicher noch nicht schnell genug, um sofort auf Licht und Schatten zu reagieren. Ungeduld kann also teuer werden. Abgesehen davon, auch wenn es hier keine gro\u00dfen Wildtiere gibt, vor denen du dich in Acht nehmen m\u00fc\u00dftest, du mu\u00dft sehr wohl aufpassen, wohin du greifst, wohin du trittst, oder gar auf was. Kleingetier, wie Spinnen, Skorpione und nat\u00fcrlich Schlangen, gro\u00dfe, wie kleine, gibt es sehr wohl. Viele davon sind giftig und werden sofort attackieren, sollten sie sich in Gefahr glauben. Die Vegetation ist dick und der Boden voller Wurzeln, auch auf dem Weg zum Wasser, den ich bereits ein wenig ausgetreten hab. Du mu\u00dft au\u00dferdem beim Klettern in bl\u00e4ttrige Wurzelstr\u00e4nge greifen, da kann sich schon einiges darin verstecken. Langsam sein, hei\u00dft hier, bed\u00e4chtig sein.\u201c<\/p>\n<p>\u00dcber diese Gegebenheiten haben sie noch nie gesprochen, ist jetzt aber unumg\u00e4nglich. Wieder betrachtet er sie eingehend. Er hat schon recht. Sie will nicht l\u00e4nger festsitzen, aber auch nicht, von seiner Anwesenheit abh\u00e4ngig sein. Er hat ohnehin genug anderes zu tun. Zudem zieht sie es vor, ihren ersten Abstieg allein zu machen. Da kann sie sich Zeit lassen ohne sich unter Druck zu f\u00fchlen, wie auch immer eingebildet das sein mag. Sie versichert ihm, da\u00df sie sich strikt an seine Anweisungen halten w\u00fcrde; er m\u00fcsse ihr nur genau sagen, worauf sie zu achten habe.<\/p>\n<p>\u201eNa gut\u201c, meint er und f\u00e4hrt fort: \u201eDer Abstieg hat drei Abschnitte entlang vernetzter Wurzel und losen Lianen. ich hab\u2018 Str\u00e4nge so verbinden k\u00f6nnen, da\u00df sie wie eine Art Strickleiter funktionieren Die erste findest du auf der rechten Seite der H\u00f6hle. Sie ist die l\u00e4ngste von Dreien. Keine Angst! Nichts ist wirklich schwierig zu handhaben. Sie sind nicht unsicher, nur teilweise etwas lose. Wie du den Abstieg beginnst, zeig ich dir am besten. La\u00df uns das vielleicht noch heute, bevor wir schlafen gehen, tun. Die beiden anderen Leitern sind ziemlich gleich lang, aber k\u00fcrzer als die erste. Es ist etwas umst\u00e4ndlich, die Tritte zu finden, denn du kannst nicht sehen, wo die sind. Du mu\u00dft also vieles erf\u00fchlen. Das ist das eigentlich Schwierige. Doch ein paar Mal rauf und runter, damit hat\u2019s sich. Freilich, das erste Mal\u2026\u2026., es w\u00e4r\u2018 mir lieber, ich w\u00e4r\u2018 dabei. Na ja, \u2026.\u201c, er macht eine kleine Pause. Dann beginnt er zu l\u00e4cheln, als s\u00e4he er etwas Erfreuliches. \u201eIch hab\u2018 dir bereits angek\u00fcndigt, da\u00df etwas Sch\u00f6nes auf dich wartet. Du wirst mir ganz sicher recht geben.\u201c Mehr will er nicht sagen, da hilft auch ihr Dr\u00e4ngen nichts. \u201eNein, nein! La\u00df dich \u00fcberraschen!\u201c Er schweigt, nur sein L\u00e4cheln vertieft sich.<\/p>\n<p>So sch\u00f6n das klingt, ihr wird nun doch bang. Wie sicher ist sie, da\u00df ihre Muskeln sie nicht in Stich lassen? \u201aEin Schritt nach dem andern\u2018, f\u00e4llt ihr ein. \u201aEine Schlaufe nach der anderen\u2018. Zeit hat sie ja und Angst war noch nie ein guter Lehrer. Mit, oder ohne Rocky, ihre Angst mu\u00df sie schon selber \u00fcberwinden.<\/p>\n<p>\u201eWegen dabei sein wollen\u2026. Kommt drauf an, wie lange du mich allein l\u00e4\u00dft,\u201c unterbricht sie pl\u00f6tzlich das Schweigen.<\/p>\n<p>\u201eHm, ja, allerdings,\u201c meint er etwas \u00fcberrascht. Er \u00fcberlegt kurz, um dann fortzufahren: \u201eAllein bist du ja nie wirklich. Ich bin in H\u00f6rweite, w\u00fcrde dein Rufen oder einen Schrei sicher h\u00f6ren. Ich hab n\u00e4mlich einen Weg gefunden, der uns von hier wegbringen kann. Das hei\u00dft, es ist ein Schacht. Der Zugang zu ihm liegt zwar hinter dem Wasserfall, aber mein Geh\u00f6r ist ziemlich gut. Ich mu\u00df die Kletterroute allerdings erst sichern, so gut und auch so schnell ich eben kann. Ohne Hilfe ist das nat\u00fcrlich m\u00fchsam. Nur, hier k\u00f6nnen wir nicht bleiben, denn die Regenzeit steht vor der T\u00fcr, so da\u00df wir uns besser auf den Weg machen. Wenn wir uns also die Arbeit teilen k\u00f6nnten, w\u00e4re das enorm hilfreich. Der Schacht ist anfangs eng und geradezu senkrecht, aber er erweitert sich nach oben und wenn auch nach wie vor steil, so doch nicht mehr schnurgrade. Man kann sogar einen kleinen Fleck Himmel durch das Ast- und Bl\u00e4ttergewirr dar\u00fcber ersp\u00e4hen. Du wirst sp\u00e4ter schon sehen, was ich meine. Die riesigen B\u00e4ume, die hier \u00fcberall wachsen, kennst du ja schon. Wir schauen von unserer H\u00f6hle aus ja direkt in die gr\u00fcne Kammer ihres Blattwerks hinein. Der Schacht ist allerdings relativ lang und erfordert solides Klettern, zumindest bis zur H\u00e4lfte, wo er sich dann zu erweitern beginnt und den restlichen Aufstieg wahrscheinlich auch leichter machen wird. Ich kann nur hoffen, da\u00df Ger und Oliver bald zur\u00fcck sind.\u201c<\/p>\n<p>Das ist das erste Mal, da\u00df er sich fast hoffnungsvoll \u00e4u\u00dfert, was die beiden betrifft. Sie nickt nur, fragt aber nicht weiter. Es liegt auf der Hand, da\u00df es nicht einfach sein wird, diesen Schacht hochzuklettern und dann erst recht im Dschungel vorw\u00e4rts zu kommen, wenn alles wassergetr\u00e4nkt ist. Umso wichtiger ist also, da\u00df sie hilft, so gut sie eben kann.<\/p>\n<p>Sie \u00e4ndert erneut ihre Tagesroutine und findet, da\u00df der Tag nicht genug Stunden hat. Haushaltspflichten, vor allem das Zubereiten der Mahlzeiten, ist mit den zur Verf\u00fcgung stehenden Utensilien gar nicht so einfach. Viele der Wurzeln, Knollen und Samen m\u00fcssen gesch\u00e4lt, zerstampft, oder zerkleinert werden. Das braucht seine Zeit, ebenso das Sortieren der Samen. Vieles legt sie zum Trocknen aus, um einen Vorrat f\u00fcr sp\u00e4ter zu haben, wenn sie sich wieder auf den Weg machen. Was auch immer Rocky mitbringt und ihr auftr\u00e4gt zu tun, er erkl\u00e4rt ihr genau, wie und was zu machen, oder zu vermeiden ist. Trotz der M\u00fchseligkeit, nur wenig \u201eWerkzeug\u201c zu haben, vorwiegend aus Stein bestehend, nebst vereinzelten Sachen, die Rocky aus ihrer ohnehin notd\u00fcrftigen Campingausr\u00fcstung retten konnte, sie gew\u00f6hnt sich schneller daran, als sie zu Beginn bef\u00fcrchtet hatte. Es ist nun geradezu ein Vorteil da\u00df sie von K\u00fcchenangelegenheiten wenig verstand, denn nichts von modernen Gepflogenheiten ist hier gefragt. Sie lernt viel mehr was Anderes, Interessanteres, ja N\u00fctzlicheres kennen, vor allem aber, da\u00df Einfachheit nichts mit Primitivit\u00e4t zu tun hat. Das Wesentliche ist dabei, da\u00df es nichts gibt, das nicht zu sch\u00e4tzen w\u00e4re. Dazu z\u00e4hlt sie auch einen Topf, den sie gl\u00fccklicherweise in Besitz haben. Er ist nicht zu gro\u00df, nicht zu klein, grad richtig f\u00fcr jegliche Kocherei. Er verdient fraglos einen Ehrenplatz. Das meiste der \u00fcbrig gebliebenen Campingausr\u00fcstung hat nat\u00fcrlich Ger mitgenommen, als er zur\u00fcck in den Berg ging. Er brauchte es mehr als sie. Ihnen fehlt es hier ohnehin an nichts, dank Rocky nat\u00fcrlich. Er beeindruckt Femina jeden Tag auf\u2019s Neue. Durch ihn versteht sie nun, was es hei\u00dft, mit der Natur verwachsen zu sein. Er ist der wahre Sohn der Mutter Erde, die er offensichtlich liebt, respektiert und in Ehren h\u00e4lt. Wohin auch immer sie ihre Flucht gef\u00fchrt hat, Femina findet, da\u00df sie in H\u00fclle und F\u00fclle lebt, sogar besser als je zuvor, meint sie. Alles aus ihrem alten Leben, verbla\u00dft zur vagen Erinnerung, scheint voll unn\u00f6tiger Dinge gewesen zu sein. Vielleicht war dieses alte Leben ohnehin nur ein Traum gewesen; vielleicht sogar nur ein Albtraum. Freilich, dagegen spricht Etliches. Und es gibt auch Etwas, das sie beschwert, das sie jedoch nicht benennen kann. Obwohl sie glaubt, sowieso schon alles im Bergesinneren zur\u00fcckgelassen zu haben, dieses Etwas, dieses nicht erkl\u00e4rbare Schwere, ist unweigerlich vorhanden. Es verfl\u00fcchtigt sich zwar immer schnell und meist bleibt nichts davon in ihren Gedanken, aber es kehrt auch immer wieder zur\u00fcck. Wie dem auch sei, ob Traum oder Wirklichkeit, beide verschwimmen gew\u00f6hnlich ineinander und flie\u00dfen gemeinsam fort in irgendwelche nebulosen Gefielde, in die sie nicht vorzudringen vermag, oder vielleicht auch nicht vordringen will. Sie empfindet es als befreiend; mehr braucht es nicht zu sein. So ist es auch mit allem anderen. Sie versp\u00fcrt weder Sehnsucht, noch hat sie Bed\u00fcrfnisse und weder Vergangenheit, noch Zukunft sind wichtig. Sie ist einfach gl\u00fccklich, l\u00e4\u00dft ihre Gedanken wie einzelne Wolken \u00fcber einen blauen Himmel ziehen, die immer spurlos irgendwohin verschwinden, so wie sie von irgendwoher erschienen sind.<\/p>\n<p>Abends am Feuer besprechen sie vorwiegend Praktisches, oder es geht ums Vermitteln von Wissen, Rocky\u2019s Wissen, um genau zu sein. Er regt ihre Neugierde, was ihn und seine Kultur betrifft, ungemein an. Allerdings h\u00e4lt sich das Reden in Grenzen. Sie beide genie\u00dfen es n\u00e4mlich, still am Feuer zu sitzen. Femina empfindet es wie die Eintrittskarte zu einem t\u00e4glich stattfindenden Abendkonzert zu haben. Stille gibt es hier n\u00e4mlich nie, im Gegensatz zum Berginneren, wo sie echte, ja nahezu vollkommene Stille erlebt hat. Dort konnte sie Stille nicht nur h\u00f6ren, also sinnlich wahrnehmen, sondern sie mit, nein, durch ihren K\u00f6rper, sp\u00fcren. Es war nat\u00fcrlich keine Totenstille, nur eine tiefe Stille, denn es gab sehr wohl Ger\u00e4usche, jedoch so selten und so subtil, da\u00df jedes, amplifiziert wurde, was dann ihr ganzer K\u00f6rper wahrzunehmen vermochte. Hier drau\u00dfen dagegen gibt es nur stille Momente, die ebenfalls subtil sind, aber kaum wahrgenommen werden k\u00f6nnen, weil zu viele Stimmen und Ger\u00e4usche sie grad so schnell verschlucken, wie eine Schwalbe im Flug M\u00fccken f\u00e4ngt. Die Welt hier drau\u00dfen ist eine laute Welt. Indem Rock das abendliche Feuer nun auch immer am H\u00f6hlenausgang anlegt, nennt sie es ihren Logenplatz, der beste von allen f\u00fcr ihr Konzert. Sie genie\u00dft es ungemein im sanft w\u00e4rmenden Schein des Feuers zu sitzen und den Tag ausklingen zu lassen.<\/p>\n<p>Ihren Augen tut die Dunkelheit ohnehin gut. Sie sieht nun sogar im Dunkeln besser als sie das je zuvor konnte, und das ohne Schmerzen, wie es in zu grellem Tageslicht noch immer vorkommt. Abgesehen davon ist kein Abend wie der vorige, kein Abendkonzert ist dasselbe, aber immer findet es in festlicher Atmosph\u00e4re statt, unter intensiv leuchtenden Sternen, die manchmal durch das Bl\u00e4tterdach windgefegter Baumkronen blinken, als h\u00e4tten sie sich verirrt. Vor allem aber durch das Geflitter und Gefunkel von Millionen von Gl\u00fchw\u00fcrmchen, die in Schw\u00e4rmen durch die Nacht tanzen. Nur der Mond scheint ein wenig launenhaft zu sein. Sie hat ihn bis jetzt noch nie gesehen. Freilich, auch die Sonne hat sie noch nie wirklich gesehen. Beide verraten ihre Anwesenheit nur durch ihr Strahlen.<\/p>\n<p>Femina\u2019s Vorfreude beginnt bereits mit der D\u00e4mmerung, wenn das Get\u00fcmmel des Tages abnimmt, das sie, trotz wiedergewonnener Kr\u00e4fte, erm\u00fcdet. F\u00fcr eine Weile wird es dann tats\u00e4chlich auch stiller. Femina empfindet es grad so, als h\u00f6re sie der Welt beim Ausatmen zu. Vor dem n\u00e4chsten Atemzug gibt es eine kleine Pause, die kurzfristig etwas Ruhe bringt, mehr jedenfalls, als das davor und danach m\u00f6glich ist. Sie scheint dazu zu dienen, den Konzertsaal einer letzten Inspektion zu unterziehen, bevor man dem Publikum die Tore \u00f6ffnet. Paradoxerweise, oder wahrscheinlich gerade deshalb, wirkt die D\u00e4mmerstunde auf Femina animierend. Es sch\u00fcrt n\u00e4mlich ihre Erwartung und Freude auf die geheimnisvolle Welt der Nachtgesch\u00f6pfe, mit denen sie obendrein mehr gemeinsam zu haben scheint, als sie das je in Erw\u00e4gung gezogen hat. Wie in den H\u00f6hlen nimmt sie nach wie vor alles nicht nur mit einem, sondern mit allen Sinnen wahr. Das hei\u00dft, sie h\u00f6rt und empf\u00e4ngt alles in Vibrationen und sie versteht nun auch, da\u00df, genau genommen, alle Wahrnehmungen immer nur Vibrationen sind, auf die nicht nur sie, sondern alle Organismen reagieren; und alle, im Laufe fortschreitenden Wachstums, schon allein aus praktischen Gr\u00fcnden, bauen sich ein Wahrnehmungssystem auf, mit speziellen Sinnen, die als hoch effiziente Empfangsstationen dienen. Das ist h\u00f6chst rationell, erkl\u00e4rt aber auch, warum sie sich abends m\u00fcde f\u00fchlt, denn trotzdem sie dem l\u00e4rmenden Geschehen des Tages nun weniger Aufmerksamkeit schenkt, als sie das aus der Stille des Berginneren kommend nicht verhindern konnte, alle diese Vibrationen, bewu\u00dft oder nicht, sind ja vorhanden und str\u00f6men kontinuierlich auf sie ein, so da\u00df ihr K\u00f6rper irgendwann gar nicht anders kann, als mit Erm\u00fcdung darauf zu reagieren. Die D\u00e4mmerung ist, so gesehen, eine \u201aVerschnaufpause\u2018 und eine Phase der Umstellung im Verlauf t\u00e4glicher Zyklen. Nur ist ihre derzeitige Neugierde auf die n\u00e4chtliche Welt einfach zu gro\u00df, um dem Verlangen ihres K\u00f6rpers nachzugeben. Er mu\u00df doch ein wenig l\u00e4nger auf seine Rast warten, als er sich das w\u00fcnscht.<\/p>\n<p>Die synchrone Arbeitsweise ihrer Sinne mit ihrem Intellekt wird ihr allerdings auch noch anderw\u00e4rtig klar gemacht, n\u00e4mlich durch ein Wort, das H\u00f6ren und Sehen verbindet: Ger\u00e4uschkulisse! Es l\u00e4\u00dft ihre Gedanken nicht mehr los. Wie wi\u00dfbegierige Kinder begn\u00fcgen sie sich nicht mit einer Antwort, sondern fragen munter weiter. Besser, sie gibt gleich nach. H\u00f6rbares und Kulissen sind in der B\u00fchnenwelt zu Hause. Sie schaffen das Ambiente, die Atmosph\u00e4re. Sie sind auch nichts Permanentes, sondern immer austauschbar. Die B\u00fchne der Natur macht genau dasselbe, nur sind es dort Klangbilder. Auch sie schaffen und bestimmen die Atmosph\u00e4re, sind nichts Permanentes, sondern austauschbar, aber nun im Sinne eines laufenden Geschehens, nicht als ein Akt der Willk\u00fcr. Was dabei entsteht, ist immer ungewi\u00df, denn es gibt keinen K\u00fcnstler, der kontrolliert, oder \u00fcberhaupt Kontrolle haben k\u00f6nnte. Alles bewegt sich, kontinuierlich und unberechenbar. Es ist ein interaktives Theater, wo nichts Routine ist, weder das Scharren der vielen F\u00fc\u00dfe, oder das Schwingen und Flattern der vielen Fl\u00fcgel, noch das Rascheln und Raunen von B\u00e4umen und Bl\u00e4ttern. Auch nicht das Gezirpe, Gesumm, und Gequake der gro\u00dfen wie kleinen Gesellschaften, die sich miteinander unterhalten, egal wie nah, oder fern, sie einander sind. Dazwischen gibt es dann noch die einzelnen Stimmen, oder auch ein Rufen. Manches davon klingt sehns\u00fcchtig, anderes klingt, als w\u00e4ren es Warnsignale. Der H\u00f6hepunkt sind nat\u00fcrlich die S\u00e4nger. Das gesprochene Wort scheint hier nicht zu existieren. Daf\u00fcr gibt es die musikalische Sprache, wo jede Information, jedes Gespr\u00e4ch, jede Unterhaltung aus T\u00f6nen besteht, deren spezifisches Vibrieren die Stimmung schafft und Gef\u00fchle ausl\u00f6st. Allerdings! Dasselbe gilt f\u00fcr Worte, also auch f\u00fcr die menschliche Sprache. Sie wundert sich, wie Tiere darauf reagieren. Femina selber empfindet manche Sprachen als wohlklingend und andere nicht. Es ist also ein subjektives Empfinden und das wird wohl bei Tieren nicht anders sein. Schade, da\u00df sie deren Art zu kommunizieren nicht versteht. Ob, oder was, die kunstfertigen S\u00e4nger einander mitteilen, oder ob sie aus Freude echte Lieder singen, das wird sie wohl nie herausfinden. Sie glaubt allerdings, sie tun beides. Nur f\u00fcr Femina sind es eben Melodien, bezaubernd, erstaunlich, tief ber\u00fchrend, oder einfach etwas, das sie aufhorchen l\u00e4\u00dft. Aber da\u00df Fragen und Antworten \u00fcber den \u00c4ther fliegen, davon ist Femina \u00fcberzeugt. \u00dcber welche Distanzen, das bleibt ihr nat\u00fcrlich ebenso verborgen. Wie so vieles andere mehr, wei\u00df sie doch nicht einmal, ob, oder was, sonst noch so um sie vorgeht, weil es, zumindest im physiologischen Sinn, f\u00fcr sie nicht wahrnehmbar ist. Eines steht jedoch fest, die Welt pr\u00e4sentiert sich ihr in Klangbildern, harmonisch oder auch nicht, und auch nur gem\u00e4\u00df ihrer Wahrnehmungsf\u00e4higkeit. Sie h\u00e4lt inne: Schlu\u00df mit all den uners\u00e4ttlichen Gedanken! Warum nicht einfach den Abend genie\u00dfen, das ist doch der springende Punkt.<\/p>\n<p>Wenn sie schlafen gehen, bringt Rocky die verbleibende Glut ins H\u00f6hleninnere, wo sie dann bis zum Morgen weiterglost, bevor er sie neu ansch\u00fcrt. Er, und jetzt auch sie, sorgen immer daf\u00fcr, da\u00df die Glut nicht ausgeht. Und wenn sie sich schlie\u00dflich zur Ruhe legt, verf\u00e4llt sie sogleich in ungest\u00f6rten Schlaf, aus dem sie mit dem ersten Licht auf ihrer Haut erwacht. Nie erinnert sie sich an Tr\u00e4ume, sollte sie \u00fcberhaupt welche haben. Sie wei\u00df nicht einmal, ob sie wirklich geschlafen hat. Vielleicht ist das Wachsein der Traum und die Zeit des Schlafes eine andere Wirklichkeit, oder wahre Realit\u00e4t, an die sie sich eben nicht erinnern kann. Ohne handfeste Beweise zu haben, vermag sie es nicht zu sagen. Gewi\u00df ist, da\u00df ihr K\u00f6rper ruht, ja ruhen mu\u00df. Er bedarf der Regeneration; er folgt dem nat\u00fcrlichen Zyklus der stofflich greifbaren Materie aus der er gemacht ist. Sie ist schlie\u00dflich ebenfalls ein Kind der Erde, also Materie, die nat\u00fcrlich auch ihr eigenes Bewu\u00dftsein hat. Das ist aber, trotzdem es zu ihr geh\u00f6rt, nicht alles, oder gar ihr Gesamtbewu\u00dftsein. Das hat sie als subjektives Erlebnis, und nachweislich, erfahren, indem sie ihren K\u00f6rper hat schlafen gesehen, w\u00e4hrend sie durch ihren Wohnraum ging, um einen verlegten Gegenstand hervorzuholen, den sie verlegt hatte und danach an einem geistigen Problem arbeitete, das sie tags\u00fcber ohne Erfolg besch\u00e4ftigt hatte, aber nach einer L\u00f6sung verlangte. Beides konnte sie in diesem bizarren Wachzustand erledigen. Sie wu\u00dfte, wo der Gegenstand war und durch ihre Arbeitsnotizen bl\u00e4tternd l\u00f6ste sich das Problem weiters nachdenken zu m\u00fcssen. Sie fand diesen Zustand h\u00f6chst am\u00fcsant, sah sogar ein wenig ihrem K\u00f6rper beim Atmen zu. Da sie aber nichts weiter mehr zu tun hatte, \u00fcberlie\u00df auch sie sich wieder w\u00e4hrend, so wie ihr K\u00f6rper dem tiefen Schlaf. Das Erlebnis war nat\u00fcrlich tiefgr\u00fcndig und von enormer Tragweite. Ihr Geist war n\u00e4mlich so wach gewesen, wie sie es sonst nur mit ihrem K\u00f6rper im Wachzustand, kannte. Damit war ihr jedoch klar geworden, da\u00df sie mehr als \u201enur\u201c Erdenstoff ist. Im Alltag freilich ist ihr K\u00f6rper der Boss. Er sorgt f\u00fcr ihr \u00dcberleben und mit seiner Hilfe kann sie sich ihrer existentiellen Manifestation, im Sinne bewu\u00dften Seins und sinnlicher Wahrnehmung, auch tats\u00e4chlich erfreuen. Aber ihre immaterielle, geistige Natur hat eine andere Dimension. Integriert im K\u00f6rper, und bewu\u00dft, wie unbewu\u00dft, zusammenarbeitend mit ihm, sie kann sich erst dann so richtig entfalten, wenn die Materie sich ersch\u00f6pft und Zeit zum Regenerieren nimmt, oder, sie wissentlich freigibt, so da\u00df ihr Geist frei fliegen kann. Ihr feinstoffliches Substrat, also der sogenannte Geist, lebt eben nach anderen Bedingungen und entfaltet sich nur bedingt, wenn die festen Strukturen der Materie ihren Zugriff nicht lockern, oder aufgeben wollen. Dankbar ist sie jedoch beiden, K\u00f6rper wie Geist, denn beide dienen ihr bestens, was dieses Leben angeht. Ob, oder was ihr Geist tut, oder vorhat, das kann sie derzeit nicht sagen. Sie wei\u00df nur, er ist im Wachsen. Seine Kapazit\u00e4t ist noch lange nicht ersch\u00f6pft. Er mu\u00df allerdings seinen Weg durch unbekanntes Territorium finden.<\/p>\n<p>Rocky ist immer vor ihr auf. Sie l\u00e4\u00dft ihn meist gehen bevor sie aufsteht. Doch heute will sie ihn die Leiter runterklettern sehen und er ist bereits gehbereit. Sie springt hoch, hat sogar den Drang ihm zu folgen, ist aber dann doch vern\u00fcnftig genug, nur seinen Abstieg genau zu beobachten, anstatt kopflos ihrem Drang nachzugeben. Er soll ungehindert seine Arbeit tun und sie will erst mal was essen und erledigen, was n\u00f6tig ist, bevor sie sich selber ans Klettern macht.<\/p>\n<p>Sie bereitet immer einiges f\u00fcr die Mahlzeiten am n\u00e4chsten Tag vor, speziell das Fr\u00fchst\u00fcck. Es besteht generell aus allerlei Samen, zermahlen und zerstampft. Mit frischem Kr\u00e4utertee, den Rocky jeden Morgen auf dem neu gesch\u00fcrten Feuer br\u00fcht, k\u00f6nnen sie beide unabh\u00e4ngig voneinander ihr Fr\u00fchst\u00fcck so zu sich nehmen, wie es ihnen pa\u00dft, als Brei, oder zur Suppe aufgegossen, mit Beeren, oder Fr\u00fcchten vermischt. Inzwischen kennt sie die Mengen, die genug f\u00fcr sie beide sind. Damit k\u00f6nnen sie gleich nach dem Aufstehen, schnell und ohne viel Aufwand, was Warmes zu sich nehmen. Ob Brei oder Suppe, beides ist ungemein s\u00e4ttigend und schmackhaft obendrein. Die anderen Mahlzeiten sind leichter, enthalten mehr Kr\u00e4uter und anderes Gr\u00fcnzeug oder Knollen, die Rocky jeden Tag mitbringt und die dann in ihrem Topf gekocht, ger\u00f6stet, oder roh, mit oder ohne dem Samengemisch, gegessen werden. Es mangelt also nicht einmal an Vielfalt und weil eigentlich alles umgehend verarbeitet und verzehrt wird, gibt es kaum Mitesser, wie uners\u00e4ttliche Ameisen, oder anderes Getier.<\/p>\n<p>Femina nimmt ihren Brei und l\u00e4\u00dft sich drau\u00dfen vor der H\u00f6hle knapp am Felsrand nieder. Sie f\u00fchlt sich wesentlich zuversichtlicher, seit sie gesehen hat, wie Rocky den Abstieg macht. Noch herrscht Zwielicht. Feuchte Luft liegt wie ein d\u00fcnner Schleier auf \u00c4sten und B\u00e4umen, in die sie gradewegs hineinschaut. Winzige Tropfen h\u00e4ngen von den Bl\u00e4ttern. Gras und Gestein spiegeln na\u00df.<\/p>\n<p>\u201aDas ist eine glitschige Angelegenheit, wenn ich jetzt aufbreche\u2018, f\u00e4hrt es ihr durch den Kopf. Sie verschiebt ihren Abstieg auf sp\u00e4ter, wenn der Morgentau verschwunden ist. W\u00e4hrend sie i\u00dft, h\u00f6rt sie auf die morgendlichen Stimmen, die immer mehr und lauter werden. Blasse Schleierfahnen steigen aus der Tiefe hoch. Sie werden dichter und verwandeln sich vor ihren Augen zu Schwaden, bis sie ihr als Nebel den Ausblick nehmen. Die Welt wird pl\u00f6tzlich formlos. Selbst der Boden auf dem sie sitzt, verliert seine Konturen, so da\u00df sie vermeint, sie w\u00fcrde schweben. Bald wird sie nicht mehr wissen, wo sie war. Aber auch das vergeht so schnell, wie es entsteht. Helles Licht breitet sich aus und durch die Bl\u00e4tter fallen schr\u00e4g und bla\u00df einige Sonnenstrahlen. Sie w\u00e4rmen die Luft zunehmend auf. Trotzdem wird es ein wenig dauern, bis sie die N\u00e4sse aufgesaugt haben. Sie geht daher zur\u00fcck in die H\u00f6hle, um ein paar Hausarbeiten zu erledigen.<\/p>\n<p>Es ist Mittmorgen als sie mit dem Abstieg beginnt. Sie vermeidet den Blick nach unten und konzentriert sich auf das Notwendige. Hand- und Fu\u00dfhalterungen zu finden ist tats\u00e4chlich kein Problem, au\u00dfer da\u00df sie Geduld braucht. Rocky hat gro\u00dfartige Arbeit geleistet. Sie kann allerdings nur hoffen, da\u00df sich etwaiges Kleingetier, von ihr gest\u00f6rt, schnellsten davonmacht. Das Tasten f\u00e4llt ihr jedoch leichter als visuell nach Halt zu suchen, denn das Blattgewirr spielt mit Licht und Schatten tats\u00e4chlich trickreiche Spiele. Sie mu\u00df schon aufpassen, um sich nicht zu vergreifen. Das ganze macht ihr aber auch Spa\u00df. Erst recht die Vorstellung, da\u00df sie bald wie ein Klettertier die Felswand rauf und runter klettern wird, als sei es das nat\u00fcrlichste auf der Welt. Dann wird sie ihre Aufmerksamkeit auch jenen Dingen widmen k\u00f6nnen, die sie jetzt leider vernachl\u00e4ssigen mu\u00df, n\u00e4mlich den unsagbar pr\u00e4chtigen und wundersch\u00f6nen B\u00fcndeln und Kaskaden von Blumen und Bl\u00fcten, die \u00fcber Felsnasen h\u00e4ngen, aus Spalten und Rillen der sonst glatten Felswand wachsen, oder sich um Lianen schlingen. Manche, exotisch duftend, haben zwischen den holzigen Str\u00e4ngen Fu\u00df gefa\u00dft, mit den eigenen Wurzeln darin verstrickt ganz ohne Erde. Vieles kann sie nur im begrenzten Blickwinkel registrieren und oberfl\u00e4chlich betrachten, oder ihr Geruchsinn verleitet sie zum Innehalten. Obwohl alles ihre Neugierde herausfordert, eilt sie doch weiter. Sie will erstmal nach unten, um dort auf weitere Entdeckungsreise zu gehen.<\/p>\n<p>Endlich auf festem Grund, findet sie sich umgeben von dicken Baumst\u00e4mmen. Einige haben eine rauhe Rinde, andere sind aalglatt, als h\u00e4tten sie ihre grad verloren, ein paar andere sind mit Moos und Flechten bedeckt. Dazwischen sieht sie vereinzelte Farnb\u00e4ume und Palmen aus dem dichten Untergew\u00e4chs wachsen. Alles strebt nach oben, manches in H\u00f6hen, die sie nicht einmal absch\u00e4tzen kann. Selbst von ihrer H\u00f6hle aus kann sie die Kronen der Baumriesen davor nicht wirklich sehen.<\/p>\n<p>Sie folgt einem schmalen Pfad durch h\u00fcfthohe Farne, der auf eine Lichtung zuf\u00fchrt. Es ist, als ginge sie durch eine gr\u00fcne Passage, an deren Ende es die Offenbarung gibt. Sie h\u00f6rt auch wieder alle Ger\u00e4usche, die w\u00e4hrend ihres Abstiegs geradezu verstummt waren, jetzt aber umso eindringlicher auf sie einstr\u00f6men. Das stete dumpfe Rollen, das sie im Ged\u00e4rm des Berges nicht nur geh\u00f6rt, sondern auch gef\u00fchlt hatte, ist auch wieder da und weckt jene Erinnerungen in ihr, die sich offenbar tief in ihr Ged\u00e4chtnis eingegraben haben, entstanden, noch bevor sie in jenen Zustand verfallen war, der nun als leerer Raum in ihrem Ged\u00e4chtnis existierte. Sie sp\u00fcrt Luft und Erde grad so vibrieren, wie damals. Rocky vermutete nat\u00fcrlich, da\u00df es irgendwo einen Wasserfall gab, aber es wurde nicht weiter dar\u00fcber gesprochen, denn vermuten kann man alles M\u00f6gliche. Freilich, sie haben letzendes Wasser gefunden. Ihr war egal, ob Wasserfall oder nicht. Dass es \u00fcberhaupt Wasser gab, um sie am Leben zu halten, das war ihr das Wichtigste. Nun ist sie aber doch sehr neugierig, schon allein deshalb, weil es neben diesem Grollen auch noch ein Rauschen gibt, das mit einem heiteren Gegurgel und Gepl\u00e4tscher einhergeht, und Rocky immer wieder angedeutet hat, da\u00df sie sich auf was speziell Sch\u00f6nes freuen k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Sie beschleunigt ihren Schritt, nur um gleich an seine Warnung erinnert zu werden, besser auf den Boden zu achten. Ihr Fu\u00df verf\u00e4ngt sich n\u00e4mlich und sie landet mit ausgestreckten Armen und Beinen in feuchtem Blattgewirr unter Farnwedeln. Es ist zwar eine weiche Landung, aber sie schnellt gleich wieder hoch, denn Rocky hatte sie ja vor der giftigen Bev\u00f6lkerung gewarnt, die sich nun wahrscheinlich aus Schreck \u00fcber die pl\u00f6tzliche St\u00f6rung, zum Angriff r\u00fcstet. Sie kehrt also doch lieber zur\u00fcck zum bed\u00e4chtigen Schritt f\u00fcr Schritt und, Augen auf den Boden.<\/p>\n<p>Es ist ohnehin nur ein kurzer Weg und schon steht sie am Rande der Lichtung. Von der ihr gegen\u00fcberliegenden hochragenden Felswand ergie\u00dft sich aus mindestens 20m H\u00f6he, \u00fcber eine uneinsehbare Felslippe, ein spektakul\u00e4rer Wasserfall. Sein Wasser landet in einem relativ gro\u00dfen, nahezu runden Becken, stirnseitig von einer glatten schwarz gl\u00e4nzenden Felswand einges\u00e4umt, mit einigen wenigen \u00dcberh\u00e4ngen, von denen ebenfalls Wasser spr\u00fcht. An den anschlie\u00dfenden Seiten liegen und t\u00fcrmen sich unterschiedlich gro\u00dfe, dicke und d\u00fcnne Felsplatten, die in runde R\u00fccken \u00fcbergehen und wieder abflachen, bis sie an beiden Seiten einer relativ weiten \u00d6ffnung enden, aus der das Wasser in mehreren kleinen Kaskaden in ein zweites, tiefer liegendes kleineres Becken flie\u00dft, aus dem dann gurgelnd ein kleiner Bach \u00fcber kieseliges Gestein l\u00e4uft, der aber rasch zwischen Pflanzen und niedrigem Geb\u00fcsch verschwindet, so da\u00df sie seinem weiteren Verlauf nicht folgen kann. Sie kann aber auch sein Gepl\u00e4tscher nicht lange h\u00f6ren. Wohl kommt aus der Tiefe ein dumpfes Grollen. Es legt nahe, da\u00df es noch einen anderen Wasserfall gibt, der im Berginneren Wasser sammelt, und dann m\u00e4chtig geworden, in die Tiefe donnert, was das dumpfe Grollen und Vibrieren erst wirklich erkl\u00e4ren k\u00f6nnte. Aber rundum, wohin sie auch blickt, sieht sie Felsw\u00e4nde. Da ist kein Tal, auch keine Schlucht. Sie sind, wie Rocky gesagt hat, in einem Senkloch, zwar gr\u00f6\u00dfer als man damit gew\u00f6hnlicherweise assoziiert, doch von hohen Felsw\u00e4nden umgeben, nahtlos und unbegehbar, wie es einem Senkloch entspricht. Das kann nur durch Wasser entstanden sein und das vor ewig langer Zeit. Sie ist auch sicher, da\u00df dieses Loch samt seiner Lichtung nicht von oben gesehen werden kann, auch nicht, w\u00fcrde man \u00fcber die Berge fliegen. Es war urspr\u00fcnglich sicher eine gro\u00dfe H\u00f6hle gewesen, deren weicheres Gestein vom Wasser so lange ausgenagt worden war, bis schlie\u00dflich alles einbrach und nur das Felsskelett \u00fcbrigblieb. Das Ger\u00f6ll wurde dann langsam, aber stetig, klein gerieben und weggesp\u00fclt, ein Prozess ohne Ende, der auch jetzt noch stattfindet, hier, sowie in anderen Bereichen dieser Berge, das nimmt sie jedenfalls an. Der n\u00e4chste Schritt, n\u00e4mlich der der Vegetation, begann dann alles Nackte zu bekleiden und alle Leere auszuf\u00fcllen.<\/p>\n<p>Femina kann sich nicht sattsehen an der Idylle. Die Lichtung ist gro\u00df genug f\u00fcr ein paar Palmen, kleinere B\u00e4ume und allerlei Geb\u00fcsch. Die \u00c4ste sind voller Beeren, Fr\u00fcchte und Bl\u00fcten, wo gro\u00dfe und kleine Schmetterlinge, Bienen und allerlei Insekten reichlich Nahrung finden. Und nat\u00fcrlich sind da auch unz\u00e4hlige V\u00f6gel, jeglicher Gr\u00f6\u00dfe und buntester Art. Auch die essen sich satt, versammeln sich in kleineren Gruppen, rundum und hoch oben in den zahlreichen Baumkronen. Ans\u00e4ssige, so wie Besucher, die vielleicht sogar wie nach einem festen Stundenplan in Scharen kommen, sie sorgen f\u00fcr reichlich Getriebe, weil f\u00fcr alle der Tisch gedeckt ist. Stille gibt es da wahrlich nicht. Es ist eher wie ein Schulhof voller Kinder in der Mittagspause.<\/p>\n<p>Sie springt \u00fcber runden Kiesel, und klettert \u00fcber Steine und Steinr\u00fccken hinauf zum ersten Becken, entledigt sich ihrer ohnehin sp\u00e4rlichen Kleidung an einer leicht zug\u00e4nglichen Stelle, um in die gr\u00fcnen Fluten zu tauchen. Das Wasser ist kalt, aber weich wie Seide. Was f\u00fcr ein Freudentag, was f\u00fcr eine Wonne, was f\u00fcr ein Tag der Erneuerung! Nicht nur ihre Haut jubelt. Sie jubelt, mit jeder Zelle, auf jeder Ebene und in jeder Dimension. Sie erfreut sich auch am Gr\u00fcn des Wassers, dessen Intensit\u00e4t zur Mitte hin wechselt, was nur bedeuten kann, da\u00df es dort am tiefsten ist. Das best\u00e4tigt sich auch, als sie darauf zuschwimmt, denn zuerst kann sie den Boden klar ausmachen, doch weiterhin, sich der Mitte n\u00e4hernd, verschwindet der Grund unter ihr. Sie schwimmt auf den Wasserfall zu, der das ruhige Gew\u00e4sser in Wellen schl\u00e4gt, die aber nicht von \u00fcberm\u00e4\u00dfiger, oder gef\u00e4hrlicher St\u00e4rke sind, so da\u00df man besser Distanz wahrt, oder den Wassereinfall \u00fcberhaupt vermeidet. Es best\u00e4tigt nat\u00fcrlich, da\u00df es nicht dieser Wasserfall sein kann, der den Berg nicht ruhen l\u00e4\u00dft. Wahrscheinlich befinden sie sich in einem Bereich der Bergkette, das ein wasserreiches H\u00f6hlensystem birgt, oder sogar eines ist, und sie stehen zumindest am Rand eines solchen. M\u00f6glicherweise gibt es noch andere Senkl\u00f6cher und ihres ist vielleicht nur eines von vielen, wenn auch ein altes, denn wer wei\u00df, wie lange es gebraucht hat, diese idyllische Welt zu erschaffen. Sicher, Rocky mag mehr wissen, und sie wird ihn nat\u00fcrlich fragen, aber sicher ist auch, da\u00df eine Flucht im Inneren der Berge ihr Ende gefunden hat. Sie sind auf eine Barriere gesto\u00dfen, mit deutlicher Warnung, ihren weiteren Weg nicht mehr dort zu suchen. Offensichtlich hat Rocky das l\u00e4ngst erkannt. Wie dem auch sei, sie widmet sich jetzt doch lieber dem Vergn\u00fcgen, sich im Wasser zu aalen und das Paradies zu genie\u00dfen. Nur Narren w\u00fcrden es nicht tun, verstehen sie doch nichts von Dingen wie Vollkommenheit, Einmaligkeit, oder gar, warum es keinen Anspruch auf Allgemeing\u00fcltigkeit gibt, sondern alles immer nur M\u00f6glichkeiten sind, die jedoch jedem eine Gelegenheit zur Verf\u00fcgung stellen, die er nutzen kann, oder auch nicht. Sie jedenfalls wei\u00df genau, wie sie ihre nutzen will.<\/p>\n<p>Sie schwimmt, taucht, schl\u00e4gt vergn\u00fcgt Purzelb\u00e4ume, prustet und spr\u00fcht Wasserfont\u00e4nen. Sie erzeugt mehr Wellen, als der Wasserfall das schafft, so da\u00df die Libellen eiligst hin und her schwirren, um mehr \u00fcber das neue Spiel herauszufinden. Die Sonne wirft sogar Gold- und Silberm\u00fcnzen durch das l\u00f6chrige Dach hoch \u00fcber ihnen, sparsam zwar, doch sorgt es f\u00fcr ein kurzlebiges Funkeln und der Wasserfall leuchtet auf. Er hat aber sonst keinen Regenbogen.<\/p>\n<p>Als Finger und Haut schrumpelig werden, verl\u00e4\u00dft sie das Wasser. Die Luft ist warm und so sind die runden R\u00fccken der Steine. Sie setzt sich neben ihre Sachen und wartet geduldig bis sie abtrocknet, bevor sie sich anzieht. Sie bleibt aber auch dann still vor sich hinl\u00e4chelnd und geradezu bewegungslos sitzen, um sich weiter aufzuw\u00e4rmen. Sie tut es den kleinen Echsen gleich, die sich auf dem Gestein rund um sie einfinden. Ein Gef\u00fchl der Einheit mit allem durchstr\u00f6mt sie. Sie sp\u00fcrt Leben in allem, selbst im Stein, auf dem sie sitzt. Sie spricht auch mit allem, ohne Worte zu sagen und alles spricht zu ihr. Sie h\u00f6rt Musik, Kl\u00e4nge, die \u00fcber allen Lauten schweben. Alles verschmilzt zu einem einzigen Gef\u00fchl der Liebe, reine Liebe, nichts als Liebe, Liebe, aus der alles entsteht, alles w\u00e4chst, alles ist. Sie ist die Urkraft, sie ist Genesis, sie selbst ist das Leben, das sich entfalten kann.<\/p>\n<p>Einer der gro\u00dfen bunten Schmetterlinge flattert auf sie zu und l\u00e4\u00dft sich auf ihrem Kopf nieder. Sie sp\u00fcrt seine F\u00fchler auf ihrer Stirn und lacht, denn sie versteht, er will sie kennenlernen und wissen, ob sie genie\u00dfbar ist. Ein gro\u00dfer gr\u00fcner Papagei setzt sich neben sie, k\u00e4kelt sie neugierig an w\u00e4hrend er sie be\u00e4ugt und dann an ihrem T-Shirt zupft. Er ist offensichtlich erstaunt, welch komische Federn sie hat. Er k\u00e4kelt noch mehr in Gel\u00e4chter und schon kommen andere seinesgleichen angeflogen, wahrscheinlich um herauszufinden, was ihn so am\u00fcsiert.<\/p>\n<p>Sie wei\u00df nicht, wie lange sie so dagesessen hat, als sie Rocky von der linken Seite des Wasserfalles, nicht all zu weit von ihr, hervortreten sieht. Gewandt, ja geschmeidig und lautlos wie eine gro\u00dfe Katze, bewegt er sich \u00fcber die Felsr\u00fccken auf sie zu, verschwindet kurz, nahe einer Stelle \u00fcber ihr, in die sie nicht einsehen kann, nur um dann seinen nackten braunen K\u00f6rper wie einen Pfeil kopf\u00fcber ins Wasser tauchen zu sehen. Prustend und sprudelnd, grad so wie sie zuvor, kommt er hoch, und taucht immer wieder unter. Er winkt ihr fr\u00f6hlich zu. Nach einer Weile schwimmt er ans Ufer und verschwindet hinter den riesigen Steinen. Ihr f\u00e4llt die Geschichte von Adam und Eva ein. Zu dumm, da\u00df die beiden Wonne erst dann verstehen konnten, nachdem sie aus dem Paradies vertrieben worden sind. Es w\u00e4re ihnen viel erspart geblieben. Andererseits, ohne das Gegenteil zu kennen, gibt es das Wertsch\u00e4tzen nicht.<\/p>\n<p>Rocky l\u00e4\u00dft sich an ihrer Seite nieder. \u201eHab ich dir zu viel versprochen?\u201c fragt er nach einer Weile.<\/p>\n<p>Sie sieht ihn erstaunt an. \u201eNein,\u201c sagt sie dann mit einem breiten L\u00e4cheln: \u201eEs ist noch viel sch\u00f6ner, als du es je mit Worten h\u00e4ttest beschreiben k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p>Er nickt und schweigt wieder.<\/p>\n<p>\u201eM\u00fcssen wir wirklich weg von hier?\u201c fragt sie schlie\u00dflich. \u201eIch will nicht mehr zur\u00fcck in eine Welt, die mir so fremd geworden ist, wie sich Tag und Nacht fremd sind. \u201eDu hast mir doch schon so vieles beigebracht. Glaubst du nicht, ich k\u00f6nnte auch allein hier \u00fcberleben, falls du lieber gehen m\u00f6chtest? Ger und Oliver sind auch noch nicht zur\u00fcckgekommen. Glaubst du nicht, ich k\u00f6nnte sogar eine gro\u00dfe Hilfe sein? Ich bin gl\u00fccklich hier. Selbst die M\u00f6glichkeit eines fr\u00fchen Todes schreckt mich nicht ab. Die Natur ist um mich, in mir, ich bin eins mit ihr. Das kann ich nur hier finden, nirgendwo sonst. Hier bin ich gl\u00fccklich. Weder will ich, noch brauch ich mehr. Kein Mensch will mehr als gl\u00fccklich sein. Es ist doch geradezu unm\u00f6glich da drau\u00dfen in dieser anderen Welt \u00fcberhaupt zu erkennen, was gl\u00fccklich sein eigentlich hei\u00dft. Hier ist es so leicht zu verstehen, denn man hat das Gl\u00fcck in sich. Hier man mu\u00df man dem Gl\u00fcck nicht nachjagen. Hier ist es einfach eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAch Femina,\u201c sagt er, nimmt ihre Hand, t\u00e4tschelt sie liebevoll. Als sie sich ihm zuwendet, schaut er sie sinnend an und f\u00e4hrt fort: \u201eDu f\u00fcrchtest den Tod nicht mehr, hast dich doch grad erst aus seiner Umarmung befreit. Doch nun f\u00fcrchtest du die Welt, mehr als dir gut tut. Nun hast du Angst, dich in ihrem Netz zu verfangen und bef\u00fcrchtest, du k\u00f6nntest dem nicht entrinnen.\u201c Er l\u00e4\u00dft sie wieder los, wendet sich schweigend dem Wasser zu. Sie tut desgleichen.<\/p>\n<p>Eigenartig wie tiefgr\u00fcn das Wasser pl\u00f6tzlich ist, wie wenig Sonnenlichter durch das Laubdach fallen, wie laut der Wasserfall spricht und wie viele Stimmen zu schweigen beginnen. Das Wort Angst hallt in ihrem Kopf wie ein Echo, das von einer kn\u00f6chernen Wand zur anderen geschickt wird, aber irritiert die Ruhe sucht. \u201aAngst?\u2018 Da hat er recht. \u201aVorm Leben?\u2018 Damit allerdings nicht. Obwohl ihre Gedanken sich im Hin und Her nicht wohl f\u00fchlen, letzendes versteht sie doch, was er gesagt hat. Auch wenn sie kein Bed\u00fcrfnis nach der Welt da drau\u00dfen hat, ein Leben von Angst gesteuert, macht Gl\u00fcck fl\u00fcchtig und abh\u00e4ngig von Umst\u00e4nden. Was gl\u00fccklich macht, bestimmen dann \u00c4u\u00dferlichkeiten. Selbst das Paradies hier ist dann nicht mehr als ein idyllischer Zufluchtsort, also ein begl\u00fcckender Umstand, der sich aber, wie alle Umst\u00e4nde, ver\u00e4ndert, ja ver\u00e4ndern mu\u00df. Das ist dann kein gl\u00fcckliches Leben, sondern nur eine Illusion desselben. Sie seufzt.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr ein l\u00e4cherliches, ja geradezu grausames Spiel die Angst mit ihr spielen m\u00f6chte! Sie will sie aufhalten, irref\u00fchren, will Stillstand statt Aktion. Sie gaukelt ihr tats\u00e4chlich vor, nur im Stillstehen ein gl\u00fcckliches Leben haben zu k\u00f6nnen. Was aber m\u00f6glich ist, sein kann und sein wird, geschieht so oder so, also mit, oder ohne Angst. Die ist zwar als Instrument wichtig, wenn es n\u00e4mlich ums unmittelbare \u00dcberleben geht, aber als Wahrsager ist sie v\u00f6llig untauglich.<\/p>\n<p>Allerdings gibt es sehr wohl einen Grund, wo ihre Angst angebracht ist. Wilson ist eine ernste Gefahr. Auch wenn er vielleicht glaubt, sie seien tot, seine Spitzel sind \u00fcberall, denn er, als der eigentliche Beherrscher und Machthaber dieser Gegend, kontrolliert alles, Land und Leute. Sie h\u00e4lt inne. Nein, nein, sie will kein neues Gedankenkarussel! Wilson ist eine Gefahr, gar keine Frage, aber das ist kein Grund, sich schon jetzt in M\u00f6glichkeiten zu verlieren, die garnicht eintreten m\u00fcssen. Punkt um und basta!<\/p>\n<p>Ihre Gedanken lassen sie trotzdem nicht in Ruhe, was nur bedeuten kann, da\u00df noch immer etwas in ihr nach Klarheit sucht. Ist es vielleicht eine Schuldfrage, n\u00e4mlich, warum sie sich \u00fcberhaupt in dieser Situation befindet? Nicht doch! Sich vom Leben treiben lassen, keine Wurzeln mehr schlagen, das hat sie gewollt, und da\u00df sie hier gelandet ist, ist doch ein gutes Resultat, nein, mehr als das, denn hier ist sie ja tats\u00e4chlich gl\u00fccklich. Ah, Wurzel schlagen! Ist das der wunde Punkt? Allerdings; das ist schlie\u00dflich auch ein Stillstehen, nur aus einem anderen Grund wie Angst haben. Warum aber sollte sie zur\u00fcck in ein Leben wollen, in dem es mehr H\u00e4\u00dfliches wie Sch\u00f6nes gibt, mehr Zwietracht wie Liebe und wo Dummheit Einsicht ersetzt? Da ist das Angsthaben vor der Welt drau\u00dfen doch nur logisch, und das Hierbleiben und Wurzel schlagen einfach die beste L\u00f6sung. Ach was! Angst haben, Wurzel schlagen, eins ist wie das andere. Vielmehr geht es ums LOSLASSEN K\u00d6NNEN. Das ist der wunde Punkt!<\/p>\n<p>Eine Welle der Energie steigt pl\u00f6tzlich in ihr hoch. Sie vermag nicht zu sagen, ob es aus dem Boden, dem Stein, auf dem sie sitzt, kommt, oder von ihr selbst; es ist einfach da und dr\u00e4ngt mit einer ungemeinen St\u00e4rke ihre Wirbels\u00e4ule hoch. Sie richtet sich auf, ihr R\u00fccken grade wie eine Kerze. Sie greift nach Rocky\u2019s Hand und dr\u00fcckt sie. Beide lachen schallend auf. \u201eKomm,\u201c sagt er, \u201esammeln wir noch ein, was wir brauchen, bevor wir es uns daheim gem\u00fctlich machen.\u201c Sie hat keine Fragen mehr. Mit jedem Atemzug, in jedem Augenblick lebt sie, ohne einem Zuvor, oder einem Danach. Es ist! Und das ist mehr als genug.<\/p>\n<p>Er zeigt ihr, wie man aus Farnen und Palmenfonds eine Tragtasche macht. Die relativ weichen, aber starken St\u00e4ngel werden zu einem langen Henkelband verflochten, das man sich \u00fcber die Stirn st\u00fclpt und das dann \u00fcber den Hinterkopf nach unten verl\u00e4uft, wo der Bauch der Tasche auf dem R\u00fccken frei beweglich h\u00e4ngen kann. Damit hat man seine H\u00e4nde immer zur Verf\u00fcgung, f\u00fcr was auch immer man sie braucht; wie in ihrem Falle nicht nur zum Sammeln von Fr\u00fcchten, sondern auch mit voller Tasche rauf zur H\u00f6hle klettern zu k\u00f6nnen. Sie ist nat\u00fcrlich weniger geschickt als er, so da\u00df er ihr den Rest der Arbeit abnimmt, als er mit der seinen fertig ist. Das Ganze ist einfach und praktisch, denn trotzdem die Gr\u00f6\u00dfe der Taschen bescheidenen erscheint, ihre B\u00e4uche dehnen sich, so da\u00df man viel mehr damit transportieren kann, als man glaubt.<\/p>\n<p>Femina sammelt Fr\u00fcchte, Beeren und Samenkerne, nat\u00fcrlich unter Rocky\u2019s Anweisung, wie es sich eben f\u00fcr einen Lehrling geh\u00f6rt. Manches ist so unscheinbar, da\u00df sie nie auf den Gedanken kommen w\u00fcrde, es k\u00f6nnte auch f\u00fcr sie wertvolle Nahrung sein, nicht nur f\u00fcr V\u00f6gel, oder anderes Getier. Manche der schrumpeligen K\u00f6rner sind nu\u00dfartige Leckerbissen. Das gleiche gilt auch f\u00fcr die Fr\u00fcchte. Einige sehen verlockend aus, andere riechen einladend, aber nicht alle halten, was sie versprechen. Die Unscheinbaren schmecken hingegen oft sensationell. Aber w\u00fcrde sie sie ohne Kenntnis zu essen wagen? \u201eWas der Bauer nicht kennt, i\u00dft er nicht,\u201c hat ihre Gro\u00dfmutter immer gesagt und weigerte sich des \u00f6fteren, zu essen, was man ihr aus der Stadt mitbrachte. Freilich \u00e4ndert sich das schnell, sollte man am Verdursten und Verhungern sein. Wenn das Ultimatum Tod oder Leben hei\u00dft, setzt der Verstand aus. Da fragt man nicht mehr, sondern verschlingt, ansehnlich oder nicht. Sie kann sich lebhaft an eine Situation erinnern, wo sie vor Durst alles getrunken h\u00e4tte. Dabei war sie noch nicht einmal am Verdursten gewesen! Ein Strau\u00df Lychees hat sie damals vor einem fatalen Fehler bewahrt. Ihre Flucht durch den Berg war diesbez\u00fcglich viel dramatischer gewesen, doch ihr Ged\u00e4chtnis ist gn\u00e4dig; es fehlt ihr diesbez\u00fcglich jede Erinnerung.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Rocky auf Brennstoffsuche geht, beginnt sie nach e\u00dfbaren Knollen zu graben. Das scheint auch Gedanken freizusetzen. Sie fragt sich, ob, oder welches Kraut ihre Genesung so schnell erm\u00f6glicht hat, kommt aber zum Schlu\u00df, da\u00df es wahrscheinlich insgesamt der unverdorbenen Nahrung zu verdanken ist, die sie hier zu sich nehmen kann. Sie ist das sprichw\u00f6rtliche Elixier, das sie st\u00e4rkt, nicht nur k\u00f6rperlich, sondern auch geistig und seelisch. Eigentlich tr\u00e4gt alles dazu bei, das neue Wissen, mit dem sie gef\u00fcttert wird, Pflanzen, die sie mit gesunden N\u00e4hrstoffen versorgen, und auch die Abgeschiedenheit von der gro\u00dfen weiten Welt. Sogar die Stille, ja die v\u00f6llige Aufl\u00f6sung der gewohnten Realit\u00e4ten im Berginneren ist daran beteiligt, als Voraussetzung f\u00fcr ihre wundersame Auferstehung. Tats\u00e4chlich war und ist alles Erlebte eine Bereicherung, aber erst ist in diesem Senkloch, unber\u00fchrt, sich selbst \u00fcberlassen, sp\u00fcrt sie die machtvollen Kr\u00e4fte der Erde durch ihren K\u00f6rper laufen, wie sie das noch nie zuvor erlebt hat. Sie erm\u00f6glichen ihr Grenzen zu \u00fcberschreiten, die sie bisher als existentielle Barrieren fraglos hingenommen und f\u00fcr un\u00fcberschreitbar gehalten hat, die aber nun flexibel und passierbar geworden sind. Sie geht \u00fcber Schwellen, die als Tabu dienten, selbsterrichtet, aber auch indoktriniert und die damit das erdgebundene Leben an seine Realit\u00e4t ketteten und dessen Dominanz als naturbedingt erscheinen lie\u00dfen, so da\u00df es sie abhielt, durch das stets offene Tor in den Raum der \u201aImmateriellen Existenz\u2018 zu treten, ohne Zweifel, oder Angst zu haben, dabei etwas zu verlieren, Schaden zu erleiden oder gar, das Falsche zu tun. Es ist ein Schritt in jene Freiheit, die durch Ignoranz verborgen bleibt, weil diese vorgaukelt, ihr geistiges Wesen w\u00fcrde ohne Verbindung parallel zur festen Materie verlaufen, obwohl sie Hand in Hand miteinander gehen. F\u00fcr den Verstand ist es paradox, denn er sieht den Schritt zur Seite machen als sinnlos an. Er sieht \u201aAusweiten\u2018 nicht als FORT-schritt, er denkt linear; er schreitet FOR-w\u00e4rts. Laterales Denken ist f\u00fcr ihn schlichtweg eine Aberration, die ihn von seinem Weg abbringt. Der Verstand wehrt sich daher. Es f\u00e4llt ihm obendrein schwer, zu akzeptieren, da\u00df er nur f\u00fcr einen Teil ihres Wesens zust\u00e4ndig ist, n\u00e4mlich f\u00fcr das Materielle, also was greifbar und damit \u201ewirklich\u201c ist. Aber, was er als Realit\u00e4t empfindet ist beschr\u00e4nkt, und streng genommen, eine Illusion, die er selber mitaufgebaut hat und nach der er sich nun richtet. Der Verstand mu\u00df und wird immer ablehnen, was er, im wahrsten Sinne des Wortes, nicht \u201abegreifen\u2018 kann. Ihr armer Verstand hat also ein Dilemma: Er versteht sich als Herrscher, ist es aber nicht. Dazu kommt, da\u00df neben ihm der Wille wandert, der Gef\u00e4hrte aus der \u201afreien Welt\u2018. Sie sind nicht dasselbe, noch haben sie dieselben Aufgaben, oder Ziele. Der Verstand sieht Willen als St\u00f6renfried, der sich nicht an jene Regeln h\u00e4lt, die er ihm vorschreibt. Sie gehen daher nicht immer Hand in Hand, sondern gehen nebeneinander und liegen sich dabei in den Haaren. Es geht aber um Co-Existenz. Sie m\u00fcssen n\u00e4mlich miteinander leben.<\/p>\n<p>Femina inspiziert die Knolle, die sie grad ausgegraben hat. Sie ist gro\u00df, prall und f\u00fchlt sich gesund an. L\u00e4chelnd legt sie sie zur Seite und beginnt nach der n\u00e4chsten zu graben.<\/p>\n<p>\u201aDie gr\u00f6\u00dfte Produktivit\u00e4t kommt also durch Zusammenarbeit,\u2018 \u00fcberlegt sie weiter. Das best\u00e4tigt sich schon in ihrer Grabarbeit, denn w\u00fcrden Arme und H\u00e4nde, Verstand und Wille, ja der ganze K\u00f6rper nicht zusammenarbeiten, g\u00e4be es f\u00fcr ihr heutiges Abendessen nur wenig zu essen, wenn \u00fcberhaupt eine Mahlzeit. Das kann man nat\u00fcrlich physiologische Bedingung nennen, doch psychologisch gesehen ist es eine friedliche Co-operation. Folglich l\u00e4\u00dft sich sagen, nur der Friede erm\u00f6glicht progredientes Leben, da es sich produktiv entfalten kann. Sie l\u00e4chelt in sich hinein. Ihre Gedanken am\u00fcsieren sie. Mal sehen, was sie noch so auf Lager haben. Ah, Arbeitsteilung! Sie funktioniert nat\u00fcrlich auch am besten, wenn sie im friedlichen Sinne erfolgt. Das sieht man im Rahmen jeder Beziehung, auch beim Verstand und Willen. Tatsache ist, da\u00df der Verstand sich der Wirklichkeit annehmen mu\u00df, w\u00e4hrend der Wille die Aufgabe hat, auf Suche zu gehen. Das hei\u00dft, der eine bestellt die Felder, w\u00e4hrend der andere neue sucht, zum selben Zweck, oder f\u00fcr was Innovatives. Streit behindert sie in ihrer Arbeit, macht sie nicht nur unproduktiv, sondern auch noch ver\u00e4rgert. Es w\u00e4re also effektiver, wenn sie Vernunft walten lie\u00dfen. Freilich! Das erfordert Selbstdisziplin, oder besser noch, und bevorzugterweise, Eigenkontrolle. Nur sind die kein Geburtstagsgeschenk, sie erfordern erst recht Arbeit. Zugegeben, Disziplin, Einsicht und sich selbst gegen\u00fcber ehrlich sein, ist extrem harte Arbeit, lohnt sich aber immer. Und wenn es um Arbeitsteilung und um Kompromisse schlie\u00dfen geht, das Zur\u00fcck zum Verhandlungstisch ist besser, als in den Krieg zu ziehen! Dort verliert man n\u00e4mlich oft mehr als nur Arm und Bein.<\/p>\n<p>Aber was hat es mit der Kontrolle auf sich? Immer und \u00fcberall kommt sie ins Spiel. Man diskutiert sie, man fordert sie, man strebt nach ihr, man bewertet sie, entweder als etwas Gutes oder Schlechtes. Einig ist man sich jedoch nur dar\u00fcber: Ohne Kontrolle geht garnichts.<\/p>\n<p>Sie h\u00f6rt Rocky rufen. Er meint, sie sollten sich langsam auf den Weg machen. Sie ruft zur\u00fcck, da\u00df sie nur noch diese Knolle fertig ausgraben wolle, um dann am Bach alles sauber zu waschen. \u201eOkay,\u201c kommt es zur\u00fcck. \u201eKein Problem! Will nur sagen, wir haben sicher mehr als genug eingesammelt.\u201c<\/p>\n<p>Femina \u00fcberlegt kurz, ob es sich lohnt, auch diese letzte Knolle noch auszugraben. Sie hat tats\u00e4chlich genug und die ist obendrein noch eine recht gro\u00dfe. Da sie aber bereits halb freiliegt, entschlie\u00dft sie sich doch f\u00fcr\u2018s Ausgraben. Sie versucht auch, ihren Gedankenstrom wieder aufzunehmen, aber das gelingt ihr nicht mehr so recht. Der Strom ist nun eher ein unruhiger Bach. Wo war sie stehen geblieben? Ach ja, Kontrolle! Oder Wille? Wie auch immer! Vielleicht ging alles nur um Zwiespalt und ums Recht haben, weil sich der Verstand einbildet, ihm geh\u00f6re die Kontrolle, w\u00e4hrend der Wille sich einbildet, er brauche keine. Dabei hat keiner unbedingt recht, noch liegen beide unbedingt falsch; der Verstand soll ja Grenzen setzen und der Wille Grenzen in Frage stellen. Aber genau darin liegt des Pudels Kern, keiner soll sich \u00fcber den anderen, oder alles und jedem hinwegsetzen. Vor allem l\u00e4\u00dft sich der Wille gern zum Glauben verleiten, er sei (all)m\u00e4chtig. Er ist n\u00e4mlich prinzipiell ein fordernder Geselle. Der Verstand hat daher durchaus recht, ihm Schranken zu setzen, was diesen wiederum dazu verleitet, sich als den (all)m\u00e4chtigen Richter zu sehen.<\/p>\n<p>Femina sch\u00fcttelt die Erde von der ausgegrabenen Erdfrucht. PH! Sie sch\u00fcttelt anscheinend auch einige Illusionen aus ihren Gedanken. Die schmiegen sich n\u00e4mlich gern an und flie\u00dfen dann unbemerkt mit im Strom. Illusionen! Es ist wirklich leicht auf sie reinzufallen, weil sie solch unauff\u00e4llige Reisebegleiter sind.<\/p>\n<p>Sie inspiziert die Knolle. Die ist was Spezielles. Sie ist nahezu perfekt gerundet mit einer feinen glatten Schale. Da ist kein Wurm drin. Illusionen sind auch glatt und gl\u00e4nzen sch\u00f6n, aber die Haut ist por\u00f6s und der Wurm ist immer drin. Es ist einfach notwendig, sich dieser gedanklichen Parasiten zu entledigen. Sie gaukeln Klarheit vor, schaffen aber nur Chaos, und das nicht nur f\u00fcr den Einzeln, sondern, so paradox es auch scheint, f\u00fcr ganze Gesellschaften. Verstand und Willen sind wie zwei Hunde an einer Leine, die den Besitzer spazieren f\u00fchren, und einmal dahin, dann wieder dorthin ziehen. Der Leinenf\u00fchrer glaubt nur, die Kontrolle zu haben, weil er die Illusion als Tatsache verkennt. Illusionen verzerren also die Wirklichkeit. Damit l\u00e4\u00dft sich die Wahrheit verleugnen; und damit geben sie dem Zwiespalt freien Lauf. Das ist fatal, denn es macht den Frieden zur Fata Morgana.<\/p>\n<p>Sie wischt das Prunkst\u00fcck von Knolle sauber, soweit sie das mit ihren erdigen H\u00e4nden \u00fcberhaupt kann, wischt sogar wesentlich l\u00e4nger, als es wirklich n\u00fctzlich ist. Sie scheint mit ihren Gedanken an einem Punkt h\u00e4ngen geblieben zu sein, der sie festh\u00e4lt und ihr wichtig ist: Frieden! Obwohl der f\u00fcr jeden und alles wichtig ist, scheint es damit nie zu klappen. Irgendwo auf der Welt gibt es immer Krieg. Die Ursache daf\u00fcr liegt nat\u00fcrlich auf der Hand, sichtbar f\u00fcr alle, will man nur wirklich hinschauen. Es ist der Zwiespalt, der den Boden verseucht, auf dem der Krieg zu Hause ist und wachsen kann. Es beginnt aber bereits bei sich selber. Wer kennt das nicht, mit sich selber im Streit zu liegen? Und weil Jede Gesellschaft aus einzelnen Menschen besteht, kann keine Gesellschaft friedlich sein, wenn schon der Einzelne unf\u00e4hig ist, mit sich selber Frieden zu schlie\u00dfen! Dazu kommt noch: In Frieden leben hei\u00dft nicht, unter, sondern in Kontrolle sein. Es hei\u00dft Eigenverantwortung und Selbstkontrolle haben, nur dann kann man in Frieden leben, mit sich und als Gesellschaft. Grunds\u00e4tzlich ist in Frieden leben wollen eine ganz nat\u00fcrliche Angelegenheit, da alles und jedes, sowohl im Kosmos, wie in der Zelle, nach Ausgleich und Gleichgewicht strebt, also den Zustand der Ruhe sucht, in dem der Energieverbrauch am geringsten ist. Das Wort Friede ist das geistige Synonym f\u00fcr Gleichgewicht, vom Menschen sprachlich definiert, differenziert, aber inhaltlich nicht verstanden. Nun! Das Streben nach Frieden, sprich Gleichgewicht, ist auch f\u00fcr das organisches Leben unumg\u00e4nglich. Organisches Leben ist schlie\u00dflich kein Fertigprodukt, sondern eine Entwicklungsreise. Das Fundament daf\u00fcr ist die Hom\u00f6ostase, die, im erweiterten Sinn, der physiologische Ausdruck desselben kosmischen Prinzips des Gleichgewichts ist. Jeder Physiker wird best\u00e4tigen, da\u00df der Kosmos immer den Zustand des geringsten Energieverbrauchs sucht, und jeder Mediziner wei\u00df, da\u00df seine Patienten nur \u00fcberleben k\u00f6nnen, wenn das dynamische Gleichgewicht, (Hom\u00f6ostase) sichergestellt ist.<\/p>\n<p>Sie h\u00f6rt auf, die Knolle zu reinigen und lacht. Reiner wird die Knolle nicht werden, egal wie lange sie weiterreibt. Aber auch ihre Gedanken sind dabei blitzblank geworden. Dankbarkeit durchflutet sie. Die Dominanz bindender Strukturen ist zu Ende. Ihr K\u00f6rper ist nicht mehr Herr, sondern Gef\u00e4hrte. Sie f\u00fchlt sich frei, wie nie zuvor. Sie hat keine W\u00fcnsche, kann ihre Seele baumeln lassen, und dem K\u00f6rper die Euphorie seiner Existenz g\u00f6nnen, alles im Bewu\u00dftsein, da\u00df es sich immer nur um Zust\u00e4nde und Umst\u00e4nde handelt, wie das existentiell eben zwangsl\u00e4ufig ist. Sie hat ihren Frieden gefunden. Vielleicht nicht f\u00fcr immer, doch derzeit voll und ganz.<\/p>\n<p>Sie sammelt die Knollen auf und eilt zum Bach, wo sie alles s\u00e4uberlich w\u00e4scht. Jetzt erst gl\u00e4nzt die gro\u00dfe Knolle richtig sch\u00f6n in ihrer tief weinroten glatten Schale. Rocky best\u00e4tigt, da\u00df es eine besondere Erdfrucht ist, keine gew\u00f6hnliche Knolle und nicht leicht zu finden. Unter seinen Leuten ist sie hochgesch\u00e4tzt. Sie wird nicht nur frisch gegessen, sondern auch konserviert, f\u00fcr besondere Anl\u00e4sse bereit gehalten. Er lacht und freut sich jetzt schon auf das Essen.<\/p>\n<p>Sie klettern hoch. Halben Weges h\u00e4lt er inne und lauscht. Er signalisiert ihr, dasselbe zu tun, denn etwas sei anders. Er ist nicht sicher, ob es von ihrer H\u00f6hle kommt oder von etwas in deren N\u00e4he. Sie soll jedenfalls auf der n\u00e4chsten Felslippe halt machen und auf sein Zeichen warten, bevor sie weiter klettere. Er will erst herausfinden, was vor sich geht. Sie klettern nun mit besonderer Sorgfalt weiter. Das gilt mehr f\u00fcr sie als Rocky, denn er bewegt sich ohnehin wie eine Katze.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend sie sich auf dem schmalen Grasstreifen niederl\u00e4\u00dft und wartet, klettert er weiter. Angespannt horcht sie auf etwaige fremde Ger\u00e4usche, vernimmt aber nicht mehr, als die \u00fcblichen Laute und jene kaum h\u00f6rbaren, die Rocky verursacht. Bald h\u00f6rt sie auch die nicht mehr. Kurz darauf ruft er sie auch schon, doch mit einem Ton in der Stimme, der sie h\u00f6chst neugierig macht. So schnell sie kann folgt sie ihm nach. Noch halben Weges, h\u00f6rt sie eine andere Stimme, schwach, aber eindeutig: GER! Ger ist zur\u00fcck! Eine Flut gemischter Gef\u00fchle bem\u00e4chtigt sich ihrer. GER IST ZUR\u00dcCK! Mit Oliver? Was ist mit Oliver?<\/p>\n<p>Mit allen ihr zur Verf\u00fcgung stehenden Kr\u00e4ften eilt sie weiter. Was auch immer sie oben erwartet, das wird sich gleich zeigen. Nur eines steht fest: Alles hat sich schlagartig ver\u00e4ndert. Erhofft und erw\u00fcnscht, doch auch verbunden mit Wehmut. Ihr Leben hier kann nicht mehr dasselbe sein. Es ist zu Ende. Es war einmal\u2026\u2026\u2026. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Femina kann sich nicht erinnern, wie lange sie am Ort des Vergessens gewesen war und auch nicht, wie oft sie von einem Bewu\u00dftseinszustand in einen anderen verfiel. 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